Die Stil-Kritik von kress.de: Was Zeitungsdesigner zur neuen "Geo"-Optik sagen

 

"Wie bitte? Schon wieder? Und: Warum denn das?" mag sich so mancher angesichts des aktuellen Relaunches von "Geo" gefragt haben, hatte G+J dem Magazin doch erst im Oktober 2013 ein frisches Design inklusive neuer Schriften und neuer Farbcodierung verordnet. kress.de hat bei den Zeitungsdesignern Michael Adams, Hans Peter Janisch, Norbert Küpper und Eberhard Wolf nachgefragt, was sie von der neuen Geo halten.

"Wie bitte? Schon wieder? Und: Warum denn das?" mag sich so mancher angesichts des aktuellen Relaunches von "Geo" gefragt haben, hatte Gruner+Jahr dem Magazin doch erst im Oktober 2013 ein frisches Design inklusive neuer Schriften und neuer Farbcodierung verordnet. Der damalige Chefredakteur Peter-Matthias Gaede begründete die Entscheidung so: "Es hat in den über 37 Jahren von 'Geo' ja immer wieder Veränderungen gegeben, weil Stillstand für Leser wie Macher einfach langweilig wäre."

Nur zwei Jahre später folgte nun prompt Runde Nummer zwei. Seit September erscheint das Wissensmagazin erneut in einer überarbeiteten Form: Versprochen werden neues Design, klarere Heftstruktur, innovative Rubriken und eine neue Titeloptik. Das Heft soll, so das Ziel, moderner sein, mehr Vielfalt bieten und die Lesefreude erhöhen.

Unter der Führung von Creative Director Anna-Clea Skoluda wurde das Layout runderneuert und auch das Cover präsentiert sich in einem frischen Gewand: Der grüne Rahmen wurde verbreitert, um das Bild zu betonen. So soll das Magazin Selbstbewusstsein zeigen und sich am Kiosk besser hervorheben, heißt es aus der Redaktion.

"'Geo' ist jetzt eleganter und wertiger aber auch lesefreundlicher und unterhaltsamer", sagt Chefredakteur Christoph Kucklick. "Geo ist nun nicht nur fotografisch, sondern auch gestalterisch wieder eines der weltweit führenden Magazine." Sehen das auch die Experten so? KRESS hat bei den Zeitungsdesignern Michael Adams, Hans Peter Janisch, Norbert Küpper und Eberhard Wolf nachgefragt, was sie von der neuen Geo halten. Ihr Urteil.

Küpper: "Weniger typografische Elemente für einen Klassiker wie 'Geo'"

"Das grüne Cover dürfte den meisten Bundesbürgern noch bekannt sein: Wer sich auf Flohmärkten umschaut, kann ältere Ausgaben des Magazins in einem ähnlichen Design finden. Im neuen Layout steht der Kopf in der Mitte und links und rechts ist viel Grün. Das wirkt seriös und edel. Sehr gut finde ich auch die doppelseitigen Bilder am Anfang des Heftes", sagt Norbert Küpper.

Doch der Gründer und Veranstalter des European Newspaper Award hält nicht nur Lob für die Neugestaltung parat: "Was die Typografie angeht, bin ich skeptisch. Auf der Titelseite fängt es bereits bei der Überschrift an: Die erste Zeile ist kursiv, die zweite Zeile aus einer serifenlosen Schrift und in Großbuchstaben, die dritte Zeile aus einer fetten Schrift. Der Bildtext auf der Titelseite ist mittelachsig. Kurz: Es ist ein ziemlicher typografischer Zirkus, der da arrangiert wurde, auch auf den Innenseiten. Gerade die mittelachsigen Bildtexte sind nicht gut lesbar."

Insgesamt, so Küpper, täte "Geo" gut daran auf bessere Lesbarkeit zu achten und die Anzahl der verwendeten Schriften reduzieren: "Ein Klassiker wie 'Geo' hat so viele typografische Elemente nicht nötig. Da entstehen Disharmonien, die zu Kopfschmerzen führen."

Janisch: "Ein bunter Mischmasch wie bei einer Jugendzeitschrift"

Ähnlich skeptisch wie Norbert Küpper äußerte sich auch der Zeitungs- und Kommunikationsdesign Hans Peter Janisch gegenüber KRESS. Auch er plädiert für eine reduziertere typografische Abwechslung: "Einer der Pioniere des gut gemachten Magazinlayouts hat sich renoviert. 'Geo' ist jetzt gefühlt wilder geworden, will sich verjüngen, um im schwierigen Magazin-Markt vor allem jüngere Käufer anzusprechen. Lange Einheiten werden jetzt stärker untergliedert, wechseln sich ab mit kleinen Elementen und Auflockerungen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, allerdings wird das hier in weiten Strecken über die Typografie versucht und so entsteht ein bunter Mischmasch unterschiedlicher Typen in unterschiedlichen Stärken und Farbtönen. Das kann man mal machen, ist jedoch ein Trend, der eher einer Jugendzeitschrift zu Gesicht steht. Früher sprach man an dieser Stelle von einem Schriftmusterbuch."

