Deutscher Journalisten-Verband erneut unter Druck: Noch ein Stasi-Skandal - Vize-Vorsitzender tritt zurück

 

Was ist nur beim Deutschen Journalisten-Verband los? Erneut wird der Verband, der eigentlich Medienmacher repräsentieren und sich für sie einsetzen soll, von einem Stasi-Skandal erschüttert. Nach den Enthüllungen um Bernd Lammel, Vorsitzender vom DJV Berlin, trifft es nun den DJV Berlin-Brandenburg: Bernd Martin, der dort stellvertretender Vorsitzender ist, wurde von der Stasi als "IM Rene" geführt. Das meldet "Bild".

Was ist nur beim Deutschen Journalisten-Verband los? Erneut wird der Verband, der eigentlich Medienmacher repräsentieren und sich für sie einsetzen soll, von einem Stasi-Skandal erschüttert. Nach den Enthüllungen um Bernd Lammel, Vorsitzender vom DJV Berlin, den die Stasi als "IM Michael" führte (laut Unterlagen der Jahn-Behörde spionierte "IM Michael" den britischen Botschafter, Journalisten und Künstler, Fotokonzerne und den Ullstein-Bilderdienst aus), trifft es jetzt den DJV Berlin-Brandenburg:  Bernd Martin, der dort stellvertretender Vorsitzender ist, wurde von der Stasi als "IM Rene" geführt. Das meldet "Bild". Im Gegensatz zu Bernd Lammel erklärte Bernd Martin seinen Rücktritt - der "Bild" gegenüber am Telefon.

Die Journalistenverbände in Berlin und Brandenburg gehören schon seit Jahren zu den "Problemfällen" im DJV. Gleich drei Organisationen, die sich auf den DJV berufen, buhlen um Mitglieder - da ist der Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB, Vorsitzender: Alexander Fritsch; Geschäftsführer: Michael Rediske) mit Sitz in der Charlottenstraße 80 in Berlin; der DJV Berlin (Vorsitzender: Bernd Lammel, den die Stasi als "IM Michael" führte, Geschäftsführer: André Gählert) mit eigenen Räumlichkeiten in der Alten Jakobstraße 79/80 und der DJV Berlin-Brandenburg (Vorsitzender: Klaus D. Minhardt, stv. Vorsitzender: Bernd Martin, gemeinsam bilden sie den Geschäftsführenden Vorstand) mit Briefanschrift Postfach 1146, 79546 Weil am Rhein und Hausanschrift DJV Berlin-Brandenburg e.V:, c/o medienPUNKTpotsdam, Hessestr. 05, 14469 Potsdam.

Was für ein Irrsinn, könnte man sagen, drei Landesverbände in der Hauptstadt, die für die Rechte von Journalisten kämpfen wollen - von der Verschwendung, gleich dreimal die selben Ressourcen vorrätig zu halten, ganz zu schweigen.

Vier sind ein Trend

Zuerst war "Bild"-Chefreporter Hans-Wilhelm Saure im Juni beim Journalistenverband Berlin-Brandenburg auf ein Stasi-Mitglied gestoßen. "IM Helene" war ehrenamtlich Mitglied im Aufnahmeausschuss vom JVBB. Sie gab ihre Verpflichtung zu, sagte, dass sie aber niemanden geschadet habe, legte ihr Amt nieder und zog sich aus dem Verband zurück. 

Anfang September trat der gesamte Landesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) in Sachsen-Anhalt zurück. Der DJV-Landesverband reagierte damit auf Berichte von "Bild"-Chefreporter Saure, der mehreren Vorstandsmitgliedern eine frühere Mitarbeiter bei der DDR-Staatssicherheit nachgewiesen hatte. Auch der Vorsitzende des DJV-Sozialwerkes von Thüringen legte nach den Stasi-Enthüllungen der "Bild" sein Amt nieder.

Mitte September enthüllte RBB-Enthüllungsjournalistin Gabi Probst, dass Bernd Lammel bei der Stasi als IM "Michael" geführt wurde. Während führende DDR- und Stasi-Experten Lammels sofortigen Rücktritt als DJV-Berlin-Vorsitzender forderten, der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken erklärte, Bernd Lammel möge sein Amt ruhen lassen, teilte Lammel nach Tagen des Untertauchens den DJV-Berlin-Mitgliedern schriftlich mit: "Ich habe niemals für das MfS gearbeitet oder mich bereit erklärt, diesem Informationen zu liefern." Lammel ist noch heute noch im Amt.

An diesem Donnerstag enthüllt nun "Bild"-Chefreporter Hans-Wilhelm Saure in seinem Bericht "Neuer Stasi-Skandal im Journalisten-Verband", dass Bernd Martin, stellvertretender Vorsitzender vom DJV Berlin-Brandenburg, als "IM Rene" für die Stasi spioniert habe. 

