Wie fair geht es in den Jurysitzungen wirklich zu? Hinter den Kulissen des Deutschen Reporterpreises

08.12.2015
 

Preisgekrönt zu sein, ist das Sahnehäubchen jeder Journalistenkarriere. Aber wie fair geht es in den Jurysitzungen wirklich zu? kress.de hat nachgesehen - hinter den Kulissen des Deutschen Reporterpreises.

Jurys? Allesamt unterwandert. Es gewinnt, wer die Jurymitglieder kennt, schon genügend Preise im Sack hat und in den Zeitungen veröffentlicht, die ohnehin um den Tisch sitzen. Da wird geklüngelt und manipuliert, was das Zeug hält. Heißt es und, ganz ehrlich: Es gibt gute Gründe für dieses Misstrauen.

Zu diesem Schluss kamen auch die Verantwortlichen des Deutschen Reporterpreises, der seit 2009 jährlich vom Reporter-Forum e.V. verliehen wird und bewiesen in diesem Jahr, wie leicht es ist, diesem Misstrauen zu begegnen. Durch Transparenz. So lud der Verein eine Handvoll Journalistinnen und Journalisten ein, den diesjährigen Jurysitzungen beizuwohnen. Als Sittenwächter sozusagen.

Sittenwächter bei den Jurysitzungen

Im sechsten Jahr seiner Vergabe ist die noch junge Auszeichnung, die von der Rudolf-Augstein-Stiftung unterstützt wird, bereits zu einem der bedeutendsten Journalistenpreise im deutschsprachigen Raum avanciert. Er wächst von Jahr zu Jahr, 2015 wurden gleich drei neue Kategorien (Innovation Investigation Datenjournalismus) ausgelobt und insgesamt 25 JournalistInnen, AutorInnen und Verleger hatten sich durch die Einsendungen gearbeitet, sie geprüft und bewertet. Ehrenamtlich, versteht sich. Gestern kamen sie zusammen, um die Sieger zu küren. Standesgemäß in den Räumen des Berliner SOHO Club, der sich hinter martialisch anmutender DDR-Architektur verbirgt. Der Aufzug abgedunkelt mit intimem Charakter, in den zweiten Stock und dann rechts durch.

Die Speerspitze der deutschsprachigen Medienlandschaft

Ein erster Blick in den Backstage-Bereich ließ an ein Klassentreffen denken - eins, bei dem alle es geschafft haben. Die Herren trugen mehrheitlich Anzug, die Damen, was sie wollten. Großer Name reihte sich an großen Namen, und wem die Namen nichts sagten, der kannte in jedem Fall die Medien, für die die Menschen hinter den Namen arbeiten. Voilà: Die Speerspitze der deutschsprachigen Medienlandschaft. Der Raum kreiste um eine Bar aus Eiche und trug die Erinnerung an große Zeiten, natürlich und unvermeidlich berlinerisch abgerockt. Coke-light, Kaffee und Miniburger.

Nach Begrüßung und Briefing durch Cordt Schnibben, einer der Hauptverantwortlichen und Mitbegründer des Reporter-Forums, trennten sich die Wege. Die Jury für den Investigativpreis wollte unter sich bleiben, die Türen der anderen drei Jurys jedoch standen den geladenen JournalistInnen offen.

Reibung schafft Nähe

Tür eins. Die Jury für den Bereich Kulturkritk, Essay und Interview tagte im kleinsten Raum auf roten Samtsesseln, unter den Füßen roter Velours, vor den Fenstern Brokatvorhänge. Die Wände holzvertäfelt, auf dem Servierwagen kalte Currywurst in weißen Kaffeetassen. Schmecke ein bisschen wie Tomatenmarmelade, witzelte einer. Die neun Jurorinnen und Juroren wirkten entspannt und freundschaftlich.

Interessanterweise eröffnete die Juryvorsitzende, Literaturagentin Karin Graf, die Diskussion ausgerechnet mit den Texten, die die wenigsten Jurymitglieder für sich gewinnen konnten. Eine ebenso überraschende wie kluge Vorgehensweise, denn sofort herrschte Einigkeit über das, was die Jurorinnen und Juroren schlecht (oder weniger gut) fanden. Das schafft Nähe. Die Reibung kam später, als es daran ging, Überzeugungsarbeit zu leisten. Es gewann der Text mit der größten Überzeugungskraft - qua Sprache, qua Inhalt, qua Handwerk. Es gewann der beste Text oder der, der am dichtesten an gut heranreichte. Eine feine Linie und Trost für die Jurymitglieder, die nicht ganz mit der demokratischen Mehrheit d'accord gingen.

