Auszüge aus "Dich kriegen wir weich": Die Stasi-Opfer leiden still

05.10.2015
 
 

Joachim Widmann, Geschäftsführer der Berliner Schule für Journalismus und Kommunikation, hat zum 25. Jubiläum der Deutschen Wiedervereinigung sein Buch "Dich kriegen wir weich": Leben im Unrechtsstaat DDR" über die vergessenen Opfer der DDR neu aufgelegt.

Joachim Widmann, Geschäftsführer der Berliner Schule für Journalismus und Kommunikation, hat zum 25. Jubiläum der Deutschen Wiedervereinigung sein Buch "Dich kriegen wir weich": Leben im Unrechtsstaat DDR" über die vergessenen Opfer der DDR neu aufgelegt. kress.de präsentiert Auszüge aus dem Buch.

Wie alles begann

"Ja, schreiben 'Se mal darüber", brüllte mich ein alter Mann im Herbst 1993 im Frankfurter Kongresshotel an. "Wetten, in ihrem komischen Laden kriegense Ärger schon für die Idee?" Natürlich wollte ich über sein Schicksal schreiben, Jahre im DDR-Knast, üble Haftbedingungen, Stasi-Zersetzung der ganzen Familie. Ich hatte ihn und andere Stasi-Opfer bei einer Veranstaltung der Gauck-Behörde kennengelernt.

Die "Märkische Oderzeitung" (MOZ) hatte durchaus einiges unternommen, um Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen. Ein Redakteur hatte "Täter-Opfer-Gespräche" veranstaltet, andere MOZ-Leute gelegentlich lange Schicksalsberichte über Einzelfälle verfasst. Doch war das Thema heimatlos, hatte weder einen festen Platz in der Zeitung, noch mochte es jemand dauerhaft betreuen. So rannte ich mit der Idee, in einer Artikelserie über Stasiopfer zu berichten, offene Türen ein.

Die 80 Folgen der Serie mussten für dies Buch völlig neu strukturiert werden. Ich habe die Schicksalsberichte mit historischen Hintergründen angereichert, chronologisch und thematisch neu zu einer Collage zusammengestellt, die ein unvollständiges Bild der DDR vermittelt. Unvollständig, weil es durch die Wahrnehmung und das Erinnerungsvermögen meiner Gesprächspartner gefiltert ist. Es ist das Bild der DDR, das sich Opfern vermittelte.

Die Opfer: bis heute ungezählt

Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt. In der Zentralen Erfassungstelle Salzgitter wurden rund 42.000 Fälle registriert: Politische Häftlinge, gescheiterte und umgekommene Republikflüchtige. Nach verschiedenen Schätzungen gab es von Oktober 1949 bis November 1989 in der DDR zwischen 150.000 und 200.000 Verurteilungen in politischen Prozessen. Im Potsdamer Militärarchiv lagern zudem um 100.000 "operative Tagesmeldungen" über Grenzzwischenfälle. Doch repräsentieren diese Zahlen nur einen kleinen Teil der Misere. Im Zuge der Rehabilitierung ehemaliger Strafgefangener sind den zuständigen Juristen immer wieder Fälle untergekommen, bei denen der politische Hintergrund der Urteilsbegründung direkt nicht zu entnehmen ist, aber anhand der Akten der Staatssicherheit nachgewiesen werden kann, dass Volkspolizei, Staatsanwaltschaft und Gericht unter dem Einfluss der SED nur den Anschein erweckten, ein ordentliches Strafverfahren zu führen - dabei war der Tatbestand konstruiert, die Beweise größtenteils falsch: eine politische Intrige gegen den Angeklagten. Zudem wurden viele Menschen ohne Anklage monatelang inhaftiert und unter Druck gesetzt, um ihnen Geständnisse oder Aussagen über andere abzupressen.


Die allermeisten Opfer der Stasi, die als "Feinde" oft jahrelang hinter Gitter kamen, waren einfache Menschen - Menschen, die entweder unbewusst oder gar nur als Vertreter einer bestimmten Klasse oder Gruppierung gegen die sich mit den politischen Vorgaben ständig ändernden "Regeln" verstoßen hatten.

