Frank A. Meyer über die gebotene Demut des Journalismus: "Die deutsche Presse ist keine Lügenpresse"

20.11.2015
 
 

Frank A. Meyer, einer der renommiertesten Journalisten der Schweiz und publizistischer Berater des Ringier-Verlags ("Cicero", "Blick"), hat bei der Preisverleihung "Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus" eine Rede gehalten, die sich mit den Herausforderungen der deutschen Medien, angemessen, mit dem "Lügenpresse"-Vorwurf umzugehen, auseinandersetzt.

Frank A. Meyer, einer der renommiertesten Journalisten der Schweiz und publizistischer Berater des Ringier-Verlags ("Cicero", "Blick"), hat bei der Preisverleihung "Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus" eine Rede gehalten, die sich mit den Herausforderungen der deutschen Medien, angemessen, mit dem "Lügenpresse"-Vorwurf umzugehen, auseinandersetzt.

Hier gibt kress.de Frank A. Meyers Ansprache in leicht gekürzter Form wieder:

Ich muss Sie, sozusagen als Vorwort zu dieser Rede, mit einer persönlichen Erklärung behelligen. Diese Erklärung betrachte ich als nötig, ja, fast sehe ich mich dazu genötigt: durch die politische Aktualität, die ja auch und vor allem eine publizistische Aktualität ist.

Nun also meine Erklärung: Ich bin in der Schweiz der mit Sicherheit schärfste Kritiker des Rechtspopulismus – vor allem in seiner Erscheinungsweise als Schweizerische Volkspartei, der grössten Partei meiner Heimat. Ich bin es seit mehr als 20 Jahren und ich glaube, die SVP würde diese Tatsache bestätigen.

Warum erkläre ich das hier? Weil ich von Beginn an ausschliessen möchte, dass irgendein Satz, irgendeine Wendung, irgendein Detail meiner Rede als Sympathie für den deutschen Rechtspopulismus missdeutet wird, der sich als AfD derzeit wachsenden Zuspruchs erfreut.

Diese meine Erklärung, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist unter anderem auch deshalb unumgänglich, weil ich heute über Journalismus reden will.

Als Bürger einer Wintersportnation und eines Landes, das sich seiner schneereichen Berge und Täler rühmt, musste ich in den vergangenen Tagen lernen, dass sich der Begriff "Lawine" verbietet, wenn man ein Sprachbild für den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland sucht. Der Begriff "Strom" dagegen ist gerade noch zulässig. Keinesfalls hingegen der Begriff "Flut". Was sonderbar scheint, haben doch beide mit Wasser zu tun.

Auf jeden Fall verweisen Wörter und Unwörter, wie sie gegenwärtig im Schwange sind, auf ein erhebliches Dilemma der publizistisch-politischen Debatte in Deutschland: Was darf man noch sagen, ohne moralisch abgestraft zu werden, wie beispielsweise der in alpinen Begriffen durchaus erfahrene Wolfgang Schäuble? Was ist unbedingt zu unterlassen?

"Es wird mit Wörtern gekämpft"

Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen: Es wird mit Wörtern gekämpft. Womit wir sind schon mitten drin sind in unserem Thema, dem Journalismus.

Ein Wort hat in der Medienbranche ganz besonders scharfe Reaktionen ausgelöst: das Wort von der "Lügenpresse". Er gehört zum Arsenal der demagogischen Bürger-Bewegung Pegida. Und es ist ganz und gar abzulehnen, und zwar nicht einfach, weil es rechtspopulistischer Ideologie entstammt, sondern weil es einfach nicht zutrifft.

"Mediale Kultur wie kaum eine andere Nation in Europa"

Nein, die deutsche Presse ist keine Lügenpresse, das deutsche Fernsehen ist kein Lügenfernsehen und das deutsche Radio ist kein Lügenradio. Die deutsche Demokratie verfügt über eine mediale Kultur wie kaum eine andere Nation in Europa. Ich erfreue mich dieser Kultur bereits an die 50 Jahre: Ich abonnierte einst das "Spandauer Volksblatt", weil Günter Grass es per Fahrrad unter die Leute brachte. Mir wurde es leider nur mit der normalen Schweizer Briefpost in meine Heimatstadt Biel geliefert. Ebenso abonnierte ich das Magazin "Konkret", das damals, in seinen Anfängen, noch ein Studentenblatt war.

