Der neue JVBB-Chef Buschheuer im Interview: "Wir möchten einen neuen Anlauf in Richtung Fusion machen"

 

Vom Chefredakteur zum Gewerkschaftboss in nur neun Monaten: Im März stellte die Mediengruppe Berliner Verlag Hans-Peter Buschheuer, 62, den Chefredakteur der Boulevardzeitung "Berliner Kurier", wegen "unterschiedlicher Auffassungen zur Weiterentwicklung der Marke" frei. Wahrer Grund war wohl, dass er sich gegen eine Kürzung seines Redaktionsetats gewehrt hatte. Anfang Dezember ließ sich der Geschasste zum Vorsitzenden des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg (JVBB) wählen, der zum Deutschen Journalisten-Verband (DJV) gehört. Im Interview mit kress kündigt Buschheuer nun eine Initiative zur Fusion mit dem DJV Berlin an, verspricht einen sozialpartnerschaftlichen Kurs - und verrät, was bei seiner Stasi-Überprüfung herausgekommen ist.

kress: Bevor Sie zum Vorsitzenden des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg gewählt wurden, waren Sie fast 15 Jahre lang Chefredakteur von Boulevardzeitungen. Wie oft haben Sie sich in dieser Zeit über Journalistengewerkschaften geärgert?

Hans-Peter Buschheuer: Über Gewerkschaften habe ich mich weniger geärgert, eher über Betriebsräte. Unterm Strich hatte ich aber ein recht gutes Verhältnis zu Arbeitnehmervertretern. Ich hatte es meistens mit Gewerkschaftern zu tun, die auf sozialen Ausgleich bedacht waren und weniger auf Arbeitskampf.

kress: Beim "Berliner Kurier" mussten Sie nach offiziellen Angaben wegen "unterschiedlicher Auffassungen zur Weiterentwicklung der Marke" gehen. Was war wirklich los?

Buschheuer: Ich habe mittlerweile mit dem Verlag einen Vergleich geschlossen, der Stillschweigen vorsieht. Daran werde ich mich halten.

kress: Sind Sie mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber im Reinen?

Buschheuer: Ich denke schon. Man muss mit so einem Kapitel abschließen können. Und mit der Redaktion des "Berliner Kuriers" bin ich im Guten auseinandergegangen. Es ist weder Bitterkeit noch ein schlechtes Gefühl zurückgeblieben.

kress: Was hat Sie nun dazu bewogen, für das Amt des JVBB-Vorsitzenden zu kandidieren?

Buschheuer: Das Amt ist vakant geworden und mir angetragen worden. Ich habe das nach langem Überlegen gemacht, weil mir die Tätigkeit des Journalisten, die ich seit 45 Jahre ausübe, so sehr am Herzen liegt, dass ich mich nun einmal um die soziale Lage des Berufs bemühen will.

kress: Sie sind 62 Jahre alt. Hat der JVBB keinen jüngeren Kandidaten für das Amt gefunden?

Buschheuer: Man hat mir wahrscheinlich auch deswegen den Posten angetragen, weil Jüngere so sehr im Beruf stehen, dass sie für ehrenamtliche Tätigkeiten keine Zeit haben. Von mir hat man zu Recht angenommen, dass ich jetzt Zeit habe.

kress: Haben Sie mit Übernahme des Amtes beim JVVB weitere berufliche Ambitionen aufgegeben?

Buschheuer: Ich bin für zwei Jahre gewählt, was danach kommt, weiß ich nicht. Parallel übe ich ein weiteres Ehrenamt aus: Ich sammele Spenden, mache Öffentlichkeitsarbeit und baue den Web-Auftritt für den Verein "Sea-Eye", der Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot retten will.

"Es gibt gegenseitige Vorbehalte aus der Zeit der Spaltung"

kress: In Berlin und Brandenburg gibt es insgesamt drei Verbände, die allesamt zum DJV gehören. Neben Ihrem JVBB sind das der DJV Berlin und der DJV Berlin-Brandenburg. JVVB und DJV Berlin haben sich dafür ausgesprochen zu fusionieren, doch das ist bis heute nicht geschehen. Warum?

Buschheuer: Das steht an erster Stelle der Agenda, wir möchten einen neuen Anlauf in Richtung Fusion machen. Auch für den DJV Berlin ist das ein großes Thema. Es gibt gegenseitige Vorbehalte aus der Zeit der Spaltung. Ich war in der Vergangenheit nicht involviert und kann vielleicht unbefangener in die Gespräche gehen, als es der alte Vorstand konnte. Es ist wichtig, dass wir in absehbarer Zeit fusionieren, weil wir uns durch die Spaltung selbst schwächen.

kress: Haben Sie denn konkrete Ideen, wie die Spaltung überwunden werden könnte?

Buschheuer: Ich werde mich Anfang Januar mit Bernd Lammel zusammensetzen, dem Vorsitzenden des DJV Berlin. Dann werden wir intensiv darüber beraten, welche Schritte zu einer Fusion unternommen werden können.

kress: In der Vergangenheit war ein Streitpunkt, wer im Fall einer Fusion die Führung übernehmen soll. Haben Sie Ambitionen?

