Universitätsklinikum Mannheim: Wie ein Unternehmen gegen Medien auf die Straße geht

10.12.2015
 

Die Beschäftigten des Universitätsklinikums Mannheim wussten sich nicht mehr anders zu helfen: Sie machten sich auf zur Demonstartion gegen eine – in ihren Augen – unfaire Berichterstattung. Der Streit schwelt seit über einem Jahr - eine Einigung scheint ausgeschlossen. Die Journalisten berichten nicht "fair, sachlich und ausgewogen", heißt es von Seiten der Klinik. Die Berichterstattung sei "gerechtfertigt und vollumfänglich" von der anderen Seite. Es ist schwierig zu erkennen, wer die Wahrheit sagt. Es gibt aber Fakten. 

2014 wurde bekannt, dass OP-Bestecke am Klinikum offenbar nicht ordnungsgemäß sterilisiert wurden. Der Betrieb des Krankenhauses musste auf ein Minimalprogramm herunterfahren werden, es wurden nur noch "Notfall-Operationen" durchgeführt. Nach einer anonymen Anzeige hatte die Staatsanwaltschaft Mannheim damals - wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Medizinproduktegesetz – Ermittlungen aufgenommen. Kritik innerhalb des Hauses hatte es schon länger gegeben, aber die Klinikleitung zeigte sich damals immun gegen Beschwerden. Alfred Dänzer, der damalige Geschäftsführer und Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, musste zurücktreten. Seit 2014 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sechs ehemalige Mitarbeiter, die für den Hygieneskandal verantwortlich sein sollen. 

Fakten, die definitiv feststehen

Der Hygieneskandal hatte massive Folgen für das Universitätsklinikum Mannheim. Im vergangenen Jahr machte das Krankenhaus ein Minus von 10,1 Millionen Euro – das lag teilweise auch an unrentablen Kliniken, die in Hessen zugekauft wurden. Gleichzeitig muss massiv investiert werden: Allein 15 Millionen Euro flossen so in eine "Zentrale Sterilgut-Versorgungsabteilung", die medizinische Instrumente mit neuester Technik reinigt. Das Land Baden-Württemberg hat Zuschüsse angekündigt. Trotzdem ist die Zahl der Patienten deutlich gesunken: Im laufenden Jahr hat das Klinikum zehn Prozent weniger Patienten behandelt als noch 2014, gleichzeitig wurden die Anzahl der Mitarbeiter aufgestockt. "Wir haben alle Abläufe bei der Aufbereitung von Sterilgut neu organisiert, unsere Mitarbeiter intensiv weitergebildet und rund 80 Prozent unseres OP-Bestecks neu beschafft", sagt Universitätsklinikums-Sprecher Dirk Schuhmann. 

Streitpunkt zwischen der Klinik und den Journalisten

Das Krankenhaus, insbesondere aber der Betriebsrat, ist mächtig sauer über die Berichterstattung der Journalisten von "Spiegel" und Zeit Online. "Sie haben immer wieder dafür gesorgt, dass sich die Bilder in den Köpfen der Menschen festsetzen, egal ob sich mittlerweile bei uns etwas geändert hat oder nicht", sagt der Vorsitzende des Betriebsrates, Ralf Heller. "Die Medien haben berichtet, was wirklich vorgefallen ist", sagt "Spiegel"-Redakteur Horand Knaup, der von Beginn an und bis heute regelmäßig über das Universitätsklinikum schreibt. Und natürlich habe man auch die Verantwortlichen des Klinikums kontaktiert. "Aber die Missstände waren da, und sie wurden uns direkt von Mitarbeitern bestätigt."

Ähnlich sieht das auch Klaus Brandt aus dem Recherchepool der Funke Medien: "Die Berichterstattung ist vollumfänglich durch Dokumente und Aussagen gedeckt. Dass sie bei der Klinikleitung weniger gut ankommt als eine oberflächliche, verharmlosende Darstellung, liegt nahe", sagt Klaus Brandt. 

Rechtliche Schritte will das Klinikum nach Aussage des Sprechers vorerst nicht einleiten: "Leider ist das Medienrecht in der Arena der öffentlichen Wahrnehmung ein stumpfes Schwert: Sind negative Aussagen wie die 'tote Fliege am Skalpell' erst einmal veröffentlicht, ist es sehr schwer, die damit verursachten Schäden beim Vertrauen der Patienten und der Bevölkerung durch juristische Maßnahmen wieder gut zu machen", sagt Schuhmann. 