Pragmatismus statt Betroffenheit

Nebenan, bei der Reportage-Jury hinter Tür zwei, fielen die Beiträge mit den wenigsten Stimmen sofort unter den Tisch. Gewinnen kann schließlich auch hier nur ein Text, folglich war im großen Saal vor dem Weihnachtsbaum Sachlichkeit angesagt. Unter Vorsitz von Mitveranstalter Ariel Hauptmeier wurde über die Preiswürdigkeit von Reportagen entschieden. Die Diskussionen weniger hitzig als bei den Kollegen des roten Raumes, dafür eine Messerschärfe, die für Gelächter sorgte. Der vorherrschende Pragmatismus half bei der einen oder anderen Entscheidung, besonders, als Verfechter der Ich-Reportagen auf LiebhaberInnen rechercheintensiver universaler Beobachtungen trafen. Am Ende blieb der Nachhall des Wortes "Gesundheitsselfie".

Harmonie vorm Weihnachtsbaum

Hinter der dritten Tür war es kalt, obwohl auch dort ein Weihnachtsbaum stand. Die Digital-Jury unter Vorsitz von Ismene Poulakos, Leiterin der Digitalredaktion des "Kölner Stadtanzeigers", hatte nur vier anwesende Mitglieder, aber viel Raum und wenig Heizung. Und einen sehr, sehr großen Screen, auf dem die gemeinsame Analyse der nominierten Projekte stattfand und per Skype mit dem fünften Jurymitglied aus den USA konferiert wurde. Abstimmung, eine unkomplizierte Einigung auf den Laudatoren, ein Kaffee zum Aufwärmen.

Auffallend war die Ausgewogenheit in den Jurys, sowohl, was die Quoten, als auch, was die Redebeiträge betraf. Kein Platzhirschgehabe, keine merkliche Zurückhaltung der Jurymitglieder, die zum ersten Mal Teil dieser Jury waren, keine spürbare Einflussnahme. Es wurde diskutiert, aber nicht gestritten, es wurde sich geeinigt. Immer. Bei der abendlichen Preisverleihung im Meistersaal, munkelt man, nach dem ersten Champagner, Bier, Wein, lockerte sich die Stimmung weiter. Da waren die Sittenwächter aber bereits aus dem Haus.

Die GewinnerInnen

Beste Reportage: Jana Simon für "Der Junge, der in den Krieg ging"

Innovation: David Schraven und Jan Feindt für die Graphic Novel "Weiße Wölfe"

Wissenschaftsreportage: Malte Henk für "Die Jagd auf 67P/C-G"

Freier Reporter: Claas Relotius für "Gottes Diener"

Lokalreportage: Nik Afanasjew für "Die Kids aus unserem Hinterhof".

Interview: Bastian Berbner für "Die Hölle, das ist der andere"

Investigation: Anne Kunze für "Die Schlachtordnung".

Kulturkritik: Peter Kümmel für "Sie sprechen nicht zu uns"

Essay: Emilia Smechowski für "Ich bin wer, den du nicht siehst"

Datenjournalismus: Theresa Rentsch, Julius Tröger, Moritz Klack, Max Boenke, David Wendler und André Pätzold für das Web-Projekt "M29 - Berlins Buslinie der großen Unterschiede"

Webreportage: Fabian Biasio, Alice Kohli, Simon Wimmer und Thomas Preusse für die Videoreportage "Good Night, Malaysia".

Die Jury bestand in diesem Jahr aus den Journalisten Franziska Augstein, Matthias Eberl, Michael Ebert, Ullrich Fichtner, Richard Gutjahr, Rainer Hank, Claus Kleber, Ulrike Langer, Hania Luczak, Caren Miosga, Anja Reschke, Evelyn Roll, Margrit Sprecher, Jessica Schober, Pauline Tillmann, Dominik Wichmann, Armin Wolf und Diana Zinkler; den Autoren Anke Domscheit-Berg, Axel Hacke, Sascha Lobo und Christine Westermann; den Verlegern Michael Krüger und Helge Malchow; und dem TV-Produzent Friedrich Küppersbusch.

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