Adams: "Schön anzusehen, aber nicht lesefreundlich"

Zeitungsdesigner Michael Adams, langjähriger Local Coordinator Schweiz in der Society for News Design, geht auf Anfrage von KRESS sogar noch einen Schritt weiter und stellt die Frage, ob das vorgenommene Redesign wirklich nötig war: "Beginnen wir mit dem Cover: zentriertes Foto, eine feine Linie, kursive Serifenschrift kombiniert mit fetter Sans Serif. Hier wird eindeutig mit Sorgfalt gestaltet, die Ästhetik gewinnt. Leider nimmt beim Weiterblättern der Eindruck zu, dass es damit zu bunt getrieben wird. Zwar tut der Rasteraufbruch mit Marginalspalten gut, aber das Spiel mit der Feintypographie geht zu Lasten der Lesbarkeit. Die Marke 'Geo' ist ein Garant für hervorragende Reportagen und faszinierende Fotografien. Da ist mir eine zurückhaltende und unterstützende Gestaltung lieber als aufdringliche Spielformen: Initial mit Versalanlauf kombiniert mit Zwischentitel lenken ab, sie dienen nicht dem Inhalt. Das gleiche Spiel mit vielen vertikal gesetzten Headlines."

Michael Adams Fazit ist darum zwiegespalten: "Es ist eine Freude, in der neuen 'Geo' zu blättern, lesefreundlicher ist das Magazin allerdings nicht gerade geworden."

Wolf: "Design macht Lust auf mehr"

Begeistert vom neuen Design ist dagegen Professor Eberhard Wolf, der unter anderem an der Leipzig School of Media und der Ludwig-Maximilian-Universität München unterrichtet und eine Professur für visuelle Kommunikation an der Akademie für Mode und Design/Hochschule Fresenius hat: "Back to the Roots - Das neue 'Geo'-Cover ist schöner, haptisch sensationeller und weiblicher geworden. Dafür sorgen die matte Lackierung in Verbindung mit dem hochglänzenden Foto und Logo und die leichtere Typografie. Historisch betrachtet ist das aktuelle Coverkonzept eine Neuauflage der ersten Titelseiten von Geo aus den Anfangsjahren. Was nicht unbedingt schlecht ist. Es zeigt vielmehr, dass sich im Design nicht viel bewegt - außer dem Zeitgeschmack. Das Cover führt vor, wie aus einem "alten" Design in Kombination mit einer raffinierten Druck- und Veredelungstechnik etwas Modernes entsteht. Im Vergleich zur bisherigen Covergestaltung erscheint der jetzt eingeschlagene Weg markanter und individueller."

Weniger selbstverliebtes Detaildesign

Tatsächlich, so der Experte, habe er nur wenig zu bemängeln. Allerdings wünsche er sich weniger selbstverliebten Detaildesign: "Das vergangene Konzept zeichnete sich durch klar erkennbare und in sich geschlossen gestalteten Reportagen aus. Hier hat 'Geo' den bisherigen Weg zumindest visuell verlassen. Jede Seite ist wunderschön und ansprechend gestaltet. In der Gesamtheit betrachtet verwässern die vielen einzelnen inhaltlichen und visuellen Elemente jedoch den starken Produkteindruck, der durch das Cover hervorgerufen wird. Die Vielzahl der Formen tragen dazu bei, dass man am Ende nicht mehr weiß, was man gelesen hat. Eine bessere Pointierung zwischen Reportagestrecken und "magazinigen" Beiträgen kann eine Lösung sein. Auch das durch unterschiedliche Papiersorten angedeutete "Heft-im-Heft"-Konzept wird durch die zweimalige Wiederholung des Effektes entwertet."

Am Ende überwiegt jedoch die Begeisterung: "Im Vergleich zur vorangegangen Gestaltung macht das neue 'Geo' wieder Lust auf mehr", sagt Eberhard Wolf.

Hintergrund

"Geo" wurde 1975 von dem 2004 verstorbenen Journalisten Rolf Gillhausen gegründet. Aktueller Chefredakteur ist seit Juli 2014 Christoph Kucklick, sein Stellvertreter ist Jens Schröder. Das monatlich erscheinende Magazin hat eine Druckauflage von 300.833 Exemplaren und setzt laut IVW 2/2015 pro Erscheinen 242.561 Hefte ab, davon 28.535 im Einzelverkauf und 170.547 im Abo. "Geo" wird in etwa gleich häufig von Männern und Frauen gelesen, 54 Prozent der Leser sind älter als 50.

Ihre Kommentare
Kopf

flops

24.09.2015
!

Warum fragt man da keine Magazin-Gestalter?


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.