Es folgten publizistisch herausragende Titel wie "Die Zeit" und "Der Spiegel". Beide lese ich nunmehr seit einem halben Jahrhundert. Habe ich je eine Ausgabe davon verpasst? Ich glaube kaum. Den deutschen Reflexions- und Investigativ- Journalismus erachte ich als unverzichtbar. Seit bald 10 Jahren sind die deutschen Zeitungen meine tägliche geistige Nahrung in Berlin, morgens ab 7 Uhr, zwei Stunden systematischer Lektüre. Ich verdanke den deutschen Medien viel, sehr viel.

Aus meiner Sicht kann ich Ihnen kaum ein grösseres Kompliment machen. Und dennoch – oder gerade deshalb – muss ich Sie fragen: Enthält der polemische Vorwurf "Lügenpresse" nicht vielleicht doch etwas Bedenkenswertes? Etwas, das uns zu denken geben sollte? Ich glaube schon: Ein erheblicher Teil der Großmedien hat sich hinreißen lassen von einem moralisch aufgeladenen Furor, vom Sog eines vermeintlichen erzieherischen Auftrags, demzufolge dem deutschen Bürger beigebracht werden müsse, was richtiges und was falsches deutsches Denken sei.

"In diesem Schwarz und Weiß fehlt das Grau"

Lügenpresse? Nein! Keine Lüge spielt da mit. Nur Begeisterung – Schwarm-Begeisterung. Enthusiasmus für das Gute: Willkommenskultur, unbegrenzte Aufnahmebereitschaft, Wir schaffen das! Gegen alles Schlechte: Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit. Freilich, in diesem Scherenschnitt der Wirklichkeit, in diesem Schwarz und Weiß fehlt das Grau. Denn die wirkliche Wirklichkeit besteht aus vielen Zwischentönen – aus sehr verschiedenen Schattierungen von Grau! Weißgrau, Hellgrau, Dunkelgrau.

Ganz sicher ist die wirkliche Wirklichkeit nicht schneeweiß wie die Lawine, die von der wichtigsten Politikerin Europas ausgelöst wurde – wenn denn Wolfgang Schäuble mit seinem Bild ins Schwarze getroffen haben sollte.

Sie sehen, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin sehr vorsichtig, ich halte mich zurück, ich relativiere meine Aussagen, ich rechtfertige meine Worte. Muss das sein? Leider muss es sein. Es gehört zu den publizistischen Anforderungen dieser Tage.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Kollege, ein ebenso brillanter wie renommierter linksbürgerlicher Journalist, formulierte – wagte! – angesichts der Terrornacht von Paris auf Online nachdenkliche Worte zur deutschen Flüchtlingspolitik. Er erhielt sofort geharnischte Kommentare von empörten Kollegen – und aus dem Außenministerium. Der Vorwurf lautete: Er betreibe das Geschäft der Rassisten und Rechtsextremisten.

Geht die Gesinnungspolizei um?

Ist da bereits eine publizistisch-politische Gesinnungspolizei unterwegs? Mir ist bewusst, dass die deutsche Geschichte Ursache ist für manche Zwänge und Zwanghaftigkeiten, über die ich hier nicht richten sollte. Wir Schweizer Bürger sind geschichtsfreier. Ich sage mit Bedacht: freier – nicht frei.

Vielleicht lässt sich die aktuelle publizistisch-politische Problematik exemplarisch an einem einzelnen Begriff darstellen: "Schlagbaum". Das Wort ist so deutsch, dass es in Sprachen von Nationen, die Deutschlands Schrecken über sich ergehen lassen mussten, bis heute auf deutsch verwendet wird. Deutscher „Schlagbaum“ – das soll nie mehr sein! Deutschland ist offenes Land. Heute. Und für alle Zukunft. Wer hätte dafür nicht Verständnis!

Ja, verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, es geht wieder um viel: Um Moral und Vernunft, um Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Wir erleben eine Zeit, in der uns quasi von gestern auf heute Gewalt und Terror, Mord und Krieg bedrängen: an unseren Grenzen – und nicht erst seit Paris sogar in unseren Städten.

Und Gewalt und Terror und Mord und Krieg sind getrieben von Antworten auf ungelöste Fragen dieser Zeit: nationalistische Antworten, ethnische Antworten, religiöse Antworten. Endgültige Antworten! Heilsbotschaften, Heilslehren, Versprechungen von vollständiger Erlösung bestimmen plötzlich wieder unsere Wirklichkeit.

