Die Stil-Kritik von kress.de: Was Zeitungsdesigner zur neuen "Express"-Optik sagen

 

500.000 Exemplare vom "Express" hat M. DuMont Schauberg heute im gesamten Kölner Stadtgebiet verteilt. Seit dem 20. August erscheint die Boulevardzeitung im frischen Design. Die neue Optik haben Zeitungs-Designer Nils Werner und "Express"-Art-Direktor Florian Summerer entworfen.

500.000 Exemplare vom "Express" hat M. DuMont Schauberg heute im gesamten Kölner Stadtgebiet verteilt. Seit dem 20. August erscheint die Boulevardzeitung im frischen Design. Die neue Optik haben Zeitungs-Designer Nils Werner und "Express"-Art-Direktor Florian Summerer entworfen. KRESS hat bei den Zeitungsdesignern Michael Adams, Hans Peter Janisch, Norbert Küpper und Eberhard Wolf nachgefragt, was sie vom neuen "Express" halten. Ihr Urteil.

Wolf: "Der Express wirkt intellektueller, weniger emotional als vorher"

"Angenehm positiv ist das Redesign des Kölner Express ausgefallen. Die Reduktion der grafischen Elemente führen zu einem aufgeräumten und übersichtlichen Gesamteindruck", erklärt Prof. Eberhard Wolf. Er unterrichtet unter anderem an der Leipzig School of Media, der Ludwig-Maximilian-Universität München und hat eine Professur für visuelle Kommunikation an der Akademie für Mode und Design/Hochschule Fresenius. Wolf zu KRESS: "So richtig modern ist der Express trotzdem nicht geworden. Er ist jetzt klarer und aufgeräumter. Durch die Ausdünnung des grafischen Unterholzes ist eine eindeutige visuelle Handschrift erkennbar. Der Gesamteindruck wirkt auf mich "intellektueller", allerdings auch distanzierter und weniger emotional als vorher. Ob dieses Konzept auf dem Boulevard aufgeht, das wird die Zukunft zeigen."

"Die Vergrößerung der Brotschriften sorgen für eine seniorengerechte Lesbarkeit", so Prof. Eberhard Wolf. Aber genau hier liege ein Detailproblem: "Die Schriftgröße korrespondiert nicht mit der Spaltenbreite. Überproportional häufig auftretende große Wortabstände beeinträchtigen, aus ergonomischer Sicht, den flüssigen Lesefluss."

"Das Titelbild ist deutlich klarer als es in der Vergangenheit war. Es verzichtet allerdings auf etliche kurze Anreisser zu Themen im Blatt. Hier bin ich auf das Votum der Leser am stillen Verkäufer gespannt", sagt Wolf.

Adams: "Mehr Weißraum als Abstand täte gut"

"Die Zeitung wurde zurecht mit der Bürste geschrubbt. Verzichtet wird neu auf die große Zahl von Linien und farbigen Hintergrundflächen", bemerkt Zeitungsdesigner Michael Adams, langjähriger Local Coordinator Schweiz in der Society for News Design. Neu präsentiere der "Express" die Kästen in einer Winkellinie: "Auch die Rubrikmarken und Logos unterlagen bisher keiner einheitlichen Form und sind nun in einem modernen Stil harmonisiert. Der zweite Bund erhält einen markanten Kopf: Der Sport als vielgelesener Teil lädt stolz die Leser in die Stadien, mit Rasengrün als Konzeptfarbe. Für Oberzeilen und Lead wird nun ein kräftiges Rot eingesetzt. Unterstützt durch eine angenehmere Titelschrift kann der Leser die offensiven Textelemente nun besser annehmen als bisher."

Für Michael Adams steht fest: "Die grafischen Elemente sind harmonisiert worden. Das Design ist stimmiger und klarer. Die Mailadressen der Autoren dürften gerne noch etwas ungedrängter laufen. Und manchen Textblöcken tut eine Zeile Weißraum als Abstand sicher gut."

Janisch: "Im typografischen Details hakt es"

"Eigentlich sagt es der Titel: der Express wurde nach der Sprachregelung des Hauses nicht neu gestaltet, er wurde aufgefrischt. Eine Erfrischung, die vor allem der Typografie gut getan hat. Bei deutlich verbesserter Lesbarkeit wirkt der Schrifteinsatz lebendig und boulevardesk", findet Hans Peter Janisch. Vor allem die Überschriftentypografie sei klassisch für das Genre: "Im typografischen Detail hakt es dann aber auch - selbst im Boulevard sind Outlineschriften heute mittlerweile ziemlich überholt. Es gibt dank Photoshop und Co. viel mehr Möglichkeiten Bilder und Text ausdrucksstark zu kombinieren. Schwierig wird es auch, wenn es zu klein wird: Winzige Autorenbildchen und Autorenzeilen, deren E-Mail-Zeilen nicht lesbar sind, oder zu viele Initialbuchstaben auch für kleinste Meldungen passen nicht in das sonst recht großzügige Bild", bedauert Janisch.

