Mit Fake-Accounts Stimmung machen für Firmen: PR-Ethik-Rat rügt Agentur "wegen planmäßiger Täuschung"

18.09.2015
 
 

Ein PR-Unternehmen in Österreich hat mittels Fake-Accounts für Parteien und Unternehmen Stimmung gemacht. Angeblich sollen die Postings in die Hunderttausende gehen.

Ein PR-Unternehmen in Österreich hat mittels Fake-Accounts für Parteien und Unternehmen Stimmung gemacht. Angeblich sollen die Postings in die Hunderttausende gehen. Auch der deutsche PR-Rat ist empört.

Die Eigenwerbung klingt – wie sollte es auch anders sein – himmlisch. "Bei mhoch3 greifen Sie auf eine fünfzehnjährige Expertise in den Bereichen Monitoring und Content Marketing zu. Ein großes Team an Bloggern, Editoren und kreativen Köpfen findet die beste Strategie um Ihr Unternehmen, Ihr Produkt nach vorne zu bringen." Und außerdem: "Überlassen Sie Ihre Kommunikation nicht dem Zufall – mit dem mehrdimensionalen Marketing von Modern Mind Marketing sichern Sie Ihren Erfolg nachhaltig im Web 2.0."

Der Befund des österreichischen PR-Ethik-Rats über die Social-Media-Agentur mhoch3 klingt alles andere als himmlisch. Er sprach gegen sie eine öffentliche Rüge "wegen planmäßiger Täuschung" von Internetnutzern "in großem Stil" aus. Das Wächtergremium erklärte: "Die generelle Haltung der Agenturleitung steht in scharfem Kontrast zur grundlegenden Kommunikationsethik. Darüber hinaus hält sich die Agentur nicht an ihren eigenen Ethik-Kodex, (der im Übrigen hinter den üblichen Standards zurückbleibt)." Bei der Erledigung der PR-Arbeit habe "jegliche Auftraggeber- und Absendertransparenz" gefehlt. Die bezahlten Helfer hätten "jeweils unzählige falsche Identitäten" verwendet, "hinter denen keine realen Personen standen und die je nach thematischem Umfeld zum Einsatz kamen".

Mit anderen Worten: Manipulation hoch drei. Auslöser war ein Bericht des Magazins "DATUM". Es hatte Ende 2014 berichtet, das Wiener Unternehmen, das früher unter dem Namen e-Clipping aufgetreten sei, habe für dutzende Kunden Internet-Postings produziert. "Mithilfe tausender Fake-Accounts machten die Mitarbeiter der Agentur positive Stimmung für deren Kunden. Zu denen gehörten Parteien und Banken, Pharmakonzerne und Staatsunternehmen." Von mehreren hunderttausend Internet-Einträgen spricht das Magazin, der Ethik-Rat nennt keine Zahl. Viele der manipulativen Einträge seien bis heute im Netz zu finden.

Alexander Güttler: "Ein absolutes Unding"

Deutschlands Pendant hätte ebenso geurteilt, wie Alexander Güttler, Professor an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, erläutert. Er ist Vorsitzender der Beschwerdekammer Unternehmen & Märkte beim Deutschen Rat für Public Relations. Güttler nannte gekaufte Postings "ein absolutes Unding". Er sagte kress.de: "Diese Praxis ist hochmanipulativ und hat mit anständiger PR-Arbeit nichts zu tun. Eine derlei hohe Zahl gefakter Online-Beiträge lehnen wir klipp und klar ab. Das wäre hierzulande ein eindeutiger Verstoß gegen die Richtlinie für Online-PR, weshalb wir das ebenfalls definitiv rügen würden."

Der PR-Rat in Deutschland wird laut Güttler von den vier wichtigsten PR-Verbänden getragen. Sie empfehlen Auftraggebern, "nicht mit solchen Leuten zusammen zu arbeiten, entsprechende Angebote abzulehnen und uns zu melden. Das hat mit Verpetzen nichts zu tun", sagte der Professor. "Es geht darum, Ross und Reiter zu benennen und den Reiter zu brandmarken. Wir brauchen für eine Rüge immer Zeugen, die das belegen." Güttler macht sich für die Verwendung von Klarnamen stark: "Nicknames sind lustig, Klarnamen sind aber besser. Im professionellen Zusammenhang sollten Klarnamen die Regel sein."

Fehlender Aufklärungswillen


Zwar nennt der österreichische PR-Ethik-Rat den "DATUM"-Bericht "eine journalistisch plakative Darstellung des Sachverhalts". Zentralen Aussagen des Artikels schenkte das Gremium aber Glauben. Beteiligte hätten vielen Punkten widersprochen, "konnten jedoch den Rat (…) oftmals nicht überzeugen". Nicht nur die Agentur, auch deren bezahlte Helfer sowie Kunden bekommen ihr Fett weg. Das Wächtergremium erhebt den Vorwurf des fehlenden Aufklärungswillens: "Selbst auf Nachfrage hat der Rat von kaum einem Beteiligten Unterlagen erhalten."

Auch wenn Beweise fehlten, "starke Indizien" sprächen dafür, dass die Arbeitsweise "den meisten Kunden" bekannt gewesen sei oder zumindest erkennbar gewesen wäre. Als unglaubwürdig erschien dem Gremium nach eigenem Bekunden, "dass die bezahlten Blogger – wie behauptet – völlig frei in ihrer Meinungsäußerung gewesen wären". Die Agentur wollte auf Anfrage keine Stellung dazu beziehen, ob es seine Praxis inzwischen geändert habe. In einer Mail, die von keinem Namens-, sondern einem allgemeinen Account der Firma kam, teilte sie mit, "dass mhoch3 die Veröffentlichungen des Ethik-Rates nicht kommentiert".

"Es ist durchaus denkbar, dass auch andere Agenturen oder andere Auftraggeber ähnlich vorgegangen sind bzw. vorgehen", urteilten die Österreicher. Professor Güttler hält es für denkbar, dass "so etwas auch in Deutschland vorkommt". Auszuschließen sei es jedenfalls nicht. "Das ist überall auf der Welt vorstellbar." Doch sei er sicher, dass diese unlautere Praxis ihren Peak hinter sich habe. "Denn das ist eine Kindertechnik aus den Anfängen des Internets." Die große Mehrheit der Unternehmen wisse inzwischen, so etwas könne schnell zum Bumerang werden. "Irgendwann kündigen Leute bei ihrer Firma, nehmen ihr Wissen mit und plaudern das aus. Das ist dann absolut rufschädigend - sowohl für die PR-Firma als auch deren Kunden. Übrigens ist es völlig egal, ob es sich dabei um einen Mittelständler oder Konzern handelt."

Autor: Thomas Schmoll

 

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