Filmagentin Elke Brand: "Wir brauchen mehr "Tatort"-Regisseurinnen!"

15.10.2015
 
 

Mehr Mut bei den Fernsehverantwortlichen fordert die Hamburger Filmagentin Elke Brand. In einem Gastkommentar für kress.de kritisiert sie, dass Frauen in der Regie von fiktionalen Formaten wie dem "Tatort" oder dem Mittwochsfilm chronisch unterbesetzt seien.

Mehr Mut bei den Fernsehverantwortlichen fordert die Hamburger Filmagentin Elke Brand. In einem Gastkommentar für kress.de kritisiert sie, dass Frauen in der Regie von fiktionalen Formaten wie dem "Tatort" oder dem Mittwochsfilm chronisch unterbesetzt seien. "Eine 20-Prozent-Quote reicht nicht, mutig und fair ist einzig eine 50:50-Quote", so Elke Brand.

Brand, seit mehr als 15 Jahren Geschäftsführerin der Medienagentur scripts for sale in Hamburg, ist nach der ersten Freude über die 20-Prozent-Quote mehr als ernüchtert. Die ARD-Granden hätten es versäumt, ein deutliches Zeichen zu setzen. Dass Frauen keine Krimis können würden, sei ein verheerendes Vorurteil.

Elke Brand: "Fatales Versäumnis"

Dies ist schlichtweg Diskriminierung und ein fatales Versäumnis im Bereich der Diversity unserer Gesellschaft. Insbesondere die Medien sollten für ein realistisches Abbild der Gesellschaft sorgen. Mit einer bisher vorherrschenden Männerdomäne im Regiebereich kann dieser Auftrag bisher nicht genügend visiert worden sein.

Fest steht: Die Regie-Frauenquote wird den Fernsehproduktionen gut tun. Es wird die Fernsehlandschaft für den Zuschauer bereichern, weil Frauen andere Sichtweisen und Schwerpunkte mitbringen und eine eigene Ästhetik in ihre Werke legen. Es darf in der Beurteilung von Regiearbeit kein gut oder schlecht anhand der Geschlechter vorherrschen. Die durchweg aufzufindende Unterbesetzung der Frauen ist nur ein Beweis dafür, dass der gute Wille allein nicht ausreicht, um für eine Gleichberechtigung an dieser Stelle zu sorgen.

Mutig und fair wäre eine 50:50-Quote gewesen

Als erstes Zeichen sieht die ARD das Ziel von 20 Prozent der reinen Frauen-Regie von fiktionalen Formaten, ein rechnerisch zu klein gesetztes Ziel. Es liest sich nett und engagiert, aber mit diesem Beschluss lässt man weiterhin auf 5 Filmköpfe nur eine Frau kommen. Mutig und fair wäre ein direkter Schritt zu einer 50:50-Quote gewesen. Es hätte gezeigt, dass die Fernsehmacher an die Qualität und den Bedarf der weiblichen Note unbeirrbar glauben. Es finden sich unzählig viele kreative Regisseurinnen in Deutschland und anderen Ländern, daher ist der Beschluss eine Freude und Ernüchterung zugleich.

Es wirkt beim genauen Hinsehen gar fast, als trauen sich die Sender zwar den ersten Schritt, aber nicht den Appell für eine absolute Gleichberechtigung zu. Möglicherweise bleibt der interne Verdacht, dass Männer die besseren Filme machen. Als Filmagentin kennt man die Mythen und Klischees der Fernsehmacher. Oftmals hört man von einem prägenden Vorurteil: Frauen können keine Krimis! Ein verheerendes Urteil, das die Frage aufwirft, wie so ein Urteil überhaupt entstehen konnte, wenn Regisseurinnen in der Fernsehgeschichte stetig der Männerdominanz gegenüber standen. Wohl eher hatten sie bisher nie die Chance, ihre Qualität und ihren Ideenreichtum alleinig einzubringen.

