Kommentar von kress-Chefredakteur Bülend Ürük: Warum ein ARD-Check das System nicht verändern wird

 

In einer 90-minütigen Live-Sendung stellen sich am Montagabend der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor sowie sein Kollege Tom Buhrow vom WDR Zuschauerfragen. Wer dem öffentlich-rechtlichen System wohlgesonnen sein möchte, sieht die Sendung als Schritt zur Öffnung der Anstalten. Kritik wird aber auch in Zukunft Mangelware bleiben. Niemand wird seine Karriere aufs Spiel setzen, "Nestbeschmutzer" sind nicht willkommen und werden ausgegrenzt, wer sich nicht anpasst, hat keine Chance auf den Aufstieg.

In einer 90-minütigen Live-Sendung stellen sich am Montagabend der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor sowie sein Kollege Tom Buhrow vom WDR Zuschauerfragen. Wer dem öffentlich-rechtlichen System wohlgesonnen sein möchte, sieht die Sendung als Schritt zur Öffnung der Anstalten. Kritik wird aber auch in Zukunft Mangelware bleiben. Niemand wird seine Karriere aufs Spiel setzen, "Nestbeschmutzer" sind nicht willkommen und werden ausgegrenzt, wer sich nicht anpasst, hat keine Chance auf den Aufstieg. Dabei wird es Zeit für neue Wege, fordert Kress-Chefredakteur Bülend Ürük.

"Es gibt keine Gesamtstrategie"

Bettina Reitz führt seit Anfang Oktober als erste Präsidentin die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen; davor war sie Filmchefin beim Bayerischen Rundfunk, Geschäftsführerin der ARD-Produktionstochter Degeto und zuletzt Fernsehdirektorin vom BR. Im Interview mit der "Zeit" (hier eine Zusammenfassung in "Horizont") und in der "Welt am Sonntag" hat sie ihre Sprache wiedergefunden. Reitz sagt, sie habe sich wegen der harten Sparmaßnahmen "irgendwann wie eine Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehen" geführt. Reitz: "Man sollte die Kleinteiligkeit der Entscheidungen in einem Hörfunk- und TV-System wie der ARD nicht unterschätzen. Jeder agiert nach seinen Interessen, es gibt keine Gesamtstrategie." Für ihre Manöverkritik zitiert Reitz auch ihren 18-jährigen Sohn, der es nicht verstehen könne, dass nicht das gesamte ARD-Programm auch in den Mediatheken komplett gezeigt werde: "Die Jugend ist inzwischen längst von amerikanischen Angeboten 'erzogen' worden - und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sie verloren." Reitz warnt davor, dass das System "auseinanderbricht": "Dann wird es ein Seniorenfernsehen geben namens Das Erste und ZDF - und ein digitales Angebot."

Öffentlicher Auftrag

ARD und auch ZDF haben einen öffentlichen Auftrag, sind der Gesellschaft verpflichtet und verschweigen in Sonntagsreden üblicherweise nie, dass sie sich (eigentlich) dem kantschen Aufklärungs-Anspruch verpflichtet fühlen. Kritik und Kontrolle prägen Kerngeschäft und Auftrag; um die Unabhängigkeit der professionellen Kritiker zu schützen, gibt es ausreichend Ressourcen, die aus dem grundsoliden Rundfunkbeitrag gespeist werden. Nur zwischen Anspruch und Realität klaffen große Lücken. Ein mächtiges Unternehmen, das Kritik als Geschäftsmodell verfolgt, lässt intern keine Kritiker zu.

Kritik erst nach dem Ausscheiden aus dem Anstalts-Dienst

Weder an der Spitze noch an der Basis. Die jüngsten kritischen Reflexionen der BR-Fernsehdirektorin Bettina Reitz und des ZDF-Kultur-Hierarchen Wolfgang Herles just nach dem Ausscheiden aus dem Anstalts-Dienst, sind nur verstörende Zeichen für eine jahrzehntelange Entwicklung: interne Kritik zu Fehlentwicklungen ist nicht nur unerwünscht, sondern wird mit rigidem Karriereentzug bestraft. Kritiker - ganz gleich zu welchem Thema - werden als Nestbeschmutzer ausgegrenzt und ausgesondert, weil sie der privaten Konkurrenz und der missgünstigen Medienkritik nur die Stichworte geben. So musste ein altgedienter ARD-Mitarbeiter, der sich kritisch in einem "Spiegel"-Interview äußerte, miterleben, wie ein führender ARD-Moderator in der Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises regelrecht ausrastete und wieder zum "Sie" wechselte.

