Der scheidende DJV-Vorsitzende Michael Konken: "Wir brauchen eine Haushaltsabgabe für Printmedien"

 

Nach zwölf Jahren tritt Michael Konken als Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) am Montag nicht mehr zur Wiederwahl an. Der 62-Jährige zieht bei kress.de Bilanz und mahnt, das Unbehagen mancher Menschen am Journalismus als Warnung zu verstehen und verstärkt daran zu "arbeiten, wieder wahrhaftiger zu berichten".

Nach zwölf Jahren tritt Michael Konken als Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) am Montag nicht mehr zur Wiederwahl an. Der 62-Jährige zieht bei kress.de Bilanz und mahnt, das Unbehagen mancher Menschen am Journalismus als Warnung zu verstehen und verstärkt daran zu "arbeiten, wieder wahrhaftiger zu berichten". Angesichts der Auflagenrückgänge fordert Konken auch eine Haushaltsabgabe für Printmedien - ähnlich der für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der scheidende Chef der Journalisten-Gewerkschaft lehrt hauptberuflich Journalismus und Politik an der Uni Vechta sowie Kommunikation an der Jade Hochschule. Bevor er 2003 erstmals zum DJV-Vorsitzenden gewählt wurde, führte Konken den DJV-Landesverband Niedersachsen. Zuvor arbeitete er als freier Journalist für den Deutschlandfunk in Köln, das Jeversche Wochenblatt, Radio Bremen sowie als Pressesprecher der Stadt Wilhelmshaven. Er schrieb diverse Bücher über Kommunikation.

Kampf gegen Eingriffe in die Pressefreiheit

kress.de: Wie sieht Ihre Bilanz nach zwölf Jahren Amtszeit aus? Wo steht der DJV heute im Vergleich zu Ihrem Amtsantritt?

Michael Konken: Als ich anfing, befand sich der Journalismus in etwas rosigeren Zeiten, zumindest im Vergleich zu heute. In den vergangen zwölf Jahren hat eine Medienkrise die nächste gejagt. Ich bin froh, mit meinem Team die Vergütungsregeln für freie Mitarbeiter durchgesetzt zu haben, und ich hoffe, dass im nächsten Jahr die Verbandsklage kommt. Dann können wir als Verband für Freie klagen. Und wenn ich zurückblicke, dann war meine Amtszeit vor allem geprägt vom Kampf gegen Eingriffe in die Pressefreiheit und in die Tarife. Es gab staatlicherseits diverse Versuche in diese Richtung. Dazu gehörte zuletzt auch die BND-Affäre.

kress.de: Und tarifpolitisch?

Michael Konken: Da hatten wir es mit zahlreichen Versuchen und Maßnahmen der Verlage zu tun, Einschnitte vorzunehmen. Viele haben sich vom Flächentarifvertrag verabschiedet. Trotzdem haben wir es geschafft, immer wieder einen Flächentarifvertrag abzuschließen. Auch wenn einige Verlage ihm nicht mehr beitreten, so ist er immer noch der Maßstab für die Haustarifverträge und ähnliches.

kress.de: Wie hat sich die Mitgliederzahl entwickelt?

Michael Konken: Als ich antrat, hatte der DJV 42.000 Mitglieder. Jetzt liegen wir etwa bei 36.000. Dieser Rückgang ist nicht schön, aber wir haben nicht so stark verloren wie manche DGB-Gewerkschaften. Und natürlich ist diese Zahl auch logische Folge dessen, dass viele Journalisten ihren Beruf verloren haben.

kress.de: Zwei Kandidaten streiten um Ihre Nachfolge. Haben Sie einen Favoriten?

Michael Konken: Da halte ich mich verständlicherweise zurück. Ich wünsche mir einen Nachfolger, der teamfähig führt und auf Bundesebene den kooperativen Weg mit den Landesverbänden weitergeht. Wir sind föderal aufgebaut. Aber bitte verstehen Sie das jetzt nicht als Votum für einen der beiden Bewerber um meine Nachfolge.

