Die neue "SpOn"-Kolumnistin Margarete Stokowski: "Ich kann nur schreiben, wenn es dunkel ist"

02.10.2015
 
 

Kolumnistin Margarete Stokowski (29) ist von der "taz" zu Spiegel Online gewechselt. Am 1. Oktober erschien dort zum ersten Mal ihre Kolumne "Oben und unten", in der sie sich mit gesellschaftlichen Machtmechanismen beschäftigen möchte.

Kolumnistin Margarete Stokowski (29) ist von der "taz" zu Spiegel Online gewechselt. Am 1. Oktober erschien dort zum ersten Mal ihre Kolumne "Oben und unten", in der sie sich mit gesellschaftlichen Machtmechanismen beschäftigen möchte. Damit schließt sie bei der Nachrichten­-Website die Lücke, die Silke Burmester im März 2014 gelassen hatte. Margarete Stokowski gilt als eine der streitbarsten Kolumnistinnen der "taz", scheute sich in den 70 Folgen ihrer feministischen Kolumne "Luft und Liebe" nicht vor klaren Worten und Fäkalsprache."Wohin mit den Titten?", fragte sie, schrieb über einen "Laster voller Mädchenkotze", über"Emanzen, die nackt tanzen" oder "Resteficken bei Pegida".

Ihr Text "Kampfplatz mit Brüsten" gehört zu den meist geklickten Texten auf taz.de überhaupt. Sie kritisierte darin die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und ihre Körper. Besondere Kreisezog der Text, weil der Autor Akif Pirinçci auf Facebook gegen ihn und Stokowski hetzte. Facebook deaktivierte daraufhin sein Profil für einen Monat.

Die leidenschaftliche Twitter­-Nutzerin Stokowski ist in Polen geboren und kam im Alter von zwei Jahren nach Berlin. Dort wuchs sie in Neukölln auf, ging aufeine katholische Privatschule und studierte dann an der Humboldt­ Universität Philosophie und Sozialwissenschaft. Heute lebt sie in Berlin­-Kreuzberg und in einer Kommune in Brandenburg. Neben der "taz" schreibt sie auch für Zeit Online, Fluter.de, Missy Magazine und L­Mag.

Mit kress.de spricht sie über ihre Themen, ihren Werdegang, ihr Verhältnis zur "taz" und ihre Erwartungen an Spiegel Online.

Kress.de: Die tageszeitung ohne Margarete Stokowski, geht das?

Margarete Stokowski: Würde schon gehen, wird aber gar nicht passieren. Es wird ein bisschen traurig für mich, die Kolumne nicht mehr in der taz zu haben, aber zeitlich schaffe ich zwei Kolumnen einfach nicht, das wär zu viel. Ich bleibe aber taz­-Autorin. Meine kleinen schmutzigen Sachen werde ich weiterhin dort machen, die taz ist ein sehr guter Ort dafür. Ich gehe nicht im Streit. Sondern mit viel Liebe.

Kress.de: Und wie gehen Sie zu Spon hin?

Margarete Stokowski: Genauso wie ich von der taz weggehe, mit viel Liebe! Wie ich halt so bin. Ich werde einfach weiter das machen, was ich bisher gemacht habe. Nur wird es öfter passieren, nämlich jede Woche, es werden mehr Leute lesen, ich werde mehr Geld kriegen, das scheint mir eine gute Kombi. (lacht)

"Von mir aus werde ich nichts ändern"

Kress.de: Sie sind für Kraftausdrücke und Fäkalsprache bekannt...

Margarete Stokowski: Ich hoffe, nicht nur dafür. Ich schreibe ja nicht nur "ficken" in die Zeitung, weil es witzig ist, sondern weil es erstens hilft, Aufmerksamkeit auf Texte zu ziehen. Zweitens ist es auch gut, Dinge beim Namen zu nennen. Wenn ich wütend bin, sage ich eher "das ist doch scheiße" als "das ist jetzt aber wirklich ärgerlich für mich". Ich bin sehr gespannt, wie das bei SPON laufen wird. Von mir aus werde ich nichts ändern, aber ich gehe davon aus, dass vielleicht ab und zu vorsichtige Rückfragen kommen, ob man das nicht anders formulieren kann. Aber ich werde bestimmt nicht anfangen, im dpa­Stil zu schreiben. Dafür wurde ich ja auch nicht angefragt.

Kress.de: Unter den Spiegel-­Online­-Kolumnisten spricht auch Sibylle Berg feministische und politische Themen an. Fürchten Sie keine Konkurrenz?

Margarete Stokowski: Nein, gar nicht. Themenmäßig überschneiden wir uns gar nicht so sehr, von der Haltung her schon teilweise, aber das stört ja auch keinen.