Diesem gestrigen Geschehen, das unseren heutigen Alltag in die Krise stürzt, stehen wir hilflos gegenüber: Wie soll man sich auch wehren gegen eine Vergangenheit, die mit allen Mitteln die Gegenwart zu beherrschen sucht – ja sogar die Zukunft? Doch nicht allein verspätete Kulturen wie die islamische fordern uns mit ihren gewaltgeladenen Antworten heraus, wie soeben in Paris mörderisch vorexerziert. Nein, auch in unserer eigenen, so sehr dem Hier und Jetzt ergebenen Zivilisation sehen wir uns konfrontiert mit Heilsgewissheiten aller Art. Mit endgültigen Antworten.

Vom "Google-Gott"

Der Marktradikalismus ist eine dieser Antworten, die Fragen nicht kennt, verkündet er doch die hermetische Gewissheit, dass alles gute Geschehen auf die Gesetze des Marktes zurückzuführen sei. Inzwischen hat der ökonomische Fundamentalismus – dieser Fundamentalismus des Westens – Konkurrenz bekommen durch den Glauben an eine technologisch endgültige Antwort. Durch eine Religion aus dem neuen verheissenen Land, dem Silicon Valley. Durch das Heilsversprechen, demzufolge schon bald einmal ein Computer das Wissen der Welt vereinen und vernetzen und verarbeiten werde – auf dass endlich und bis ans Ende aller Tage Gott auf Erden walte und herrsche. Der Google-Gott!

Dieser Glaube antwortet – wie der Begriff Gott besagt, den ich hier ganz bewusst verwende – auf eine uralte Sehnsucht: Die Sehnsucht, es möge sich irgendwie und irgendwo und durch irgendwen das Wissen über Richtig und Falsch, das Wissen über Gut und Böse offenbaren. Die Sehnsucht, dieses Wissen möge uns erheben aus den Niederungen unserer ebenso unvollkommenen wie mühseligen Existenz. Die Sehnsucht nach der Erlösung von allem Fragen, von allem quälenden Für und Wider. Die verführerische Kraft jener alten und neuen Antworten, die uns endlich, endlich von allem Fragen zu befreien versprechen, ist nicht zu leugnen.

Warum soll nicht ein nationalistisch-ethnisches Reinheitsgebot die Völker ihrer Identität versichern? Warum soll nicht ein Gott seinen Gläubigen ewige Geborgenheit garantieren? Warum soll nicht eine radikale Marktideologie die Manager von aller Moral befreien? Warum soll nicht ein elektronisches Gehirn die Menschen von der Erbsünde erlösen? Ein gewaltiges Ringen hat angehoben: das Ringen unserer Kultur der Fragen mit den Kulturen der Antworten. Was aber ist das, unsere "Kultur der Fragen"? Es ist die Freiheit selbst.

Von der Freiheit zu fragen - und zu zweifeln

Es ist, lassen Sie es mich hier einmal ganz naiv formulieren, zuerst die Freiheit des Kindes, dann die Freiheit des heranwachsenden Menschen, schließlich die Freiheit des Bürgers: zu zweifeln, zu fragen, erneut zu zweifeln, erneut zu fragen – und alle Antworten zum Anlass zu nehmen, gleich wieder neue Fragen zu stellen und auch die neuen Antworten nur als vorläufig zu verstehen, bis sie durch weitere Fragen widerlegt werden.

Karl Popper nennt das "die offene Gesellschaft". In dieser – in unserer! – demokratisch strukturierten Offenheit kann man nicht nur die Regierung abwählen, man kann auch Antworten abwählen, und damit sogar die eigenen Gewissheiten. Das Resultat dieser "offenen Gesellschaft" ist Bürgerlichkeit, ist Bürgersein, ist der Bürger. Der freie Bürger.

Was aber vermag die Fragerei dieses freien Bürgers gegenüber dem Wahn der Antworten, dem wir gerade ausgesetzt sind? Wirken wir nicht zögerlich, zimperlich, schwächlich – gegenüber der verheißungsgeladenen Entschlossenheit all jener, die längst ihre Antwort gefunden haben? Ist die komplexe bürgerliche Demokratie mit ihrem ausdifferenzierten Rechtsstaat nicht überfordert? Ist sie nicht ineffizient? Ist sie nicht zu langsam Wehrlos?

