"Berliner Zeitung" & "Berliner Kurier" am Pranger: So wütend ist der Forschungsverbund Berlin auf den Berliner Verlag

 

Nur selten sind Wissenschaftler so sauer auf Medien, dass sie öffentlich ihre Stimme erheben. Jetzt ruft der Forschungsverbund Berlin den Presserat an. Er soll den "Berliner Kurier" und auch die "Berliner Zeitung" rügen. Beide DuMont-Zeitungen hätten ihre journalistische Sorgfaltspflicht massiv verletzt.

Nur selten sind Wissenschaftler so sauer auf Medien, dass sie öffentlich ihre Stimme erheben. Jetzt ruft der Forschungsverbund Berlin den Presserat an. Er soll den "Berliner Kurier" und auch die "Berliner Zeitung" rügen. Beide DuMont-Zeitungen hätten ihre journalistische Sorgfaltspflicht massiv verletzt. Warum die Wissenschaftler so wütend sind, was DuMont sagt und was der Eisbär Knut mit der ganzen Geschichte zu tun hat.

Knut kam 2006 im Zoologischen Garten Berlin zur Welt. Es war die erste Eisbärengeburt seit über 30 Jahren, Knut wurde gemeinsam mit seinem Pfleger Thomas Dörflein international bekannt. Im März 2011 starb Knut, lange Zeit war seine Todesursache nicht bekannt.

Sperrfrist missachtet

Die drei Berliner Forschungseinrichtungen Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Charité - Universitätsmedizin Berlin und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen gehören zu den besten Forschungseinrichtungen der Welt. Wissenschaftler reißen sich darum, dort arbeiten zu dürfen. Sie haben gemeinsam die tatsächliche Todesursache des Berliner Eisbären Knut herausgefunden. Dass ihre Pressemitteilung aber - trotz Embargo! - sofort ihren Weg in die "Berliner Zeitung" und in den "Berliner Kurier" finden würde, damit hatten die Wissenschaftler nicht gerechnet. Sie hatten darauf gesetzt, dass sich die DuMont-Zeitungen an internationale Gepflogenheiten halten - es wird erst dann berichtet, wenn die Wissenschaft die strikte Sperrfrist aufhebt. Einen Brief an M. DuMont Schauberg, der das Vorgehen der beiden Berliner Redaktionen verurteilt, haben unter anderem Professor Matthias Kleiner (Präsident der Leibniz-Gemeinschaft), Prof. Jürgen Mlynek (bis zum 31. August 2015 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft), Professor Karl Max Einhäupl (Vorstandsvorsitzender, Charité-Universitätsmedizin Berlin) und Professor Pierluigi Nicotera (Wiss. Vorstand, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen). unterzeichnet. In Gefahr war auch die Erstveröffentlichung, für die die Nature Publishing Group aus London die Rechte erworben hatte. Der Forschungsverbund Berlin hat den Fall akkurat auf seiner Webseite dokumentiert.

DuMont sieht die Schuld beim Forschungsverbund Berlin

DuMont wehrt sich gegen die Angriffe der Wissenschaft, die gerade das Image der "Berliner Zeitung", die sich im harten Berliner Zeitungsmarkt gerne als Qualiitätsmarktführerin betrachtet, schwer beschädigt. Ein Unternehmenssprecher erklärte auf Anfrage von kress.de: "Die Redaktionen der Berliner Zeitung und des Berliner Kurier bedauern, dass sie mit der Veröffentlichung in ihren Medien eine Sperrfrist des Forschungsverbundes Berlin e.V. und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung gebrochen haben."

Jedoch liege die Schuld nicht bei den Zeitungen, sondern beim Forschungsverbund Berlin. Der habe schließlich nicht wie üblich alleine die Wissenschaftsredaktionen eingeladen, sondern auch die Lokalredaktionen, die nicht mit den gängigen Regeln des Wissenschaftsjournalismus vertraut seien. Zudem: "Anders als in diesen Fällen üblich, war auch der Zoo als Absender der Einladung vermerkt. Dieser ist in aller Regel an einer großen Publicity interessiert. Der Eisbär Knut, der in diesem Zoo gelebt hat, hat die Menschen bis zu seinem überraschenden Tod über die Grenzen Berlins hinaus bewegt und ist eine Thematik, die weit über die Wissenschaft hinaus reicht. Alle Erkenntnisse über ihn, seinen Tod, der so viele Menschen in aller Welt betroffen gemacht hat, sind daher von einem weitaus größeren Interesse."