Über alle Besetzungen sollte allein die Qualität entscheiden

Letztlich stellt sich die Frage: Ist die Vielfalt unserer Gesellschaft mit einer Frauenquote wirklich abgedeckt, steckt hinter dem Begriff der Diversity doch allerhand Vielfalt der Kulturen, im Geschlecht, der Herkunft, der Religion oder sexuellen Identität. Eine Quote für alle Wesensbereiche, die mitunter zur Privatsphäre zählen, wäre ein trauriges Bekenntnis unserer Gesellschaft. Über alle Besetzungen sollte allein die Qualität entscheiden, nicht das Alter oder das Geschlecht. An diesem Punkt der freien und vorurteilslosen Beurteilung ist die Gesellschaft scheinbar noch nicht angekommen - eine Quote ersetzt den guten Willen. Ob sich durch einen künstlich erstellten Ausgleich eine Neutralität in den Köpfen herstellt, ist eine andere Frage.

Die Konkurrenz zwischen Mann und Frau wird gerechter

Im nächsten Schritt können sich Frauen nun auf dem Regiestuhl beweisen und hoffentlich den Fokus nicht nur auf Regisseurinnen, sondern auch auf Kamerafrauen und Autorinnen stärker lenken. Die Branche wird sich zunehmend mit Filmen von Frauen beschäftigen, die Presse kann verstärkt darüber berichten und die Qualität durchleuchten.

Die Konkurrenz zwischen Mann und Frau wird durch die eingeführte Regiequote folglich nicht stärker, nur gerechter. Man darf hoffen und beobachten, ob sich die Anerkennung und Wertschätzung beider Geschlechter auf das jeweilig andere übertragen lassen. Im besten Falle eine win-win-Situation.

von Elke Brand

 

Ihre Kommentare
Kopf

Keumel

16.10.2015
!

Obwohl niemand kommentiert, haben Sie generell total Recht Elke Brands. Was für furchtbar dämliche Klischee-Rollen bekommen zB Schauspielerinnen in D? Oft Staffage von Männern, leidend, dämlich, Objekt. Selten stark, taff, toll. Wozu die GRAUENHAFTE Altherren-Phantasie v. Siegfried Lenz im ZDF? Oder Dr. Ackeren/BR auf Castingnetwork: ...denn Grund d. Besetzung könnte sein, dass der Regisseur eine Nacht zu viel mit der Darstellerin verbracht hat. BEENDET DAS! Raus mit solchen Regisseuren. SOFORT.


Frauke

18.10.2015
!

Frau Brand argumentiert richtig. Warum soll eine Frau keinen Krimi drehen können? Das Problem ist nur, dass die alten Männerseilschaften in der ARD immer noch so gut funktionieren, dass für kluge Frauen kein Platz ist.


Lutz

19.10.2015
!

Wie hoch ist denn generell der Anteil der Frauen im Bereich Regie?
Eine 50:50 Quote macht doch nur Sinn, wenn sich diese Gewichtung auch im Berufsbild generell wiederfindet - ansonsten bleibt die Gerechtigkeit definitiv auf der Strecke. Es wäre schön, wenn Frau brand hierzu einmal etwas sagen würde und auch die entsprechenden Zahlen liefern könnte.
Es wäre aber wünschenswert, wenn die Auswahl nach Qualität erfolgen würde und nicht nach Quote. Das sollte übrigens im Interesse aller sein.


Elke Brand

Elke Brand

scripts for sale Medienagentur GmbH
Geschäftsführerin

30.10.2015
!

Rund 40 % der AbsolventInnen an Filmhochschulen sind weiblich. Laut Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst sind 34 % der in Deutschland arbeitenden RegisseurInnen weiblich.
Auf dem deutschen Kinospielfilm-Markt sind Regisseurinnen mit 22 % im Vergleich zu den 11 % Anteil in fiktionalen Fernsehfilmen des öffentlich- rechtlichen Rundfunks doppelt so stark vertreten. Im hohen Budget der Kino-Spielfilme ab 5 Mio. Euro sinkt der Regisseurinnenanteil auf rund 10 % ab.


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