Mathias Döpfner liest Automobilbranche die Leviten: Verursacher müssen schnell Verantwortung übernehmen

10.11.2015
 
 

Eine schonungslose Aufklärung ohne Tabus hat am Dienstagabend Mathias Döpfner von der Automobilindustrie gefordert. Springers Vorstandschef sagte bei der Begrüßung zum "Goldenen Lenkrad": "Die Verursacher müssen nun verloren gegangenes Vertrauen und zerstörte Glaubwürdigkeit schnellstmöglich zurückgewinnen."

Eine schonungslose Aufklärung ohne Tabus forderte am Dienstagabend Mathias Döpfner von der Automobilindustrie. Springers Vorstandschef sagte bei der Begrüßung zum "Goldenen Lenkrad": "Die Verursacher müssen nun verloren gegangenes Vertrauen und zerstörte Glaubwürdigkeit schnellstmöglich zurückgewinnen." Auch die Medien sieht Döpfner in der Verantwortung.

Kress.de dokumentiert Mathias Döpfners Rede vom Abend in leicht gekürzter Form.

Es ist der 40. Geburtstag dieses Preises. Und ausgerechnet im Jubiläumsjahr muss ich meine Begrüßungsworte ablesen, denn heute ist jede Silbe, jedes Komma heikel. Fast täglich gibt es neue Meldungen über den Einsatz von Schummelsoftware, manipulierte Abgaswerte, deutlich überhöhten CO2-Ausstoß und Verkaufsstopps bestimmter Modelle.

Wir haben uns gefragt: kann man in diesen Zeiten überhaupt Autos mit einem Goldenen Lenkrad auszeichnen? Kann man mit einer Branche, die quasi unter Generalverdacht gestellt wird, ausgelassen feiern? Es wäre ein Leichtes gewesen, in vorauseilendem Zeitgeist-Gehorsam oder aus Sorge vor Kritik, diese Veranstaltung abzusagen, die Axel Springer 1976 persönlich ins Leben rief.

Doch ich finde es wichtig und richtig, gerade unter diesen Rahmenbedingungen das Goldene Lenkrad zu verleihen. Unsere Autoindustrie hat uns zu einer der größten Wirtschaftsnationen der Welt gemacht. Jeden Tag leisten Ingenieure und Monteure in den Werken eine Arbeit, die auf der ganzen Welt bewundert wird. Diese Leistung bleibt. Und nur weil es in einem großen Konzern gravierendes Fehlverhalten gab, kann nicht eine ganze Branche in Kollektivhaftung genommen werden. Der raunende Verdacht, den man dieser Tage gelegentlich hört, lautet: in der Branche haben doch alle irgendwie Dreck am stecken. Ich finde das gefährlich und falsch. In einem Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung. Das bedeutet für uns heute Abend: Dort wo es Hinweise gibt, dass Angaben manipuliert wurde, haben wir die von der Jury prämierten Wagen aus der Wertung genommen. Doch: Wer den Sieg verdient hat, der darf und sollte auch gefeiert werden. Denn die ganz überwiegende Mehrheit der deutschen Autohersteller zeigt doch mit ihrer Leistung gerade in diesen Tagen: es geht auch anders.

Wenn unsere Kinder uns fragen: "Was ist denn eigentlich bei Volkswagen passiert?", könnten wir Ihnen vielleicht folgende Geschichte erzählen: Es war einmal ein Unternehmen von 600.000 Angestellten. Und einer von ihnen hatte ein Problem. Er konnte die Aufgabe, die ihm sein Chef gestellt hatte, nicht lösen. So sehr er auch tüftelte. Es war ihm peinlich. Er hatte Angst zu versagen. Dann meldete er seinem Chef schließlich doch: Geschafft!"Wie?", fragte der Chef. "Motorsteuerung", sagte der Ingenieur."Sauber", sagte der Chef. Und meldete es seinem Chef. Und der meldete es seinem Chef. Und so weiter. Irgendjemand hat irgendwann damit begonnen, nicht den Mut zu haben, die Wahrheit zu sagen, weil es Chefs gab, und zwar mehrere, die ein Nein nicht hören wollten.

Frage der Unternehmenskultur

Eine Frage der Unternehmenskultur. Die deutsche Wirtschaft sollte sich deshalb der Aufgabe stellen, Unternehmen von einer noch immer hier und da verbreiteten Angstkultur zu befreien. Wir müssen eine Fehlerkultur etablieren, in der Scheitern akzeptiert wird und die gewonnenen Erkenntnisse produktiv eingesetzt werden.

Aus meiner Sicht gibt es darüber hinaus jetzt drei Prioritäten:

1. Zuallererst sind die Verursacher gefordert. Sie müssen verloren gegangenes Vertrauen und zerstörte Glaubwürdigkeit schnellstmöglich zurückgewinnen - durch schnelle Aufklärung, schonungslose Wahrheit und klare und transparente Kommunikation.

2. Politiker sollten darüber nachdenken, wie sinnvoll Regelwerke mit Verbrauchswerten sind, die mit der Realität sehr wenig zu tun haben, und die von Verbrauchern auch nicht ernst genommen werden. Das relativiert oder rechtfertigt das aktuelle Fehlverhalten nicht. Aber mit Zielen, die man sinnvoll kaum erreichen kann, ist niemandem gedient.

Und 3. sind schließlich auch wir Medien gefordert. Auf Seiten der Verbraucher, der Kunden, gibt es massive Irritationen und sehr große Verunsicherung. Es ist unsere Aufgabe, unsere Leser ohne Panikmache und Pauschalierung kritisch und kompetent zu informieren. Fehler müssen schonungslos aufgedeckt werden ohne eine ganze Branche unter Generalverdacht zu stellen. Und ich bin überzeugt: wenn wir all dies tun, dann gilt auch hier der Satz, der ursprünglich von Bob dem Baumeister stammt: Ja, wir schaffen das.

von Mathias Döpfner

Hintergrund: "Goldenes Lenkrad"

Bevor in diesem Jahr die international renommierten Automobilpreise vergeben wurden, befragten die Chefredakteure von "Bild am Sonntag" und "Auto Bild", Marion Horn und Bernd Wieland, im Rahmen einer Podiumsdiskussion Spitzenvertreter der Automobilindustrie und Politik zu der Affäre um manipulierte Dieselmotoren und Herausforderungen für die Automobilindustrie. Dabei sprachen sie mit Jürgen Stackmann, VW-Markenvorstand, Harald Krüger, Vorstandsvorsitzender BMW AG, Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender Audi AG, Karl-Thomas Neumann, Vorstandsvorsitzender Adam Opel AG, sowie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Im Anschluss an die Diskussionsrunde fand die von Barbara Schöneberger moderierte Preisvergabe statt. Zur Wahl standen in diesem Jahr 33 Auto-Neuheiten in sechs Kategorien. Die Sieger des "Goldenen Lenkrads" 2015: Kleinwagen (Leserklasse): Hyundai i20; Kompaktwagen: Opel Astra; Mittelklassewagen: Audi A4; Mittelklasse-SUV: BMW X1; Sportwagen: Audi R8; Luxuswagen: BMW 7er. Dass "Bild am Sonntag" das Thema Volkswagen derzeit intensiv beleuchtet und immer wieder neue Fakten ans Tageslicht bringt, wird auch internationale wahrgenommen, unter anderem von der  "New York Times" - Jack Ewing hat noch am Sonntag groß über Volkswagen berichtet und dabei die Berichterstattung von "Bild am Sonntag" mehrfach zitiert. (B.Ü.)

 

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.