Sparkassenverband greift Tageszeitung scharf an: Betreibt die FAZ "Kampagnenjournalismus"?

 

Ein heftiger Streit zwischen dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) und der Frankfurter Allgemeinen ist entbrannt. Von "Kampagnenjournalismus" ist die Rede. Und noch drastischer: "Seriöses journalistisches Handwerk ist nicht zu erkennen", prangert Christian Achilles, Leiter Kommunikation und Medien beim DSGV, die Tageszeitung an.

Ein heftiger Streit zwischen dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) und der Frankfurter Allgemeinen ist entbrannt. Von "Kampagnenjournalismus" ist die Rede. Und noch drastischer: "Seriöses journalistisches Handwerk ist nicht zu erkennen", prangert Christian Achilles, Leiter Kommunikation und Medien beim DSGV, die Tageszeitung an. Die FAZ hält dagegen, "Transparenz in ein intransparentes System" bringen zu wollen.

Hintergrund ist eine großangelegte Recherche über die deutschen Sparkassen, die nicht die Redaktion, sondern die Leser erledigen sollen. Inzwischen beteiligen sich laut FAZ schon nach wenigen Tagen 265 Leser an der Arbeit. "Wir können das nicht schaffen", begründet FAZ-Redakteur Hanno Mußler die ungewöhnliche Maßnahme in einem Video-Aufruf. Er bittet darin die Leser unter anderem, herauszufinden, "welche Sparkasse hat wie viele faule Kredite und welche ist am gefährdetsten und könnte demnächst vielleicht umkippen, Hilfe benötigen - vom Steuerzahler, von uns allen".

Der Fehlerzähler laufe mit

Dafür arbeitet die Zeitung mit dem Recherchezentrum Correctiv zusammen, das wiederum die FAZ-Freiwilligen einsetzt, die keine journalistische Ausbildung oder Erfahrung haben. Eine Kernfrage in dem Streit lautet daher: Können Amateure eine solch komplizierte Recherche überhaupt erledigen? Der DSGV meint nein und hat eine Liste mit den neun aus ihrer Sicht in der bisherigen Berichterstattung "wichtigsten Falschaussagen" zusammengetragen und diese richtiggestellt. "Wir lassen den Fehlerzähler mitlaufen", sagt Achilles zu kress.de. "Nahezu täglich korrigieren wir eine Correctiv-Falschmeldung über Twitter."

Ganz anders sieht das die FAZ. Online-Chef Mathias Müller von Blumencron sagt zu kress.de: "Es wäre doch das Selbstverständlichste, dass man uns diese angebliche Fehler-Liste zeigt. Aber das ist nicht geschehen. Daher können wir auch nichts dazu sagen." Dass der DSGV über die FAZ-Aktion nicht glücklich sei, verstehe sich doch von selbst.

Leser sollen bei der Recherche, nicht aber bei der Auswertung helfen

Zu der Frage, ob Leser imstande seien zu recherchieren, welche Sparkasse gefährdet sei, stellt Hanno Mußler gegenüber zu kress.de klar: "Die Leser sollen uns bei der Recherche helfen, nicht aber bei der Bewertung von Daten. Wir wünschen uns Leute, die Zahlen ihrer örtlichen Sparkasse aus dem Geschäftsbericht oder vom Aushang in der Filiale sammeln und diese Daten dann im Internet auf https://crowdnewsroom.org/ eingeben. Die Auswertung der Daten und den Vergleich zwischen einzelnen Sparkassen macht dann Correctiv." Die Redaktion erhoffe sich dadurch bessere Erkenntnisse über den Zustand aller mehr als 400 Sparkassen in Deutschland. Seine Anfrage zu den Ausreißern unter den Sparkassen lasse der DSGV nämlich regelmäßig unbeantwortet. "Über sein Ampelsystem weiß der Verband genau, wie vielen Sparkassen es gut, mittelprächtig oder schlecht geht. Aber der DSGV veröffentlicht nur die Durchschnittszahlen aller Sparkassen. So werden die größten Risiken verschleiert, und die besten Sparkassen gehen im Einheitsbrei unter", sagt Mußler. Mit Hilfe der Leser wolle die Zeitung auch herausfinden, welche Sparkassen in Deutschland die meisten Sportvereine und Kulturveranstaltungen vor Ort förderten und welche Sparkasse ihrer Kommune am meisten Steuern und Dividenden zahle - weil dies wichtige Gütezeichen für den Zustand einzelner Geldhäuser seien.

Die FAZ wehrt sich: "Keine Kampagne"

Der DSGV bläst nun zum Gegenangriff und nimmt dabei vor allem die FAZ selbst ins Visier. Es sei beachtlich, dass eine "bisherige Qualitätszeitung" ihre Recherchen "nicht mehr allein bewältigen" könne, sondern "nicht als Journalisten ausgebildete Leser zu Hilfe rufen" müsse. Dass die FAZ ein solches Vorgehen nötig habe, sei "bedauerlich". Die Zeitung habe ebenfalls diverse unrichtige Behauptungen verbreitet, auch weil sie sich "die Falschvorwürfe von Correctiv zu eigen macht", so Achilles.

