Publizist Christian Nürnberger: "Für Hetzer kein Platz in Talkshows"

19.10.2015
 
 

Der preisgekrönte Publizist Christian Nürnberger warnt Deutschlands Redaktionen davor, rechtsradikale Hetzer durch eine Einladung in Talkshows hoffähig zu machen. Grund für seine deutliche Kritik ist die Einladung von Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Landtag Thüringen, in die Sendung "Günther Jauch" in der ARD. "Brandstifter und Mörder sind jene empathielosen „Bürger“, bei deren Bildung, Sozialisation und Erziehung etwas schief gelaufen ist", so Nürnberger.

Der preisgekrönte Publizist Christian Nürnberger warnt Deutschlands Redaktionen davor, rechtsradikale Hetzer durch eine Einladung in Talkshows hoffähig zu machen. Grund für seine deutliche Kritik ist die Einladung von Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Landtag Thüringen, in die Sendung "Günther Jauch" in der ARD. "Brandstifter und Mörder sind jene empathielosen "Bürger", bei deren Bildung, Sozialisation und Erziehung etwas schief gelaufen ist", so Nürnberger. kress.de dokumentiert das Schreiben des Publizisten an deutsche Talkshow-Redaktionen im Original.

Liebe Talkshow-Redaktionen,

gestern war bei Jauch der rechtsradikale Hetzer Björn Höcke zu Gast. Diesen Mann einzuladen war ein Fehler, und ich bitte alle anderen Redaktionen, den Fehler nicht zu wiederholen, auch oder gerade weil die Sendung ein Quotenerfolg war.

Das gängige und vermutlich ausschlaggebende Argument, Leute wie Höcke - früher: Kathrin Oertel - einzuladen, lautet: Es gibt nun mal die Zehntausende auf den Straßen, die Höcke zujubeln, diese Realität kann man nicht ausblenden, und wenn wir's tun, liefern wir den Verdammern der "Mainstream-Medien" nur weitere Argumente für ihre Lügenpresse-Theorien. Ja, selbstverständlich dürfen Medien die Realität nicht ausblenden. Es muss alles - mit gebührender Distanz - berichtet werden über die Hetzer, aber man muss ihnen doch kein Forum bieten!

Ein weiteres Argument für die Einladung der Hetzer lautet: Diese demontieren sich doch vor laufender Kamera selbst, und unsere Zuschauer sind mündig genug, um das zu erkennen. Darauf antworte ich ganz elitär und schulmeisterlich: Ein nicht geringer Teil der TV-Konsumenten hat leider nicht die Ohren zu hören und die Augen zu sehen, was wirklich abgeht. Und die Wahlergebnisse für so gut wie alle Rattenfänger in Europa künden davon.

Gern schmückt man sich auch mit dem Satz: "Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen." Der Satz wird immer Voltaire zugeschrieben, tatsächlich entstammt es einer Biografie über ihn, und die Biografin, Evelyn Beatrice Hall, hatte es formuliert, um Voltaires Haltung zur Meinungsfreiheit auf den Punkt zu bringen.

Egal, es ist ein großartiger Satz. Aber ich bin sicher: Voltaire würde ihn heute relativieren. Er hatte noch nichts von Goebbels gewusst. Voltaire hatte unausgesprochen vorausgesetzt, dass mündige, informierte Bürger bei allen Meinungsverschiedenheiten doch ein gemeinsames Interesse an der Wahrheit haben, über die zu streiten sich lohnt. Aber aus diesem Projekt der Aufklärung ist leider nichts geworden.

Wenn das geklappt hätte, dann hätten wir heute 80 Millionen mündige Bundesbürger, die über ein hohes Maß an Bildung, Empathie und guter Erziehung verfügten. Dann gäbe es keine Pegida, keine Hetzparolen, keine brennenden Flüchtlingsheime, und die mörderische NSU hätte es auch nie gegeben. Aber sie sind eine Realität.

