Autor Stefan Schwarz über ARD-Serie "Sedwitz": "Eine Komödie und kein verfilmtes Schulbuch"

28.08.2015
 
 

Die neue ARD-Serie "Sedwitz" rollt deutsch-deutsche Geschichte als sechsteilige Farce auf. Im Interview mit kress.de erzählt Stefan Schwarz, der die Drehbücher zusammen mit Regisseur Paul Paul Harather ("Indien", "Die Schlawiner") geschrieben hat, von der Vergangenheitsbewältigung durch Weinen und Lachen. Er selbst ist Sohn eines Stasi-Generals. 

Die neue ARD-Serie "Sedwitz" rollt deutsch-deutsche Geschichte als sechsteilige Farce auf. Im Interview mit kress.de erzählt Stefan Schwarz, der die Drehbücher zusammen mit Regisseur Paul Paul Harather ("Indien", "Die Schlawiner") geschrieben hat, von der Vergangenheitsbewältigung durch Weinen und Lachen. Er selbst ist Sohn eines Stasi-Generals. 

kress.de: Herr Schwarz, Ihre Geschichte vermittelt die Botschaft: Wenn die Kleinen zusammenhalten, können sie manchen Irrsinn der Großen unterlaufen. Ist das ein Plädoyer für mehr Anarchie im Alltag?

Stefan Schwarz: "Sedwitz" ist vor allem ein Plädoyer für den privaten Außenhandel. Nein, okay, das war ein Scherz! Es ist, um es mal hochgestochen zu sagen, eine Meditation über die Grenze als Problem und Problemlöser. Eine Geschichte aus der Zeit, als ost- und westdeutsche Krisen noch damit bewältigen konnten, in dem man einfach rüber machte. Anarchisch wird das Ganze in "Sedwitz" dadurch, dass die Protagonisten nicht nur einfach rüber sondern auch wieder zurück machen, und zwar wie es ihnen beliebt. Das geht natürlich nicht, und da können Staaten sehr komisch werden, und zwar in doppeltem Sinne.

"So ein Quatsch - und dann gab's das wirklich"

kress.de: "Sedwitz" erzählt von einem ost-westlichen Geheimtunnel. Wie viel Realität enthält die fiktive Geschichte?

Stefan Schwarz: Sehr viel Realität. Ost-westliche Geheimtunnel gab es etliche. Und sie wurden genutzt. Auch die Grenzsoldaten bekamen das natürlich mit, weil sie an solchen Tagen aus bestimmten Postenabschnitten abgezogen wurden. Tatsächlich beruhen gerade ein paar der unwahrscheinlichsten Vorfälle in "Sedwitz" auf Tatsachen. Das macht ja den hintergründigen Spaß der Serie aus, dass man denkt, so ein Quatsch, und dann gab's das wirklich. 

kress.de: Der Sechsteiler ist als Farce angelegt. Wie lange haben Sie gebraucht, um über deutsch-deutsche Geschichte lachen zu können?

Stefan Schwarz: Na ja, deutsch-deutsche Geschichte ist ja schon immer alles gewesen. Tragödie, große Oper und eben Farce. Aber auch eine Farce braucht den richtigen Ton. Und ich bin froh, dass ich fünfundzwanzig Jahre üben dürfte, bis so ein Projekt an mich herangetragen wurde. Ich hätte es nicht viel früher gekonnt. 

"Diktaturen hassen den Witz"

kress.deGlauben Sie an die Kraft der Scherz-Therapie?

Stefan Schwarz: Ich glaube, dass Vergangenheitsbewältigung beides braucht: Weinen und Lachen. Lachen hat den Vorteil, dass es bedrückenden Verhältnissen ihre posthume Macht nimmt. Diktaturen hassen den Witz, und deswegen betreibt man ihr Geschäft, wenn man über sie ein Lachverbot verhängt. Wenn ich hingegen sage: Ihr oder Wir oder Die waren doch im Grunde Witzfiguren, dann ist es vorbei mit Pathos, Ideal, Strenge und dem ganzen Budenzauber der Seriosität, mit denen Menschen sich regieren. 

kress.de: Für junge Leute ist der Ost-West-Konflikt Geschichte. Erzählt "Sedwitz" barrierefrei - oder ist geschichtliches Vorwissen erforderlich?

