Nico Hofmann im kress.de-Interview: "Der deutsche Fernsehmarkt ist das neue Skandinavien"

06.10.2015
 
 

Mit "Deutschland 83" - zu sehen ab 26. November bei RTL - surfen Ufa Fiction und ihr Chef Nico Hofmann auf einer Erfolgswelle. In den USA schlug die Serie bei Kritik und Publikum ein. Kein Wunder, dass Einkäufer von internationalen TV-Sendern und Video-Plattformen gern Verträge zeichneten.

Mit "Deutschland 83" - zu sehen ab 26. November bei RTL - surfen Ufa Fiction und ihr Chef Nico Hofmann auf einer Erfolgswelle. In den USA schlug die Serie bei Kritik und Publikum ein. Kein Wunder, dass Einkäufer von internationalen TV-Sendern und Video-Plattformen gern Verträge zeichneten. Im Gespräch mit Kress.de äußert sich Mastermind Nico Hofmann über neue Erzählformen, zutiefst deutsche Themen und die internationale Vermarktbarkeit.

kress.de: Herr Hofmann, Serien erfreuen sich seit einiger Zeit zunehmender Beliebtheit. Sind sie die neuen Romane für die Lesefaulen?

Nico Hofmann: Es sind die neuen Romane, in der Tat, aber eben nicht für die Lesefaulen, sondern eben auch für eine sehr gebildete Schicht. Die Begeisterung ist inzwischen überall angekommen, und das verändert die Sehgewohnheiten de Zuschauer. Selbst meine 85-jährige Mutter sieht sie. Die Serien werden bei Netflix konsumiert und staffelweise gekauft.

kress.de: Für Ihre Mutter ist Internet kein Neuland.

Nico Hofmann: Nein, nein, selbst für die ältere Generation ist das Internet kein Neuland mehr. Ich habe das Beispiel angeführt, um zu zeigen, wie stark das serielle Schauen inzwischen in der gesamten Bevölkerungsbreite angekommen ist.

kress.de: Sie sagen, Serien sind beim gebildeten Publikum angekommen. Und ich folgere daraus, die Ansprüche steigen.

Nico Hofmann: Wir erleben ein Publikum, das komplexeren Strukturen folgen will. Wir erleben seit dem Ende der Sommerpause, dass Herz-Schmerz-Stoffe, die immer das Gleiche erzählen, in der Quote heruntergehen. Umgekehrt ist das Publikum bereit, anspruchsvollere Inhalte zu konsumieren. Das hat es früher in dieser Form nicht gegeben.

"RTL geht es um eine qualitative Ausrichtung"

kress.de: Was mich bei "Deutschland 83" wundert, ist der Auftraggeber. Die Serie fühlt sich an, als sei sie mit das Beste, was die Öffentlich-Rechtlichen dieser Tage zu bieten haben.

Nico Hofmann: Als wir die Serie den deutschen Fernsehsendern angeboten haben, war Frank Hoffmann derjenige, der am meisten begeistert war. Das war für uns dann eine klare Entscheidung. Frank Hoffmann sagte mir, die Serie sei genau das, was er sich vorstellt - zumal der Sender in einer programmatischen Neuausrichtung sei. Dazu passt übrigens, dass wir gemeinsam mit RTL den großen Hitler-Stoff entwickeln. RTL geht es im Augenblick um eine qualitative Ausrichtung. Ich nehme sie sehr ernst. Ich glaube auch, dass "Deutschland 83" ein Publikum finden wird. Ich bin sehr glücklich darüber, wie RTL vorgeht - auch in der Promotion.

kress.de: Der TV-Markt hat sich in Deutschland verändert. Das Bezahlfernsehen ist so wichtig wie nie zuvor, und außerdem kommen Streamingdienste wie Netflix oder Amazon ins Spiel. Muss sich das frei empfangbare Fernsehen mehr Mühe geben?

Nico Hofmann: Es gibt schon seit längerer Zeit eine Qualitätsdebatte. Wir sehen, dass die Streamingdienste beim breiten Publikum angekommen sind. Das heißt: Niemand in der Branche kann mehr stehen bleiben. Jeder muss sich überlegen, wie komplex er erzählt. Ich bin auf "Deutschland 83" nicht nur deswegen sehr stolz, weil es das erste Programm ist, das in Amerika lief, sondern auch weil wir mit unserem neuen Erzählentwurf der Game-Changer waren - nicht nur deshalb, weil die Serie von einer Amerikanerin geschrieben wurde. Wir sind übrigens mittlerweile in allen 20 großen europäischen Ländern in der Prime-Time vertreten. Wir sind jetzt Gott sei Dank mal der Zeit zwei Jahre voraus.

"Im Unterschied zu Print profitieren wir von Online enorm"

kress.de: Tatsache ist, dass die Serien ganz anders zum Publikum kommen...

