DJV Berlin-Brandenburg-Chef Klaus Minhardt zu Stasi-Vorwürfen: "Schon vor Jahren gab es Verdächtigungen gegen Bernd Lammel"

21.09.2015
 
 

Rücktritt oder nicht? Überprüfung aller Funktionäre oder nicht? Die Meinungen über den Umgang mit mutmaßlich oder tatsächlich Stasi-belasteten Spitzenvertretern der Journalisten-Gewerkschaft gehen weit auseinander. Laut Klaus Minhardt, Vorsitzender vom DJV Berlin-Brandenburg, habe es schon vor Jahren Stasi-Vorwürfe gegen Bernd Lammel gegeben.

Rücktritt oder nicht? Überprüfung aller Funktionäre oder nicht? Die Meinungen über den Umgang mit mutmaßlich oder tatsächlich Stasi-belasteten Spitzenvertretern der Journalisten-Gewerkschaft gehen weit auseinander. Laut Klaus Minhardt, Vorsitzender vom DJV Berlin-Brandenburg, habe es schon vor Jahren Stasi-Vorwürfe gegen Bernd Lammel gegeben.

Der freie Fotograf Bernd Lammel war das, wovon viele DDR-Bürger nur träumen konnten: Er besaß das Privileg, zur Ausübung seines Berufs in den Westen reisen zu dürfen. Das hat er nicht einmal verschwiegen. Der Bundesbeautragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, merkt im Zusammenhang mit dem Fall an: "Es sind ganz bewusst Reisekader eingesetzt worden, um Informationen aus dem Westen für die Stasi zu sammeln." Auch Journalisten seien unter den Zuträgern gewesen, so Jahn.

Reisekader oder auch ein Spitzel?

Auch die Berichterstattung im Westen unterlag regelmäßig Manipulationsversuchen durch die DDR-Geheimpolizei, wie der Historiker Hubertus Knabe in dem Standardwerk "Der diskrete Charme der DDR: Stasi und Westmedien" belegt hat. Die Frage lautet nun: War Bernd Lammel, der langjährige Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) Berlin, "nur" Reisekader, wie er behauptet, oder auch ein Spitzel der DDR-Staatssicherheit?

Vorgeworfen wird Lammel, von 1984 an als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) unter dem Decknamen "Michael" der Hauptabteilung II ("Spionageabwehr") zu Diensten gewesen zu sein. Dass er Mitte der 1980er Jahre mit der "Arbeit aus der DDR für den Ullstein Bilderdienst unter Pseudonym" und "bereits vor der Maueröffnung" für CBS News gearbeitet hat, gibt Lammel selbst an. Die Anschuldigung, er habe Kollegen ausgespitzelt, weist er zurück.

"Stasi-Fälle, von denen bislang niemand etwas wusste"

Der DJV-Bundesdachverband hat Lammel öffentlich aufgefordert, sein Amt bis zur Aufarbeitung der Vorwürfe ruhen zu lassen. Zur Frage, warum der Verband erst im Jahre 2015 auf die Idee kommt, alle Funktionsträger auf Stasi-Mitarbeit kontrollieren lassen zu wollen, erklärt DJV-Sprecher Hendrik Zörner, der DJV sei "wie die Öffentlichkeit" von dem Umstand überrascht worden, "dass 25 Jahre nach der Wiedervereinigung neue Stasi-Fälle bekannt werden, von denen bislang niemand etwas wusste". Der DJV habe mit seiner Forderung nach einer Überprüfung "sofort auf die Vorwürfe reagiert".

Klaus Minhardt, Vorsitzender des Konkurrenzverbandes DJV Berlin-Brandenburg, weiß nach eigenen Angaben schon lange von den Vorwürfen: "Schon vor Jahren gab es Verdächtigungen gegen Lammel. Abgestritten hat er das schon damals. Die Gerüchte hörten auf, die Sache verlief sich im Sande", so Minhardt gegenüber kress.de. Minhardt plädiert dafür, die Angelegenheit vollständig aufzuklären, ehe über einen endgültigen Verbleib Lammels im Amt entschieden wird: "Man kann kein Vereinsamt ruhen lassen. Das hieße doch, er geht nur nicht ins Büro, aber die Verantwortlichkeit bleibt."

War Lammel ein Doppel-Spitzel?

Bernd Lammel hat gegenüber dem rbb angegeben, er habe auch "für den Westen" Informationen gesammelt und weitergegeben - an wen, sei "geheim". Der Vorsitzende des DJV Berlin als "Doppelagent" – eine PR-Nebelkerze? Belege hat Lammel für seine Behauptung bisher nicht geliefert.