Für ihn ist dies "eine neue Form des Kampagnenjournalismus". Erst werde, so sagt er, "das Thema Sparkasse gesetzt, dann beginnt die Recherche". Der DSGV-Sprecher: "Das ist das Kennzeichen von Kampagnen und nicht von Journalismus."

Müller von Blumencron hält dagegen: "Wir wollen Transparenz in ein intransparentes System bringen. Dafür haben wir eine bisher einmalige Aktion gestartet. Schon das scheint die Sparkassen in Aufregung zu versetzen. Wir wollen aus den zusammengetragenen Daten Indizien gewinnen, dann werden wir als Redaktion gezielt weiter recherchieren." Die FAZ gehe völlig "ergebnisoffen" an die Aktion heran. Das sei "keine Kampagne".

Naive Ansprache der Leser

Es ist auch der etwas unbeholfen daherkommende Video-Aufruf, der beim DSGV Kopfschütteln auslöst. Mußler sagt darin: "Ich sitze also sehr oft in Pressekonferenzen mit Sparkassen-Finanzpräsidenten und habe den Eindruck, dass ich an Grenzen der Berichterstattung stoße. Es wird nur das veröffentlicht, was Verbände gern in der Zeitung lesen würden. Die Sparkassenverbände veröffentlichen einfach nicht die Daten, die uns als Journalisten so wirklich interessieren."

Mußler beschreibt damit ein allgemein gültiges Phänomen. Jeder Reporter hat mit dieser Haltung von Interessengruppen zu kämpfen. Dann beginnt das eigentliche Kernhandwerk des Journalismus: die Recherche, die nun die Leser übernehmen sollen. Correctiv habe "einen ganz tollen Crowdnewsroom" eingeführt, in dem man Daten eingeben könne. Die naive Ansprache ihrer Leser und das darin enthaltene - für eine große Zeitung bemerkenswerte - Eingeständnis: "Wir können das nicht schaffen" lassen viele zunächst erstaunt zurück.

Ihre Kommentare
Kopf

r.nuwieder

24.11.2015
!

Lieber Herr Hauke-Steller, bevor Sie Ihrem Kollegen Mußler Naivität unterstellen, sollten Sie selbst vielleicht nicht verkennen, dass es sich bei Sparkassen eben nicht um reguläre Wirtschaftsunternehmen handelt, sondern um Organisationen, an denen die Öffentlichkeit aufgrund ihrer Einbindung in den öffentlich-rechtlichen Apparat ein gesteigertes Informationsinteresse hat. Diesem Informationsinteresse (Stichwort Managergehälter) begegnen die Sparkassen derzeit allerdings mit Intransparenz.


Ich

24.11.2015
!

Wer seriös recherchiert, wird sich kaum auf die Angaben irgendwelcher Leser zu den Geschäftszahlen der Sparkassen verlassen. Diese ganze Correctiv-Aktion stinkt schon vom Ansatz her.
Wenn es da wirklich so viel Erkenntnisinteresse gibt, sollten die FAZ und Correctiv lieber eine Handvoll Leute bezahlen, die Zahlen per Internet und Telefon zu besorgen. Auf die könnte man sich dann auch verlassen und sie guten Gewissens zitieren.
Aber das ließe sich natürlich nicht so gut marketingmäßig verkaufen.


Ich auch

24.11.2015
!

Leser für Recherche rekrutieren? Da fragt man sich tatsächlich wem das Geld ausgeht. Den Sparkassen oder der FAZ? Leider stelle ich fest, dass v.a. bei Printmedien gute Recherche immer mehr zum Mangel wird.
Warum fragt die FAZ nicht die Sparkassen direkt? Geschäftsberichte werden immer veröffentlicht! Wo soll hier Intransparenz herrschen?
Und dann vorwerfen, die Fehlerliste wurde nicht geschickt? Also erst wissentlich Fehler machen und nicht gleich ordentlich recherchieren? Versteh' ich nicht!


Rezzo

15.01.2016
!

Eine gute Sache FAZ! Kunden, Steuer-und Gebührenzahler und frustrierte Insider sind bestens geeignet, Mißstände mit aufzudecken, die sich wie giftige Pilze ausbreiten und – siehe Bürokratie-Monster ohne Effektivität (Flüchtlingskrise) - nicht effektiv kontrolliert werden!! Nach den Sparkassen bitte die von Journalisten statt von Managern geführten 7-Milliarden-Gebühren-Sender oder die Krankenindustrie vornehmen und zu Infos aufrufen. Da brechen die Leitungen zusammen – wetten dass!


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