Hubertus Knabe zu Stasi-Vorwürfen gegen DJV-Berlin-Chef: "Unterm Leuchtturm ist es finster"

16.09.2015
 
 

Hubertus Knabe hält den Berliner DJV-Vorsitzenden Bernd Lammel für "nicht mehr haltbar", sollte er für die Stasi gespitzelt und dies den Verbandsmitgliedern verschwiegen haben. kress.de sprach mit dem Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit über den Fall. Knabe, der von 1992 bis 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen arbeitete,

Hubertus Knabe hält den Berliner DJV-Vorsitzenden Bernd Lammel für "nicht mehr haltbar", sollte er für die Stasi gespitzelt und dies den Verbandsmitgliedern verschwiegen haben. kress.de sprach mit dem Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit über den Fall. Knabe, der von 1992 bis 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen arbeitete, erinnert dabei an die "hohe Verantwortung" von Journalisten. 

Hintergrund: Dem Vorsitzenden des DJV-Landesverbands Berlin wird vorgeworfen, jahrelang für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Michael Konken, forderte Lammel nach einen entsprechenden Bericht der "Abendschau" des RBB vom Sonntag auf, sein Amt vorerst ruhen zu lassen. "Die Vorwürfe müssen lückenlos aufgeklärt werden", erklärte Konken. Am Montag sprach sich der Gesamtvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands einstimmig für eine Stasi-Überprüfung aller Funktionsträger im DJV aus. Der DJV stehe wie kaum eine andere Organisation für die journalistischen Grundwerte Transparenz und Glaubwürdigkeit, so Konken. Wer Verantwortung im DJV wahrnehme, müsse diese Grundwerte leben.

Knabe meint, Lammels Reaktion, sich erst nach Akteneinsicht äußern zu wollen, lege "den Verdacht nahe", dass dieser "zunächst feststellen will, was über ihn in den Akten steht – und deshalb von ihm nicht bestritten werden kann". Der Gedenkstättendirektor hat Untersuchungen über Oppositionsbewegungen in der DDR und Osteuropa sowie umfangreiche Studien zur Westarbeit des DDR-Staatssicherheitsdienstes veröffentlicht.

kress.deDer DJV wird mit Stasi-Vorwürfen konfrontiert. Kann das 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch ein Rücktrittsgrund sein – zum Beispiel für den Berliner Vorsitzenden Bernd Lammel?

Hubertus Knabe: Für die Bewertung einer früheren Stasi-Mitarbeit sind immer drei Faktoren ausschlaggebend: Wie gravierend war die Verstrickung, welche Funktion bekleidet jemand heute und wie geht er mit seiner Vergangenheit um. Sollte der Berliner Landesvorsitzende des DJV als Informant der Stasi tätig gewesen sein und dies gegenüber den Mitgliedern des Verbandes verschwiegen haben, ist er als aus meiner Sicht nicht mehr haltbar.

Journalisten haben eine hohe Verantwortung

kress.deJournalisten verlangen zu Recht Transparenz von Politikern. Macht das Verschweigen einer Stasi-Mitarbeit diese Ansprüche unglaubwürdig?

Hubertus Knabe: De facto sind die Medien die vierte – und vielleicht einflussreichste – Gewalt in unserem Staat. Damit kommt ihnen eine hohe Verantwortung zu. Und so, wie man bei Politikern ein Recht hat zu erfahren, wer einen regiert, gilt dies auch für Journalisten. Die Praxis sieht aber leider oft anders aus. Da kommt es z. B. vor, dass beim Tagesspiegel ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter über Stasi-Themen schreibt, ohne dass der Leser von dessen Vergangenheit weiß. Ich finde, das geht nicht.

kress.deMüssen Journalisten überhaupt die moralischen Ansprüche, die sie an andere stellen, selbst erfüllen?

Hubertus Knabe: Meine Großmutter, die Pfarrfrau war, pflegte zu sagen: Unterm Leuchtturm ist es finster. Sie meinte damit, dass sich viele Kirchenmitarbeiter nicht an die eigenen christlichen Ansprüche hielten. Das macht eine Institution, die moralische Maßstäbe vertritt, unglaubwürdig. Das gilt auch für den Journalismus und die Medien.