Stefan Schwarz: "Sedwitz" ist natürlich eine Komödie und kein verfilmtes Schulbuch. Es erzählt in einer Art magischem Realismus davon, wie es war, als eine richtige Grenze mitten durch deutsche Dörfer ging. Und wie verrückt das war, als alle das für normal hielten. In "Sedwitz" zum Beispiel braucht die fünfzehnjährige Tochter des Helden einen extra Passierschein, unterschrieben von ihrem Vater, damit ihr Freund sie in der Sperrzone besuchen kann. Der macht das natürlich nicht, weil er ahnt, was dann passiert. Das war Sperrzonen-Realität, und scheint mir ein einfühlbarer Konflikt für Jugendlichen jeglichen Bildungsgrades.

"'Sedwitz' wird über kurz oder lang in die Primetime wandern"

kress.de: Die Serie ist als Unterhaltung angelegt, wird aber auf einem Platz versendet, der für Dokus oder Filme mit FSK 16 vorgesehen ist. Ärgert Sie das?

Stefan Schwarz: Nö. "Sedwitz" wird über kurz oder lang in die Primetime wandern. Das ist, glaube ich, ganz gutes Zeug. 

kress.de: Ihr Vater bekleidete in der DDR ein hohes Amt. Wie hat das das Leben Ihrer Familie geprägt?

Stefan Schwarz: Mein Vater war General der Staatssicherheit. Wir hatten drei Telefone, eins grau, eins schwarz, eins rot, aber es gab keine Tintenkiller, keine Schogetten und keine Levi's-Jeans bei uns. Ich hätte es gerne andersrum gehabt, aber so war das mit der Macht im Staate. Mein Vater ging um acht Uhr aus dem Haus und kam selten vor 22 Uhr wieder heim. Manchmal wurde er auch gebracht, weil er dauernd mit sowjetischen Offizieren anstossen musste. Aber wenn er da war, war er entspannt, konnte zuhören, machte Witze und ertrug freundlich meine Freundinnen, die zum Teil aus eher meldepflichtigen Verhältnissen stammten. Man stellt sich das heute immer so beruhigend unkomplex vor, aber in unserem Hause wurden auch Jugend-Parties geschmissen, auf denen die Kinder aus  Familien rumhopsten, die später Stasi-Auflöser stellten. Wie soll man das jemandem klar machen?

kress.de: In der Serie "Weissensee" spielt Uwe Kockisch einen Stasi-Offizier, der immer mehr auf Distanz zur Staatsführung geht. Wie haben Sie Ihren Vater erlebt?

Stefan Schwarz: Mein Vater war das uneheliche Kind einer Kellnerin aus dem Sudetenland, und musste ab 14 als Knecht bei einem Großbauern schuften. Auf den hat niemand gewartet in dieser Welt. Die DDR war sein Land. Er war für einen Mann seines Amtes ungewöhnlich belesen - seine Bibliothek umfasste 3000 Bände, ich habe sie gezählt, weil geerbt - und ein sensibler Mann. Ich habe ihn in seinen Dienstjahren nicht nur einmal weinen sehen. Er war kein Betonkopf, aber auch kein Reformer. Er glaubte an den Sozialismus als Menschheitsprojekt und historische Notwendigkeit. Sein Zusammenbruch hat ihn tief getroffen. Aber: Die DDR war kein souveräner Staat, und deswegen konnte man von Reformen träumen, wie man lustig war. Es machte keinen Unterschied. Als Bilanz sagte mein Vater mal sinngemäß: Der Russe hat's gegeben, der Russe hat‘s genommen. Das ist natürlich bitter, wenn man vorher etwas anderes glaubte ...

kress.de: Welche Rolle spielte das Fernsehen vor der Wende für Ihr Bild vom Westen?

