"Bilanz"-Macher Klaus Boldt und Arno Balzer im neuen "Wirtschaftsjournalist": Investigativressorts eine "Seuche", "FTD" sorgte für Verflachung der Branche

 

Wer für die "Financial Times Deutschland" gearbeitet hat, sollte jetzt die Nerven bewahren. Oder diesen Bericht über die Titelstory vom neuen "Wirtschaftsjournalist" (erscheint wie kress auch im Medienfachverlag Oberauer) lieber nicht lesen. Was Klaus Boldt und Arno Balzer, Chefredakteur und Herausgeber von "Bilanz", über die "FTD" sagen,

Wer für die "Financial Times Deutschland" gearbeitet hat, sollte jetzt die Nerven bewahren. Oder diesen Bericht über die Titelstory vom neuen "Wirtschaftsjournalist" (erscheint wie kress auch im Medienfachverlag Oberauer) lieber nicht lesen. Was Klaus Boldt und Arno Balzer, Chefredakteur und Herausgeber von "Bilanz", über die "FTD" sagen, sogar über eine "FTD-isierung" im Journalismus sprechen, wird die früheren "FTD"-Macher um Steffen Klusmann so gar nicht erfreuen.

Seit Mai 2014 gibt es "Bilanz" in Deutschland. Das Wirtschaftsmagazin, das Axel Springer seiner "Welt"-Gruppe (Erscheinungstermin nächste Ausgabe: 2. Oktober) beilegt, führen die erfahrenen Journalisten Klaus Boldt und Arno Balzer. Boldt-Balzer sind langjährige journalistische Weggefährten, davor haben sie es schon beim "Manager Magazin" geschafft, immer wieder Geschichten ins Blatt zu heben, die beispielsweise den Mehrheitseigentümern in Gütersloh überhaupt nicht schmeckten.

Im Gespräch mit "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteur Markus Wiegand nehmen Boldt-Balzer kein Blatt vor den Mund. Klaus Boldt versteht zum Beispiel nicht, warum um die Ende 2012 eingestellte "Financial Times Deutschland" ein "seltsamer Kult" getrieben wird: "Wir hatten viele Bewerbungen von "FTD"-Leuten. Und ich habe mich häufig gefragt, woher die ihr großes Selbstbewusstsein haben. Wegen ihres großen Erfolgs hat man die "FTD" nicht eingestellt."

"FTD-isierung der Branche"

"Wir haben in den vergangenen Jahren eine FTD-isierung der Branche mit einer entsprechenden Verflachung erlebt. Mit Billigkräften ist leider nichts anderes zu erwarten. Das klingt vielleicht fies, ist aber eine Tatsache", so Arno Balzer. Klaus Boldt sekundiert: "Als Arno Balzer und ich in den 80er- und 90er-Jahren eingestiegen sind, war Journalismus eine Wachstumsbranche. Glamourös geradezu. Viele der besten Köpfe wollten in die Medien. Das ist heute anders, verständlicherweise. Leute, die jahrelang in Zeitungen und Magazinen lesen, dass Zeitungen und Magazine zum Tode verurteilt seien, haben wenig Grund, zu Zeitungen und Magazinen gehen zu wollen. Wir spüren, dass es weniger Talente im Journalismus gibt. Und man fragt sich manchmal schon: Mein Gott, warum wird der Journalist, wenn er nicht schreiben kann?". Kleine Notiz am Rande - letzter Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" war Steffen Klusmann, heute Chefredakteur vom "Manager Magazin".

"Schon der Ausdruck investigativ lachhaft"

Von den neu eingerichteten Investigativ-Ressorts vieler Medien halten die beiden erfahrenen Journalisten nichts. "Wir haben auch ein zehnköpfiges Investigativressort: Arno Balzer", sagt Klaus Boldt. Und erklärt, warum er nichts von Investigativ-Ressorts hält: "Schon der Ausdruck "investigativ" ist lachhaft in all seiner Hochtrabenheit. Die Eitelkeit und der Hang zur Selbstbespieglung in der Branche verleiden mir oft den Spaß an meinem Berufsstand." Auch Arno Balzer hält nichts von solchen Einheiten: "Diese Investigativressorts sind tatsächlich eine Seuche. Es ist doch eigentlich ganz simpel: Journalisten sollten sich gute Themen suchen, hartnäckig recherchieren und dann spannend aufschreiben. Diese krampfhafte Suche nach Investigativem hilft nicht weiter: Die Leute sind skandalmüde."

Diese Meinung dürfte im Haus zumindest umstritten sein, erst in dieser Woche hatte Axel Springer schließlich mitgeteilt, dass das "WeltN24"-Investigativteam sein Blog unter dem Namen "investigativ.de" im neuen Gewand präsentiert.

Im Gespräch erklären Boldt-Balzer übrigens stolz, dass sie als "Welt"-Supplement mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren nach dem britischen "Economist" das zweitgrößte Wirtschaftsmagazin Europas verantworten. Laut Klaus Boldt habe der Verlag die Ausgabe mit der Liste der "500 reichsten Deutschen" im September 2014 rund 5000 Mal zusätzlich am Kiosk verkauft: "Aber der Einzelverkauf spielt für uns geschäftlich keine entscheidende Rolle. Wir haben mit der "Welt" ein bärenstarkes Trägermedium."

kress.de-Hinweis: Das ganze Interview ist im "Wirtschaftsjournalist" erschienen. Der "Wirtschaftsjournalist" kann hier im Newsroom.de-Shop bestellt werden. Das Magazin gibt es auch digital im iKiosk.

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