kress.de-Interview mit Gerd Ruge: "Ein Korrespondent braucht Neugier und gesunde Füße"

02.12.2015
 
 

Gerd Ruge zählt zu den Fernsehlegenden. Als ARD-Korrespondent war er in Moskau und Washington. Jetzt hat der 87-Jährige seine Erinnerungen aufgeschrieben – und ist auf Lesereise.

Gerd Ruge zählt zu den Fernsehlegenden. Als ARD-Korrespondent war er in Moskau und Washington. Jetzt hat der 87-Jährige seine Erinnerungen aufgeschrieben – und ist auf Lesereise. Im Interview mit kress.de spricht Ruge über spannende Erfahrungen in China, Zensur in der Sowjetunion, Neugier und gesunde Füße.

kress.de: Sie haben in Ihrer langen Karriere sehr viele Mächtige persönlich getroffen. Gab es dennoch jemanden von Rang und Namen, bei dem sich die Gelegenheit nie ergeben hat?

Gerd Ruge: Schwer zu sagen. Klar, gab es viele, die man gern getroffen hätte, um sich ein kompletteres Bild zu machen. Im Großen und Ganzen war ich aber zufrieden mit dem, was ich gesehen habe, und mit den Leuten, die ich gesehen habe, in Deutschland, in Russland, in Amerika, in China und vielen anderen Ländern. Ich hatte eine große Auswahl, mir nach persönlichen Begegnungen eine Meinung zu bilden, ob die Position der betreffenden Person eine private oder aber eine nationale ist. Das muss man auseinanderhalten.

kress.de: Tatsache ist: Die Liste der Staatsmänner, die Sie getroffen haben, liest sich wie ein Geschichtsbuch.

"Man muss nicht immer zustimmen"

Gerd Ruge: Von Kennedy über Chruschtschow bis hin zu Gorbatschow, um nur einige zu nennen. Mich hat interessiert: Wie reagieren sie? Worüber denken sie nach? Man muss nicht immer zustimmen. Wichtig aber ist, ihnen zuzuhören.

kress.de: Welche Begegnung hätten Sie sich gern erspart?

Gerd Ruge: Ich wüsste eigentlich keine. Dazu bin ich zu neugierig. Da haben mich auf unangenehme Gespräche nicht abgeschreckt. Mir war es einfach zu wichtig, mir selbst eine Meinung zu bilden. Umso besser kann man dann die Weltlage beurteilen. Jede Information, die man haben kann, ist es wert, berücksichtigt zu werden.

kress.de: Wie haben Sie sich auf unangenehme Gespräche vorbereitet?

Gerd Ruge: Nicht besonders. Und man stellt sich natürlich immer die Frage, wie zuverlässig das ist, was man hört.

kress.de: Sie haben in Ihrer Laufbahn fast alles erreicht, was man als Journalist erreichen kann. Sehen Sie sich als Glückskind des Schicksals?

Gerd Ruge: (lacht) Nein. Ich habe gar nicht alles erreicht. Richtig ist aber: Ich habe erreicht, was damals die meisten interessiert hat. Ich war einfach nur ein neugieriger Journalist, der alles eingesetzt hat, was er an Beziehungen besaß, um nah an die Ereignisse zu kommen – und an die Gesprächspartner.

"Der chinesische Botschafter war sehr angetan"

kress.de: Sie waren schon lange beim Rundfunk – und sind dann wieder zurück zur Zeitung gegangen. Warum?

Gerd Ruge: Ich hatte damals schon lange Lust, nach China zu gehen, und ich hatte auch ein bisschen Chinesisch gelernt, in den 50er Jahren noch. Und dann kam die Kulturrevolution. Das bedeutete, dass man sowieso nicht nach China kam. Anfang der 70er änderte sich das. Eine deutsche Wirtschaftsdelegation wollte nach China und bot mir an, mich mitzunehmen. Ich habe einen Bericht darüber gemacht. Damit war ich nicht besonders happy, weil die Berichterstattung schon ziemlich eingeschränkt war. Ich konnte also kein perfektes Bild von China geben, sondern nur das, was Ausländer sehen durften. Ich habe also einen Film gemacht, der eine drei- oder vierminütige Einführung hatte. Da hieß es in Deutschland bei der Fernsehdirektion, die Einführung ist zu lang, die Einführung muss weg. Ich habe das zwar anders gesehen, aber dann letztlich gesagt: Macht, was Ihr wollt. Ich saß auf einem Stuhl, hatte die Karte von China in der Hand und sagte, man kann nicht frei durch China fahren, man kann die Leute nicht frei interviewen. Man ist darauf angewiesen, wie man gesteuert wird. Und genau das habe ich in der Vorbemerkung erzählt. Aber das war nicht mehr zu sehen, sondern nur der eigentliche Film. Die Chinesen waren davon sehr angetan, sogar der chinesische Botschafter in Bonn. Und er lud mich ein, nach China zu kommen – aber nicht fürs Fernsehen, nicht für den Rundfunk. Der Grund dafür lautete: Alles, was man schrieb, musste der Zensurstelle vorgelegt werden. Na, habe ich gesagt, okay, ich werde schon was finden – und da habe ich mich an die "Welt" gewandt, an Axel Springer. Die anderen Zeitungen waren nicht an einem China-Korrespondenten interessiert, aber bei Axel Springer wusste: Ihm war das wichtig. Er hat mich dahin geschickt und das Ganze ein paar Jahre lang finanziert.

kress.de: Und dann?

