"DDR-Witze aus den Geheimakten des BND": Ein ernstgemeintes Buch von Hans-Wilhelm Saure und Hans-Hermann Hertle

22.09.2015
 

Der Bundesnachrichtendienst (BND) sammelte Witze aus der DDR. Unter dem Namen "BND-Operation DDR-Witz" entstand zwischen 1969 und 1990 eine beeindruckende Kollektion von über 400 Witzen. Verschlusssache, streng geheim. Ja, im Ernst. Und weil das Thema ebenso absurd wie spannend ist,

"Willst du in den Westen türmen, musst du eine Botschaft stürmen!", witzelte man 1989 in den Endtagen der DDR. Und tat es wenig später. Damit hatte der politische Witz in der DDR den Sprung in die Realität geschafft, doch taugte er umgekehrt auch zum Orakel? Dieser Frage ging ausgerechnet der Bundesnachrichtendienst (BND) nach, indem er Witze aus der DDR sammelte. Unter dem Namen "BND-Operation DDR-Witz" entstand zwischen 1969 und 1990 eine beeindruckende Kollektion von über 400 Witzen. Verschlusssache, streng geheim. Ja, im Ernst.

Verschlusssache Witz

Und weil das Thema ebenso absurd wie spannend ist, entschlossen sich Journalist und "Bild"-Chefreporter Hans-Wilhelm Saure und Historiker und Geschichtswissenschaftler Hans-Hermann Hertle, einen Teil der Witze in einem Bändchen zu veröffentlichen. Eingeleitet von einem 33-seitigen Essay, in dem die Herausgeber den Witz im historisch-politischen Kontext verorten, erschien vor wenigen Tagen die Kollektion "Ausgelacht. DDR-Witze aus den Geheimakten des BND" im Christoph Links Verlag.

Die Idee zu dem Buch kam Saure im vergangenen Herbst bei den Arbeiten zu dem Echtzeit-Twitterprojekt "25 Jahre Mauerfall". Im Rahmen dieses Projektes - einer Kooperation zwischen dem Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der "Bild"-Zeitung - stieß er auf die Akten des BND und roch Lunte. Er holte sich Hertle an die Seite und die beiden vertieften sich in die Akten.

Helmut Kohl mäßig amüsiert

"Durch dieses Twitterprojekt haben wir die Netze ausgeworfen und darin verfingen sich zunehmend mehr Witze", berichtet Saure. "Einige haben wir natürlich gleich getwittert, den Rest dann zunächst einmal recherchiert. Nun ist der BND nicht bekannt dafür, Journalisten freizügig Auskunft zu geben, aber in diesem Fall wurden unsere Fragen umfassend beantwortet." Sprich: Selbst Hintergrundinformationen der Witze-Akten wurden den Herausgebern zugänglich gemacht. Inklusive eines Briefes, den der damalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schrieb. Im Anhang: die gesammelten Witze des Jahres. Kohl zeigte sich mäßig amüsiert.

Ganz anders das Publikum der Buchpremiere, die jüngst im Besucherzentrum des Berliner DDR-Museums stattfand. Der atmosphärisch arme Raum war bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt, von Menschen aller Alterklassen, vom Säugling bis zum Greis. Nun ist es zweifellos eine besondere Herausforderung, ein Witzbuch zu präsentieren, umso mehr, wenn man selbst kein Komiker ist, dennoch wurde viel gekichert und hin und wieder auch laut gelacht.

Gefängnisstrafen fürs Witzerzählen

Viel spannender als die Scherze selbst waren aber die Gedanken zum "politischen Witz als Bestandteil des nonkonformistischen Alltagskanons totalitärer Systeme", um es mit Hertle zu sagen. In einem Regierungssystem, in dem Menschen für das bloße Erzählen eines politischen Witzes teilweise lange Gefängnisstrafen wegen "Staatsverleumdung" auferlegt bekamen, sei die Bedeutung von Humor als Regimekritik nicht zu unterschätzen, befinden die Autoren. Und berichten von Wanderwitzen und Flüsterwitzen und davon, wie sich anhand der Witzkultur die Entwicklung und der Zustand eines Landes bestimmen lässt.

Darauf, wie die Witze entstanden sind, fanden Saure und Hertle keine Antwort. Gerüchte, dass sie im Parteiapparat der DDR selbst ersonnen wurden, sind ebenso wenig bestätigt, wie die, dass die Witze aus dem Westen in die DDR zur Unterwanderung des Systems eingeschleust worden seien. Sicher ist hingegen, dass es westdeutsche Agenten waren, die die Witze für den BND sammelten - ihnen und den Befragungen Geflohener oder Ausgewiesener verdankt die Bundesrepublik die Sammlung. "Die Namen der Agenten", bedauert Saure, "hat der BND mit Berufung aus Quellenschutzgründen allerdings nicht genannt."

Witze als Druckventil - um Revolutionen vorzubeugen

Doch auch durch dieses Detail haben Saure und Hertle die Arbeit der fleißigen Sammelagenten auf eine höhere Ebene gebracht. In neun Kategorien wie "Weltniveau", "Honecker, die SED und der realexistierende Sozialismus" oder "Wunderwirtschaft" folgen sie der Geschichte eines Landes, in dem der politische Witz ein weit verbreitetes Mittel zur Meinungsäußerung war. Selbst die drakonischen Strafen für das Verbreiten "antisozialistischer Witze" wurden durch die SED-Funktionäre über die Jahre hinweg zunehmend gelockert. "Vermutlich hat man die Witze als eine Art Druckventil gesehen", mutmaßt Saure. "Und geglaubt, wenn die Menschen lachen, bricht keine Revolution aus." Oder eben gerade.

Über das Buch

Hans-Hermann Hertle, Hans-Wilhelm Saure (Hg.)

"Ausgelacht. DDR-Witze aus den Geheimakten des BND"

140 Seiten, Christoph Links Verlag, 10 Euro.

Ihre Kommentare
Kopf

Friedrich Newel

22.09.2015
!

Wenn beim BND Witze gesammelt werden wundert es einen nicht mehr, dass die NSA unsere geheimdienstliche Gurkentruppe wie einen tollpatschigen Tanzbären durch die Polit-Manege treibt. Das ist der eigentliche Witz am BND.


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