Kress-Kommentar zur WDR-Programmoffensive: Im Sog der Lifestyle-Unterhaltung

 

Jörg Schönenborn hat sich vom einstigen Informationsanspruch verabschiedet und liefert mit der WDR-Programmoffensive schon mal die Blaupause für den ARD/ZDF-Jugendkanal. Mit den unterhaltenden Formaten will der Kölner Sender ganz offensichtlich vor allem bei jungen Zuschauern punkten.

Jörg Schönenborn hat sich vom einstigen Informationsanspruch verabschiedet und liefert mit der WDR-Programmoffensive schon mal die Blaupause für den ARD/ZDF-Jugendkanal. Mit den unterhaltenden Formaten will der Kölner Sender offensichtlich vor allem bei jungen Zuschauern punkten. Dabei glaubt man die eigentlich schon verloren - wie passt das zusammen? Eine Einordnung von Kress-Chefredakteur Bülend Ürük.

Es war ein Satz, den man so schnell nicht vergisst. Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des Westdeutschen Rundfunks, sagte Anfang August auf einer Pressekonferenz zur Programmoffensive des Senders, dass man sich intensiv bemühe, die Zuschauergruppe zwischen 35 und 55 wieder vor den Fernseher zu locken. Der jüngere Rest - quasi die Generation YouTube - sei sowieso schon für immer verloren.

Das klang resigniert und irgendwie schicksalsergeben. Und auch ein bisschen traurig, als sei die Ära Fernsehen für eine ziemlich große Gruppe von Menschen nur noch Vergangenheit.

Umso verwunderlicher ist es, dass sich der WDR mit seiner vielbeworbenen Programmoffensive, die dieser Tage zu sehen ist, vor allem an junge Zuschauer zu wenden scheint. Der WDR will sich moderner präsentieren. Rotziger nennen es die Verantwortlichen selbst. Der Sender versucht sich wie eine Schaumkrone auf die Youtube-Welle zu setzen und sich von der Mode treiben zu lassen - wohin auch immer.

Im Interview mit dem Hausmagazin "WDR Print" sagt Schönenborn: "Das Auto ist über 100 Jahre alt und trotzdem haben die Autokonzerne gigantische Innovationsabteilungen." Für ihn steht fest: "Gerade weil Fernsehen so vertraut ist, müssen wir neue Reize setzen. Es gibt immer mehr Angebote für immer mehr Zuschauer: Die Reizschwelle liegt immer höher. Da lautet die Frage: Wie kommen wir trotzdem an das Publikum ran?", so Schönenborn.

Gastmoderatoren von 1Live

Die Verjüngungskur für den Sender beginnt mit dem Song "Macht den Westen an" mit dem der Recklinghausener Produzent Tony Mono die Programmoffensive musikalisch unterlegt.

Tony Mono? Schon mal gehört? Sicherlich auf 1Live, von dessen durchschnittlichem Höreralter der WDR zurzeit nur träumen kann.

Den Fans jedenfalls scheint es zu gefallen. Auf Tony Monos Facebook-Seite kommentiert eine Dame das Lied mit "lässig und modern" - genau das also, was sich der WDR für sein angestaubtes Image wünscht. Helfen soll auch der Einsatz einer Reihe von Nachwuchsmoderatoren, die für die Zeit der Programmoffensive auf Sendung gehen dürfen: Simon Beeck und Tina Middendorf von - Überraschung! - 1Live. Und nicht nur die Gastgeber werden verjüngt, auch die Namen der Shows werden probeweise ausgetauscht. Aus "daheim+unterwegs" wird "CouchClub". Klingt ja auch viel cooler.

Schönenborn erklärt es in "WDR Print" so: "Wir haben das W vorne, wir sind der Westen. Wir sind das wichtigste Informationsprogramm für die Menschen hier im Land, weil wir die einzigen sind, die in dieser Breite und Tiefe berichten über das, was hier passiert. Gleichzeitig wollen wir die Menschen, die Rheinländer und Westfalen, mit ihren kulturellen Wurzeln auch emotional bewegen. Das heißt, wir haben einen offenen Blick, wir schauen auch über die Grenzen hinaus, sind tolerant für Fremdes, für Neues. Wir lachen gerne. Wir lassen auch mal die Tränen kullern, wenn uns etwas bewegt. Unter dem Strich müssen die Leute das Gefühl haben, dieses W, dieser Westen, das steht für mich, für meinen Ort, meine Stadt, meine Region! Das ist das, was mir gehört und was für mich da ist."

Aber eigentlich sollen die Jungen ran - zumindest probeweise, denn welche Show es in den regulären Sendungsablauf schafft, wird nach der Programmoffensive entschieden - und zwar gemessen an quantitativem und qualitativem Erfolg, so Jörg Schönenborn und Tom Buhrow. Wobei die Quote wohl entscheidet, weil messbar zu sein scheint. Und um Quote geht es. Der Rest ist Geschmack.