Gerd Ruge: Es musste alles vorgelegt werden, aber gestrichen wurde fast nie etwas. Als Mao starb, hatte ich festgestellt: Die Leute in Peking trauerten, aber es war eine seltsame Trauer. Die Leute weinten, gingen mit ihren Mao-Bildern in ihre Betriebe und Fabriken, aber als sie rauskamen, lachten sie. Und ich dachte mir: Hier stimmt irgendwas nicht. Ich habe alles zusammengetragen. Warum das passierte, konnte ich nicht sagen. Ich konnte es aber zumindest beschreiben. Ich hatte meinen Bericht für die Fernschreiberstelle fertiggemacht, aber er kam nie dort an. Am vierten Tag bin ich dann zum Außenministerium, und da war eine Dame, die wirklich etwas zu sagen hatte. Ich sagte ihr, ich könne das nicht verstehen. Sie entgegnete: Ach, was wollen Sie sich beschweren. Wenn Sie so lange Artikel schreiben, dauert es auch lange, bis sie ankommen. Ich ging zur Tür, sie ging hinter mir her, und dann sagte sie: Ach, dieser Artikel – der war ja nicht korrekt, aber intelligent. Auf Wiedersehen. Das war schon das Äußerste, was man Kontakt bekommen konnte. Aber es war spannend, in China herumzureisen und mit den Leuten zu sprechen.

"Wenn man die unwichtigen Teile raus nahm, hatte man eine klare Ansage"

kress.de: Was haben Sie gemacht, um die Zensur zu unterlaufen?

Gerd Ruge: Die stärkste und die regelmäßigste Zensur gab es in der Sowjetunion. Was machte man da? Man schrieb einen langen Artikel, einen sehr langen. Der Artikel ging dann zur Zensur. Da ging dann jemand den Text durch, strich hier und da, und dann erhielt man den Text zurück. Na ja, in den Texten standen viele Dinge drin, die mich nicht besonders interessierten, aber auch interessante Fakten. Und wenn man die unwichtigen Teile raus nahm, hatte man eine klare Aussage.

kress.de: Ich vermute, das hat nicht immer funktioniert.

Gerd Ruge: Ich hatte Gespräche geführt mit dem Schriftsteller Boris Pasternak, wir haben gemeinsam auch ein Buch gemacht. Pasternack stand auf der Verfolgtenliste, und es war klar, dass wir diese Texte nicht bei der Zensur durch kriegen würden. Deshalb habe ich deutsche Geschäftsleute gebeten, sie in Teilen aus dem Land herauszuschmuggeln. In Deutschland haben wir das Buch veröffentlicht. Drei Wochen später hieß es dann von staatlicher Seite: Mein Visum sei leider abgelaufen, und es könne auch leider nicht erneuert werden. Das war ein feiner Rausschmiss.

kress.de: Und Sie sind dennoch nach Moskau zurückgekommen.

Gerd Ruge: Zunächst mal kam ich für zwölf Jahre nicht nach Moskau. Und dann kam ich in der Delegation von Willy Brandt zurück. Beim Außenministerium stellte ich fest, dass sich etwas verändert hatte: Der KGB-Chef, der mich damals rausgeschmissen hatte, war weg, seit gerade mal 14 Tagen. Der Außenminister war ganz vernünftig, und innerhalb von zehn Tagen hatte ich wieder ein Dauervisum für Russland.

kress.de: Wir hatten kürzlich das 25-jährige Einheitsjubiläum. Wie hat Moskau damals darauf reagiert?

Gerd Ruge: Das war Moskau damals komplett unverständlich. Viele waren verwirrt. Aber ich konnte helfen. Ich war der Überzeugung, dass die Situation das Verhältnis zwischen Deutschland und der Sowjetunion verbessern würde, wenn die deutsche Spaltung aufhören würde. Das hat bei vielen vernünftigen Leuten Zustimmung gefunden. Zwei, drei Jahre später war die Stimmung übrigens schlechter. Die verbreitete Meinung in Russland war: Wir haben den Deutschen die Wiedervereinigung zu billig gegeben.

"Die Lage ist sehr verwirrend und gefährlich"

kress.de: Im Augenblick diskutiert Europa über Flüchtlinge. Würde es Sie reizen, die Kamera noch mal in die Hand zu nehmen?

Gerd Ruge: Nicht unbedingt. Es ist ja schon viel an Gesprächen und Hintergrund gelaufen – ohne dass klar wäre, wie es weitergehen sollte. Die Lage ist sehr verwirrend und sehr gefährlich. Das beunruhigt mich sehr. Wer ist eigentlich mit wem verbündet? Wer will was? Wenn ich da jemanden wüsste, der die Lage übersieht, würde ich ihn gern besuchen. Aber den sehe ich nicht.

kress.de: Dennoch bleibt festzuhalten: Sie sind in Deutschland einer der bekanntesten Unruheständler. Was treibt Sie an?

Gerd Ruge: Neugier und gesunde Füße.

Biografie

Der gebürtige Hamburger ist einer der berühmtesten Korrespondenten der Stunde null. Als er 1949 seine Fernsehkarriere startete, war er gerade mal 21. Ruge erlebte für die ARD heiße Tage im Kalten Krieg, zuerst in Jugoslawien, dann in Washington und Moskau, obendrein war er, für "Die Welt", sogar in Peking.

1993 ging Ruge in den Unruhestand. Zwischen 1997 und 2003 machte er etliche Reisereportagen.

Ruge erhielt alle wichtigen deutschen Medienpreise, darunter die Besondere Ehrung des Grimme-Preises.

Die Menschenrechte waren Ruge stets ein wichtiges Anliegen. 1961 gründete er gemeinsam mit Felix Rexhausen und Carola Stern die deutsche Sektion von Amnesty International.

Text und Interview: Jürgen Overkott

 

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