"Tagesschau"-Chef Kai Gniffke im Interview: "Trolle durch Moderation und couragierte Nutzer stoppen"

 

Die ARD hat den Vertrag mit Kai Gniffke verlängert. Damit bleibt der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell fünf weitere Jahre für die "Tagesschau" verantwortlich. In seinem "Tagesschau"-Blog hat der 54-jährige Frankfurter Reformen für die Mutter aller deutschen Fernsehnachrichten angekündigt.

Die ARD hat den Vertrag mit Kai Gniffke verlängert. Damit bleibt der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell fünf weitere Jahre für die "Tagesschau" verantwortlich. In seinem "Tagesschau"-Blog hat der 54-jährige Frankfurter Reformen für die Mutter aller deutschen Fernsehnachrichten angekündigt. kress.de hakte bei Kai Gniffke nach:

kress.de: Mit Blick auf die Quote fällt auf, dass die "Tagesschau" selbst bei der schwerst umkämpften Zielgruppe 14 bis 49 immer noch sehr respektable Marktanteile einfährt. Dennoch kündigen Sie Veränderungen an. Warum?

Kai Gniffke: Auch für die "Tagesschau" gilt das Pfadfindermotto "Be prepared". Natürlich werden wir unsere Sendungen im Fernsehen so stark wie irgendmöglich halten. Aber wir müssen jederzeit vorbereitet sein auf eine Veränderung des Nutzungsverhaltens, wenn wir unserem Auftrag gerecht werden möchten, alle gesellschaftlichen Gruppen unabhängig von Alter und Einkommen zu erreichen. 

Die Mediatheken werden immer wichtiger

kress.de: Sie sprechen davon, dass sich die Mediennutzung des Publikums verändert habe. Was heißt das für die "Tagesschau" in der Mediathek und die "Tagesschau in 100 Sekunden"?

Kai Gniffke: Die Nutzung von Fernsehsendungen über Mediatheken wird eine immer größere Bedeutung bekommen. Generell werden jederzeit abrufbare Formate wie z.B. die "Tagesschau in 100 Sekunden" auf verschiedenen Plattformen mehr Nutzer erreichen als früher. 

kress.de: Sie kündigen an, dass die "Tagesschau" stärker als bisher soziale Medien berücksichtigen will. Droht eine Twitterisierung der Nachrichten?

Kai Gniffke: Es wird weiterhin Nachrichten geben, die länger sind als 140 Zeichen, denn der Trend geht hin zu mehr Erklärung und Einordnung. Zugleich bekommen soziale Medien insbesondere bei jüngeren Menschen eine immer größere Bedeutung als Plattform für Nachrichten. Wenn wir auch junge Menschen mit relevanten Nachrichten versorgen wollen, müssen wir sie dort anbieten, wo sie von jungen Nutzern nachgefragt werden. 

kress.de: Die sozialen Netzwerke haben das Nachrichten-Karussell beschleunigt. Wie lassen sich heutzutage Internet-Filmchen verifizieren? 

Kai Gniffke: Es hat aus meiner Sicht keine Beschleunigung durch die sozialen Medien gegeben, denn schon seit vielen Jahren produzieren wir Nachrichten in Echtzeit, sei es online oder bei tagesschau24. Durch die sozialen Medien ist aber die Fülle des Materials rasant gestiegen, das mittlerweile von nahezu jedem Punkt der Erde verfügbar ist. Hier gilt es, nicht der Versuchung zu erliegen, mit jedem Bild der erste sein zu wollen. Wir müssen unsere journalistischen Standards halten d.h. jedes Bild sorgfältig prüfen und im Zweifelsfall auch mal auf die Verwendung zu verzichten. 

Die Sprecher werden wichtig bleiben

kress.de: Die Marke "Tagesschau" wird auch bei Twitter und Facebook gepflegt. Wie gehen Sie mit pöbelnden Trollen um? 

Kai Gniffke: Hier haben wir klare Regeln für den Diskurs auf diesen Plattformen. Dabei gilt es, die Einhaltung dieser "Netiquette" durch eine konsequente Moderation durchzusetzen. Dann stellt sich nach und nach der Effekt ein, dass die anderen Diskussionsteilnehmer auf diesen Plattformen auf die Qualität achten und pöbelnden Trollen die Grenzen aufzeigen.

kress.de: Seit Mai 2012 gibt es den Nachrichtenkanal Tagesschau24. Hat er sich in der Internet-Ära überlebt? 