Stasi-Auftrag: "Feindbekämpfung"

In dem Verdacht, ein "Feind" zu sein, stand theoretisch jeder, der sich nicht in der SED engagierte und nicht unablässig seine Zustimmung zu den Zielen der Partei äußerte. Was die Ziele der Partei waren, bestimmte deren höchstes Gremium, das Zentralkomitee, dessen Exekutivorgan, das Politbüro, praktisch allmächtig war.

Die Stasi war das Scharnier zwischen Partei und Staat: Sie besorgte und überwachte die Gleichschaltung aller Lebensbereiche, indem sie Einfluss auf die anderen Parteien, Massenorganisationen, Behörden, Betriebe oder Personen ausübte und Parteien, Organisationen, Behörden, Betriebe und Personen überwachte. Dem diktatorischen Feindbild - "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" - entsprach ihre Arbeitsweise.

Ein West-Journalist wird gefoltert: Das Beispiel Helwig-Wilson

Hans-Joachim Helwig-Wilson, geboren 1931, Journalist und Pressefotograf mit Akkreditierung für Ost-Berlin, SPD-Mitglied, war jenseits der Sektorengrenze genauso zu Hause wie in West-Berlin, wo er lebte. Vor dem Mauerbau bewegte er sich im Osten mit größter Selbstverständlichkeit, besuchte Arbeiterkonferenzen und Feste des sozialistischen Kalenders, baute sich zudem ein Netz von Informanten auf, die ihn oft Inoffizielles über die DDR wissen ließen.

Der Bau der Mauer hatte Helwig-Wilson die Arbeit nicht erschwert: "Ich war ja akkreditiert und konnte jederzeit ohne Probleme über die Sektorengrenze fahren." Auch am 28. August 1961 machte er sich auf den Weg nach Osten. Mit einem Telegramm hatte man Helwig-Wilson nach Ost-Berlin rufen wollen, um ihm ein Angebot zu unterbreiten: "Die sagten, ich solle als West-Berliner Korrespondent für das 'Neue Deutschland' arbeiten." Der Kontakt wurde telefonisch hergestellt, und das "Neue Deutschland" versprach, einen Wagen vorbei zu schicken.

Die dunkle EMW-Limousine, die das "Neue Deutschland" geschickt hatte, fuhr vor. Der Wagen hielt vor einem Tor in der Magdalenenstraße. Hupte dreimal. "Das fand ich etwas seltsam." Das Tor öffnete sich, und der schwere Sechszylinder aus Eisenach schob sich in einen Hof - ein Gefängnishof. Starr vor Überraschung ließ Helwig-Wilson sich aus dem Auto zerren, durch Türen und über Flure führen, bis er in einer Einzelzelle stand. Vor dem Zusperren der Tür fragte er die Männer: "Ist das eine Verhaftung?"

Etwas später wurde der Journalist in einen anderen Raum geführt, in dem er von "etwa zehn Stasileuten" angebrüllt und durchsucht wurde. Er musste sich ausziehen. In Häftlingskleidung kam er wieder in die Zelle. Die Zeit kroch bis zum Abend. Dann begann das erste Verhör. "Da fingen die furchtbar an zu toben."

Bald wurde Helwig-Wilson klar, dass ihm aus vielen seiner Geschichten und Fototermine ein Strick gedreht werden sollte. In 14 Tagen nahezu ununterbrochenen Verhören zählte nicht das Argument, Helwig-Wilson habe nur Pressematerial, keine Geheimnisse im Westen veröffentlicht: "Der Vernehmer hat getobt wie ein Irrer." Schließlich brach der Journalist zusammen. "Ich war völlig am Ende - da unterschrieb ich denn das Geständnis, Agent des Verfassungsschutzes zu sein."

