Paul Achleitner über Axel Springer: Neuausrichtung "wahrhaft revolutionärer Akt"

 

Großes Lob von Deutschlands mächtigstem Chefaufseher. Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, bezeichnete bei der Preisverleihung des "Game Changer Awards" im "Gasometer" in Berlin den massiven Umbau bei Axel Springer als "wahrhaft revolutionären Akt".

Die Unternehmensberatung Bain & Company und das "manager magazin" (Chefredakteur: Steffen Klubmann) zeichneten die Unternehmen aus, die der Digitalisierung in ihrer Geschäftsstrategie am besten Rechnung tragen. Über 350 deutsche Unternehmen unterzog Bain & Company einer gründlichen Evaluierung, eine hochkarätige Jury (u.a. Olaf Koch, CEO Metro AG, Ann-Kristin Achleitner, TU München) kürte die Gewinner des erstmals ausgelobten "Game Changer Awards". Einer der drei Preisträger: Axel Springer.

In der Kategorie der "Focused Players", also der etablierten Unternehmen, die führend in einer Branche sind, setzte sich der Verlag gegen 150 andere Unternehmen durch und stach in der Finalrunde ProSiebenSat.1, den Fotospezialisten Cewe, den Roboterhersteller KUKA und den Automatisierungsspezialisten Festo aus. In der Kategorie "Incumbents" wurde BMW ausgezeichnet, bei den "Challengers" EOS.

Döpfner dankt ganzem Team

"Als wir vor über zehn Jahren die digitale Transformationsstrategie von Axel Springer der Öffentlichkeit erklärt haben, hat es viele hämische Schlagzeilen gegeben", sagte Mathias Döpfner in seiner Dankesrede. "Die gibt es heute nicht mehr und das ist die Leistung unserer Mitarbeiter. Deswegen bedanke ich mich nicht nur bei der Jury, sondern in erster Linie bei allen 'Game Changern' bei Axel Springer!"

In seiner Eröffnungsrede der festlichen Gala hatte Walter Sinn, Managing Director Bain & Company, die Wucht des digitalen Wandels skizziert. Die wertvollsten Unternehmen nach Marktkapitalisierung seien heute allesamt digitale Technologieunternehmen, die oft erst wenige Jahre, kaum Jahrzehnte, jung seien. Eine internationale Studie habe kürzlich ergeben, dass sich nur 14 Prozent aller Kinder zwischen drei und fünf Jahren selbst die Schuhe binden, aber 47 Prozent dieser Kinder ein Smartphone bedienen können. "Diese Generation werden wir wohl ganz sicher nicht mehr in die heutigen Reisebüros und Bankfilialen locken können."

Achleitner hebt "radikale strategische Erneuerung" hervor

Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschenn Bank, würdigte in seiner Rede vor allem die "radikale strategische Erneuerung" von Axel Springer. Man habe schnell erkannt, dass die Zukunft des Unternehmens im Internet liegt und gleichzeitig fest daran geglaubt, "dass der Journalismus auch in der digitalen Welt ein Erlösmodell sein kann." Bei aller Digitalisierung sei man seinem Kerngeschäft treu geblieben und habe eine strikte Trennung zwischen "analog" und "digital" bewusst vermieden.

Kress.de dokumentiert die Rede von Paul Achleitner, der für seine Frau, Jurymitglied Ann-Kristin Achleitner, als Laudator einsprang, in leicht gekürzter Form. (B.Ü.)

Klare Entscheidung in der Jury

Es ist mir eine große Freude und Ehre, Ihnen heute den Preisträger den "Game Changer" in der Kategorie "Focused Players" vorstellen zu dürfen, nachdem es uns in der Jury-Sitzung vergleichsweise leicht gefallen war, uns auf dieses Unternehmen zu verständigen.

Jeder von Ihnen kennt die "Bild"-Zeitung. Sie haben sie oft mit Genuss gelesen, über Artikel gestritten oder zumin­dest diskutiert und vielleicht auch schon einmal unter ihrer Berichterstattung gelitten. Heute ehren wir den Verlag, zu dem Europas größte Tageszeitung gehört. Sie hat über Jahrzehnte dessen Identität geprägt. Wir ehren diesen Verlag heute aber nicht wegen der "Bild"-Zeitung.

Wir ehren die Axel Springer SE und ihr Management wegen zahlreicher Engage­ments in Unternehmen, die eher unbekannte und exotische Namen tragen wie Upday, Seloger, idealo, AuFeminin, Ozy, Mic.com oder zanox. Diese und weitere digitale Zukäufe gehören allesamt zum Portfolio des Preisträgers und stehen für eine radikale strategische Erneuerung bei einem der führenden Medienhäuser.

Was Springer verbindet

Was verbindet die neuen digitalen Geschäftsmodelle mit dem traditionellen Kerngeschäft des Springer-Verlags? Es war zunächst die Erkenntnis, dass die Zukunft des Hauses im Internet liegt. Und es war der Glaube, dass Journalismus auch in der digitalen Welt ein Erlösmodell sein kann. Springer ist deshalb bei aller Digitalisierung der vergangenen zehn Jahre seinem Kerngeschäft immer treu geblieben der Schuster blieb bei seinen Leisten!

