Der "Quotenwahn" der "Quotenidioten": Wolfgang Herles Abschiedsgeschenk an die "Quotenjunkies"

 

Wie verabschiedet sich ein Fernsehmacher, der offensichtlich über Jahrzehnte mit der Faust in der Tasche im öffentlich-rechtlichen System Karriere machte? Wolfgang Herles Abschiedsgeschenk an die "Quotenjunkies" von ZDF und ARD ist eine Streitschrift, die über eine hoffnungslos verlorene Fernsehkultur trauert und den Wert des demokratischen Diskurses feiert.

Wie verabschiedet sich ein Fernsehmacher, der offensichtlich über Jahrzehnte mit der Faust in der Tasche im öffentlich-rechtlichen System Karriere machte? Wolfgang Herles Abschiedsgeschenk an die "Quotenjunkies" von ZDF und ARD ist eine Streitschrift, die über eine hoffnungslos verlorene Fernsehkultur trauert und den Wert des demokratischen Diskurses feiert. Der ZDF-Mann liefert ein kritisches Medienbuch in einer Zeit, in der Kritik nicht en vogue ist. Die nervösen Referenten in den Fernsehanstalten, die neue Enthüllungen erwarteten, können sich aber beruhigen.

Karriere auf schwarzem Ticket

Wolfgang Herles hat früh Karriere auf dem schwarzen Ticket im ZDF gemacht. Als Leiter des ZDF-Studios in Bonn war er offenbar irgendwann nicht mehr berechenbar und gefügig genug für Helmut Kohl und Co., die ihn in dieses Amt gehievt hatten. Er wurde "entfernt", durfte aber seine Karriere als "Aspekte"-Chef und anderer Kultursendungen des Hauses Lerchenberg fortsetzen. Auch wenn Herles in seiner ZDF-Zeit nicht mit Kritik am Betriebssystem ZDF aufgefallen ist, müssen seine politischen Förderer ihn als Renegat empfunden haben. Solche konservative Renegaten ziehen den Hass ihrer einstigen Förderer auf sich, zumal der umgekehrte Weg (von links nach rechts) wesentlich häufiger vorkommt.

Herles hat Ventil gelöst

Nun hat Herles das Ventil seiner in 40 Jahren angesammelten Medienwut gelöst. Er setzt dabei auf das besondere Momentum: Punktgenau mit seinem Renteneintritt veröffentlicht er heute den Titel "Die Gefallsüchtigen - Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik" (Knaus-Verlag, München). Dieser Zeitpunkt und eine Abrechnung von einem Mann aus der Medienhierarchie - das machte die servilen Referenten in den Anstalten schon vor Wochen nervös. Doch ihre Vermerke an die Direktoren und deren Stäbe werden im Ton der Entwarnung verfasst werden. Herles liefert auf 255 Seiten keine Indiskretionen, keine insider-getränkten Beobachtungen, keine neuen Fakten, die etwa an den auch rechtlich höchst fragwürdigen WDR-Millionen-Deal mit Thomas Gottschalk heranreichen könnten. Die Oberflächen-Politeure unter den "Medienkritikern" von der boulevardgetriebenen Klick-Meute bis zu den direktoren-amputierten, öffentlich-rechtlichen Novizen im norddeutschen Medienmagazin werden enttäuscht sein.

Viel zu kompliziert

Was Herles schreibt, ist für sie viel zu kompliziert, zu komplex, zu wenig emotional, hat keinen Gesprächswert und null Gänsehautmomente. Eine Story über das kulturkritische Buch würde schlicht nicht "funktionieren". Die Resonanz und Auseinandersetzung mit den Thesen des Bildungsbürgers Herles wird also an dem (offenbar) nicht mehr korrigierbaren Quotenwahn in den Sendern scheitern.

