Eine kress.de-Reportage: Die Welt zu Gast bei der ARD

 

Der Montag, 19. Oktober 2015, war ein wichtiger Termin für die ARD. Zum ersten Mal hat sich der Verbund der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland live im Fernsehen den Fragen der Bürger gestellt. Lutz Marmor und Tom Buhrow sollten diese beantworten.

Sie sind seit Donnerstag hier. Da haben sie die Aluminium-Bauteile installiert. Am Freitag haben sie die Bühne und die Tribüne für das Publikum aufgebaut und am Samstag die Scheinwerfer an die Aluminium-Bauteile gehängt. Am Sonntag und am Montag haben sie Kabel verlegt, Monitore und den Backstagebereich für die Crew aufgebaut. Zwischen 100 und 130 Menschen haben fünf Tage lang gearbeitet. Aus dem Kreuzfahrtterminal an Van-der-Smissen-Straße 5 in Hamburg ist so ein Filmstudio geworden. ARD und NDR mieten es häufiger, wenn die großen hiesigen Studios - etwa Studio 2 oder Studio 3 oder das Studio Hamburg - mit regelmäßigen oder unregelmäßigen Produktionen belegt sind. So wie am heutigen Montag.

Es ist 20:15 Uhr und Lutz Marmor, von Beruf Kaufmann, seit 2008 Intendant des NDR und seit 2013 Vorsitzender der ARD, sitzt an einem Biertisch im Backstagebereich hinter der Bühne. Neben ihm sitzt eine junge blonde Frau. Sie ist Radiojournalistin und arbeitet für eine Welle des NDR. Später, nach der Sendung, wird sie Herrn Marmor ihr Aufnahmegerät hinhalten und ihn fragen, wie er die Show fand. Er wird im Wesentlichen erklären, dass er sie gut fand. Ihnen gegenüber sitzt ein Journalist von der "taz", der für seine "Tatort"-Kritiken bekannt ist. Auf einem Tisch ein paar Meter weiter liegen Tabletts mit belegten Brötchen. Sie sind etwa halb so groß wie jene, die es normalerweise in Bäckereien zu kaufen gibt.

"Bis 2018 reicht das Geld noch, wenn man die Reserven und Rückstellungen mit einrechnet", sagt Lutz Marmor. Eine Beitragserhöhung sei so nicht ausgeschlossen. "Die ARD hat der KEF ihren Bedarf vorgelegt. Inwiefern dem entsprochen wird, weiß ich nicht."

Die KEF ist die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten. Sie kann eine Erhöhung der Gebühren beschließen. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer müssen ihr dann noch zustimmen. Die Zustimmung gilt jedoch als Formalie: Wegen der Unabhängigkeit der Rundfunkanstalten dürfen die Landesoberhäupter eine Erhöhung lediglich wegen sozialer Unverträglichkeit ablehnen, also wenn die Gebühren allzu stark steigen.

Auch deshalb ist der Termin heute wichtig für die ARD: Zum ersten Mal stellt sich der Verbund der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland live im Fernsehen den Fragen der Bürger. 150 Leute hat die ARD eingeladen. Sie wurden unter rund 1000 Bewerbern anhand ihrer Fragen so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum an Kritik zu Sprache kommt. Sie kommen aus Augsburg oder Rheda-Wiedenbrück. Viel zu viele, nämlich etwa ein Drittel, kommen aus Hamburg. Lutz Marmor und Tom Buhrow, früher Moderator der Tagesthemen, heute WDR-Intendant und stellvertretender ARD-Vorsitzender, sollen ihre Fragen beantworten.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Beginn der Sendung, um 20:30 Uhr, kommt die Fernsehprominenz in den Backstage-Bereich: Tom Buhrow, Moskau-Korrespondent Udo Lielischkies, Anne Will und Sandra Maischberger. Sie alle werden Teil der Sendung sein. Die meisten kennen und duzen sich. Mit ihnen kommen auch die Personenschützer mit den Knöpfen im Ohr.

In der Arena macht ein Einheizer das Publikum vor der Sendung mit flotten Sprüchen locker. Er schickt noch einige Gäste auf die Toilette, weist auf Notausgänge und Sanitäter hin. Dann geht's los. 107 Minuten lange stellen sich die beiden Intendanten den Fragen des Publikums. Die sind ein Schweinsgalopp durch gängige Vorwürfe und gängige Wünsche: zu wenig Schlager, zu viel Schlager, zu wenig gute Serien, zu wenig Präsenz im Web, zu viel Präsenz auf Facebook, zu viel Fußball, zu wenig anderer Sport, zu Amerika freundlich, zu weit weg von der Jugend, zu viel Einflussnahme durch die Politik, zu wenig regionale Nachrichten. Maischberger moderiert, Marmor und Buhrow parieren die Fragen, erklären, verweisen auf den knappen Etat, erklären, parieren und verweisen wieder auf den knappen Etat. Rund 500 Facebook-Nutzer kommentieren die Sendung noch während sie läuft. Viele schreiben von einer Zwangsabgabe.

Nach dem Ende der Sendung mischen sich Lutz Marmor und Tom Buhrow unter das Publikum und beantworten jene Fragen, die im Laufe der Sendung nicht zur Sprache kamen. Dann ist alles ganz schnell vorbei: Das Publikum strömt in einen wartenden Reisebus. Lutz Marmor beantwortet die Fragen der Presse unter den Augen seiner Pressesprecherin und eines Personenschützers.

Er sagt: "Ich muss das erst einmal sacken lassen. Wir nehmen die Fragen ernst und es bleibt etwas Unzufriedenheit, weil nicht jede Frage beantwortet werden konnte."

"Ob wir dieses Sendeformat wiederholen, ist noch offen", sagt seine Pressesprecherin.

Die Fernsehprominenz verschwindet dorthin, woher sie gekommen ist: In einen VIP-Bereich ein Haus weiter. Der Portier eines nahe gelegenen Hotels erzählt später, dass die Leute von ARD und ZDF meistens im "Empire Riverside" abstiegen. Es liegt auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei nahe der Hamburger Amüsiermeile Reeperbahn und hat vier Sterne.

Es ist jetzt kurz nach 23:00 Uhr und die Crew beginnt mit dem Abbau. Am Dienstagabend soll alles fertig sein.

Den "ARDcheck" zum Nachschauen gibt es hier

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