"Wenn Print stirbt, stirbt auch Online"

kress.de: Wo werden der DJV bzw. der Journalismus in zehn Jahren stehen?

Michael Konken: Das wichtigste Thema wird aus meiner Sicht die Finanzierung des Journalismus werden. Damit meine ich nicht die Verlage und Sender, sondern den Journalismus. Es gibt viele private Modelle wie die Krautreporter. Aber auf Dauer sind dies nur einzelne Episoden, weil das Spendenaufkommen in Deutschland zu gering sein wird. Es besteht auch die Gefahr, dass durch Großspenden aus der Wirtschaft die notwenige Distanz verloren geht. Wenn sich der Auflagenrückgang so fortsetzt, werden wir in zehn Jahren weniger Zeitungen haben. Das heißt aber nicht, dass dann Online dominiert. Denn wenn Print stirbt, stirbt auch Online, da das Geld immer noch über die Printprodukte erwirtschaftet wird. Trotz der Bezahlschranken gibt es bisher noch kein tragfähiges Geschäftsmodell für den Online-Journalismus. Wichtig ist daher eine neue Art der Finanzierung. Die muss aber staatsfern sein.

Haushaltsabgabe für Printmedien

kress.de: Was heißt das konkret? Wie soll diese Finanzierung aussehen?

Michael Konken: Wir werden ein ähnliches Modell wie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten brauchen. Ich halte es für realistisch, dass eine Haushaltsabgabe für Zeitungen, egal ob sie als Printprodukte oder online erscheinen, eingeführt wird. Wie soll sonst zum Beispiel Lokalpolitik noch an die Bürger vermittelt werden? Dafür brauchen wir starke Lokal- und Regionalzeitungen.

kress.de: Noch haben wir diese Abgabe aber nicht, so dass es immer schwieriger wird, in dieser Branche einen Job zu finden. Bedeuten immer weniger Journalisten auch immer weniger Mitglieder?

Michael Konken: Ja, natürlich. Aber dennoch dürfen wir nicht der Versuchung erliegen, unseren Verband für medienferne Berufe zu öffnen. Wir müssen auf die Kernkompetenz setzen - und das ist der Journalismus. Der DJV muss die Gewerkschaft und der Verband der hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten bleiben.

"Wir müssen uns um unsere Glaubwürdigkeit kümmern"

kress.de: Sehen Sie auch eine Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus?

Michael Konken: Ja, auf jeden Fall. Wir müssen uns verstärkt um die Glaubwürdigkeit des Journalismus kümmern. Der Begriff "Lügenpresse" ist üble Hetze, aber es gibt auch bei anderen Bürgern, die nicht den Pegida-Rattenfängern auf den Leim gehen, ein Unbehagen an manchen Veröffentlichungen. Wir müssen das als Warnung verstehen und verstärkt daran arbeiten, wieder wahrhaftiger zu berichten. Es gilt auch, Journalismus so zu betreiben, wie wir das alle einmal gelernt haben.

kress.de: Meinen Sie die klassische Trennung von Bericht und Kommentar?

Michael Konken: Natürlich. Da gibt es inzwischen in vielen Medien eine fließende Grenze. Die Leser und Zuschauer wollen aber informiert und nicht beeinflusst werden. Die Menschen merken, dass wir uns zunehmend von der klassischen Berichterstattung verabschieden. Die wollen sich ihre Meinung selber bilden, und damit haben sie durchaus Recht. Andererseits gibt es natürlich auch Medienkonsumenten, die diese Beeinflussung nicht bemerken - und die werden von uns in eine Richtung gelenkt. Das ist keine gute Entwicklung. Wir müssen einfach die Grenze zwischen Meinung und Information wieder klarer ziehen. In den Hochschulen und Journalistenschulen lehren wir diese klassische Schule, aber in der Praxis wird die Grenze kontinuierlich überschritten.

"Überschriften, die den Inhalt nicht richtig wiedergeben"

kress.de: Wie kann die Branche dieser Glaubwürdigkeitskrise begegnen?