Die Demokratie ist die einzige denkbare Antwort auf die Fragen dieser Zeit und dieser Welt. Dies aus einem ganz einfachen Grund: Weil die Demokratie selbst keine Antwort enthält! Weil sie ausschließlich einen zivilen, praktikablen und menschengrechten Rahmen gewährleistet – für fortwährendes Fragen. Der Philosoph Ernst Bloch sprach von "Entwurfsfantasie" als einem zentralen Kriterium der Demokratie. Das aber ist das Wunderbare an der Konstruktion des modernen demokratischen Rechtsstaats: Er ist erfüllt von unseren Entwürfen, unseren Hoffnungen, unseren Sehnsüchten. Sie machen die offene Gesellschaft aus – und stoßen dabei auf die Entwürfe und die Hoffnungen und die Sehnsüchte anderer.

Und immer dort, wo der Andere ins Spiel kommt, kommen die Fragen ins Spiel. Die Demokratie lebt vom Eros der Fragen. Eros aber entsteht erst durch den Anderen: durch unsere Neugierde auf den Anderen. Ja, es ist in der Demokratie wie in der Liebe: Sie funktioniert nicht ohne die Lust auf den Anderen. Ich erkühne mich zu sagen: Demokratie braucht Liebe. Unsere einzige unumstößliche Gewissheit ist die: dass in der Demokratie die Fragen gestellt werden.

"Demokratie ist die Banalität des Guten"

Sie mögen diese Schilderung der konkreten, praktischen, unspektakulären und bisweilen ermüdenden Wirklichkeit der Demokratie für eine Banaliät halten. Ich lasse mich gerne auf diesen Vorwurf ein: Denn es stimmt ja, die Demokratie ist banal! Sie ist: die Banalität des Guten.

Der Philosoph Odo Marquard hat die politische Kultur der Demokratie einmal mit folgenden Worten geschildert: "Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen, das Individuum gegenüber der Heilsgesellschaft."

Sind wir mit unserer Kultur des Fragens den gewalthaltigen nationalistisch-völkischen und religiösen Antworten gewachsen, die aus verwehter Vergangenheit ebenso unerwartet wie aggressiv unsere Gegenwart erschüttern? Sind wir den infantilen ökonomischen und technologischen Antworten gewachsen, die uns westlich- wissenschaftlich die Zukunft verheißen?

"'Gefällt mir' kann kein Kriterium sein"

Wenn ich sage wir, denke ich vorab und vor allem an meinen Beruf: an die Journalistinnen und Journalisten. Haben wir verstanden, dass es plötzlich wieder um etwas geht? Um viel geht? Um sehr viel? Ums Ganze? Haben wir verstanden, dass unsere Arbeit nicht einfach nur den Kriterien von Spannung, Unterhaltung und Glamour zu dienen hat? Haben wir verstanden, dass der Facebook-Daumen, dieses bescheuerte "Gefällt mir", kein befriedigendes Kriterium für irgendetwas sein kann? Haben wir verstanden, dass auch das Wohlgefühl eines Verkaufserfolgs den Herausforderungen unserer Gegenwart nicht genügt?

Es gibt einen Satz, den Sie bestimmt schon gehört haben. Es ist der Satz von den Geschichten, die das Leben schreibt. Diese Geschichten gibt es nicht; das Leben schreibt keine Geschichten. Die Geschichten schreiben die Schreiber: die Dichter, die Literaten – und, in unserem Alltag, die Journalisten. Wir sind es, die den Geschichten Gestalt geben – Dimension.

Tiefendimension durch die Historie: Alles Geschehen kommt von irgendwo her. Sogar ein simpler Verkehrsunfall ist mit seiner Historie verknüpft. Zum Beispiel damit, dass der Fahrer eines Wagens eine halbe Stunde vor einem Unfall in einer ganz bestimmten Kneipe einen zuviel getrunken hat. Das wäre dann die Tiefendimension des Verkehrsunfalls.

Breitendimension durch die Bezüge: Eine ökonomische Geschichte hat zu tun mit Ökologie und Kultur, eine kulturelle Geschichte hat zu tun mit Politik und Wirtschaft. Höhendimension durch die Wertung: Wir ordnen die Geschichte ein in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Das ist das Bildner-Handwerk des Journalisten: Die Geschichten, die wir erzählen, werden durch uns greifbar. Wie die Skulptur eines Bildhauers. Und wenn ich sage: greifbar, dann meine ich begreifbar. Der Leser, der Zuschauer, der Zuhörer kann das Geschehen greifen, spüren, in die Hand nehmen, damit etwas anfangen, es weiterreichen. Die Geschichte wird sinnlich erfahrbar.