Diese Punkte haben laut DuMont nicht nur bei den beiden erwähnten Berliner Titeln zur Veröffentlichung geführt: "Auch der rbb mit seiner Abendschau und Focus online haben über die neuen Erkenntnisse berichtet. Auch diese Entwicklung hat den Redaktionen gezeigt, dass die Sperrfrist, die rechtlich nicht verbindlich ist, bei diesem über die Wissenschaft hinaus reichenden Thema, gerade in einer Medienstadt wie Berlin, kaum eingehalten werden kann." Nicht akzeptieren will der Unternehmenssprecher, dass Reporter der Titel an der Pressekonferenz nicht teilnehmen durften: "Die Mediengruppe Berliner Verlag betrachtet das Hausverbot gegenüber zweier ihrer Journalisten, die von der Pressekonferenz ausgeschlossen worden sind, für unakzeptabel und hält dieses Vorgehen für nicht mit den Grundsätzen der Pressefreiheit vereinbar."

Chefredakteurin Fehrle verweist auf Druck durch Wettbewerber 

Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der "Berliner Zeitung", war am Mittwochnachmittag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sie hatte sich in der vergangenen Woche schriftlich an die Nature Publishing Group in London gewandt, und versucht, die Situation zu erklären. Fehrle schreibt unter anderem, dass auf dem Berliner Zeitungsmarkt ein "starker Wettbewerb" herrsche, und sie davon ausgegangen sei, dass auch die anderen Zeitungen am Ort Knuts Story sofort aufgreifen würden und nicht erst Tage auf die Pressekonferenz warten. Interessant ist, wie sich Fehrle in dem Brief windet - "hätte nur Wissenschaftsredakteur Torsten Harmsen den Brief bekommen, und wäre nicht auch der Berliner Zoo als Absender aufgeführt worden, hätte ich als Chefredakteurin nichts von der Pressekonferenz erfahren". Der Embargobruch geschah also komplett gegen den nachdrücklichen Widerstand der Wissenschaftsredaktion.

Egal, ob der Presserat "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" am Ende nun rügt oder den Fall abtut, weil er nicht gegen seine Leitsätze verstößt - am Ende hat diese Posse um Schnelligkeit dem Wissenschaftsstandort Deutschland geschadet. Wer wird zukünftig noch ausführlich mit Journalisten Forschungsergebnisse teilen, wenn er sich Sorgen machen muss, dass die schnelle Schlagzeile wichtiger erscheint als ein faires Miteinander, das seit Jahrzehnt auch so praktiziert wird?

Ihre Kommentare
Kopf

kdm

03.09.2015
!

"nicht mit den gängigen Regeln des Wissenschaftsjournalismus vertraut" sind … und auch sonst oft & gerne Regeln missachten, um 'ne Schlagzeile zu bekommen, q.e.d.


Achim

03.09.2015
!

Wie peinlich muss es sein, zuzugeben, dass Lokalredakteure das Wort "Sperrfrist" nicht verstehen.


Thomas

03.09.2015
!

Was mir fehlt, ist die Information, warum es eine Sperrfrist gegeben hat. Der Bär ist tot und mit ihm zum Glück auch die Hysterie. die Ursache ist erforscht: warum darf sie erst nach einer gewissen Frist veröffentlicht werden? Ein englsichsprachiges Medium wird sicher nicht durch eine deutschsprachige Lokalzeitung in der Käuferschaft bedroht.


Roman

03.09.2015
!

@Thomas:

Das findet sich im verlinkten Artikel auf fv-berlin.de. Ich zitiere:
"[...]]Da zum Zeitpunkt des Embargobruchs das o.g. wissenschaftliche Manuskript noch nicht veröffentlicht war, bestand für unsere Wissenschaftler die akute Gefahr, dass das Manuskript [...] als bereits veröffentlicht zurückgewiesen wird. Die jahrelange Forschung unserer international renommierten Arbeitsgruppen wäre damit entwertet worden.[...]"

Grüße, Roman


Hans Zauner

12.09.2015
!

@Thomas
"Was mir fehlt, ist die Information, warum es eine Sperrfrist gegeben hat. "

Es geht dabei um die sog. Ingelfinger-Regel, ein früher streng eingehaltenes Prinzip bei wissenschaftlcihen Fachzeitschriften: Sind Ergebnisse vorab in die Presse gelangt, dürfte die Fachzeitschrift das Manuskript der Forscher nicht mehr annehmen. Das wird aber nicht mehr so streng gehandhabt.
Ich habe dazu für "Laborjournal" gerade ein Editorial geschrieben:
http://www.laborjournal.de/editorials/976.lasso


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.