Verjüngungskur dank YouTube

Groß ist auch das Thema YouTuber. 13 von ihnen - natürlich jung - konnte der WDR überreden ins sendereigene Archiv hinabzusteigen und sich darin umzusehen. In der Sendung "Mission Impossible" werden sie das gefundene Material neu zusammenstellen und diese Clips dann auf ihren Kanälen online stellen. Ein schlauer Schachzug, denn immerhin wird der WDR den Millionen von Abonnenten der YouTuber anschließend zumindest ein Begriff sein. Ob die sich dann auch ab und an wieder vor den Fernseher setzen ist eine andere Frage.

Im SWR wurde eine vergleichbare Sendung, das "Late Wide Web" mit Katrin Bauerfeind, relativ schnell wieder im Orkus versenkt. Einfach, weil sie nicht funktionierte. Da half auch das intendantenzimmer nicht, aus dem die "Innovationssendung" abgespielt wurde.

Für die Programm-Macher in Köln scheint YouTube jedenfalls ein Erfolgsgarant zu sein, denn sie widmen der Plattform gleich eine ganze Show: Die Spiele-Sendung "Gefällt mir" mit Allzweckwaffe Matthias Opdenhövel, laut Machern "eine Panelshow mit Internet-Clips mit einem Team aus jungen Comedians und alten 'WDR-Hasen'." Die eingeladenen Gäste beantworten Fragen wie "Hat der Studiogast den Clip mit dem pinkelnden Mops gedreht?" oder "Kann Bernd Stelter Hip-Hop-tanzen wie der Profi bei YouTube?"

Klingt irgendwie ein bisschen - einfach? Platt? Jörg Schönenborn lieferte die Antwort auf die Frage, wie eine solche Sendung es in das Programm des WDR schaffen konnte im Interview mit "WDR Print", gleich selbst.

Nur nicht überfordern

"Unser Publikum tickt nicht immer so wie Redakteurinnen und Redakteure. Das können wir uns nicht oft genug vor Augen führen. Die Medienforscher erinnern uns auch daran, dass zwei Drittel der Zielgruppe nicht mit einem Blick von 13 Schuljahren und womöglich noch mit einem Hochschulabschluss an das Fernsehen rangeht. Und was wir auch manchmal vergessen: Viele Menschen, die abends gucken, haben einen langen Arbeitstag hinter sich. Also Fernsehen muss auch darauf achten, nicht zu überfordern", so Schönborn.

Die Gefahr ist dabei allerdings, dass man am Ende nur abbildet, was gerade angesagt ist. Und das Publikum unterfordert, sediert und am Ende die Zuschauer zum Original auf YouTube greifen und nicht die billige Kopie wählen.

Und das vom WDR, der erst kürzlich noch in einer Studie zu den Programminhalten der öffentlich-rechtlichen Sender für sein Informationsangebot gerühmt wurde.

Mit der Programmoffensive konzentriert sich der WDR am Ende also vor allem auf das, was nach Ansicht der Macher in der Vergangenheit zu kurz gekommen ist - die Unterhaltung. Ob das allerdings bei der wichtigen Zielgruppe der 35- bis 55-Jährigen ankommt, muss sich erst noch zeigen. Die Gefahr besteht, dass man am Ende zugeben muss, mit dieser Art von "leichter Ware" und simplen Shows schlicht aufs falsche Pferd gesetzt hat.

Auffallend ist, dass im gesamten Spektrum der so genannten Programmoffensive des WDR sich kein einziges neues Format findet, dass als modernes, interessantes Informationsangebot durchgehen könnte. Nicht einmal ein Hauch von "Echtzeit", mit dem seinerzeit versucht wurde, eine Art "Monitor" für politisch wenig Interessierte aufzulegen.

Mit der WDR Programmoffensive hat man diesen Anspruch - und damit auch den Programmauftrag - einfach aufgegeben, um nur noch das Lebensgefühl der Jüngeren zu spiegeln.

Die Programmphilosophie von Jörg Schönenborn und Co. heißt, natürlich aus der Not geboren: "Komm gib Gas - ich will Spaß."

Das wirkt so in der Summe wie frühere Bundeswehr-Spots, die suggerierten, dass beim Militär eine Abenteurer-Truppe unterwegs ist, mit viel Sport, Spiel und Spannung. Vom harten Leben keine Rede. Dafür die Botschaft: das Leben besteht aus drei Komponenten: me, myself and i.

Jörg Schöneborn macht Programm nach dem Motto: wohlfühlen, grooven, chillen - und den Alltag den lieben Gott sein lassen. Nur - was der WDR in Köln umsetzt, wird auch auf die anderen Sender im ARD-Verbund abfärben, der Jugendwahn ersetzt die Information. Sendungen, die aufdecken, die Hintergründe liefern, stehen auf dem Abstellgleis.

Ihre Kommentare
Kopf

Ahnbeck

31.08.2015
!

Genau das kann ich alles unterstreichen. Besonders dies: "Und das Publikum unterfordert, sediert und am Ende die Zuschauer zum Original auf YouTube greifen und nicht die billige Kopie wählen." Warum angesichts Gebühren gerade WDR / die Öffentl-rechtl. es nötig haben, auf billigstes / verflachtes Entertainment zu setzen, statt die eigene Positionierung und Profilierung zu betreiben, ist nicht nachvollziehbar. Offenbar findet auf Seiten der Macher gerade eine midlife-crisis statt. Ziemlich arm!


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