"Man sollte das Farbleitsystem noch einmal überdenken"

"Während die Inhalte schön die Region reflektieren und modern präsentiert werden, sollte man den Einsatz und die Anwendung des Farbleitsystems noch einmal überdenken. Ohnehin ist dieses Instrumentarium im Boulevard mit seiner Farbigkeit und Layoutfreude nur sehr schwer umzusetzen. Hier empfinde ich es nicht als Bereicherung und es dient nur bedingt zur Wiedererkennung der Ressorts. Schwierig vor allem auch die Auswahl der Farben, die oftmals ganz einfach nur billig wirken - wie zum Beispiel Cyan in der Politik", meint Janisch.

Sein Fazit fällt deutlich aus: "Das Rebrush war ein dringend notwendiger Schritt, der durchaus noch einen Tick moderner und zeitgerechter hätte ausfallen können, ohne den Kölner Boulevardleser zu verschrecken. Auf nationaler und vor allem internationaler Ebene sehen wir, wie sich das Genre heute präsentieren kann."

Küpper: "Neugestaltung einer Legende ist undenkbar"

"Eine Legende neuzugestalten ist natürlich undenkbar. Darum belässt man es in Köln bei der neuen Frisur. Es ist noch nicht mal eine neue, sondern eher eine überarbeitete Frisur, also kein Grund, sich aufzuregen", erklärt Norbert Küpper, Gründer und Veranstalter des European Newspaper Award.

"Die Boulevardzeitungen in ganz Europa leiden unter beträchtlichen Auflagen-Verlusten, die oft über 10 Prozent im Jahresvergleich liegen. Möglich, dass Boulevard-Leser besonders online-affin sind und an der schnellen Nachricht interessiert sind. Smartphone-Apps für Boulevard-Zeitungen dürften sehr erfolgreich sein. Beim Express arbeitet man an einer Überarbeitung der Website, habe ich gelesen. Vielleicht wird sie adaptiv. Bei der Überarbeitung des gedruckten Express war man vorsichtig, vermutlich, damit kein Leser schlechte Laune bekommt. Man kann die Gelegenheit nutzen, das Blatt wie heute Morgen mal in alle Briefkästen im Verbreitungsgebiet zu stecken, damit die Kölner bemerken, dass der Express viel zu bieten hat", macht Norbert Küpper deutlich.

"Die Kombination von Bild und Text beim Aufmacher ist gut gelungen. Man kann die Überschrift lesen und das Bild noch erkennen. Schwarze Ränder um die Überschriften sind allerdings nicht so genial. Sie lassen die Zeitung trist aussehen. Als Dachzeile wird die Schrift Aachen eingesetzt, die etwas brutal aussieht und eigentlich völlig out ist. Wirkt ein bisschen retro. Die Utopia hat sich bei vielen Neugestaltungen bewährt. Eine gute Wahl", lautet das Urteil von Zeitungsdesigner Norbert Küpper. Er fügt hinzu: "Aufmacher konnten Boulevard-Zeitungen schon immer. Die Aufmacher schlagen durch die Schriftgrößen schön aus den Seiten heraus - eine klare Hierarchie der Themen."

"Autorenbilder zu klein und Autorenzeilen nahezu unlesbar"

"7 mm hoch sind die Autorenbilder. Damit ist man im Ranking des Wettbewerbs 'Kleinstes europäisches Pressebild' sehr sehr weit oben. Kleiner geht fast nicht mehr. Die Email steht in weißer Schrift auf farbigem Grund. Sie ist in einer schmalen Schrift gesetzt, also nahezu unlesbar. Als "nettes Detail" bezeichnet Norbert Küpper, dass der "Express" den Start der Bildtexte gelb unterlegt, "wie mit dem Marker" gemacht. Das Farbleitsystem fällt bei Norbert Küpper dagegen durch: "Gibt es zu verschiedenen Ressorts verschiedene Farben? Die Leser merken es meist nicht. Ich habe auch nichts gemerkt. Okay, der Sport war grün, Lokalteil orange?".

Was kann man noch besser machen?

"Oft wird beim Express eher konventionell gearbeitet: Artikel und Text, dazu noch die Überschrift. Es ist nur etwas lauter als Regionalzeitungen layoutet. Man kann öfter alternative Storyformen oder visual Storytelling machen. Zum Beispiel kann man ein Bild nehmen und die Beschreibungen dazu in Textblöckchen arrangieren. Dadurch erspart man viele Artikel. Oder Listen von 1 bis 10: Wie kann man Flüchtlingen jetzt helfen", so Norbert Küpper.

Hintergrund

Der "Express" bezeichnet sich in der Eigenwerbung gerne als "tolerant, weltoffen, humorvoll und emotional". Das Boulevardblatt (Erstausgabe: 29. Februar 1964, Erfinder: der legendäre Verleger Alfred Neven DuMont, gestorben am 30. Mai 2015), erscheint in einer Verkauften Auflage von 148.233 Exemplaren (laut IVW 2/2015). Heute arbeiten für das Blatt laut Verlagsangaben rund 70 Redakteure und Volontäre. Chefredakteur des in Köln, Bonn und Düsseldorf mit eigenen Lokalausgaben erscheinenden Boulevardblatts ist Carsten Fiedler, seine Stellvertreter sind Uwe Hoffmann und Damian Imöhl. Herausgeber vom "Express" sind Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte. Geschäftsführer ist Philipp M. Froben, Verlagsleiter Karsten Hundhausen.

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