Bernd Ziesemer über Journalistenausbildung: "Man muss sich Zeit für eine Generalinventur nehmen"

 

Bernd Ziesemer, über acht Jahre lang "Handelsblatt"-Chefredakteur, ist als Wirtschaftspublizist gut im Geschäft: Er schreibt unter anderem für "Capital" und "Bilanz". Ende Oktober ist eine neue Aufgabe hinzugekommen: Ziesemer wurde zum Vorsitzenden des Trägervereins der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft gewählt, einer der renommiertesten Ausbildungseinrichtungen für Journalisten im Lande.

Bernd Ziesemer, über acht Jahre lang "Handelsblatt"-Chefredakteur, ist als Wirtschaftspublizist gut im Geschäft: Er schreibt unter anderem für "Capital" und "Bilanz". Ende Oktober ist eine neue Aufgabe hinzugekommen: Ziesemer wurde zum Vorsitzenden des Trägervereins der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft gewählt, einer der renommiertesten Ausbildungseinrichtungen für Journalisten im Lande. Im Interview mit kress spricht der 62-Jährige über seine Pläne für die Schule und sagt, warum er die "FTD" vermisst" und sich Sorgen um die "WirtschaftsWoche" macht.

kress: Sie haben den Vorsitz des Trägervereins der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft übernommen. Werden Sie sich als Vorsitzender aufs Repräsentieren beschränken oder können und wollen Sie auch gestalten?

Bernd Ziesemer: Ich habe mir drei Dinge vorgenommen. Erstens möchte ich dafür sorgen, dass weiter Geld für die Schule reinkommt. Ich werde mich bemühen, einige Türe zu öffnen, weil die Kölner Journalistenschule im Gegensatz zu anderen Häusern auf externe Unterstützer angewiesen ist. Das Zweite ist, dass ich gemeinsam mit dem geschäftsführenden Direktor Ulric Papendick gucken werde, wo man die Ausbildung verbessern kann. Und drittens meine ich, dass sich alle Journalistenschulen ein bisschen stärker in die Diskussion um die Zukunft der Medien einmischen sollten. Auch dazu möchte ich einen Beitrag leisten.

kress: Knapp die Hälfte der Einnahmen der Kölner Journalistenschule entfällt auf Spenden und Sponsoring. Ist die ständige Suche nach Förderern manchmal eine Zitterpartie?

Ziesemer: Eine Zitterpartie ist das nicht. Es gibt etliche Sponsoren, die sich längerfristig verpflichtet haben. Außerdem lebt die Schule ja auch von den Beiträgen der Schüler. Aber wenn es darum geht, über die Grundversorgung hinaus etwas zu machen, muss man sich um zusätzliches Geld bemühen.

kress: Wie stellen Sie sich die Einmischung der Journalistenschulen in die Diskussion um die Zukunft der Medien konkret vor?

Ziesemer: Es geht nicht um konkrete Initiativen. Wir sprechen so viel über Medienwandel, Digitalisierung oder Social Media, und es gibt ganz neue Arbeitgeber für Journalisten. Das Berufsbild ist in Bewegung, und dazu möchte ich einfach mehr von den Journalistenschulen hören.

kress: Spiegelt sich in Köln der Medienwandel ausreichend in den Ausbildungsinhalten wider?

Ziesemer: Da passiert schon viel, aber ich weiß, dass Herr Papendick mehr machen will. Man muss sich heute an allen Schulen Zeit für eine Generalinventur nehmen. Manches muss aber auch so bleiben, wie es ist. Das Entscheidende ist die Vermittlung des journalistischen Handwerks. Die Schüler müssen zum Beispiel lernen, wie ein guter Kommentar oder eine gute Reportage aussieht – unabhängig davon, wo sie später vielleicht einmal arbeiten.

"Viele Wirtschaftsmedien entfernen sich von ihrem Kerngeschäft"

kress: Werden Sie auch an der Journalistenschule lehren?

Ziesemer: Ich werde schon im Januar ein Seminar zu einem Thema machen, das mir sehr am Herzen liegt: Unternehmensrecherche. Es gibt eine Tendenz in Wirtschaftsmedien, die harte Unternehmensrecherche zu vernachlässigen. Das war besser, als sich das "Handelsblatt" und die "FTD" einen Konkurrenzkampf lieferten. Nach meinem Geschmack entfernen sich viele Wirtschaftsmedien derzeit von ihrem Kerngeschäft. Stattdessen machen sie große Berichte über Flüchtlinge oder allgemeinpolitische Themen.

kress: Wie erklären Sie diese Abkehr vom Kerngeschäft der Wirtschaftsmedien?