Die wenigen Medienmagazine im ARD-Hörfunk und das längst angepasste NDR-TV-Magazin könnten ihre Sendungen mit Geschichten aus dem eigenen System füllen. Stattdessen zeigen sie genüsslich mit dem Finger auf die Abarten des Big-Brother-Fernsehens in Japan - woanders ist es doch noch viel schlimmer, lautet da die unterschwellige Botschaft aus Hamburg.

Auf die wissenschaftlich verbrämten Studien von neoliberalen Wirtschaftsprofessoren gibt es bis heute dagegen keine detaillierten Antworten aus den "Strategie- und Grundsatzabteilungen" der Sender. Die Angriffe sollen "leerlaufen" - so die vom NDR-Intendanten vorgegebene Linie.

Was sind die Gründe für die von Bettina Reitz und anderen formulierte Strategieunfähigkeit und Selbstimmunisierung gegenüber jeder Form von Kritik?

Modernes Management nicht gefragt

1.: Die meisten Sender werden geführt wie ein CDU-Landratsamt. Alle Grundsätze eines modernen Managements gelten in der ARD nicht. Status-Quo Erhalt, Berechenbarkeit, Risikovermeidung, Verschwiegenheit und Referenten-Nepotismus sind die Zutaten des Machterhalts. Auffallend ist, dass fast kein Intendant oder Direktor auf einen ausgeprägten, vielfältigen Lebenslauf als Journalist zurückblicken kann. Die Unternehmensspitzen sind meist von Verwaltungsexperten und von deren früheren Referenten bevölkert. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine Absicherungs-Kultur, die näher an der Gebühren-Sicherung als am eigentlichen Programmauftrag angesiedelt ist.

"Bestenauslese" nicht erwünscht

2: In diesem geschlossenen System haben es "Musterbrecher" mit eigenen, neuen Ideen und Innovationen schwer. Sie stören die Kreise. Aber in diesem System werden die Karrieren gemacht, gewöhnlich nach dem eigenen Erfolgs-Muster und nach dem wichtigsten Auslese-Prinzip: der Berechenbarkeit. In diesem Klima fällt niemand mehr auf, dass der jüngst ausgewählte neue ARD-Chefredakteur vielleicht den Kriterien der "Bestenauslese" nicht entspricht. Diese Denkrichtung prägt folglich die Stellenbesetzungen der anderen Leitungspositionen: die Kultur eines Landratsamtes besiedelt die Anstalten. Kluge, ausgereifte, im Kompetenz-Streit erarbeitete Strategien sind nicht erwünscht.

3. Die Maximierung der Quote - als einzige Messzahl - bestimmt den Kompass der Ansager. Sie ist einfach, klar, unangreifbar und maßgeblich für die gesamte Ressourcen-Steuerung der Anstalten. Im Schatten des heimlichen Programmdirektors "Quote" hat sich mittlerweile ein Postkartenjournalismus in den Landessendern entwickelt, der leicht variiert auch von den jeweiligen Touristikämtern hergestellt werden könnte. Von der programmierten Routine abweichende überraschende Produktionen sind meist Zufälle oder Alibi-Entscheidungen. Die kaum noch steigerbare Wiederholungsquote in den Landesprogrammen wird tabuisiert; die Inflation von Konsum-Service-Sendungen werden in den frisierten Statistiken der Sparte "Information" zugeordnet.

Die strategische Leistung der Programmverantwortlichen besteht darin, diese allein auf Zuschauer-Akzeptanz programmierte Sendegefäße (für ein Publikum über 60 Jahren) bedingungslos durchzusetzen. Dass es bei den erreichten Quotensteigerungen meist nur um wenige Prozentpunkte hinter dem Komma geht, fällt unter den Tisch.

Der Verlust wichtiger Zuschauergruppen (Milieustudie HR, Familien-Fokusgruppen NDR), die sich ein überraschendes, hintergründiges und anregendes Programm wünschen, wird nicht einmal erwogen.

"Kein Journalismus, sondern Programm"

4. Anstalten sind kein lernendes System. Weil es keine gründlichen strategischen Diskussionen über erfolgreiche Programmgestaltung unter Einbeziehung aller Programmmacher gibt, entfaltet sich eine Kultur der formatierten Dienstleistung.