Nico Hofmann: ... als DVD oder auch online. Das hat natürlich Konsequenzen für die Art, wie die Serien konsumiert werden. Das wiederum führt dazu, dass beim Publikum auch neue Bedürfnisse geweckt worden sind. Das begrüße ich sehr.

kress.de: Eine weitere Folge ist, dass Quote neu definiert werden muss.

Nico Hofmann: Sie wird ja angeblich im Laufe des Jahres neu definiert. Die GfK will nach meinen Informationen die Online-Angebote mit einbeziehen. Für uns ist eines ganz klar: Wir sehen bei den Verkäufen von "Deutschland 83", wie stark die Plattform-Verkäufe inzwischen sind. Ein Beispiel: In England laufen wir auf dem Channel 4 auf dem besten Sendeplatz, und additiv sind wir auch auf einer englischen Online-Plattform zu sehen. Die Serie ist dort doppelt verkauft worden. Für die Produzenten ist das ein elementares Zusatzgeschäft. Im Unterschied zu Print profitieren wir vom Online-Geschäft enorm.

"Welches Thema muss im Augenblick am dringlichsten erzählt werden?"

kress.de: Ich unterstelle, dass die Serie von vorn herein für Auslandsverkäufe konzipiert wurde. Muss man den internationalen Markt heutzutage von vorn herein im Auge behalten?

Nico Hofmann: Nein, das stimmt nicht. Die Serie ist gar nicht für den internationalen Markt konzipiert worden. "Deutschland 83" ist für den deutschen Markt gemacht. Das gilt übrigens auch für "Unsere Mütter, unsere Väter" - auch wenn diese Serie inzwischen die erfolgreichste deutsche Serie aller Zeiten geworden ist, weil sie in 140 Länder verkauft worden ist. Und dennoch haben wir uns damals, als die Serie entwickelt wurde, die Frage gestellt: Welches Thema muss im Augenblick am dringlichsten erzählt werden? Auch "Deutschland 83" ist ein klassisch deutsches Programm.

kress.de: Und dennoch liegt die internationale Vermarktbarkeit auf der Hand.

Nico Hofmann: Sehen Sie sich mal das Setting an: Es geht um den deutsch-deutschen Konflikt, eine Spionage-Geschichte, eingebettet in die Weltpolitik. Das ist natürlich zugebenermaßen ein Programm, das fast überall verstanden wird.

kress.de: Genau das meine ich.

Nico Hofmann: Und dennoch ist das ein deutsches Programm, weil "Deutschland 83" ein zutiefst deutsches Thema verhandelt.

kress.de: Aber zwischen "Deutschland 83" und "Unsere Mütter, unsere Väter" gibt es trotz aller thematischer Unterschiede - eine Schnittmenge: nämlich eine formale Brillanz, die es so vorher im deutschen Fernsehen nicht gegeben hat. Die kostet natürlich Geld. Oder anders: Wenn man mit größeren Budgets hantiert, hat man das Ausland doch automatisch im Auge.

"Wir haben an der Qualitätsschraube neu gedreht"

Nico Hofmann: Ich gebe Ihnen Recht, wir haben an der Qualitätsschraube neu gedreht. Wenn man Programm ins Ausland verkaufen will, muss das Produkt Wertigkeit haben. Sie kommen da mit einer trutschigen Fernsehspiel-Ästhetik nicht weiter. Das funktioniert nicht mehr.

kress.de: Das Publikum hat sich gewandelt.

Nico Hofmann: Wir haben inzwischen eine Generation von 35-jährigen Regisseuren, die sehr, sehr gut ausgebildet von den Filmschulen kommen; viele von ihnen kommen auch aus dem Werbe-Bereich. Diese Leute stehen für eine andere Ästhetik, für eine andere Art, wie man Filme macht. Sie sind sehr stark am amerikanischen Kino orientiert, an einer Bildsprache, die weltweit verstanden wird. Dazu kommt, es gelingt viel stärker als früher, internationale Pakete zu schnüren. Nach dem Riesenerfolg von "Unsere Mütter, unsere Väter" und "Deutschland 83" haben wir jetzt ganz andere Möglichkeiten, Verkaufsgespräche zu führen. Wir verhandeln auf Augenhöhe.

kress.de: Deutschland hat den Vorsprung eingeholt, den die Skandinavier hatten.

Nico Hofmann: Ich bin ganz Ihrer Meinung. Der "Independent" meinte kürzlich in einem Leitartikel: Der deutsche Fernsehmarkt ist das neue Skandinavien. Der Artikel bezog sich auf "Deutschland 83" und auf "Unsere Mütter, unsere Väter". Das hat natürlich auch mit dem großen Magnetismus zu tun, den Berlin derzeit ausübt. Denken Sie an den neuen Spielberg-Kinofilm!

kress.de: Weiten wir den Blick: Spielt die deutsche Stärke, wirtschaftlich wie politisch, dazu bei, dass das Interesse am deutschen Fernsehen wächst?