Brandstifter und Mörder sind jene empathielosen "Bürger", bei deren Bildung, Sozialisation und Erziehung etwas schief gelaufen ist. Angestiftet wurden und werden die Brandstifter von kleinen Goebbelsimitaten, die gebildet genug sind, um ungebildete Hetzreden zu verfassen und mit ihnen auf öffentlichen Plätzen Pogromstimmungen zu erzeugen. Und das, die bewusste Erzeugung von Pogromstimmungen, die Verbreitung von Lügen und Propaganda, die Verächtlichmachung von Menschen, die Verbreitung von Hass gegen Minderheiten - das alles hat eben mit Meinungsfreiheit im Rahmen eines vernünftigen Diskurses nichts mehr zu tun und gehört gerade in einem Land wie dem unseren unterbunden, denn seit 1945 ist dieses Land zu Recht und zum Segen Europas von dem Motto "Nie wieder" bestimmt.

Es hat in diesem Land vor einem dreiviertel Jahrhundert damit angefangen, dass jemand seine "Meinung" über die Juden gesagt hat. Dann haben sie ihre Meinung mit dem Wort "Judensau" an jüdische Geschäfte geschmiert, dann flogen Steine durch die Schaufenster. Am Ende waren sechs Millionen Juden tot, und die halbe Welt hat in Schutt und Asche gelegen. Eben das will die Mehrheit dieses Landes nie wieder erleben.

Aber Mehrheiten können kippen. Sie sind bereits ins Rutschen gekommen in Frankreich, in Ungarn, in der Schweiz, sogar in Wien. Bei uns sinkt die Zustimmung zur Kanzlerin, und die Pegida ist wieder da. Die ganze Entwicklung deutet in Richtung: Doch wieder.

Das muss unbedingt verhindert werden. Um es zu verhindern, ist es nötig, dass Hetzer von den Medien gesagt bekommen: Ihr müsst leider draußen bleiben. Um so entschlossener, je mehr es den Hetzern gelingt, die Gleichgültigen, Indolenten, Unentschlossenen, Ungebildeten und Naiven auf ihre Seite zu ziehen und zu radikalisieren.

Man braucht einen Herrn Höcke nicht, um die Probleme zu diskutieren, die durch die Flüchtlingsströme bei uns verursacht wurden und werden. Da genügt es, jene rechtschaffenen Leute einzuladen, die sich täglich bis an die Belastungsgrenze bemühen, diese Probleme zu lösen. Sie gehören ins Rampenlicht gestellt, nicht die Hetzer, die dadurch eine Aufwertung erfahren, die ihnen nicht zusteht.

von Christian Nürnberger

 

Ihre Kommentare
Kopf

Dittsche

19.10.2015
!

„Ein nicht geringer Teil der TV-Konsumenten hat leider nicht die Ohren zu hören und die Augen zu sehen, was wirklich abgeht.“

Ein nicht geringer Teil unserer Politiker und Meinungsbildner geht leider nicht auf die berechtigten Sorgen in unserer Bevölkerung ein. Nicht jeder, der vor unkontrollierter Zuwanderung warnt, ist ein Rechter, gar ein Rechtsradikaler.

Gern hätte ich von Christian Nürnberger eine ähnlich engagierte Stellungnahme zum Besuch von Hassan Dabbagh bei "Maischberger" gelesen.


Keumel

20.10.2015
!

DAS ist ein schrecklicher Brief! Ein Mann ruft nach Zensur, weil die Bürger dumm und blöde sind. Köppe hat sich gewappnet gegen vier mit anderer Meinung und hat viel Mist gereden, sich selbst entlarvt. So what. Das tun viele, wie man an diesem Brief sieht. Ich hab mit 14.000 anderen den Pegida Livestream extra angeschaut. Pirinci wurde ausgebuht (bravo Bürger!) der Rest war o.k. Pegida läuft seit 1 Jahr, ist nicht verboten. Hetzer gibt es Linke wie Rechte. Das ist Meinungsfreiheit. GottseiDank!


mio27

20.10.2015
!

Ich vermisse ein einziges Zitat von Höcke, das ihm als Hetze ausgelegt werden könnte. Höcke macht wie jeder andere besorgte Bürger dieses Landes auch, von seinem verfassungsgemäßen Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und somit auf Kritik Gebrauch. Auch wenn diese Herrn Nürnberger nicht gefallen mag, hat er sie zu ertragen. Oder meint er mit seiner Kritik etwa Höckes Mitbringsel, die deutsche Fahne? Die wird zur Fussball-WM von hunderttausenden Bürgern geschwungen. Sind die alle rechtsradikal?


