Publizist Christian Nürnberger fordert: Weniger Profis, mehr Laien in Talkshows!

23.11.2015
 
 

Mehr unbekannte Gesichter in Talkshows fordert der preisgekrönte Publizist Christian Nürnberger. In einem Essay für kress.de vor der letzten Talkshow von Günther Jauch am kommenden Sonntag fordert Nürnberger, dass die Talkshow-Redaktionen mehr Laien in den Sendungen zu Wort kommen lassen:

Mehr unbekannte Gesichter in Talkshows fordert der preisgekrönte Publizist Christian Nürnberger. In einem Essay für kress.de vor der letzten Talkshow von Günther Jauch am kommenden Sonntag fordert Nürnberger, dass die Talkshow-Redaktionen mehr Laien in den Sendungen zu Wort kommen lassen: "Menschen, die sich 'unten' an Lösungen für Probleme versuchen, die 'oben' nicht gelöst werden oder dort nicht gelöst werden können", so Nürnberger.

Plasbergs Ausnahme-Talk 

Am 9. November 2015 lief im Fernsehen eine Talkshow, die deshalb unter allen anderen herausragte, weil sie keine Show war. Bei Plasberg saßen ausnahmsweise mal keine um Wählerstimmen buhlende Minister und Oppositionspolitiker, keine für ihre Interessen kämpfende Verbandsfunktionäre, keine Verkäufer von irgendwas, keine eitlen Selbstinszenierer - sondern: Unbekannte, normale Leute, die ganz konkret Flüchtlingen helfen, jeden Tag, rund um die Uhr. Engagierte Bürger, die einen tollen Job machen, während sich die Politiker in Berlin mal wieder einem Machtkampf hingaben, statt ebenfalls ihren Job zu machen.

"In der Sendung steckte etwas Zukunftsweisendes"

Die Menschen im Plasberg-Studio lieferten sich keine Schlacht um die höchsten Redezeit-Anteile, sondern erzählten uneitel und unaufgeregt von ihrer Arbeit. Plötzlich wurde, was "Flüchtlingskrise" benannt wird, konkret. Plötzlich bekam der Zuschauer einen Eindruck vom Alltag der Helfer und was mit dem "das" in dem "Wir schaffen das" eigentlich gemeint ist.

Die "Gremlins", wie Günther Jauch einmal die Mitglieder der ARD-Gremien genannt hat, sollten sich diese Sendung noch einmal ansehen, denn in ihr steckte etwas Zukunftweisendes, etwas das künftig an die Stelle des in die Jahre gekommenen Formats "Talkshow" treten könnte. Das schlägt sich zwar noch recht wacker im Quotenkampf – aber wie lange noch?

Wie auf das unbekannte Neue in der Welt reagieren?

Wenn also Günther Jauch am 29. November 2015 das Licht ausmacht im Gasometer und Anne Will es danach irgendwo anders wieder anknipst, wird vermutlich gerade diese Kontinuität zum Problem, denn da draußen in der Welt geschehen Dinge, die sich zu etwas summieren, was einige Kommentatoren inzwischen als "Zäsur" bezeichnen. Die Anschläge in Paris, der Terror, die Flüchtlinge, Griechenland, die Uneinigkeit innerhalb der EU, der Rechtspopulismus, aber auch der Internet-getriebene Umbruch in den Medien - das alles deutet daraufhin, dass irgend etwas Bekanntes zu Ende geht und etwas Neues, Unbekanntes beginnt. Das sollte eigentlich ein genügend großer Anlass sein, die Routinen und das business as usual in den Sendeanstalten – und nebenbei: auch in den Parteien – jetzt mal von Grund auf in frage zu stellen und zu überlegen, wie auf das unbekannte Neue zu reagieren sei.

Im Publikum gärt es

Zumal sich auch im Publikum was Neues tut. Dort gärt es, und der Gärungsprozess kann in den sozialen Medien verfolgt werden, wo sich Menschen tummeln, die an den Gebrauch des Rückkanals gewöhnt sind. Die interessieren sich nicht mehr für ein Fernsehen, das nur in eine Richtung sendet und sein Publikum allenfalls als Staffage und applaudierende Geräuschkulisse braucht. Diese Leute wollen mitreden. Auf Augenhöhe. Auch hier hat Plasberg übrigens die Nase vorn, denn am Ende der Sendung wird zumindest auszugsweise vorgetragen, was Zuschauer während der Sendung gemailt, gepostet und getwittert haben. Und es ist nicht der Troll und der wutbürgernde Dummschwätzer, der da zu Gehör gebracht wird, sondern der "mündige Bürger".

Gäbe es diesen Part nicht, wäre ein Teil des Plasberg-Publikums vermutlich längst bei denen gelandet, die an Talkshows stört, was deren Markenkern ist: die Show. Sie durchschauen, dass da so getan wird, als ginge es um Politik, während es zuvörderst um Unterhaltung und die Generierung einer guten Quote geht. Und wenn sie es nicht durchschauen, dann ahnen oder spüren sie zumindest, dass das, was da vor den Kameras aufgeführt wird, irgendwie nicht echt ist, sondern "Theater", für das sich im Vorfeld eine ganze Redaktion eine ganze Woche lang die Köpfe zerbrochen hat über die Dramaturgie, Inszenierung und die Besetzung der Rollen.