Buschheuer: Das würde nach meiner Vorstellung eine gemeinsame Mitgliederversammlung entscheiden, bei der sich jeder bewerben kann. Ich würde eine Kandidatur nicht ausschließen, binde mein Amt aber nicht an Entscheidungen, die mit der Fusion zu tun haben.

kress: Ihrem Pendant beim DJV Berlin, Bernd Lammel, wird vorgeworfen, für die Stasi gearbeitet zu haben, was er bestreitet. Was ist Ihr Eindruck von dem Fall?

Buschheuer: Ich kenne die Akten nicht und will mich mit dem Thema nicht belasten. Da müssen Experten ran, die sich mit der Materie auskennen. Entsprechende Beschlüsse des DJV-Gesamtvorstandes gibt es ja.

kress: Der DJV-Gesamtvorstand hat alle Funktionsträger des Verbands aufgefordert, sich bei der Stasi-Unterlagenbehörde überprüfen zu lassen. Sind Sie selbst dazu bereit, obwohl Sie aus dem Westen kommen?

Buschheuer: Der Verband verlangt zu Recht, dass sich Funktionsträger gegenüber der Mitgliedschaft offenbaren. Ich habe mich vor meiner Wahl der Überprüfung unterzogen und die wenig überraschende Auskunft bekommen, dass über mich nichts vorliegt. Die Anfrage ist kostenlos, man hat einen Aufwand von einer halben Stunde. Das ist jedem zumutbar.

kress: Bernd Lammel weigert sich, sein Amt ruhen zu lassen, solange die Vorwürfe nicht geklärt sind. Ist eine Zusammenarbeit mit ihm unter diesen Umständen überhaupt möglich?

Buschheuer: Das ist in erster Linie eine Angelegenheit des DJV Berlin. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit vom Tisch ist, wenn wir konkret über eine Fusion reden.

kress: Welche weiteren Themen stehen in Ihrer Agenda oben?

Buschheuer: Neben dem normalen Tarifgeschehen sind die fortwährenden Aufgriffe auf die Pressefreiheit aus verschiedenen Ecken die eigentliche Herausforderung. Ich meine damit Angriffe aus der staatlichen Ecke, Stichwort Vorratsdatenspeicherung, aber auch körperliche Angriffe auf Journalisten, die vor Ort berichten, etwa bei Pegida-Demonstrationen. Die Pressefreiheit muss genauso geschützt werden wie die Demonstrationsfreiheit. Auch das allgemeine Lügenpresse-Gepöbel ist ein wichtiges Thema. Da wird unser Berufsbild pauschal angegriffen.

"Wir müssen auch zur kritischen Selbstüberprüfung bereit sein"

kress: Was haben Sie überhaupt für Handlungsmöglichkeiten jenseits von Appellen und Pressemitteilungen?

Buschheuer: Wir müssen auch zu einer kritischen Selbstüberprüfung bereit sein. In der Hitze des Gefechts schleichen sich manchmal Ungenauigkeiten und handwerkliche Fehler in die Berichterstattung ein, die hochgebauscht werden und Munition für den Lügenpresse-Vorwurf sind. Gegen Pauschalisierung hilft nur Transparenz. Ein solcher selbstkritischer Ansatz hat in der Vergangenheit manchmal gefehlt.

kress: In Berlin gibt es eine vielfältige Presselandschaft, aber auch einen enormen wirtschaftlichen Druck auf die Verlage. Kann die Vielfalt dauerhaft erhalten bleiben?

Buschheuer: Es ist wahrscheinlich wirtschaftlich sinnvoll, wenn die Verlage über eine Zusammenarbeit im nicht-redaktionellen Bereich reden, wie das jetzt geschieht. Man muss sich die Frage stellen, ob sich Verlage nicht wie Start-ups aufstellen müssten, um den Journalismus am Leben zu erhalten. Insgesamt betrachtet werden Zeitungen ja noch eine ganze Weile existieren, weil ihnen ihre Stammleser noch einige Jahrzehnte erhalten bleiben werden. Die Frage, ob auch das Internet Journalismus finanzieren kann, ist andererseits noch nirgendwo positiv beantwortet.

kress: Werden Sie zu den Verbandsvertretern gehören, die jede Sparmaßnahme und jeden Umbau in einem Unternehmen reflexhaft verdammen?

Buschheuer: Ich stehe für Sozialpartnerschaft. Man kann sich wirtschaftlichen Argumenten nicht entziehen, wenn die Existenz eines Zeitungstitels gefährdet ist. Eine reine Abwehrhaltung hilft nicht, weil keinem Unternehmen zugemutet werden kann, dauerhaft rote Zahlen zu schreiben. Man muss sich aber jeden Einzelfall genau anschauen. Manche Medienunternehmen nutzen die Krise auch dazu, sich unliebsamer Teile der Belegschaft zu entledigen.

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