Michael Konken: Indem wir die Qualität hochhalten. Wir wissen, dass viele Informationen nur noch oberflächlich abgerufen werden. Da bleibt das Hintergrundwissen auf der Strecke. Es gibt inzwischen auch immer mehr Überschriften, die den Inhalt nicht richtig wiedergeben. Die reißerische Schlagzeile soll dafür sorgen, dass der Artikel geklickt wird. Aber das ist nicht seriös. Wenn wir hier eine Umkehr schaffen, back to the roots sozusagen, dann sehe ich darin einen wichtigen Schritt für einen glaubwürdigeren Journalismus. Auflagen und Einschaltquoten sind überwiegend die Orientierung für diese Praxis.

kress.de: Können Sie verstehen, dass einige Teile der Bevölkerung Journalisten und Politiker zunehmend als eine gemeinsame Klasse wahrnehmen?

Michael Konken: Wir haben eine Kontrollfunktion für die Öffentlichkeit wahrzunehmen - Kontrolle für Politik, Wirtschaft und andere Teilöffentlichkeiten. Das heißt, Journalisten müssen Distanz halten. Einige Kollegen suchen die Nähe zur Politik, um gute Informationen zu erhalten. Aber ein seriöser Journalist weiß, wie weit er gehen kann. Insofern kann ich dieses Bild von der Einheit von Politik und Journalismus nicht nachvollziehen.

"Ich gehe nicht in den Ruhestand"

kress.de: Was möchten Sie tun, wenn am Montag ihr Ruhestand als Verbandsfunktionär beginnt?

Michael Konken: Kaum ein Journalist - auch ich nicht - wird jemals in den Ruhestand gehen. Für mich wird sich nicht viel ändern. Wenn von den 70 bis 80 Stunden, die ich jetzt in der Woche arbeite, 35 durch den DJV wegfallen, habe ich immer noch genug zu tun. Ich werde mich wieder mehr meiner Lehrtätigkeit widmen und natürlich weiter im Journalismus bleiben. Und ich hoffe, dass mehr Zeit für Sport und Freizeit bleibt. Aber wie ich mich kenne, werde ich für meine Hobbys dann immer noch keine Zeit finden.

Ihre Kommentare
Kopf

Andreas Moring

29.10.2015
!

Vater Staat hilf!!!! - Wie arm ist das denn? Wenn die Kunden ein Produkt nicht mehr wollen (weil es sehr sehr oft an ihren Interessen und Bedürfnissen konsequent vorbeigeht), dann muss man sie staatlich zwingen. Für wen hält Herr Konken Medienkonsumenten? Für Idioten und Untertanen, die man rumschubsen und auspressen muss. Hoffentlich gibt es noch Verleger und Journalisten, die gute Produkte und Services für Kunden machen wollen, anstatt um Almosen bei der Regierung zu betteln.


Franz Leo Mai

Franz Leo Mai

wutmensch.de
Autor

29.10.2015
!

Jetzt hat der DJV-Vorsitzende völlig die Bodenhaftung verloren. Als würde es nicht schon reichen, die öffentlich-rechtlichen Sendung per Zwangsabgaben zu finanzieren - jetzt sollen auch noch "Haushaltsabgaben für Printmedien" her. Oder will Konken sich mit dem Interview um einen Job beim Verlegerverband bewerben?


Peter Blechschmidt

29.10.2015
!

Haushaltsabgabe für Zeitungen? Tolle Idee. Als nächstes werden dann zwei Stunden Zwangslektüre täglich verordnet. Wo bleibt da der Glaube an den vielbeschworenen Qualitätsjournalismus?


Andreas Moring

Andreas Moring

BiTS Business & IT School
Studiengangsleiter Communication & Media Management

29.10.2015
!