Ausflüge in die Denkwelt der Programmchefs

Auf das nahezu paramilitärisch exekutierte System der rigiden Quotenmaximierung mit allen Mitteln stützt Herles seine Argumentation. Das ist nicht neu, aber Herles gelingt in seinem ersten Kapitel eine treffende Studie zur Anatomie der "Quotenidioten". Er unternimmt Ausflüge in die Parallel-Denkwelt der Programmchefs, die wirklich alles der Quotenmaximierung unterordnen. Das Ergebnis dieses nahezu totalitär angelegten Prozesses ist ein brutaler Konformismus, der zur Umkehr von Relevanz und zur systematischen Erstickung des Diskurses in der Gesellschaft führt. Damit verabschiedet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von seinem Kernauftrag und zerstört die Fundamente einer vitalen "Fernsehkultur". Diese Thesen unterlegt Herles mit einem Füllhorn an Belegen und Fallbeispielen. Dieser Befund bezieht sich keineswegs nur auf die Dominanz des Unterhaltungssogs, sondern auch auf die Informationsprogramme, die in den manipulierten Statistiken von den Sendern mit mehr als 50 Prozent ausgewiesen werden.

Diktatur der Quote

Herles bilanziert: "Und selbst Nachrichten, Reportagen und Dokumentationen sind so, wie es die Marktforschung und die Zahlen befehlen." In der Summe beschreibt der Autor die journalistischen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Diktatur der Quote stimmig. Der Blick in die primitive Innenwelt der "Quotenidioten" wirkt erhellend. Aber - die Grundierung der Analyse mit den vorliegenden Dokumenten aus der "ZDF-Klinik" - einer auf Quotenmaximierung spezialisierten ZDF-Arbeitseinheit - wäre hilfreich.

Dokumentarisches Fundament fehlt

Auch die detaillierten Vorgaben in den ZDF-Sendungskonzepten etwa zur Auswahl der Protagonisten und der Quoten garantierenden Sendungsdramaturgie (vgl. 37 Grad, ZDFzoom oder auslandsjournal) würden möglicherweise sogar den ein oder anderen Angehörigen der ZDF-(Kontroll)-Gremien ins Grübeln bringen. Aber - dieses dokumentarische Fundament, das Herles Kritik unanfechtbar machen würde, interessiert den feuilletongeprägten Autor nicht zuerst: "Ich habe dieses Buch nicht für Kolleginnen und Kollegen geschrieben, auch nicht für Medienjournalisten. Der Adressat dieser Seiten ist das Publikum, für das ich immer gearbeitet habe."

Aber woher weiß Herles, das solche "Klinikberichte", peinliche Sendekonzepte, paradoxe Dienstanweisungen oder interne Dokumente auf dem Level der "WDR-Gottschalk-Abbruchkosten" den interessierten Leser nicht interessieren würde? Die von ihm immer wieder diagnostizierte "Seichtigkeitsspirale" als Folge des "Quotenwahns" der "Quotenidioten" wäre besser nachvollziehbar, wenn er die Architekturpläre des beklagten besinnungslosen Konformismus mitgeliefert hätte.

Politik und Medien verbindet die Gefallsucht

"Was haben die Schwächen der Medien und die Schwächen der Politik miteinander zu tun? Das ist die Frage dieses Buches. Seine These ist: Konformistische Medien und populistische Politiker sind einander in Gefallsucht verbunden." Und Herles weiter: "Die Gesellschaft ist konfliktscheu, gelähmt von Fortschrittszweifeln. Medienkritik ist deshalb Gesellschaftskritik."