"'Oben und unten', das kann man verstehen, wie man will"

Kress.de: Was wird Ihr Thema?

Margarete Stokowski: Bisher hatte ich Feminismus als Thema, aber ich erweitere das auf Macht allgemein: Machtverhältnisse, Diskriminierung, Privilegien. Der Kolumnentitel ist "Oben und unten", das kann man verstehen, wie man will. (lacht)

Kress.de: Es herrscht ja ziemlicher Frauenmangel unter den SPON-­Kolumnisten...

Margarete Stokowski: Ja, auch wenn ich jetzt da bin, sind es immer noch zwei Frauen und fünf Männer. Aber das ist auch kein singuläres SPON-­Problem.

Kress.de: Wie schreiben Sie? Wie sieht Ihr typischer Tagesablauf aus?

Margarete Stokowski: Ich stehe morgens auf... nee, stimmt gar nicht! Ich schlafe total lang, stehe mittags auf, bin wahlweise in Berlin oder in Brandenburg, dort lebe ich mit Freunden in einer Landkommune. Den Tag über lese ich Zeitung, spreche Texte ab, schreibe Rechnungen, vereinbare Termine, wasche meine Wäsche und esse, und Nachts schreibe ich. Ich kann fast nur schreiben, wenn es dunkel ist.

"Die 'Zeit' zu lesen, war mein Punk"

Kress.de: Warum schreiben Sie?

Margarete Stokowski: Das war nicht von Anfang an mein Plan. Eigentlich wollte ich Physikerin werden, aber dann habe ich spontan Philosophie studiert. Meine Philosophielehrerin in der Schule hat mich ziemlich geprägt. Sie hatte immer eine ZEIT unter dem Arm, hat uns manchmal etwas davon vorgelesen oder kopiert, da haben wir drüber geredet, also habe ich mit 16 auch angefangen, die ZEIT zu lesen. Zuhause hatten wir fast nie eine Zeitung. Das war mein Punk, dass ich angefangen habe, die ZEIT zu lesen.

Kress.de: Was fanden Sie daran gut?

Margarete Stokowski: Ich fand das irre, dass es überhaupt so etwas wie Feuilleton gibt und dass Leute Texte schreiben, in denen sie sagen: Die Gesellschaft ist so und so. Kommentare und Kolumnen fand ich am krassesten. Ich fand Martenstein so faszinierend! (lacht laut)

Kress.de: Ausgerechnet? Martenstein ist politisch am anderen Ende des Spektrums...

Margarete Stokowski: Ja, total. Heute finde ich furchtbar, was er schreibt. Aber er war der erste Kolumnist, den ich gelesen habe. Ich habe das gelesen und mich gefragt, wie kann man jede Woche so einen Platz in der Zeitung vollschreiben, wie heftig ist das?

Kress.de: Und dann haben Sie selbst angefangen?

Margarete Stokowski: Erst später im Studium. Da habe ich bei der Uni­-Zeitung angefangen, eigentlich eher so aus Spaß. Und Spaß hat es dann auch tatsächlich gemacht und ich bin dabeigeblieben und wurde bald Chefredakteurin bei der Uni­-Zeitung und freie Autorin bei der taz.

"Ich konnte mit dem Begriff 'Feministin' nichts anfangen"

Kress.de: Waren Sie damals schon Feministin?

Margarete Stokowski: Ich komme überhaupt nicht aus einem feministischen Kontext, weder Schule noch Elternhaus. Erst gegen Ende der Uni­-Zeit habe ich Leute kennengelernt, die sich als "Feministin" bezeichnet haben. Das hat mich irritiert, ich konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Das war wie "Sozialdemokratie" oder so: ein abstrakter Begriff, von dem ich damals dachte: Hm, ja, das hat bestimmt mal was bedeutet, aber heute? Keine Ahnung. Dann habe ich angefangen, darüber zu lesen und mich mit Feministinnen angefreundet und gemerkt, dass sich viele Dinge, die passieren, besser erklären lassen, wenn man weiß, dass es so etwas gibt wie Diskriminierungsformen und Machtkonstellationen.

Kress.de: Zum Beispiel?

Margarete Stokowski: Tausende! Wir haben so viele Sachen internalisiert, wo wir denken, das ist normal. Wenn du anfängst, Strukturen zu entdecken, fängst du auch an, Sachen anders zu verstehen. Im Uni­-Seminar dachte ich immer, ich setze mich hin und höre zu, da lerne ich genug, ich muss nicht meine Meinung sagen. Aber irgendwie sind die Leute, die ihre Meinung sagen, alles Männer! Die Frauen sitzen da einfach mit dabei und schreiben mit. Ist das Zufall? Und warum sehen die Mitarbeiter von dem einen Professor so aus wie er? Warum haben sie sogar die gleiche Brille wie er? Das ist kein Zufall.