Vater Staat hilf!!!! - Wie arm ist das denn? Wenn die Kunden ein Produkt nicht mehr wollen (weil es sehr sehr oft an ihren Interessen und Bedürfnissen konsequent vorbeigeht), dann muss man sie staatlich zwingen. Für wen hält Herr Konken Medienkonsumenten? Für Idioten und Untertanen, die man rumschubsen und auspressen muss. Hoffentlich gibt es noch Verleger und Journalisten, die gute Produkte und Services für Kunden machen wollen, anstatt um Almosen bei der Regierung zu betteln.


René Schellbach

René Schellbach

Freier Journalist für Text - Foto - Layout

29.10.2015
!

GEZ bekommt eine neue Bedeutung: Gebühreneinzug für Zeitungen. Fixe Idee, keine Chance. Verlage sind gewinnorientiert. Verleger entscheiden, nicht Aufsichtsgremien. Und diese Verleger entscheiden viel zu oft falsch. Sie ruinieren den Qualitätsjournalismus und finden online kein Bezahlmodell. Schwacher Abgang, Herr Konken. Und kress fragte nicht kritisch nach internen DJV-Problemen: Warum konnten sich Stasi-Leute in Landesverbänden so lange halten? Qualitätsjournalismus muss selbstkritisch sein.


Patrick

30.10.2015
!

Deutschland ist schon heute Weltmeister in Abgaben auf allerlei Mögliche Sachen. Sei es Haushaltsabgabe, Gema, VG Wort, etc. Jetzt soll auch für Zeitungen eine zusätzliche Abgabe kommen. Man sollte wirklich mal schauen was die ganzen Abgaben in der Praxis gebracht haben. Ich glaube nicht das da bei einem Vergleich herauskommt das es in der Praxis irgendwas für die Gesellschaft gebracht hat. Man sieht ja bei den ÖR zu welch einem Moloch so was führt.


Bernd Nohse
30.10.2015
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"Wahrhaftiger berichten, Meinung und Information klarer trennen, Leser wollen nicht beeinflusst werden, Text trägt Zeile nicht, Distanz zur Politik halten." Deutliche Mahnungen, aber das böse L-Wort ist natürlich üble Hetze, obwohl nicht nur die 33er, sondern auch die 68er ihre Proteste damit geschmückt haben. Und richten soll es eine Zwangsabgabe. Dann sitzen Parteipolitiker in Zeitungsbeiräten und garantieren die ausgewogene Grundversorgung...


Dittsche

30.10.2015
!

Wie wärs mit einer Abgabe für Leute, die unqualifiziertes Zeug von sich geben Herr Konken?


Harald Henn

31.10.2015
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Ich glaube, Konken will nur spielen. Er möchte gern einen Tusch setzen, weil sein Abgang sonst zu still daherkäme. Im Grunde ist der Mann eine ehrliche Haut. Aber daß unter seiner Ägide der Verband schrumpfte, darunter leidet er halt. Das ist menschlich. Auch ich verließ den DJV (nach 41 Jahren Mitgliedschaft) vor knapp einem Jahr, weil ich rentierte. Seine Forderung nach einer Print-Zwangsabgabe sollte niemand ernstnehmen. In Zeiten des Lügenpresse-Vorwurfs schon gar nicht.


RN

02.11.2015
!

Reicht es nicht, wenn die öffentlich "nicht"-rechtlichen Medien zwangsfinanziert uns die Gülle ins Hirn gießen?
Soll man dann auch noch den Schmierenjournalismus zwangsfinanzieren?
Manche Blätter taugen nicht mal zum Hintern abwischen.


PrankFlassberg

07.11.2015
!

Banken, Breitbandausbau, Berliner Flughäfen, Sozialstaat, Klimawandel samt Volkswagen, und jetzt ganz neu Printmedien ... Die genannten Beispiele sind über die heilige Kuh " freier Markt (wirds richten)" der marktkonformen Demokratie anscheinend nicht abbildbar. Seien wir konsequent und beerdigen den Quatsch. Öffentlich. Und die Printmedien gehen voran, entschuldigen sich für ihr neoliberales Gelaber und debattieren bitte den Kurswechsel...


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