Ziesemer: Das hat einmal damit zu tun, dass die "FTD" vom Markt verschwunden ist. Manchmal fehlen auch die Mittel für langfristige Unternehmensrecherchen. Und einige Medien legen auch nicht mehr so viel Wert darauf. Das bedauere ich. Das Bemühen, die Wirtschaftsmedien für neue Leser zu öffnen, war vor Jahren ein guter Impetus. Jetzt ist das Pendel ein Stück in die falsche Richtung ausgeschlagen.

"Der Beruf ist nicht mehr so attraktiv wie vor 20 Jahren"

kress: Wie groß ist das Interesse an der Ausbildung in Köln noch?

Ziesemer: An allen Journalistenschulen ist die Zahl der Bewerber seit mindestens fünf Jahren tendenziell zurückgegangen. Es gibt aber eine gewisse Stabilisierung, und nach wie vor müssen die Schulen nicht jeden nehmen. Es gibt genügend Bewerber, um eine Auswahl treffen zu können. Man darf sich aber nichts vormachen: Der Beruf ist nicht mehr so attraktiv wie vor 20 Jahren.

kress: Was wird überhaupt der Beruf der meisten Absolventen sein? Ihr Vorgänger Henning Krumrey geht bald in die PR, ebenso ein bekannter Absolvent, Jörg Eigendorf. Ist das die Perspektive für eine wachsende Zahl von Absolventen?

Ziesemer: Es werden sicherlich einige Absolventen im Laufe ihrer Laufbahn auf die andere Seite wechseln, sei es temporär oder langfristig. So ganz neu ist das aber nicht. Vor-Vorgänger von Jörg Eigendorf als Kommunikationschef der Deutschen Bank war Stefan Baron, der von der "WirtschaftsWoche" gekommen war. Ich finde die Tatsache interessanter, dass immer mehr Arbeitsplätze bei völlig neuen Anbietern wie Xing oder der "Huffington Post" entstehen. Da tut sich eine Menge. Die Schulen müssen das unternehmerische Gen der Journalisten stärker fördern als früher.

kress: Hat der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland ein Qualitätsproblem, das auch in der mangelhaften Ausbildung der Journalisten begründet ist?

Ziesemer: Diejenigen, die das Glück haben, von Journalistenschulen zu kommen, haben in der Regel eine gute Ausbildung. Anderswo, zum Beispiel bei Regionalzeitungen, hat die Ausbildung in den vergangenen Jahren aber deutlich gelitten. Ich merke, dass manche Wirtschaftsjournalisten nicht wissen, wie man an Informationen rankommt. Die orientieren sich dann an dem, was die Pressestellen ihnen sagen. Man kann so viel ohne große Tricks recherchieren, wenn man weiß, wo etwas steht oder wie man einen Geschäftsbericht liest. Die meisten investigativen Journalisten leben nicht von ihren unglaublich tollen Kontakten, sondern von der akribischen Auswertung vorhandener Informationen.

"Man muss einfach mehr ausprobieren"

kress: Sie schreiben weiterhin für zahlreiche Wirtschaftsmedien, zum Beispiel für das neue Meinungs- und Debatten-Portal der Springer-Zeitschrift "Bilanz". Schließt ein solches Angebot eine Marktlücke im Wirtschaftsjournalismus, hat es ihm an Meinungsfreude gemangelt?

Ziesemer: An Meinungsfreude generell mangelt es ihm nicht. Ich glaube, dass diese Art von schnellem Kommentieren und Bloggen viele Möglichkeiten bietet. Ich beobachte, wie sich mein eigenes Nutzungsverhalten ändert. Ich gehe nicht mehr auf einzelne Portale, sondern folge Hinweisen, die ich auf Twitter oder bei Facebook bekommen habe. Wirtschaftsangebote müssen daher viel schneller und vielfältiger werden. Man muss einfach mehr ausprobieren.

kress: Für den Ansatz von "Bilanz" gibt es Vorbilder in den USA wie "Forbes" und die "Huffington Post", die ebenfalls viele Inhalte von externen Autoren beziehen. Das steht in der Kritik, weil diese Medien ihre Zulieferer oft schlecht oder gar nicht bezahlen. Sie bekommen als "Bilanz"- bzw. "bilanz.de"-Autor aber schon ein paar Euro, oder?