Kress.de: Wie sind Sie zur taz gestoßen?

Margarete Stokowski: Ich habe im Sommer 2009 an der taz-­Akademie teilgenommen und an einem Theaterkritik-­Workshop von der taz, danach wurde ich freie Mitarbeiterin. Dann habe ich, kurz gesagt, ab und zu mal "Ficken" in einen Text geschrieben, und dann wollten die Leute auf einmal Texte zum Thema Sex von mir haben. Das hat gut gepasst, ich hatte ja auch viel dazu zusagen. Also nicht nur zu Sex, sondern zu feministischen Themen überhaupt. Irgendwann hab ich dann meine eigene Kolumne gekriegt.

Kress.de: "Luft und Liebe".

Margarete Stokowski: Am Anfang hatte ich Angst, dass ich keine Themen finden werde und dass nach fünf Kolumnen alles gesagt ist. Aber das war dann nicht so.

"Ich lese abartig viel Zeitung"

Kress.de: Wie finden Sie Ihre Themen?

Margarete Stokowski: Ich lese abartig viel Zeitung und alle möglichen Nachrichtenseiten und ich diskutiere mit Leuten. Ich lese viel auf Twitter, einen Haufen Blogs. Und dann kommt ein Thema bei raus. Manchmal habe ich zehn mögliche Themen, manchmal ist es schwer eins zu finden.

Kress.de: Schreiben ist für Sie also auch Quälerei.

Margarete Stokowski: Ja, klar, oft. Aber wie jede Arbeit. So einen Kolumnenplatz, den füllt dir keiner, du kannst machen, was du willst, du musst da was hintun. Und wenn dir alles scheißegal ist, du musst trotzdem was reinschreiben. Das ist Arbeit. Auch wenn ich denke, dass das die geilste Arbeit der Welt ist. Manchmal finde ich es absurd, dass ich davon leben kann, meine Meinung zusagen. Und ich darf lange schlafen. Es ist perfekt.

Kress.de: Mit Ihrer Meinung sind Sie oft Ziel von Kritik...

Margarete Stokowski: Ja, klar, ich sage meine Meinung und Leute sagen dann ihre. Das ist im Grunde natürlich okay, und manchmal ist es auch konstruktiv. Aber natürlich gibt es auch Beleidigungen oder Leute projizieren auf mich ihre Vorurteile gegen Feministinnen. Dann denken sie, ich bin für Zensur, ich habe keinen Sex, ich bin total verkniffen. Ich lese das und weiß, ich kann damit gar nicht gemeint sein, das sind so Standardkritiken. Leute denken, ich bin wahnsinnig laut und anstrengend und aggressiv, aber in echt bin ich auf Partys oft die, die am wenigsten sagt, weil ich den Leuten nicht meine Meinung aufdrängen will.

"Monatelang wurde ich genervt von Kachelmann-­Fans"

Kress.de: Was waren denn die krassesten Reaktionen auf eine Kolumne von Ihnen?

Margarete Stokowski: Am extremsten war eine Kolumne relativ am Anfang, wo ich was zu Kachelmann und Vergewaltigung geschrieben habe. Monatelang wurde ich genervt von Kachelmann-­Fans. Das war total unangenehm, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll, auch wenn ich mit Freundeskreis und beziehungsmäßig sehr gut versorgt war und bin. Die Pirinci-Sache, bei meinem Text "Kampfplatz mit Brüsten", war dagegen gar nicht so schlimm. Das war zwar das erste Mal, dass jemand geschrieben hat, dass ich erschossen werden sollte, aber ich hatte nicht konkret Angst, dass jemand vor meiner Tür stehen wird. Insgesamt gibt es aber viel mehr positive Reaktionen als negative. Ich werde meistens eher nach der negativen gefragt, aber die positiven sind mehr.

Kress.de: Wie gehen Sie mit Kritik um?

Margarete Stokowski: Natürlich lese ich mir erst mal durch, was Leute mir sagen wollen, oder ich fange zumindest an. Manchmal antworte ich oder nehme es in einen Text auf. Auf Twitter blockiere ich Leute, die mich zu sehr nerven oder mich nur beleidigen, oder ich schalte sie stumm. Es kann anstrengend sein, immer wieder dasselbe zu hören, aber man lernt mit der Zeit auch, damit umzugehen. Wenn eine Mail kommt mit dem Betreff "Stokowski-­Fotze", dann mache ich mir die halt nicht zum Feierabendbier auf.

Interview: Malte Göbel

 

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