Der Leitsatz eines HR-Redakteurs - "Wir machen keinen Journalismus, wir machen Programm" - bündelt diese (unaufhaltsame) Entwicklung. In diesem Klima werden Marketingabteilungen wichtiger als Magazinredaktionen. Kritik wird nicht als Geschenk betrachtet, die Gedanken sind nicht frei, sie sind formatiert. Die zum Teil berechtigte Kritik von außen wird nicht als Lernimpuls begriffen, sondern als Angriff verstanden. Daraus ergibt sich eine Selbst-Abschottung, die langfristiges strategisches Denken und Handeln für überflüssig hält. So hatten die miserablen bis dilettantischen Vorlagen zum Jugendkanal von ARD und ZDF überhaupt keine Folgen. Niemand fiel auf, wie dünn das Niveau war. Dabei waren selbst die eingebundenen Staatskanzleien "geschockt".

Das Versagen der Kontrollgremien

5. "Die Kontrollgremien pudern." Das strategische Vakuum ist nur möglich, weil die für das öffentlich-rechtliche System konstituierende Kontrolle der Gremien faktisch nicht funktioniert. An diesen two-for-tango-Prozess haben sich alle Beteiligten gewöhnt. Die Unternehmensleitungen vermeiden mit beachtlichen Zeitaufwand ernsthafte Diskussionen mit den Gremien zu den wichtigen Themen. Die (maßgeblichen) Gremienmitglieder in den Verwaltungs- und Rundfunkräten glänzen durch Arbeitsverweigerung. Im Zweifel wollen sie alles - wie etwa die "fiskalische Gestaltung" der Sportrechte - nicht so genau wissen. Zu den wenigen Strategiekonzepten, die sich ohnehin nur auf die Quotenmaximierung durch die Entsorgung von "sperrigen Programmen" konzentrieren, schweigen sie laut. Sie sind weiterbildungs-resistent, auch weil wirklich wichtige Entscheidungen zum künftigen Führungspersonal der Sender nur vorgeprägt durch die Intendanten und nur im ganz kleinen Kreis (Vier-Augen-Prinzip) stattfinden.

Direkt und indirekt haben Kritiker (nach Ende ihrer Dienstfahrt) diese Aspekte angesprochen. Aber - ihre Kritik wurde in putinesker Manier überhört, verschwiegen oder abgetan. Heute Abend besteht im ARD-Check mit Lutz Marmor und Tom Buhrow, die in der ARD den Ton angeben, die redaktionelle Chance, über die Anregungen der Kritiker in Rede und Gegenrede zu sprechen.

Die Büros der beiden Kontrahenten kennen die Fragen schon. Antworten werden sie nicht.

Drei kleine Reformschritte

Constructive news ist ja aktuell der Megatrend des künftigen Journalismus sein, (Ulrik Haagerup hat dazu ein lesenswertes Buch verfasst); deshalb wollen wir die Kraft dieser Welle nicht ungenutzt lassen.

Drei kleine Reformschritte könnten aus dem "closed shop" des ARD-Senderverbunds einen blühenden "public service" machen:

1. Alle Hierarchen und Programmverantwortlichen stellen ihre publizistischen Leitlinien, Etats und journalistische Ideen einmal im Jahr in Versammlungen mit den Mitarbeitern vor und diskutieren ihr "Programm" intensiv mit den Machern. Das Ergebnis: konkrete, begründete Ziele und effektive Beteiligung von allen, die gestalten und nicht nur umsetzen sollen, was die "Format-Götter" ihnen vorgeben. Die Sender haben die Chance, zu einer atmenden Organisation zu werden.

2. Keine Angst vor dem Publikum! Regelmäßig diskutieren die Programm-Verantwortlichen aller Sender in öffentlichen Versammlungen mit dem Publikum. Kein Konfliktthema von der notleidenden Wirtschaftsberichterstattung bis zu den blinden Flecken in der Auslandsberichterstattung wird in den Live-Sendungen ausgespart. Offene Kritik sickert so als selbstverständliches Prinzip in die Anstalten ein und fördert einen Kulturwandel.

3. Die (Kontroll)-Gremien tagen durchgehend öffentlich; jedes Mitglied muss gegenüber der Öffentlichkeit einmal im Jahr einen schriftlichen Leistungsbericht veröffentlichen. Alle Protokolle, Verträge und Strategiepapiere werden der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Gremien stehen damit unter dem sanften Druck, ihre Arbeit für die Gesellschaft tatsächlich zu erledigen.

Ihre Kommentare
Kopf

Dittsche

19.10.2015
!