Dittmar Koop

Dittmar Koop

Freier Journalist

21.10.2015
!

Sind Sie eigentlich vollkommen bescheuert in dem, was Sie da reden.


Dieter Zurstraßen

21.10.2015
!

Schwarz Rot Gold sind NICHT die Farben der Pöbler, Hetzer und "Wir sind das Volk"-Schreier, die in ihrem Rausch ausblenden, dass sie nur 0,01 % des "Volkes" ausmachen.
Schwarz Rot Gold sind die Farben der Demokratie, der Meinungsfreiheit, auch der Grundrechte auf Asyl und auf Pressefreiheit, die Deutschland nach der Naziherrschaft ausmachen.
Warum ist niemand in der Jauch-Runde aufgestanden und hat diesem Hetzer unsere Farben entzogen? Warum stehen wir zukünftig dafür nicht alle auf?


Dittsche

22.10.2015
!

Es geht sicher darum, Rechtsextremisten Einhalt zu gebieten. Es geht sicher darum, Linksextremisten Einhalt zu gebieten. Es geht ganz sicher darum, nicht auf einem Auge blind zu sein. Dass der Auftritt von Herrn Höcke bei „Jauch“ sanktionswürdig war, bezweifle ich. Dass die staatliche Förderung der unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden linksextremistischen Antifa richtig ist, auch.

@Koop: Haben Sie auch sachdienliche Argumente?


Dittmar Koop

Dittmar Koop

Freier Journalist

22.10.2015
!

Ja, habe ich. Ich empfinde den Beitrag als Aufruf zur Zensur. Das steht keiner Demokratie gut zu Gesicht und erst Recht journalistischer Arbeit nicht. Zugleich ist der Beitrag oberlehrerhaft, überaus polemisch und gering schätzend, weil durch präventive, gutväterliche Selektion suggeriert wird, dass der Leser/Fernsehzuschauer zu blöd ist, sich selbst eine Meinung bilden zu können und der Autor den Durchblick hat. Unsere Aufgabe ist nicht zu selektieren, sondern abzubilden.


Dittmar Koop

Dittmar Koop

Freier Journalist

22.10.2015
!

@Dittsche: Mein erster Kommentar bezog sich auf den Beitrag von Nürnberger, nicht auf Ihren Kommentar. Bitte entschuldigen Sie, dass hier möglicherweise ein Missverständnis entstanden ist durch meinen eindeutig unklaren Bezug.


Dittsche

22.10.2015
!

@Koop: Ja, der Adressat war nicht eindeutig auszumachen. Bin im Übrigen ganz Ihrer Meinung und teile Ihre Kritik an dem preisgekrönten Publizisten.


Dittsche

24.10.2015
!

„Man braucht einen Herrn Höcke nicht, um die Probleme zu diskutieren …“.

@Nürnberger: In Kiel hat man Sie erhört. Bravo.

http://meedia.de/2015/10/23/wie-die-kieler-polizei-versuchte-die-berichterstattung-im-fluechtlingsumfeld-zu-beeinflussen/


Gradl/Nürnberg

30.10.2015
!

Herr Nürnberger denkt, schreibt und spricht völlig am Thema vorbei und fordert Zensur. Bitte nicht weiter so, Herr Nürnberger - mir zeigt Ihre Aktivität, daß Sie nichts zu Ende denken - nicht einmal Ihre eigenen Erfahrungen in der SPD und in der BRD. Ein Nürnberger Leser Ihrer Bücher.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

02.11.2015
!

Diejenigen, die hier von Zensur schreiben, wissen nicht, was das ist. Sie regen sich auf, dass jemand von Redaktionen fordert, Extremisten keine Agitationsplattform mehr zu bieten, und fordern damit umgekehrt, die Redaktionen müssten solche Leute einladen. Solange es Pressefreiheit gibt, dürfen Redaktionen selbst entscheiden, wen sie einladen und auf wessen Empfehlungen sie hören.


Dittsche

03.11.2015
!

@Ulf J. Froitzheim: „Solange es Pressefreiheit gibt, dürfen Redaktionen selbst entscheiden, wen sie einladen und auf wessen Empfehlungen sie hören.“

Also bedarf es auch keiner Vorgabe durch Herrn Nürnberger.


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