Amazons eBook-Plattform Kindle Singles: Verwirrte Verlage, verhaltene Lesende

16.10.2015
 

Zwischen Selfpublishing und Beinahe-Selfpublishing: Amazons Kindle-Singles sollten den deutschen Buchmarkt revolutionieren. Eine Bedrohung für den Buchhandel sein und eine Chance für Autorinnen und Autoren.

Zwischen Selfpublishing und Beinahe-Selfpublishing: Amazons Kindle-Singles sollten den deutschen Buchmarkt revolutionieren. Eine Bedrohung für den Buchhandel sein und eine Chance für Autorinnen und Autoren. Zwei Jahre nach der Markteinführung wird das Konzept der eBook-Singles noch immer nicht von der Zielgruppe angenommen.

Zu Zeiten der Schallplatte waren Singles nicht nur Verkaufsanreiz für die Alben, aus denen sie ausgekoppelt waren, sie waren auch Sammlerstücke und wiesen als solche echte Fans aus. Zeitgleich waren sie Massenware und schufen durch hohe Verkaufszahlen Stars. Dass Amazon seine eBook-Plattform Kindle Singles bei der Gründung 2011 in den USA ausgerechnet nach diesem magischen Tonträgerformat benannte, klang nach großen Zielen und großen Versprechungen. Und, vor allem, nach einer guten Verkaufsidee.

Cover sind die halbe Miete

Im Gegensatz zur Selfpublishing-Plattform Kindle Direct Publishing, auf der jeder Mensch mit ein paar Klicks zum Selbstverleger werden kann, folgen die eBooks des Single-Formates strikteren Vorgaben - so müssen sich Autorinnen und Autoren beispielsweise um einen Platz im Programm bewerben oder werden gar bei Fremdverlagen eingekauft. Dafür gibt es ein verlagsähnliches Lektorat, exponierte Werbung und, wie mantramäßig betont wird, ein professionelles Cover. Cover, das wissen Buchmenschen, Cover sind die halbe Miete. Der Inhalt, der Anspruch, selbst Grammatik und Rechtschreibung sind, gerade im Selfpublishing-Bereich, nachrangig. Besonders wenn es sich um Thriller, Krimis, Fantasy oder Erotik handelt, wird gekauft. Selfpublishing folgt dem Gesetz der Masse. Masse ist Popularität, Masse bedeutet Umsatz.

Zwischen Selfpublishing und Fast-Selfpublishing

Das hat auch der umstrittene Branchenriese Amazon erkannt und ging 2013 mit den Singles auch in Deutschland an den Start. Im Gegensatz zu den USA und Kanada allerdings gelten Kurzgeschichten und Erzählungen hierzulande als beinahe unverkäuflich. Kindle Singles nun bietet diesen vom Markt vernachlässigten Kurztexten ein Zuhause. Will einen professionell wirkenden Zweig des digitalen Selfpublishing etablieren, ohne dabei Selfpublishing zu sein. Die Texte: Kurz und knackig bestenfalls, zwischen 5000 und 30.000 Wörter lang, Erzählung oder Novelle, Ratgeber oder Reportage, Fiction oder Non-Fiction.

Abverkauf in kleinen Häppchen

Auf der deutschen Plattform kostet eine "Single" zwischen 99 Cent und maximal 1,99, davon gehen 70 Prozent direkt an die Urheber, die auch die Rechte am Werk behalten. Das klingt zunächst nicht schlecht, doch bei näherem Hinsehen lohnt sich die Sache finanziell vor allem für Amazon und für Megaseller wie Stephen King, Kathy Reichs oder Dean Koontz, die das Portal medienwirksam mit geschriebenem Fastfood beliefern. Ihnen verdankt, so wird gemunkelt, die Sparte die guten Absatzzahlen von bisher über 4,5 Millionen verkauften englischsprachigen Singles. Für unbekannte Schreibende sieht die Sache anders aus - gerade durch die Gratis-Ausleihe für Amazon-Prime-User sinkt Verdienst der Schreibenden rapide.

Nicht zu Unrecht wurde Amazon auch im Singles-Kontext erneut für ihren Versuch kritisiert, die Buchpreisbindung auszuhebeln, unter anderem. Der amerikanische Multi zuckt vermutlich mit den Achseln und schweigt.

Die 49 Titel, mit denen in Deutschland gestartet wurde, waren allesamt Übersetzungen aus dem Englischen. Erst mit Arbeitsbeginn des Lektors und Redakteurs Laurenz Bolliger hielten im Spätherbst 2013 auch deutsche Texte Einzug in das Portal. Bolliger, der zuletzt bei DuMont beschäftigt war und zuvor für Amman, Suhrkamp und den Berlin Verlag gearbeitet hat, kann dem Format viel abgewinnen. Besonders die Chance, ihre Texte ins Englische übersetzt zu sehen und so die Sichtbarkeit auf dem internationalen Buchmarkt zu vervielfachen, sieht er im Interview mit dem Buchreport vom Mai 2015 als großes Plus für Autorinnen und Autoren.

Chance für unbekannte Autoren? Ein Wolkenschloss

Das Echo der Lesenden auf die kurzen Ergüsse in Deutschland ist bisher verhalten. Dennoch zogen Verlage wie Fischer, Suhrkamp, Droemer Knaur und Hanser nach und gründeten eigene Singles-Portale. Mit überschaubarem Erfolg. "Die Welt" sagte das Format im Juni diesen Jahres bereits tot und auch Branchenkennern ist der krampfhafte Enthusiasmus der Verlage auf der Suche nach neuen Käufergruppen ein Rätsel. Der tradierte deutschsprachige Lesende lese möglicherweise auf dem eBook, greife dabei aber lieber zu längeren und geschlossenen Texten, erklärte lesen.net-Betreiber Johannes Haupt dem Deutschlandradio Kultur. Und die viel beschriene Chance für unbekannte Autorinnen und Autoren? Scheint ein Wolkenschloss. Es sind vornehmlich die Singles etablierter Schreibender, die gekauft werden. In Deutschland ist neben den amerikanischen Übersetzungen internationaler Namen das Autorenteam Iny Lorentz ein Zugpferd des Genres. Ihre bei Knaur eBooks erschienene sechsteilige Serie "Die Wanderapothekerin", eine Art Fortsetzungsroman und am Ende eben doch 600 Seiten lang, war ein Erfolg. Doch Lorentz' Kindle-Singles werden in den Bewertungsforen oft abgestraft - eben wegen der Kürze der Texte.

Die meisten Downloads hat, wer ein Star ist

Ein Stars wird, wer die meisten Downloads hat. Die meisten Downloads hat, wer ein Star ist. Über derartige Plattformen Literatur vertreiben? Schwierig bis unmöglich. Dennoch ist sich Laurenz Bollinger im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur auf der letztjährigen Buchmesse in Frankfurt sicher: "Ich finde, [ein Text] muss ja möglichst viele Leserinnen und Leser erreichen. Das ist erstmal das Ziel. Und wenn man sich die Texte anguckt, wird man sehen: tolle Cover, gute Texte, das ist wirklich qualitativ hochstehende Literatur." Bleibt abzuwarten, welche Töne er nach dem ernüchternden Fazit der Branche in diesem Jahr in Frankfurt anschlägt.

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