Nicht auffallen um jeden Preis

Für die Unterfütterung dieser Hauptthese liefert Herles zahlreiche Anhaltspunkte und auch ein paar passende Belege. Dass Angela Merkel mit ihrer Diskurs-Allergie und Erklär-Legasthenie in ZDF und ARD bequem auf Sicht fährt, dürfte weitgehend unstrittig sein. Die meisten bestimmenden Journalisten hier wurden als Referenten von Intendanten und Direktoren sozialisiert und betreiben ihr Tages-Geschäft aus dieser gelernten Quoten-Perspektive: Nicht auffallen um jeden Preis. Sedierte Politik und sedierter Journalismus sind zwei Seiten einer Medaille. Auch die Klage, dass die meisten Tagesthemen-Kommentare (und die auffallend kargen ZDF-Kommentare) meist bodenlos belanglos sind, kennzeichnet die intellektuell ausgebluteten Führungsetagen. Anspruchsvolle Filme, unverwechselbare Handschriften, neue Gedanken: Diese "Farben" werden im von Herles beschriebenen Niveau-Unterschreitungs-System einfach nicht mehr gebraucht.

Herles beklagt, dass es heute weit und breit nicht annähernd eine einzige Figur vom Schlage eines Günter Gaus (damals Fernsehdirektor beim SWR) gibt. An deren Stelle sitzen heute de-facto-Fernsehdirektoren und "Lichtgestalten" wie Heiner Backensfeld, der bereits vier ARD-Sender (WDR, NDR, HR, SWR) auf die von Herles beschriebene Quotenmaximierungs-Linie umgebaut hat.

Die Kontrollgremien, das konstituierende Element des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, lassen dies geschehen und schauen zu. Sie steuern diese Prozesse nicht. Im Gegenteil - sie werden leise und sanft ausgesteuert.

Scharnier der Gefallsucht

Das unterstellte wechselseitige Anpassungsverhältnis von Medien und Politik mit dem Scharnier der Gefallsucht ist in der Praxis komplexer und komplizierter, als Herles es beschreibt. Interessant und richtig ist allerdings, dass Herles wiederholt in seinem Buch die Macht der Politiker in den Sendern relativiert. Die Kirchen hätten mindestens so viel Einfluss wie die Politik, vermerkt er.

Lehrreicher Subtext

Bilanziert man Herles 255-seitige Streitschrift, fallen drei Tendenzen auf, die er umschreibt, aber nicht explizit hervorhebt.

Die "Quotenidioten" können bequem und ungehemmt wirken. Alle denkbaren kritischen Instanzen fallen weg. Redakteure und Redakteurinnen schweigen, die Redaktionskonferenzen wirken beklemmend hohl. Über journalistische Standards wird nicht mehr diskutiert. Die (Kontroll)-Gremien glänzen durch Arbeitsverweigerung und die dringend benötigte Medienkritik ist zu einem Ein-Mann-Betrieb von Stefan Niggemeier mutiert. Der Autor, der sich im Buchdeckel als "einer der profiliertesten Fernsehjournalisten" feiern lässt, legt seine an den "Quotenidioten" vor, wenn der Rentenbescheid vorliegt. Aus der Institution des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, für die für Kritik zum Markenkern, zum eigentlichen Geschäftsmodell zählt, ist die Kritik ausgewandert. Intern sind die Anstalten zu kritikfreien Zonen umfunktioniert worden. Druck, Angst und Bequemlichkeit haben diesen Zustand befördert. Dazu kommt die bittere Erkenntnis: Jede Form von Kritik bleibt wirkungslos, perlt ab. Selbst die Mainzer Tage der Fernsehkritik wurden von Intendant Thomas Bellut abgesägt. "Mainzer Tage der Selbstkritik" brauche er nicht. Sogar Intendanten-Urgestein Stolte widersprach. Ohne Folgen.

Zweitens: Das Publikum - das Herles übrigens komplett ausblendet - hat es sich in der Konsumwelt des heutigen Fernsehens ganz offensichtlich bequem gemacht. Der Sound der "Lügenpresse" bleibt auch ins seinem wahren Kern unbeachtet, die Kritik der Zuschauer an der Diktatur der Unterhaltung und Zerstreuung perlt ab. Jede noch so banale Ranking-Show findet Publikum, Die Geiz-ist-geil-Service-Sendungen quotieren besser als aufwändig produzierte Feature zu Hintergründen der Finanzkrise.