Späte Reue

kress.deKönnen anders herum Journalisten, die offen mit ihrer Stasi-Zuträgerschaft umgegangen sind, heute führende Rollen im Journalismus einnehmen?

Hubertus Knabe: Hier kommt es sehr auf den Einzelfall an: Was hat jemand getan, wie ist er damit umgegangen und worüber berichtet er heute? Manchmal kann späte Reue auch ein besonders starkes Antriebsmoment für Aufklärung sein. Ich habe dies aber im deutschen Journalismus – bis auf einen Fall – noch nicht erlebt.

kress.deGerade in den neuen Bundesländern ist inzwischen eine vermehrte Medien-Kritik und Medien-Skepsis zu vernehmen, die sogar in dem Schlagwort "Lügenpresse" gipfeln. Besteht die Gefahr, dass Stasiverstrickungen von führenden Journalisten-Vertretern gerade dort, wo die Menschen unter der Geheimpolizei gelitten haben, diese Stimmung verstärken?

Entfremdung der Bürger gegenüber den Medien

Hubertus Knabe: Die Kritik an der Berichterstattung vieler Medien ist leider oft berechtigt. Häufig werden Information und eigene Meinung nicht sauber getrennt. Auch der Meinungspluralismus bleibt, wie wir in den letzten Wochen wieder beobachten konnten, vielfach auf der Strecke. Die Gefahr, dass die Entfremdung der Bürger gegenüber der Politik auch auf die Medien übertragen wird, ist deshalb groß. Verschwiegene Stasi-Verstrickungen verstärken diese natürlich und geben zum Beispiel Anlass für Verschwörungstheorien.

kress.deWerden frühere Stasi-IMs mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, hören wir fast immer dieselben Erklärungen. Eine lautet: "Ich habe niemandem geschadet." Deckt sich das mit dem, was die Akten sagen und vor allem mit dem, was die Opfer erlebt haben?

Hubertus Knabe: Kein Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes wusste, was mit seinen Informationen geschah. Selbst Berichte über Nebensächlichkeiten konnten eine verheerende Wirkung haben. Feststellen kann man dies nur durch komplizierte Recherchen, was die Stasi mit den Informationen im Einzelnen gemacht hat. Fest steht aber: Die Inoffiziellen Mitarbeiter waren – wie Stasi-Minister Erich Mielke zu sagen pflegte – die "Hauptwaffe" der Geheimpolizei in der DDR.

Lammel sollte von sich aus reinen Tisch machen

kress.de: Eine andere Reaktion – wie jetzt auch sinngemäß im Fall Lammel - lautet: "Ich muss erst die Akten sehen, bevor ich mich dazu äußere." Was erkennen Sie darin? Ein Spiel auf Zeit?

Hubertus Knabe: Diese Reaktion legt den Verdacht nahe, dass Herr Lammel zunächst feststellen will, was über ihn in den Akten steht – und deshalb von ihm nicht bestritten werden kann. Es wäre sehr viel glaubwürdiger, wenn er von sich aus reinen Tisch machen würde und offen schildern würde, wie die Zusammenarbeit mit der Stasi abgelaufen ist.

Spitzel sind für Interessensvertreter von Journalisten ungeeignet

kress.deKann sich der DJV Funktionäre leisten, die mit der Staatssicherheit kooperiert haben oder müssen die zurücktreten? Konkret: Ist Bernd Lammel noch tragbar?

Hubertus Knabe: Ich kenne die Stasi-Unterlagen zu Herrn Lammel nicht. Es empfiehlt sich aber, in einem solchen Fall das Amt bis zur abschließenden Überprüfung ruhen zu lassen. Das würde deutlich machen, dass der DJV mit solchen Vorgängen verantwortungsbewusst und sensibel umgeht. Sollte Herr Lammel für die Stasi gespitzelt haben, ist er als Interessenvertreter der Berliner Journalisten ungeeignet.

 

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