Stefan Schwarz: Das Westfernsehen? Oder das Ostfernsehen? Beide keine so große Rolle. Ich war schon überzeugt, wie man damals sagte, aber selbst mir war klar, dass die im Westen nicht alle vor Elend und Ausbeutung nachts ins Kissen brüllen. Im Alter von zwölf habe ich herausgefunden, wie man den Konverter auf unserem Fernseher einstellen muss, um Westfernsehen zu sehen. Es lief gerade die "Drehscheibe" im ZDF. Hat mich jetzt nicht so umgehauen, wenn ich ehrlich sein soll. Wahrscheinlich haben das meine Eltern auch gemerkt, und seitdem haben wir alle fröhlich Ost - oder Westfernsehen geguckt, je nach Lust und Laune. 

kress.de: Wie fühlte sich das an, als die DDR fürs Fernsehen wieder auferstand?

Stefan Schwarz: Seltsam. Ich hätte nicht gedacht, dass Paul, der Regisseur, das so hinkriegt, ohne es erlebt zu haben. Aber wahrscheinlich war die DDR eben doch über weite Strecken eine skurrile Inszenierung. 

von Jürgen Overkott

Hintergrund

Sendetermine "Sedwitz": Das Erste zeigt die sechsteilige Comedy-Serie ab Donnerstag, 3. September, 23.30 Uhr. Im Bayerischen Fernsehen startet sie am Freitag, 4. September, 22.45 Uhr.

Die Story: Im Mittelpunkt steht nach Angaben der ARD der DDR-Grenzoffizier Ralf "Ralle" Pietzsch (Thorsten Merten), der 1988 von einem sterbenden Stasi-Führer den Schlüssel zu einem hoch geheimen Tunnel unter der Grenze erhält. Statt den Schlüssel abzugeben, möchte er seinem Sohn den sehnlichsten Geburtstagswunsch erfüllen und ihm einen Zauberwürfel schenken. Doch den gibt es nur im westlichen Teil des fiktiven thüringisch-fränkischen Ortes Sedwitz. Nur einmal will Ralle in den Westen, doch dann trifft er auf den notorisch arglosen Bundesgrenzschutzbeamten Hubsi (Stephan Zinner), den geschäftstüchtigen Gastwirt Franz Haueisen (Hannes Ringlstetter) und die hübsche Lehrerin Astrid (Judith Richter). Ehe er sich versieht, steckt Ralle in einem Geflecht von Schmuggel, Korruption und Geheimdienstlichkeiten. Sogar die Akte "Kaiserwalzer" will man ihm verkaufen, bevor sie Russen oder Amerikanern in die Hände fällt. Vor allem erkennen Ralle und seine neuen Freunde langsam, dass sie sich nur behaupten können, wenn die kleinen Leute westlich und östlich der Grenze zusammenhalten.

Produktionsnotizen

Die DDR-Grenze wurde für die Dreharbeiten in der Nähe von München wieder aufgebaut. So entstand die "Mauer" bei Oberpfaffenhofen und der "Grenzzaun" in einem Wald bei Dietramszell mit Originalmaterial, das Szenenbildner Andreas C. Schmid in ganz Deutschland zusammengesucht und -geschweißt hatte.

Stefan Schwarz und Regisseur Paul Harather ("Indien", "Die Schlawiner") schrieben die Drehbücher zu "Sedwitz". Produziert wurde die Serie von Harathers Produktionsfirma NSA (Neue System Agentur) im Auftrag des BR und des MDR für das Erste.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Alex

30.08.2015
!

Auf der DasErste Homepage heißt es zur Serie "Folgen vorab online verfügbar". Aber bis auf Fotos vom Set sieht man nich nicht viel. Wann soll das denn starten?
Hoffentlich macht es die ARD so wie das ZDF mit "Eichwald, MdB", man konnte dort alle Folge direkt in Reihe ansehen, nicht immer erst eine Woche warten ;-)


Jürgen Overkott

31.08.2015
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