"Berlin zieht magnetisch vor allem junge Leute an"

Nico Hofmann: Da spielt vieles eine Rolle. Deutschland zeigt seit Jahren ein anderes Gesicht, wie man ja an der Art und Weise erkennen konnte, wie die Fußball-WM im eigenen Land gefeiert wurde. Und Berlin zieht magnetisch vor allem junge Leute an. Das Leben ist dort billiger als in anderen Hauptstädten, außerdem gibt es dort eine multikulturelle Szene, intellektuell, auch musikalisch. Dazu kommt, dass in Berlin die vergangene Teilung Europas immer noch spürbar zu erleben ist. Das ist nach wie vor ein Grund, warum sich Amerikaner den Checkpoint Charlie ansehen.

kress.de: Deutschland 83 - das war die Zeit der Nachrüstungsdebatte, die viele krisenhaft erlebt haben. Krisenhaft waren auch die Hitler-Jahre. Was ist neu bei ihrer Miniserie für RTL?

Nico Hofmann: Unsere Serie beruht auf einem Buch von Thomas Weber, der weltweit als einer der führenden Historiker gilt: "Hitlers erster Krieg". Wir wollen folgendes machen: Wir beschreiben, wie Adolf Hitler im Ersten Weltkrieg gesellschaftsfähig wurde - und zwar beziehen wir da sein Umfeld ein. Das ist eine Gesellschaftsanalyse. Den Kontakt zu Thomas Weber hat übrigens noch Frank Schirrmacher gemacht, direkt nach "Unsere Mütter, unsere Väter". Unser Fokus liegt auf der Zeit vor der Machtergreifung.

kress.de: Was arbeitet die Serie bei Hitler heraus?

Nico Hofmann: Wie hat sich Hitler stilisiert? Es geht um eine Psychologisierung einerseits und eine Gesellschaftsanalyse andererseits. Wir werfen einen Blick darauf, mit welchen Mechanismen er sich an die Macht gespielt hat. Wir wollen wissen: Wie konnte es überhaupt zu der Machtergreifung kommen?

"Es ist aber mehr als ein Hitler-Biopic"

kress.de: Und das Danach?

Nico Hofmann: Es wird schon die ganze Geschichte ausdifferenziert, bis zum Untergang. Es ist aber mehr als ein Hitler-Biopic. Es ist eine politische Analyse von knapp 30 Jahren.

kress.de: Das klingt tiefsinnig. Wie kann man das so aufbereiten, dass ein breites Publikum sich dafür interessiert - und es versteht?

Nico Hofmann: Das ist in der Tat tiefsinnig und komplex erzählt. Genau das ist der Grund, warum wir das Projekt machen. Wir haben vier Jahre an den Drehbüchern gearbeitet und haben uns historisch weltweit beraten lassen. Möglich ist diese Ausdifferenzierung deshalb, weil wir eine lange Erzählstrecke haben, wir haben vier lange Fernsehabende. Wir hatten eine herausragende Drehbuch-Arbeit, mit der ich in dieser Form gar nicht gerechnet hatte.

kress.de: RTL ist auf der Suche nach Relevanz.

Nico Hofmann: Ich empfinde das so, dass die Gespräche, die wir führen, unter dem Aspekt Relevanz stehen. Es geht um Authentizität und um die Frage: Was ist wirklich ein Muss? Was muss man gesehen haben, was muss erzählt werden? Eine Eventisierung des Programms funktioniert nur dann, wenn Sie als Zuschauer einen Grund haben zu gucken. Ich habe mich riesig gefreut, dass mich Frank Hoffmann nach dem Erfolg von "Unsere Mütter, unsere Väter" angerufen hat. Er hat gesagt: Ich bin begeistert. Und er wollte mit mir ausloten, wie wir auf einer exzellenten Qualitätsebene zusammenarbeiten können. Der Diskussion bin ich gern gefolgt. Wir werden im Herbst bei "Deutschland 83" erleben, ob die Rechnung aufgeht. Ich bin sehr optimistisch.

Interview: Jürgen Overkott

Hintergrund:

"Deutschland 83" startet am Donnerstag, 26. November, 20.15 Uhr, bei RTL. Die Serie umfasst acht Teile. Regie: Edward Berger, Samira Radsi; Drehbuch: Anna Winger (Idee), Jörg Winger. Darsteller: Jonas Nay, Maria Schrader, Ulrich Noethen, Sylvester Groth, Sonja Gerhardt, Ludwig Trepte, Alexander Beyer, Lisa Tomaschewsky, Godehard Giese, Uwe Preuss u.a. Produktion: Ufa Fiction.

 

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