Kai Gniffke: Das glaube ich nicht. Noch immer ist das Fernsehen das am stärksten genutzte Medium.

kress.de: Doch zurück zur Mutter aller Fernsehnachrichten. Schon jetzt verschwinden die Nachrichtensprecherinnen und -sprecher in riesigen Bildern - und künftig wollen Sie sogar noch mehr auf die Macht der Bilder setzen. Sind Sprecher bald überflüssig? 

Kai Gniffke: Die Sprecherinnen und Sprecher verschwinden nicht in großen Bildern. Die Bilder unterstützen die Textinformationen des Präsentators und tragen dadurch zu journalistischer Präzision bei. Insofern werden Sprecher nicht überflüssig.

In der "Tagesschau" wird es keine Studiogäste oder Interviews geben

kress.de: Schon jetzt präsentieren die Hauptnachrichten des Fernsehens zu den Nachrichten Hintergründe und Fallbeispiele. Muss die "Tagesschau" noch magaziniger werden? 

Kai Gniffke: Mehr Erklärung, Einordnung und Hintergrund bedeuten keine Entwicklung hin zu einem Magazinformat. Die "Tagesschau" bleibt die geradlinige Aufbereitung der wichtigsten Ereignisse des Tages. Dazu bedarf es keiner Studiogäste oder Interviews. Die Tagesschau behält ihren gewohnten Charakter.

kress.de: Während das Nachrichten-Angebot explodiert, wollen Sie weniger Themen in der "Tagesschau" behandeln. Werden wir künftig weniger vorfahrende Staatskarossen und weniger Gruppenbilder mit grinsenden Politikern sehen? 

Kai Gniffke: Die leichte Reduzierung der Anzahl der Themen hat kaum Einfluss auf die Bildauswahl. Staatskarossen und Gruppenbilder von Politikern bleiben die Ausnahme - so wie in der Dienstag-Ausgabe der Tagesschau.

kress.de: Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Wie sieht der "Tagesschau"-Kosmos in fünf Jahren aus? 

Kai Gniffke: Das wüsste ich selber gerne. Ich bin sicher, dass auch in fünf Jahren die "Tagesschau" ihren heutigen Charakter nicht verloren haben wird. Daneben wird es aber sicher auf verschiedenen Plattformen so wie heute Beiboote zum Flaggschiff geben, die sich von der Anmutung und der Ansprache her von der Hauptausgabe der "Tagesschau" unterscheiden.

Zur Person

Kai Gniffke (geboren am 20. November 1960 in Frankfurt am Main ) ist ein promovierter Politikwissenschaftler . Der Nachrichtenmann ist seit 2006 Chefredakteur von ARD-aktuell und damit verantwortlich für "Tagesschau" und "Tagesthemen". Gniffkes Vertrag wurde soeben um fünf Jahre verlängert.

Die ARD-Nachrichten

Die "Tagesschau" wird von ARD-aktuell in Hamburg produziert. Im Fernsehen läuft die Nachrichtensendung mehrmals täglich. Die größte Reichweite hat sie mit der täglichen 20-Uhr-Ausgabe. Die Hauptausgabe ist nicht nur im Ersten, sondern auch in fast allen Dritten sowie bei Phoenix, 3sat, einsfestival, Phoenix, tagesschau24 und ARD-alpha zu sehen. Außerdem gibt es einen Livestream im Netz ("tagesschau.de") sowie eine Kurzausgabe mit dem Titel "Tagesschau in 100 Sekunden".

Nach Angaben des NDR hat die 20-Uhr-Ausgabe im vergangenen Jahr täglich 80.000 Zuschauer hinzugewonnen. 8,95 Millionen Zuschauer(inn)en (2013: 8,87 Mio.) waren im Durchschnitt dabei, das entspricht einem Marktanteil von 32,0 Prozent (2013: 31,8 Prozent). Auch beim jüngeren Publikum bleibt die "Tagesschau" laut NDR Spitze: 1,75 Millionen Zuschauer gehören zur Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. Das entspricht einem Marktanteil von 18,3 Prozent. Auch hier hat die "Tagesschau" den Angaben zufolge hinzugewonnen.

Die "Tagesschau" ist die älteste deutsche Fernsehnachrichten-Sendung. Sie startete offiziell am 26. Dezember 1952.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.