"Tagesspiegel"-Community-Chef Atila Altun: "Manche Nutzer haben sich mit der Zeit radikalisiert"

 

Als Leiter der Community-Redaktion muss Atila Altun dafür sorgen, dass die Leserkommentare auf Tagesspiegel.de nicht aus dem Rahmen fallen. Erstmals spricht Altun in der SWR-Sendung "Leif trifft"

Als Leiter der Community-Redaktion muss Atila Altun dafür sorgen, dass die Leserkommentare auf Tagesspiegel.de nicht aus dem Rahmen fallen. Erstmals spricht Altun in der SWR-Sendung "Leif trifft" über den richtigen Umgang mit bösen Kommentaren, den Schutzmantel der Anonymität und darüber, was den perfekten Community-Redakteur ausmacht.

1500 Kommentare täglich alleine auf Tagesspiegel.de

Von solchen Zahlen konnte man in Zeiten von Leserbriefen nur träumen. 1500 Kommentare gehen tagtäglich auf der Internetseite des Berliner Tagesspiegels ein. Diese vor Veröffentlichung zu sichten und anschließend in sekundenschnelle zu entscheiden, welche für andere Nutzer sichtbar werden dürfen und welche für immer in den virtuellen Papierkorb wandern, ist die Aufgabe von Atila Altun und seinem Team.

Eine anspruchsvolle und manchmal nervenaufreibende Aufgabe - und ein ständiges Vabanquespiel: "Wir versuchen liberal zu sein was den Umgang mit den Kommentaren angeht, denn wir wollen, dass die Nutzer frei diskutieren können. Es ist uns wichtig ab und an provokante Kommentare zuzulassen, damit ein Diskurs zu einem Thema entstehen kann. Gewisse Emotionen lassen wir darum zu. Gleichzeitig darf es nicht zu sehr eskalieren und wenn jemand gegen die Regeln verstößt, greifen wir ohnehin ein. Wir lassen keine aggressiven Kommentare zu, um Klicks zu generieren."

Eigene Meinung darf keine Rolle spielen

Offensichtliche Beleidigungen, verfassungsfeindliche, gewaltverherrlichende, obszöne, pietätlose und menschenverachtende Inhalte sind in der Community des Tagesspiegels verboten. Ebenso wie Kampagnen und Stigmatisierungen aufgrund von Abstammung, Weltanschauung, religiöser Zugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht, sexueller Orientierung sowie sozialem Status. Kommentare, die auf eine pauschale oder persönliche Herabwürdigung abzielen, werden ebenfalls nicht veröffentlicht, heißt es in der Netiquette.

"Social-Media-Redakteure müssen Nachrichtenjunkies sein"

"Viele Leute können nicht nachvollziehen, was der Job des Moderators bedeutet. Innerhalb von Sekunden muss man Kommentare lesen und entscheiden, ob sie ins Forum dürfen oder nicht. Es kann darum auch mal vorkommen, dass man entsprechende Kommentare übersieht und stehen lässt", so Atila Atun gegenüber Thomas Leif. "Social Media Redakteure müssen darum Nachrichtenjunkies sein und ein großes politisches Allgemeinwissen mitbringen. Besonders wichtig ist natürlich, dass sie sich vollkommen frei von ihrer eigenen Meinung machen können. Sobald ich hier moderiere, muss ich so neutral wie möglich sein, was ich persönlich denke, darf keine Rolle spielen."

Im Schutz der Anonymität

Was die Nutzer zu gehässigen Kommentaren veranlasst, seihöchst unterschiedlich, so Atila Altun gegenüber Thomas Leif. "Aktuell sind es Asylbewerberthemen und lokale Fragen wie das Hundeverbot am Schlachtensee." Auch der Bau des Flughafens sei ein Daueraufreger.

"Der sachliche Austausch soll im Vordergrund stehen", sagt Atila Altun, doch er erlebt immer wieder, dass Leser über die Strenge schlagen - geschützt durch ihr Pseudonym unter dem sie teilweise recht hemmungslos agieren. "Für manche Leute ist das Posten von Kommentaren ein Ventil, um Dampf abzulassen und manche haben einfach auch gemerkt, dass sie mehr Reaktionen bekommen, wenn sie ein polemisches Statement posten. Dann sagen sie Sachen, die sie sonst in ihrem Umfeld so nicht sagen würden."

"Beleidigungen und Herabsetzungen gehören nicht zur Meinungsfreiheit"

Sieben bis zehn Prozent aller Kommentare werden von den Social-Media-Redakteuren herausgefiltert. Das kommt nicht bei allen Lesern gut an. "Uns wird vorgeworfen, dass wir die Leute in ihrer Meinungsfreiheit einschränken. Dass Beleidigungen und Herabsetzungen natürlich nicht zur Meinungsfreiheit gehören, akzeptieren manche Leute einfach nicht", erzählt Atila Altun.

Im Internet gibt es sogar Seiten, auf denen Nutzer und Redakteure zu Zielscheiben von Hetzkampagnen und Lästereien werden. Diese zu ignorieren sei der beste Weg mit ihnen umzugehen, so Atila Atun.

"Die Leute zur Besinnung bringen"

"Ich weiß, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Nutzern keinen Sinn macht. Schade ist allerdings, dass es einige Kommentatoren gibt, die sich mit der Zeit radikalisiert haben.Wir versuchen auch manchmal die Leute zur Besinnung zu bringen, bevor sie völlig ausrasten, indem wir sie aktiv anschreiben. Das funktioniert leider sehr selten, aber den Versuch sollte man dennoch wagen." Gerade bei Stammnutzern könne man häufig etwas erreichen. "Wenn jemand, den wir schon länger kennen, mal etwas unter der Gürtellinie liegt, versuchen wir ihn zu kontaktieren. Es kann vorkommen, dass jemand mal einen Wein zu viel getrunken hat oder gerade persönlich in einem Tief steckt, und das sind Aspekte, die wir berücksichtigen."

Am Ende klingt Atila Atun dann doch noch ganz versöhnlich: "Und der Großteil unserer Nutzer ist meistens aucheinsichtig."

kress.de-Service: Das vollständige Interview mit Atila Altun können Sie in der ARD Mediathek nachschauen.

Ihre Kommentare
Kopf

Karl-Erich Weber

02.10.2015
!

"Wir lassen keine aggressiven Kommentare zu, um Klicks zu generieren." Ein hehres Ziel, allein mir fehlt der Glaube. Klicks, also Geld, sind der einzige Grund, warum es Medien im Web gibt.


Kerstin Kitzmann

02.10.2015
!

1500 Kommentare täglich sind eine große Herausforderung für jeden #CommunityManager. Welche Tools setzt der Tagesspiegel für Handling und Answertung ein?


Atila Altun

02.10.2015
!

Liebe Kerstin Kitzmann,
bei Tagesspiegel.de arbeiten wir mit dem Elastic-Social-Tool von CoreMedia, welches wir an unsere Bedürfnisse angepasst haben:

http://www.coremedia.com/web-content-management/ressourcen/videos/elastic-social/-/8404/41002/-/_8ahhao/-/index.html

Freundliche Grüße, Atila Altun


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