Erst zwei Tage vor seinem Gerichtstermin Ende Februar 1962 erfuhr Helwig-Wilson die Anklagepunkte: "Spionage und schwere Hetze". Die Klageschrift war Bezirksstaatsanwalt Klühsendorf, wie sich anhand von Stasi-Akten nachvollziehen lässt, vom MfS diktiert worden. Gemäß einer handschriftlichen Stasi-Anweisung in der Gerichtsakte, "Strafvorschlag 13/14 Jahre Zuchthaus" wurde Helwig-Wilson zu 13 Jahren verurteilt: Präzise zehn Jahre Zuchthaus für Spionage, drei für Hetze.

Dabei war der Journalist psychisch und physisch schon nach der U-Haft völlig am Ende. Körperlich klagte er über quälende Rückenschmerzen: "Ein Oberleutnant der Volkspolizei war mein behandelnder Arzt. Ohne zuvor eine Diagnose zu erstellen, gab er mir eine Injektion in die Wirbelsäule." Die Injektion warf Helwig-Wilson erst recht aufs Krankenlager: Nach der Spritze konnte er nicht mehr gehen. Obwohl die Behandlung offenbar fehlerhaft gewesen war, sind drei weitere Injektionen notiert worden, jedes Mal gefolgt von Komplikationen.


Helwig-Wilsons Gesundheitszustand wurde so schlecht, dass er dachte, er würde die DDR nie lebend verlassen können. Um sicherzustellen, dass sein Körper als Beweis für die schlechte Behandlung würde dienen können, verfügte er testamentarisch, dass er nicht, wie bei Häftlingen in der DDR üblich, nach seinem Tode verbrannt werden, sondern im Zinksarg nach West-Berlin überführt werden sollte.


Doch es kam anders. Eines Tages wurde er nach Berlin-Friedrichsfelde gefahren, stieg dort in den Wagen eines West-Berliner Rechtsanwalts um, der ihn nach West-Berlin brachte. In West-Berlin kam der Journalist zunächst wieder ins Krankenhaus: "Nach 16 Wochen wurde ich als Pflegefall entlassen".

Fallensteller der Stasi: Wie ein Vertrauter die Grundlage für Helwig-Wilsons Verhaftung schuf

Hinter der Klage steckte Helwig-Wilsons West-Berliner Auftraggeber Michael G., der viele Geschichten Helwig-Wilsons angeregt und honoriert hatte. Michael G. schien ganz unverdächtig. Er war wie Helwig-Wilson SPD-Mitglied, Journalist beim RIAS und für verschiedene Nachrichtenagenturen tätig. Später hat sich G. in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin als Stasi-Agent präsentiert, der mit Wissen des MfS beim westdeutschen Verfassungsschutz gearbeitet habe.

Was der Doppelagent G. damit bezweckt hatte, einen Großteil der von der Stasi zur Klage umgemünzten Geschichten "inoffiziell" bei Helwig-Wilson in Auftrag zu geben, um den Mann dann "offiziell" hochgehen zu lassen, ist fraglich. Erst später hat Helwig-Wilson aus seiner Stasi-Akte erfahren, dass auch die DDR-Journalisten, mit denen er zu tun hatte, MfS-Mitarbeiter waren. "Natürlich hatte ich den Verdacht, dass welche dabei waren. Aber alle ... nein. Einige haben nicht einmal Decknamen, die stehen mit Klarnamen in den Akten."

"Ich habe niemandem geschadet"

Im übrigen habe er niemandem geschadet: Aus Sicht der Opfer ist diese immer wieder von Tätern oder Mittätern vorgebrachte Schutzbehauptung verlogen. Niemand konnte wissen, ob er jemandem schadete, weil die Stasi mit den Informationen, über die sie verfügte, je nach "operativer Lage" und politischer Vorgabe nach Belieben umging. Doch hatten und haben die meisten Opfer weder Kraft noch Mut, gegen die Selbstrechtfertigungen der Täter aufzustehen. Sie leiden still.

Buchtipp: Joachim Widmann: "Dich kriegen wir weich" - Leben im Unrechtsstaat DDR. E-Book-Neuausgabe, mit einem neuen Vorwort des Autors. 10/2015.

 

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