Was das Klinikum getan hat

Um sich zur Wehr zu setzen, hat der Betriebsrat vor einigen Wochen Anzeigen im "Mannheimer Morgen" geschaltet und sogar eine Demonstration gegen die unfaire Berichterstattung organisiert: "Die Demonstration der Belegschaft war eine ungewöhnliche Aktion, aber uns blieb nichts anderes übrig", sagt Heller. Die Berichterstattung von Zeit Online und Spiegel Online habe keine andere Wahl gelassen. "Natürlich läuft in einem Krankenhaus und auch bei uns nicht immer alles rund. Die Rahmenbedingungen und politischen Vorgaben in Deutschland sind ein Skandal. Daher standen auch die Beschäftigten des Klinikums unter extremen Druck. Dass es dabei immer wieder zu Fehlern kommen kann, ist zwangsläufige Konsequenz. Seit dem Frühjahr gab es keinen neuen Erkenntnissen mehr und trotzdem waren wir immer wieder Teil der Berichterstattung - und das natürlich selten positiv."

Besonders pikant: Der heutige Betriebsratsvorsitzende saß lange vor und während des Skandals schon in diesem Gremium: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damals nichts von den Problemen mitbekommen hat. Wo war denn seine Kontrollfunktion?", fragt Journalist Knaup.  

Sind wirklich nur schlechte News gute News?

Sowohl Klinikleitung als auch Betriebsrat stoßen sich an der aus ihrer Sicht einseitigen Berichterstattung, die sich alleine auf die zurückliegenden Vorkommnisse zu konzentrieren scheint und dabei nach dem Motto "only bad news is good news" die inzwischen erreichten hygienetechnischen Fortschritte des Klinikums nicht einmal erwähnt. 

Bei der Demonstration der Belegschaft wurden deshalb Einmalskalpelle als Symbol für diese "einseitige" Berichterstattung hochgehalten. Warum? "Weil wir bereits seit langer Zeit mit Einmalskalpellen operieren, die deshalb gar nicht verschmutzt sein können", sagt Klinikumssprecher Dirk Schuhmann. Auch das würde in der Berichterstattung nicht erwähnt. Oder die Sache mit der toten Fliege. So wurde in der Berichterstattung der Journalisten immer wieder behauptet, man habe eine tote Fliege im sterilisierten Operationsbesteck gefunden. Diese Behauptung beruht auf einer anonymen Meldung eines klinikinternen Meldesystems, für die es bislang keinerlei Bestätigung gibt. In der Berichterstattung aber spielte sie eine große Rolle.

Auch die Tatsache, dass das Uniklinikum Mannheim inzwischen bei der Anzahl postoperativer Wundinfektionen laut Statistiken in den meisten Bereichen weit unter dem Schnitt aller Kliniken Baden-Württembergs liegt, wird von den Kritikerin ebenfalls in der Berichterstattung der beiden Journalisten vermisst. 

Der lokale Rhein-Neckar-Blog hat sich die Berichterstattung von Klaus Brandt und Horand Knaup genauer angeschaut: Autor Minh Schredle kritisiert dort, dass die "vermeintlichen Qualitätsmedien", die anonyme Hinweise als Tatsachen verkaufen würden, und nennt dabei mehrere Beispiele. So auch die Zahlenspiele von Klaus Brandt, der in seinem Artikel von "350.000 potentiellen Opfern" seit 2007 schreibt. Ärgerlich nur, dass zwischen 2007 und 2014 nur etwa 210.000 Menschen ambulant und stationär im Universitätsklinikum Mannheim operiert wurden, wie aus offiziellen Dokumenten hervorgeht. 

Aufklärung geht nur schleppend voran

Fest steht, dass die Aufklärung bislang eher schleppend vorangeht – und vor allem der Öffentlichkeit Quellen vorliegen, die schwer zu beurteilen sind. "Der Fall kommt auch bei den Leidtragenden nicht gut an: den Patienten. Führungskräfte der Mannheimer Uniklinik verantworten diesen bundesweit beispiellosen Skandal, nicht Journalisten, die darüber berichten. Schmutzig waren die Instrumente in Mannheim, unsere journalistische Berichterstattung darüber ist sauber", behauptet Brandt. Und weiter: "Wenn nun Patienten wegbleiben, Arbeitsplatzverlustängste geschürt werden und potenzielle Betroffene auf die Straße gehen – wen trifft die Schuld: die Verantwortlichen oder die Presse?"

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