Bei der jüngsten Versammlung des DJV-Gesamtverbandes habe Lammel durch den Geschäftsführer des DJV Berlin erklären lassen, er werde über ihn angelegte Stasi-Akten einsehen und sich gegen die Vorwürfe wehren, berichtet Klaus Minhardt: "Einen Rücktritt oder das Ruhen des Amtes lehnte Lammel ab." Lammel als der Beschuldigte wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Mit der Forderung nach genereller Überprüfung der DJV-Funktionsträger auf Stasi-Mitarbeit habe der DJV-Bundesvorstand ein Zeichen setzen wollen, so Klaus Minhardt, "damit die Zeitungen berichten, dass man etwas macht". Minhardt ist für einen Rücktritt, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten: "Wenn er 26 Jahre lang geleugnet hat und dann kommt da was Blödes raus, wird es schwierig."

Alexander Fritsch, Chef des zweiten Konkurrenz-Landesverbandes, des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg (JVBB), verweist auf zwei unterschiedlichen Perspektiven, nämlich die des Verbands und die des Betroffenen: "Wenn man sieht, wie über den Verdacht berichtet wird, dann trifft das den ganzen DJV über Berlin hinaus." Die Mitglieder könnten von ihren gewählten Vertretern erwarten, "dass wir ihre Gewerkschaft schützen". Auch wenn Lammel sich persönlich gegen den Verdacht wehren wolle, "schützt er den DJV am besten dadurch, dass er sein Amt erst einmal ruhen lässt".

Noch tragbar für das Amt des Vorsitzenden?

Fritsch appelliert an Lammel, sein Schweigen zu brechen: „Ganz allgemein hilft es in der Krisenkommunikation immer, als Betroffener schnell selbst etwas zur Sache zu sagen.“ Zur Frage, ob Lammel noch tragbar im Amt des Vorsitzenden ist, hat der Gewerkschafter eine klare Haltung: „Wenn die Vorwürfe nicht stimmen: natürlich. Wenn aber ein DJV-Landesvorsitzender Informant der Stasi war und das seinen Mitgliedern verschwiegen hat: nein.“

Bei der Bewertung, ob eine Überprüfung aller DJV-Funktionsträger im gesamten Bundesgebiet sinnvoll sei, gehen die Positionen auseinander. Fritsch ist dafür – und zwar im Westen genauso wie im Osten: "Wir haben das alle nicht für nötig gehalten. Jetzt zeigt sich, dass das ein Fehler war. Den müssen wir korrigieren." Fritsch verweist darauf, dass der entsprechende Beschluss des DJV-Gesamtvorstandes auf Bundesebene einstimmig gefallen sei.

"Voodoo für die Öffentlichkeit"

Minhardt hingegen findet das unnötig. Er fragt: "Was soll das, bitte, werden? Ich werde mich weigern, mich überprüfen zu lassen. Ich bin in einem katholischen Internat in München aufgewachsen, das reicht als Überprüfung. Ich habe meine Vorgeschichte." Die vom DJV-Bundesvorstand erhobene Forderung nennt der Gewerkschafter "Voodoo für die Öffentlichkeit" und "echten Kindergartenkram, bloß weil einer von 40.000 Journalisten aufgeflogen ist, der geschwiegen hat". Schon den kompletten Rücktritt des Vorstandes des DJV in Sachsen-Anhalt hält Minhardt für überflüssig.

Der Rundumschlag richte sich "gegen Schuldige und Unschuldige, wenn der Vorsitzende den gesamten Vorstand zum Rücktritt nötigt." Aus seiner Sicht hätte es gereicht, mit jedem Einzelnen zu reden und dann zu entscheiden. "Aber vielleicht geht es dem Vorsitzenden auch um die gleichzeitige Entsorgung kritischer Funktionäre beim DJV Sachsen-Anhalt."

Willkommener Anstoß zu mehr Transparenz

Der Stasi-Debatte kann Minhardt auch eine gute Seite abgewinnen: Es sei richtig, "dass Journalisten endlich über Transparenz reden." Minhardt hofft, dass die Diskussion insgesamt zu mehr Offenheit führt: "Jeder in der Branche kennt die 'Lügenpresse'-Vorwürfe, den Vorwurf, die Medien seien 'gleichgeschaltet'." Jetzt müsse man Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückerlangen: "Wir müssen transparent und ehrlich werden. Es wird Zeit, dass ein Journalist seine Parteizugehörigkeit unter einen Artikel schreibt, wenn er über Politik berichtet. Aus diesem Blickwinkel ist mir die Stasi-Debatte sehr recht."

von Thomas Schmoll

 

Ihre Kommentare
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Hendrik Zörner

21.09.2015
!

Wenn es, wie Klaus Minhardt behauptet, schon vor Jahren Stasi-Vorwürfe gegen Bernd Lammel gab, wäre es seine Pflicht gewesen, sie zu benennen. Bezeichnend ist, dass er auch jetzt nicht konkret wird. Im Übrigen sei erwähnt, dass sich der DJV-Gesamtvorstand, an dem Klaus Minhardt am 14. September teilgenommen hat, einstimmig für eine Stasi-Überprüfung der DJV-Funktionsträger in Ost und West ausgesprochen hat. Dem hat Minhardt nicht widersprochen.


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