Große Namen zum Start: Warum der "Literatur-Spiegel" eine Bereicherung ist

30.09.2015
 

Pünktlich zur Buchmesse führt der "Spiegel" eine neue Beilage zum Heft ein: Von Oktober an liegt der "Literatur-Spiegel" einmal im Monat dem Magazin bei. Mit viel Platz für Literatur und Kultur und mit Meinung. Aufmacher für Oktober sind mit Franzen und Eco große Namen.

In den Feuilletons tümmeln sich zunehmend weniger Buchbesprechungen und die paar, die es gibt, sind Büchern vorbehalten, die ohnehin jeder liest. Perlen entdecken ist selten geworden, Stellung zum Mainstream zu beziehen ein Statussymbol. Die Handvoll Kulturredakteure, die sich als Trüffelschweine im immer größer werdenden und immer weniger rentablen Buchmarkt verstehen, avancieren zur Allmacht. Und sind, was eine Crux sein kann, dabei wahnsinnig wichtig für die Branche.

Mit Ausgabe 40 bekommt die Literatur zumindest im "Spiegel" wieder mehr Raum. Seit Ende September liegt den wöchentlich über 850.000 verkauften Exemplaren des Magazins der "Literatur-Spiegel" bei - als faltbares Farbformat im klassischen Zeitungsstil. Zehnmal jährlich wird er erscheinen und erlaubt einen anderen, hoffentlich weiteren Blick auf die Literaturszene.

Eco versus Franzen

Den Anfang machen große Namen - Jonathan Franzen sinniert in einer Festrede aus 2012 über die Wechselwirkungen von Leben, Erinnern und Erzählen, über Propofol und Apple-Produkte. Ein Thema auch seines neuen Romans "Unschuld", den "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer bespricht. In einem Aufwasch und sachtem Vergleich mit Umberto Ecos "Nullnummer". Beide Romane verbindet die Medienkritik, allerdings wolle Franzen mehr als Eco und erreiche auch mehr, während Ecos neuester Erguss schlicht ein "schwaches Buch" sei. Die ausgewählten Eco-Zitate lassen außerdem auf aufgehübschte Altherrenfantasien mit inzestuösem Anklang und werbewirksame Schwulenmafia-Theorien schließen. Es tut wohl, die über drei Seiten ausgebreitete scharfsinnige Rezension inklusive wenig subtil hineingeflochtenen "Zeit"-Bashings zu lesen, weil es wohl tut, Meinung zu lesen.

Großformatige Rezensionen renommierter Namen

Für die Beilage greift der "Spiegel" auf renommierte und etablierte Autoren und Autorinnen zurück. Die SPON-Kolumnisten Sascha Lobo und Georg Dietz, die Schriftstellerin und Journalistin Elke Schmitter und die Schriftsteller Dirk Kurbjuweit und Daniel Kehlmann rezensieren und philosophieren großformatig zu den Neuerscheinungen des Herbstes, die am Heftrand kaum weniger prominent beworben werden. That's business.

Einen Vorbadruck aus Charlotte Roches kommendem Roman "Mädchen für alles" und ein leicht gekürztes Kapitel aus F. Scott Fitzgeralds "Die Straße der Pfirsiche" addieren unbesprochene Literatur, die wichtigsten Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse aus Belletristik und Sachbuch werden kurz besprochen und auch die machtvollen und gern zitierten Spiegel-Bestsellerlisten gibt es noch. Vielleicht gab die Frustration über den Umstand, dass alle Varianten von Shades of Grey seit Monaten und Jahren diese Listen anführen, den Ausschlag für die neue Beilage - sozusagen als überdeutliches Zeichen dafür, dass der Blick der Republik auf Literatur geschult werden muss? Woraufhin sich die "Spiegel"-Kulturredaktion, allen voran ihr Ressortleiter Lothar Gorris, an die Konzeption der Beilage machten. Vielleicht.

Mehr weibliche Kritiker, bitte!

Unabhängig von den Gründen, denen die Lesenden die neue Beilage zu verdanken haben: Der "Literatur-Spiegel" ist eine Bereicherung. Einziger Wermutstropfen: Bis auf Elke Schmitter sind vornehmlich männliche Kritiker am Werk. Was die paritätische Verteilung der Schreibenden angeht, ist also noch Luft nach oben. Darüber hinaus ist in dem monatliche Kulturkalender für die "Spiegel"-Lesenden alles drin: Neben Literatur gibt es die Rubriken Kunst, Film, DVD/Blue-ray, Theater, Klassik, Pop. Sogar Games. Solange das Hauptheft die Beilage nicht zum Anlass nimmt, den regulären Kulturteil zu kürzen, bleibt ein Dank für mehr Literatur und Kultur in der zunehmend versachlichten Welt der Printmedien.

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