Quotenmanager ignorieren Gutachten

Und drittens: Die Quotenmanager in der abgeschotteten Intendantenwelt von ARD und ZDF ignorieren selbst die zahlreichen juristischen "Gutachten", die zunehmend aggressiver für eine Abschaffung des Gebührenmodells plädieren. Sie wähnen sich in einer trügerischen Sicherheit. Dass selbst Herles im Schlusskapitel Sympathien für radikale "Budgetkürzungen" hegt, wie von den neoliberalen think tanks empfohlen, sollte die "Quotenidioten" wenigstens irritieren.

Der frühere ZDF-Mann fordert einen radikalen Spar-Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: "Der Sinn einer Budgetkürzung wäre es, die Anstalten zu zwingen, sich ihres Auftrags zu besinnen. Eine Halbierung der tatsächlichen Programmkosten (nicht der Gebühren) wäre möglich, wenn sich die Anstalten im Wesentlichen auf Information und Bildung beschränken würden."

Radikaler könnten es VPRT, FDP, AfD und die GEZ-Getriebenen nicht formulieren.

kress-Lesetipp: Wolfgang Herles, Die Gefallsüchtigen - Gegen den Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik, Knaus Verlag München, 2016, 256 Seiten, 19.99 Euro. Erscheinungstag: 14.9.2015. 

Ihre Kommentare
Kopf
Thomas Bauer

Thomas Bauer

TOM-Verlag
Verlagsleiter

14.09.2015
!

Danke für diese umfassende Kritik. Wie billig, bis zum Erreichen der Pensionsansprüche (die längst einen erheblichen Teil der von Herles beklagten Budgets ausmachen!) die Faust in der Tasche zu lassen, statt mal auf den Tisch zu hauen – und dann zu beklagen, dass niemand auf den Tisch haut und sich alle bequem im Quotenwahn einrichten. Zeit genug zum Schreiben des Buches hatte Herr Herles ja offenbar noch während seiner Zeit im sozialisiert finanzierten System, kapitalisieren will er danach. Nö.


Dittsche

14.09.2015
!

Zu einem Apparat übelster Sorte ist das ÖR-System verkommen, zum Selbstbedienungsladen für selbstgefällige Direktoren, zur Bühne für Abziehbilder, Jasager und Versager. Eine Anstalt, die scheintote Konzepte wie den "Tatort" kostenintensiv am Leben erhält, austauschbare Kochshows produziert und sich Hofnarren aus Kabarett und Comedy hält.

All das ist schon traurig genug, noch trauriger ist es, dass Herles' Kritik folgenlos bleiben wird.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

15.09.2015
!

@Dittsche – Gerade der Tatort ist quicklebendig. Er macht Quote. Früher kam eine Folge pro Monat, jetzt sind es 35 pro Jahr (+Wdh.). Und weil er Quote macht, fällt das weg, was sonst auf diesem Sendeplatz lag. Das Problem ist, dass die Anstalten sich immer noch an eine Jahrzehnte alte BVerfGE klammern, derzufolge Unterhaltung Teil des Programmauftrags war. Heute bräuchte es das wirklich nicht mehr. Leider sparen ARD und ZDF an Bildung und Information. Dafür wäre die Haushaltsabgabe eigentlich da


Dittsche

15.09.2015
!

@Ulf J. Froitzheim - Ja, die Quote. So irrational wie die unrealistischen, überzogen brutalen und am Ende öden "Tatorte" ist der Zuschauerzuspruch. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind deutsche Film- und Fernsehproduktionen einfallslos und langweilig. Die wirklich guten Geschichten kommen aus Großbritannien oder den USA. Vermutlich können unsere Leute das nicht, oder die Posteninhaber lassen sie nicht.


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