Saure schreibt: "Der heutige verantwortliche Redakteur von 'Potsdams andere Seiten', einer Monatszeitung des Kreisvorstands Potsdam der Linkspartei, verpflichtete sich am 14. April 1965 als inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen 'Rene'. Sein Verrat brachte Menschen in der DDR sogar ins Gefängnis. In einem Stasi-Vermerk vom 21. Juli 1969 heisst es: 'Der IM entwickelte in der bisherigen inoffiziellen Zusammenarbeit eine zuverlässige Aktivität. Mehrere von ihm entwickelte Vorgänge bzw. Materialien konnten mit Inhaftierungen abgeschlossen werden.' IM 'Rene' verriet der DDR-Geheimpolizei laut Akten am 24. August 1965 die Flucht dreier Freunde. Zur Wahrung seiner Konspiration nahm er selbst an dem Fluchtversuch teil und erhielt eine Bewährungsstrafe. Zwei der gefassten Mitflüchtlinge dagegen bekamen Haftstrafen von 26 Monaten und von 22 Monaten", so Hans-Wilhelm Saure in "Bild".

Am Telefon erklärte Bernd Martin der "Bild"-Zeitung: "Ich stelle nicht in Abrede, dass ich für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet habe. Heute sehe ich diese Tätigkeit ganz anders als früher." Weitere Äußerungen zu seiner Akte machte er im Telefonat mit "Bild" nicht, erklärte aber seinen Rücktritt als stellvertretender Vorsitzender vom DJV Berlin-Brandenburg. 

Bernd Martin war für eine Anfrage unserer Redaktion nicht erreichbar.

kress.de-Einordnung

Die erneute Enthüllung zeigt, wie wichtig es war, dass der DJV-Bundesvorstand frühzeitig die Verantwortlichen auf allen Ebenen im DJV aufgefordert hat, sich an die Stasi-Unterlagenbehörde zu wenden und Auskunft über möglicherweise vorhandene Akten zu verlangen. Einige Landesverbände wehren sich mit Händen und Füßen gegen den Beschluss, der nur von den Personen selbst beantragt werden kann. Halten sie an ihrer Sichtweise fest, dass die geforderte Überprüfung ein "Skandal" sei, bleibt für den Gesamtvorstand tatsächlich nur ein möglicher Schritt. In diesen Tagen ist Michael Konken gefordert, der in Geheimdiplomatie schon seit Tagen um den Ruf "seines" DJV kämpft. Überlässt er den Fall IM "Michael" seinem möglichen Nachfolger, wird sein jahrelanges Engagement für Journalisten in Deutschland überschattet von einem Makel, den Konken schlichtweg nicht verdient. Daran sollten Stasi-Spione denken, die lieber um ihr liebgewordenes Ehrenamt kämpfen, als einmal darüber nachzudenken, welche Schande sie diesem Berufsstand machen.

Ihre Kommentare
Kopf

Thomas Honisch

15.10.2015
!

Ja, die Buchstaben MfS waren unter der Hand schon damals eine Abkürzung: "Mich Fickts Ständig". Allerdings wusste damals noch niemand, dass ihm das Anschwärzen von Mitmenschen einmal so auf die Füße fallen würde.
Als ich 1985 vom MfS angeworben werden sollte, habe ich mich fast zwei Stunden von zwei Mitarbeitern vollabern lassen. Als sie endlich merkten, dass ich nicht spitzeln wollte, bin ich mit den Worten gegangen: "Ich habe zum Langohr kein Talent." Das war dann meine "Stasi-Karriere".


Thomas Honisch

15.10.2015
!

Wenn jetzt zwei Langohren wegen ihrer Charakterschwäche den Job einbüßen, dann könnte ich doch in den DJV nachrücken. Ich habe eine weiße Weste (immer mit Spee gewaschen), habe den Anwerbern widerstanden, war 25 Journalist und nun seit 3 Jahren ohne Job (Arbeitsplatz). Ich fürchte allerdings, dass ich wegen meiner Aufrichtigkeit den Platz keine zwei Tage habe, wenn ich den Seilschaften jns Handwerk pfusche. Mein Tipp: Alle rauswerfen und gegen vernünftige Leute ersetzen. Ich bin bereit.


Ulf J. Froitzheim

15.10.2015
!

Falls es jemanden interessiert, warum es drei DJVs in der Hauptstadtregion gibt:
http://wp.ujf.biz/?p=52736


Markus

18.10.2015
!

Es hat etwas mit Anstand und Restwürde zu tun, dass alle DJV-Funktionäre sich selbst überprüfen lassen. Und zwar möglichst schnell, auch diese seltsamen Leute aus dem Ländle und Hessen, die sich weigern. Und "IM Michael" und seine Gang sollte einmal besser schnell zurücktreten. Möchte nicht wissen, was dabei herauskommt, wenn man im DJV Berlin ein wenig mehr nachforscht. Eine Schande für den Berufsstand!


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