Ziesemer: Natürlich. Ich bin als fester Autor für "Bilanz" tätig und werde vernünftig bezahlt. Leider gibt es Angebote, wo das nicht der Fall ist. Ich als Journalist würde nirgendwo Beiträge schreiben, für die ich kein Geld bekomme.

kress: Für Ihren langjährigen Arbeitgeber, die Verlagsgruppe Handelsblatt, schreiben Sie seit März nicht mehr. Bei Ihrem Abschied haben Sie getwittert, der "Handelsblatt"-Chefredakteur habe Ihnen eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann haben Sie dann einen Rat erbeten, ob Sie die Botschaft veröffentlichen sollen oder nicht. Welche Nachricht hat ihnen Hans-Jürgen Jakobs denn seinerzeit auf der Mailbox hinterlassen?

Ziesemer: Wenn ich es hätte veröffentlichen wollen, hätte ich es veröffentlicht. Ich habe damals zurückgehauen, weil ich den Umgang der Verlagsgruppe mit mir nicht fair fand. Damals haben Büchsenspanner die Falschmeldung verbreitet, ich hätte mich nicht an Absprachen gehalten. Das war Blödsinn: Die einzige Absprache war, dass ich schreiben kann, was ich will. Mittlerweile habe ich aber ein insgesamt entspanntes Verhältnis zur VHB. Ich habe Kontakt zum neuen "Handelsblatt"-Chefredakteur Sven Afhüppe und unterrichte in Düsseldorf. Ich hege keinen Groll mehr, beobachte aber mit großem Interesse, was in Düsseldorf geschieht. Nicht alles finde ich gut.

"Ich mache mir Sorgen um die 'WirtschaftsWoche'"

kress: Was gefällt Ihnen nicht?

Ziesemer: ich mache mir Sorgen um die "WirtschaftsWoche". Die ist unter der Ägide von Miriam Meckel auf dem falschen Weg. Nehmen Sie die jüngste Ausgabe mit der Titelgeschichte zur Sterbehilfe. Als langjähriger Leser und Redakteur der "WiWo" erwarte ich ein solches Thema nicht von der Wirtschaftspresse.

kress: Mit dem "Handelsblatt" sind Sie zufriedener?

Ziesemer: Beim "Handelsblatt" hat sich vieles seit meinem Abschied im Jahr 2010 nicht geändert, etwa das Layout oder das Business-Format. Eine Tageszeitung ist ein Tanker. Jeder Chef kann sie verändern, aber nur graduell. Manchmal wünsche ich mir weniger Essays und Schwerpunkte und dafür mehr harte Unternehmensrecherchen. Aber jeder Chefredakteur muss für sich entscheiden, was er für richtig hält.

Die Kölner Journalistenschule bildet Politik- und Wirtschaftsjournalisten für Presse, Radio und Onlinemedien aus. Schwerpunkt der journalistischen Ausbildung ist der Wirtschaftsjournalismus. Die Ausbildung dauert vier Jahre und ist ab dem dritten Semester mit einem Bachelor-Studium der Volkswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre sozialwissenschaftlicher Richtung, der Betriebswirtschaftslehre oder der Sozialwissenschaften an der Kölner Universität verbunden. Träger der Schule ist der gemeinnützige Verein Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft e.V., dessen Vorsitzender seit Oktober Bernd Ziesemer ist. Die Schule ist finanziell und organisatorisch unabhängig von einzelnen Verlagen, Sendern, Interessengruppen und dem Staat. Der Verein hat nach eigenen Angaben derzeit rund 60 Mitglieder, die meisten davon Journalisten.

Bernd Ziesemer, 62, ist Absolvent der Henri-Nannen-Schule. Zwischen 1987 und 2010 hat er in verschiedenen Funktionen im In- und Ausland für die Verlagsgruppe Handelsblatt gearbeitet, in den letzten gut acht Jahren als "Handelsblatt"-Chefredakteur. Von 2010 bis 2014 leitete er als Geschäftsführer die Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Seitdem arbeitet er als Publizist, Autor, Berater und Dozent. Mehr Informationen gibt es unter "bernd-ziesemer.com".

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