Danke für den fundierten Beitrag. Vor diesem Hintergrund erscheint vieles erklärbar, was den kritischen Zuschauer schon lange verärgert: Stillstand und Selbstzufriedenheit in den ÖRs. ARD und ZDF erinnern in ihrem Geschäftsgebaren an Organisationen wie den DFB und das IOC.

Dass ausgerechnet Rainald Becker zum ARD-Chefredakteuer werden konnte, spricht für sich.

Die Ursache für die Malaise ist im Zwangsgebührensystem zu suchen. Das gehört zugunsten des freien Wettbewerbs abgeschafft.


Ulrich Fiege

Ulrich Fiege

Moderator und Blogger

19.10.2015
!

Guten Tag Herr Ürük,Sie beschreiben in diesem wichtigen Beitrag das Versagen der Kontrollgremien.Dabei kann ohne Kritik und Debatte als öffentliche Meinung geführt,kein Staat überleben.Inhaltliches Originalzitat J.F.Kennedy.Wenn Frau Merkel jedoch Chefredakteure in das Kanzleramt bestellt und diese bittet, nicht Objektiv über Themen zu berichten,ist das Zensur,die mit und in den Verträgen von Lissabon vorgesehen ist sollte Kritik in Berichten/Artikeln den Kurs oder die Ziele der EU gefährden.


Keumel

19.10.2015
!

GRATULATION Herr Ürük. Sensationeller Husarenritt eines Branchendienstes. Die angeblich so investigativen Medien (FAZ, SZ, Welt, Spiegel, Bild und bla) bringen ständig Berichte über diese Zustände aber sie verfolgen die "Skandale" nicht weiter. So ist die 4. Macht nur noch eine Farce. Reitz hat Recht, wie es intern läuft. Extern ist das Schweigen furchtbar, weil existenziell. Das weiß "intern" und macht was es will. Das ganze "System" ist VW nicht unähnlich, auch was die Töchter anlangt


Alreech

19.10.2015
!

Welche Kontrollgremien ?
Die Rundfunkräte, die nach der Art eines Ständestaates mit den Vertretern gesellschaftlicher Gruppen besetzt sind ?
Der Intendant, der alle Beschwerden abweist ?

Der erste Schritt müsste sein die Kontrollgremien zu stärken, etwa mittels einer Direktwahl der Rundfunkräte durch den Beitragszahler. So wird das u.a. schon bei den Sozialversicherungen gehandhabt.
Zweitens müssen die Landesmedienanstalten Sanktionen auch gegen öffentlich-rechtliche Sender erlassen können.


Keumel

20.10.2015
!

@Alreech - ganz richtig. Was grade bei Bavaria abgeht in netten Sitzungen der "Beteiligten", ist ohne Worte. Panik im Hintergrund beschwichtigt die gefallene Tochter mit guten Vorschlägen. Kartellamt, Strafe, Abfindung, Böcke zu Gärtnern, alles zudecken, wegzaubern, Berichte anpassen, mit Geld regeln. Millionen sind schon 'eingeplant' u.a. für Anwälte. Compliance+Personaler verdienen mit. Die Medien haben gekreischt, wie immer. Das war's dann. Bald ist heilige Nacht und Ruhe kehrt ein. Amen!


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

20.10.2015
!

Der letzte Absatz ist der beste: Die Rundfunkräte müssen etwas tun und das nachweisen. Kleine Korrektur: HanNs Joachim FriedrichS fehlt ein Nordpol vorn und ein Siegfried hinten. Außerdem bin ich jetzt neugierig, ob es Roth oder Plasberg war, der Fröhder wieder siezt. Roth, oder?


Frauke

21.10.2015
!

Gestern im Sender gehört - guter Kommentar, wird aber trotzdem nichts ändern an der Arbeit bei uns. Solange die Frage der Pensionen nicht gelöst ist, wird uns gerade in den Dritten Programmen Magerkost präsentiert werden.


Patrick

24.10.2015
!

Die Rundfunkräte sollten durch eine Expertenaufsicht ersetzt werden (wie BBC Trust) In Teilzeit von Laien ist Heute so eine Aufsicht nicht zu tätigen. Da hilf auch keine Veröffentlichungen ihrer Tätigkeiten.
Ebenso wird sich deren Arbeit nicht ändern wenn die Rundfunkräte nur ihrer Endsendeorganisation (in der Realität verpflichtet) sind. Nur die Endsendeorganisation entscheidet ja ob die Mitglieder in den Rundfunkräten bleiben oder nicht.


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