"Die Zuschauer sind komplett desillusioniert"

Man hat vielleicht in den Gremien noch nicht ganz realisiert, dass das Fernsehen es heute mit einem Publikum zu tun hat, das komplett desillusioniert ist. Beschiss-Software in den Autos aus Wolfsburg und Ingolstadt, das gekaufte Fußball-Sommermärchen, manipulierte Rankings beim ADAC, Manipulationen des Libors, des Goldpreises und der Devisenkurse durch die Deutsche Bank, Gezocke der Bonusbanker auf Steuerzahlers Kosten, an der Spitze der EU ein Mann, der als Ministerpräsident von Luxemburg den Steuerbetrug legalisiert hat, Kinderschänder an der Odenwaldschule und in katholischen Internaten, Verwicklungen des Vatikans in Mafiageschäfte, Folter in Guantanamo und Abu Graib, Rinderlasagne aus Pferd, Doping im Sport, der von den Altherren-Korruptis des IOC und der FIFA als deren Privatbesitz betrachtet wird – und damit ist die Aufzählung noch keineswegs zu Ende, aber vielleicht erklärt, warum immer mehr Menschen einerseits des ganzen Polit- und Medienzirkus überdrüssig sind, andererseits immer sensibler und zugleich wütender reagieren auf die Machenschaften "derer da oben". Und warum sie sich mit einem Talkshow-Theater nicht mehr zufrieden geben, auch wenn das von Zeit zu Zeit ganz unterhaltsam sein und sogar auch aufklärend sein kann, wenn ein Gast mal aus der Rolle fällt oder die Beherrschung verliert.

Aber gerade den von Medienberatern geschulten Profis passiert das immer seltener. Sie geben auf erwartbare Fragen erwartbare Antworten und minimieren so die erhofften Show-Effekte, was nicht weiter schlimm wäre, wenn dadurch mehr Wahrheit zum Vorschein käme, aber was statt dessen aufkommt, ist Langeweile. Daher gucken Teile des Publikums Talkshows nur noch, um zeitgleich in den sozialen Medien über Moderatoren, Gäste und Auswahl der Gäste abzulästern und ihren Überdruss an solchen Shows zu bekunden.

Welche Tatsache die Gremien unterschätzen

Eine wachsende Zahl der Jüngeren guckt überhaupt nicht mehr. Und in dem Maß, indem sie das alles nicht mehr interessiert, regen sie sich darüber auf, dass sie dafür auch noch zahlen sollen. Die Rundfunkgebühr heißt in den sozialen Medien nur noch "Zwangsgebühr". Als das wird sie empfunden von Menschen, die ihre eigenen Programmdirektoren, Leitartikler, Verleger und Blattmacher sind. Dass hinter vielem, woraus sie sich informieren, die teure Recherchearbeit von Redaktionen steht, vergessen sie, denn sie sind damit aufgewachsen, dass alles, was im Netz ist, gratis sein muss.

Das ändert jedoch nichts an der in den Gremien unterschätzten Tatsache, dass sich gerade die politisch Wachen ihr Urteil aus eigener Anschauung, anderen Quellen und eigener gedanklicher Anstrengung bilden. Es interessiert sie nicht mehr so brennend, was ein Literaturpapst ein Expertengremium oder irgendein Star über ein Buch denkt. Sie lesen es lieber unvoreingenommen selbst und schreiben dann selber eine Rezension. Stellen sich ihr eigenes Programm zusammen mit einer dieser amerikanischen Serien, die süchtig machen. Blättern in Blendle und picken sich die drei, vier Artikel aus drei, vier verschiedenen Zeitungen heraus, die sie wirklich interessieren. Schreiben ein Buch, das sie als Ebook im Selbstverlag herausbringen. Kommentieren das politische, kulturelle und gesellschaftliche Geschehen in ihren eigenen Blogs. Oder tauschen sich einfach untereinander via Facebook aus.

"Man könnte sich seine Quoten ehrlich erarbeiten"

Was tun? Wo etwas Neues, Unbekanntes beginnt, braucht es vermehrt Information und Orientierungswissen, ehrliches Ringen um Wahrheit. Also könnte man die Etats in den Sendern umschichten zu Lasten von Show und Unterhaltung und zugunsten von Information, Recherche und dem Ausbau des Reporter- und Korrespondentennetzes. Eine Möglichkeit könnte sein, nach unbekannten Gesichtern Ausschau zu halten, die im Gegensatz zu den sattsam bekannten Gesichtern etwas Neues versuchen oder etwas Neues zu erzählen haben. Weniger Profis, mehr Laien. Menschen, die sich "unten" an Lösungen für Probleme versuchen, die "oben" nicht gelöst werden oder dort nicht gelöst werden können. Man könnte sich seine Quoten ehrlich erarbeiten statt sie sich mit viel Geld durch den Einkauf großer Namen und großer Ereignisse zu erkaufen. Die Relevanz dessen, was gesendet wird, würde steigen. Die Bereitschaft, dafür zu zahlen, wüchse vermutlich dennoch nicht im gleichen Maß, wohl aber die Stichhaltigkeit der Gründe für eine Rundfunkgebühr. Aber jetzt sind wir erst mal gespannt auf die erste Sendung mit Anne Will.

ein kress.de-Beitrag von Christian Nürnberger

 

Ihre Kommentare
Kopf

Ulrich Saake

23.11.2015
!

Herr Nürnberger hat recht, leider hört man es nicht bei den Sendeanstalten. Hier sind es Quoten was zählt. Wenn man sich von dieser Denke nicht verabschiedet, wird es keine Änderung mehr geben. Ich sehe mir diesen Mist schon lange nicht mehr an, bei den Gästen geht es doch nur um Selbstdarstellung.


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