"Ein demütiges Handwerk"

Ja, ein anspruchsvolles Handwerk beschreibe ich da. Vor allem: ein demütiges Handwerk. Demut vor der Demokratie, Demut vor dem Rechtsstaat – Demut vor der offenen Gesellschaft. Demut aber bricht Macht. Unsere eigene Macht. Denn wir sind eine Macht in der offenen Gesellschaft. Haben bereits Macht über diese Gesellschaft? In den Begriffen "Kontrollinstanz der Demokratie" oder „Vierte Gewalt“ schwingt Machbewusstsein mit:

Wir sind es, die lenken, worüber gesprochen wird. Wir sind es, die Geschichten hochziehen oder verhungern lassen. Wir sind es, die der Politik, der Wirtschaft und der Kultur ihre Medien-Slots zuteilen. Und wir sind vernetzt. Total vernetzt. Aus "total vernetzt" darf kein "totalitär vernetzt" werden.

"Wir Bildner der Demokratie dürfen nicht zum Problem der Demokratie werden"

Besteht diese Gefahr? Wenn wir unser Denken vernetzen, unser Urteilen, unser Verurteilen, wenn einer von uns nur noch auf den anderen von uns hört, dann wenden wir uns ab von der Kultur der Fragen, die ja recht eigentlich die Urkultur des freien Journalismus ist – und damit die publizistische Bedingung unserer freien Gesellschaft. Wir Bildner der Demokratie dürfen nicht zum Problem der Demokratie werden.

Deshalb dürfen wir uns auch nicht dem Missverständnis hingeben, wir seien die Elite der Gesellschaft. Die Elite der Demokratie setzt sich ganz anders zusammen: aus unzähligen Bürgerinnen und Bürgern, die sich über ihr privates Wohlergehen hinaus für die Gesellschaft engagieren, sei es als Funktionärin oder Funktionär einer Gewerkschaft, eines Unternehmerverbandes, einer Kulturinstitution, einer Partei, der freiwilligen Feuerwehr oder einer Nachbarschaftshilfe. Diese Citoyennes und Citoyens – diese Bürgerschaft – bildet die Elite. Ihr haben wir zu dienen.

Selbstverständlich sind wir es, liebe Kolleginnen und Kollegen, die aufdecken: bei Volkswagen und Fifa, bei der Deutschen Bank und beim BND. Selbstverständlich sind wir es auch, die darstellen, was es auf sich hat mit all den Skandalen. Selbstverständlich sind wir es, die hineinleuchten in die Hinterzimmer der Politik, in die Chefetagen der Wirtschaft, in die Dunkelkammern jedweder Macht. Aber wir tun es nicht aus eigener Machtvollkommenheit. Wir tun es als Dienst am Souverän – dem Bürger.

Ja, wir haben das Recht, sogar die Pflicht, Fragen zu stellen. Die entscheidenden Fragen zu stellen. Alles in Frage zu stellen. Alles? Ja, auch uns selbst! Was aber bedeutet das? Zum Beispiel jetzt gerade? Dass wir uns nicht heinreißen lassen, die Fragen beunruhigter und kritischer Bürgerinnen und Bürger auszublenden. Dass wir uns nicht hinreißen lassen, solche Fragen moralisch abzukanzeln. Dass wir uns nicht hinreißen lassen, Sprache und Wörter für zulässig oder unzulässig zu erklären.

"Wir sind nicht oben. Und das Volk ist nicht unten"

Dass wir uns nicht hinreißen lassen, von oben herab zu urteilen über die Ängste im Volk. Dass wir uns nicht hinreißen lassen, Befürchtungen als Phobien zu pathologisieren. Wir sind nicht oben. Und das Volk ist nicht unten. Wir Journalistinnen und Journalisten sind keine moralische Instanz.

Wir gehören auch nicht zur Berliner Politik, die mit ihrem Gleichklang über alle Bundestagsparteien hinweg den Bürger zum Schweigen bringt und ausgrenzt – weil eben keine Partei mehr da ist, die sich seiner Zweifel und damit seiner Fragen annimmt. Es darf keine publizistisch-politische Berliner Glaubensgemeinschaft geben. Sie wäre der Nährboden für deutschen Rechtspopulismus.

Bisher war Deutschland immun gegen die populistische Verführung, wie sie andere Länder, zum Beispiel Frankreich oder eben auch die Schweiz heimsucht. Solange Deutschland immun bleibt, bleibt Europa immun! Darum stellen wir Journalistinnen und Journalisten all die Fragen, die den Bürgerinnen und Bürgern unter den Nägeln brennen. Auch die Fragen an uns selbst stellen wir. Auch der Kritik an uns selbst stellen wir uns.

