Ein Artikelscore als Qualitätsmesser: Was Jan-Eric Peters mehr wert ist als schnelle Klicks

 

Der Aufstieg der "Welt" als ernstzunehmende, seriöse und von allen Seiten anerkannte Nachrichtenmarke wird auch nach dem Weggang des Chefredakteurs Ende des Jahres eng mit dessen Namen verbunden bleiben. Zum Abschied zeigt Jan-Eric Peters, dass schnelle Klicks im Online-Geschäft längst nicht ausreichen:

Der Aufstieg der "Welt" als ernstzunehmende, seriöse und von allen Seiten anerkannte Nachrichtenmarke wird auch nach dem Weggang des Chefredakteurs Ende des Jahres eng mit dessen Namen verbunden bleiben. Zum Abschied zeigt Jan-Eric Peters, dass schnelle Klicks im Online-Geschäft längst nicht ausreichen: "Wir haben definiert, worauf es uns ankommt", sagt Peters beim Gespräch mit KRESS in Berlin.

Peters gilt als Architekt der WeltN24-Gruppe, zu der unter anderem "Welt", "Welt am Sonntag", "Welt Kompakt", Welt.de und N24 gehören. Peters ist ein Mensch, der andere mitnehmen, überzeugen kann. Laute Töne sind seine Sache nicht, dass er aber auf den Tisch hauen kann und Auswüchse in seinem Haus nicht zulässt, hat er erst zuletzt im Fall des "Welt"-Autoren und früheren "Spiegel"-Ressortleiters Matthias Matussek bewiesen.

Peters, 50 Jahre alt, erzählt beim Gespräch mit Kress unprätentiös über die neueste Software, die in der Redaktion Einzug gehalten hat. Die Rede ist vom Artikelscore, der zeigt, "dass es uns nicht um Reichweite an sich geht, sondern um qualitativ hochwertige Reichweite. Wir machen nicht allein zum Maßstab, wie oft ein Artikel geklickt wird. Das war anfangs richtig, um die ganze Redaktion auf unseren digitalen Fokus einzuschwören. Aber um zu erkennen, welche Artikel aus Nutzersicht besonders gut sind, braucht es auch andere Maßstäbe", so Jan-Eric Peters.

Chefredaktion und Business Intelligence Team haben gemeinsam den Artikelscore entwickelt, an dem sich die Redaktion inzwischen Tag für Tag orientiert.

Worauf es heute ankommt

Bevor der Artikelscore vor zwei, drei Monaten in der Reaktion Einzug erhielt, musste ganz klar entschieden werden, worauf es eigentlich bei der täglichen Arbeit in einem Nachrichtenhaus wie der "Welt" ankommt: "Natürlich zum Einen, dass der Artikel von möglichst vielen Menschen aufgerufen wird, das ist ja klar", so Peters. "Dann aber vor allem: Wie lang liest ein Nutzer die Geschichte? Wie gut schneidet sie in den Sozialen Netzwerken ab? Wie oft wird sie geteilt, wie oft weiterempfohlen? Wie groß ist die 'Bounce-Rate', also wie viele Leser eines Artikels verlassen danach nicht gleich die Seite, sondern klicken in die nächste unserer Geschichten? Das ist ein besonders wichtiger Wert. Und natürlich: Wie ist Video eingebunden, wie viele Nutzer schauen sich das passende Video an? Gerade Webvideo ist ein wichtiges Feld für uns, da sind wir mit unserer Bewegtbildkompetenz natürlich besonders gut aufgestellt."

Dazu hat das Team ein Punktesystem entwickelt. "Jeder Artikel wird automatisch in unserem CMS bewertet. Der beste Artikel kann 30 Punkte erreichen", macht Jan-Eric Peters deutlich. Punkte gibt es in fünf Kategorien. Jeder Redakteur kann jederzeit im System sehen, wie eine Geschichte abschneidet. "Jeden Morgen verschicken wir außerdem eine Mail an alle unsere Reporter und Redakteure mit der Rangliste nach Artikelscore. Und die ist immer anders als die Rangfolge nach purer Reichweite", verdeutlicht Peters, der seit 2001 bei Axel Springer tätig ist.

Die ersten Erfahrungen

"Schon nach wenigen Wochen hat der Articelscore erkennbar zu Verbesserungen geführt", so Peters. Geschichten würden von Beginn an noch gründlicher geplant, weil man klar sehe, auf welche Elemente es ankomme. "Die Ressorts steuern auch öfter als früher nach, wenn sie sehen, dass eine Geschichte bei den Lesern nicht so gut ankommt, wie sie thematisch erwartet haben", so Peters, der hinzufügt: "Auch bei weiterführenden Links in aktuellen Geschichten setzen wir jetzt vor allem auf die Artikel, die beim Leser besonders gut angekommen waren."

Peters zieht ein erstes, positives Fazit: "Der Artikelscore sorgt dafür, dass sich die Kollegen noch intensiver mit den Bedürfnissen der Nutzer auseinandersetzen."

Peters, der 2016 Springers neues Projekt "Upday" (gemeinsam mit Samsung) zum Erfolg führen soll, macht deutlich: "Mit dem Articlescore steigern wir die Qualität unserer Geschichten. Wenn Leser lange an einer Geschichte lesen, dann ist mir das mehr wert als viele schnelle Klicks ohne nachhaltige Bindung. Das geht einem selbst doch auch so: Wenn man in eine Geschichte klickt und dann enttäuscht ist, hat das keinen guten langfristigen Effekt für die Marke."

Vor allem zeitgeschichtliche Themen würden fast immer Bestwerte bei der Bounce-Rate erreichen, so Peters: "Wer dort einmal anfängt mit dem Lesen, der liest dann auch die nächste und übernächste Geschichte. Und darum geht es: das Engagement der Nutzer steigern, und nicht einfach mal schnell einen Klick mitnehmen."

Für Peters ist der Artikelscore der Beweis, dass "sich Qualitätsbewusstsein auszahlt. Weil unser Angebot den Lesern gefällt, kommen immer mehr immer öfter wieder. Und so werden wir auch in diesem Monat online und mobil wieder Rekordwerte erreichen", freut sich Peters, der den neuen Typus eines Chefredakteurs so sehr verkörpert wie kaum ein anderer bei Deutschlands Traditionsmedien.

Auf die Eigenentwicklung sind inzwischen auch andere Häuser aufmerksam geworden: "Neulich war die 'Washington Post' bei mir zu Besuch und will nun prüfen, wie man unserer System dort vielleicht einbinden kann", freut sich Jan-Eric Peters im Gespräch mit kress.

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