Heute werden hier Journalistenpreise verliehen. Journalisten erhalten Preise für ihren Mut, für ihr Können. Für kritisches Schreiben und Denken. Gegenstand dieses kritischen Handwerks sind vor allem Politik und Wirtschaft und Kultur und Gesellschaft, neuerdings auch Sport und Unterhaltung. Nichts ist unserem kritischen Blick, unserem skeptischen Fragen entzogen. Nichts? Wirklich nichts? Gibt es einen Preis für Journalismus, der sich kritisch mit Journalismus auseinandersetzt?

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich zum Schluss eine Wort-Provokation wagen, ja wagen, denn sie zählt nach dem aktuell geltenden "Neusprech" zu den verbotenen Formulierungen, weshalb man sie tunlichst unterlassen sollte:

Wenn ich sagte, es geht wieder um alles, dann meine ich: Es geht auch um die "Festung Europa"! Genau, die vielgeschmähte "Festung Europa", die Heimat unserer Kultur der Fragen – das Sehnsuchtsziel so vieler freiheitsliebender Menschen aus aller Welt. Unsere geistige Heimat. Sie wird wieder bestritten – von außen. Sie wird wieder relativiert – von innen. Sie muss sich wieder zur Wehr setzen, wie noch nie seit den Zeiten des rechten und linken Totalitarismus.

Was können wir tun? Fragen! Alles fragen. Auch das, was gerade nicht erlaubt ist – was wir gerade nicht erlauben!

"Deutscher Verfassungspatriot mit Schweizer Pass"

Ich lese immer wieder: "Deutschland muss anders werden." Ich lese von einem neuen Deutschland, dem die Zukunft gehört. Ich lese es aus der Feder von Großkollegen mit Großauflagen, in forderndem Ton, auch mit Verachtung für das Deutschland, das bisher Deutschland war.

Erlauben Sie mir, ganz persönlich zu schließen: Ich mag das Deutschland, wie es ist – mit seinem Grundgesetz, dieser großartigen Leitkultur, dieser wunderbaren Willkommenskultur. Ja, ich bin Deutscher Verfassungspatriot mit Schweizer Pass.

Von Frank A. Meyer

Hintergrund:

Die Otto Brenner Stiftung der IG Metall verleiht 2015 den "Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ zum elften Mal. Prämiert werden journalistische Arbeiten, die das Motto der Ausschreibung "Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten" in ihren Beiträgen beispielhaft umgesetzt haben. Aus 642 Bewerbungen wählte die Jury am 29. September die Preisträger in fünf Kategorien. Das Preisgeld beträgt in diesem Jahr insgesamt 47.000 Euro.

Mitglieder der Jury des Otto Brenner Preises 2015 sind Sonia Seymour Mikich (Chefredakteurin Fernsehen, WDR), Thomas Leif (SWR-Chefreporter), Volker Lilienthal (Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus, Universität Hamburg), Heribert Prantl (Innenpolitik-Chef und Mitglied der Chefredaktion, "Süddeutsche Zeitung") und Harald Schumann (Redakteur für besondere Aufgaben, "Der Tagesspiegel") sowie Detlef Wetzel (OBS-Verwaltungsratsvorsitzender).

Die Preisträger:

Den mit 10.000 Euro dotierten 1. Preis des „Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus“ erhält 2015 Ashwin Raman für "Das 13. Jahr - Der verlorene Krieg in Afghanistan" (Die Story im Ersten, SWR/ARD, 2. März 2015).

Der 2. Preis (5.000 Euro) geht an Silja Kummer für die Artikelserie "Für eine Handvoll Dollar", die zwischen dem 25. April und 15. Mai 2015 in der "Heidenheimer Zeitung" erschienen ist.

Mit dem 3. Preis wird "Der verkaufte Fußball - Sepp Blatter und die Macht der FIFA" ausgezeichnet. Die WDR/SWR-Reportage, die am 4. Mai 2015 in der ARD lief, erhält ein Preisgeld von 3.000 Euro.

Der "Spezial"-Preis, dotiert mit 10.000 Euro, geht 2015 an den griechischen Filmemacher Yorgos Avgeropoulos. Mit "Agorá – Von der Demokratie zum Markt" wird in dieser Kategorie eine Fernsehproduktion (5. Februar 2015, WDR) ausgezeichnet.

Den Newcomer-Preis, dotiert mit 2.000 Euro, erhält die "Tagesspiegel"-Redakteurin Elisa Simantke für ihren Beitrag "Europoly - Privatisierung unter der Troika".

 

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