Analog wird bei Springer mit digital verbunden. Egal, ob Inhalte, Technologien, Anzeigen oder Werbevermarktung: alles wird aus einer Hand und jeweils unter einer Führung angeboten. Durch diesen cleveren und in der Branche nicht üblichen Schachzug vermied das Management den Kampf "analog" gegen "digital".

"Keine analogen oder digitalen Silos"

Es gibt bei Springer keine analogen oder digitalen Silos. Es gibt im Verlag also auch keine analogen Verlierer und digitalen Gewinner."Das Alte" wird mit "dem Neuen" aber nicht nur inhaltlich verknüpft. "Das Alte" hat eine exzellente finanzielle Grundlage geschaffen, um "das Neue" zu wagen. Und: Durch seinen Erfolg stützt "das Neue" seinerseits Investitionen in die traditionellen Produkte und sichert so deren Zukunft.Das vermeintlich "Alte" selbst geht bei Springer mit der Zeit. "Bild.de", "Welt.de", Posts, Bewegtbilder und Feeds Springers starke Medienmarken nutzen jenseits von Print die gesamte Bandbreite an digitalen Kanälen, um Leser oder wie man heute sagt "User" zu erreichen.

Für die Verschmelzung von anlog und digital bedurfte es eines fundamentalen Kulturwandels des gesamten Hauses. Die Digitalisierung trug beim heutigen Preisträger dazu bei, Geschwindigkeit, Motivation und Inspiration des gesamten Verlags zu erneuern. Dass sich drei der obersten Führungskräfte über viele Monate im Silicon Valley niederließen, um sich an der Quelle direkt zu informieren, symbolisiert den frischen Geist des Hauses. Die Geehrten verfügen über das sehr seltene Talent, sich sowohl auf dem Parkett des klassischen Verlagswesens höchst professionell zu bewegen, als auch die digitale Welt mit seinem Gründergeist und dem so ganz anderen Habitus zu verkörpern.

"Hemisphären verschmelzen zu moderner Einheit"

Bei Springer verschmelzen beide Hemisphären zu einer modernen Einheit. Warum ist die digitale Transformation für Springer von so großer Bedeutung und Strahlkraft? Wie in kaum einer anderen Branche hat die Digitalisierung die Geschäftsgrundlagen so verändert wie bei den Verlagen, man kann auch sagen: Das Internet hat die Verlage in ihren Grundfesten erschüttert.

Da einer unserer beiden heutigen Gastgeber selbst Verlagsprodukte auf den Markt bringt, halte ich meine Analyse kurz. Herr Klusmann könnte Ihnen sicherlich detaillierter als ich erläutern, in welchem Tempo die Ertragsmodelle von Print-Magazinen und Zeitungen weg brechen. Verlage sind seit Jahren mit den kalten Fakten von Leserschwund und sinkenden Anzeigenerlösen konfrontiert. Jedoch: Statt zu klagen, bewerkstelligte Springer den radikalen Umbau. In schwierigen Zeiten konsequent zu handeln, das zeichnet den Vorstandsvor­sitzenden, das Management und die Haupt-Eigentümerin aus!

Führende digitale Großverlag in Deutschland

Springer ist heute der führende digitale Großverlag in Deutschland. Das Haus hat sich den technologischen Wandel und das Internet zu nutze gemacht, die Spielregeln des Digitalen schnell erlernt und die notwendigen Veränderungen agil und mit hoher Risikobereitschaft vollzogen.

Umsatz, Wachstum und Ergebnis der Axel Springer SE stammen zunehmend aus den neuen digitalen Geschäfts­bereichen. Inzwischen entstehen über 60 Prozent der Erträge unter dem Label "digital". Beim EBIT sind es sogar bereits über 70 Prozent.

Und: Auch die Internationalisierung gelingt unter neuen Vorzeichen. Die Übernahme von Business Insider in den USA erhöhte die Reichweite nochmals deutlich. Rund die Hälfte der digitalen Umsätze generiert Springer inzwischen außerhalb der Grenzen Deutschlands.Eine knappe Verdoppelung des Aktienkurses in sechs Jahren ist der Lohn dieser Anstrengungen und ein objektiver Leistungsnachweis.

"Buy and build"

Viele der neuen Geschäftschancen sind "buy and build". Springer hat im Rahmen seiner digitalen Transformation rund vier Milliarden Euro für Akqui­sitionen in die Hand genommen. Kapital, das auch zur Verfügung steht, weil man sich von traditionellen Verlagsprodukten getrennt hat. Auch offensive Desinvestments im Falle von Springer in Höhe von knapp drei Mil­liarden Euro gehören zur Strategie von echten Game Changern!

Heute steht fest: Früher und konsequenter als der Wettbewerb hat das Springer-Management die Zeichen der Zeit erkannt und ist mit sehr viel Mut eine digitale Wette auf die Zukunft eingegangen. Und hat sie gewonnen. Ich hoffe, es ist mir in der Kürze der Zeit gelungen, zu verdeutlichen, dass die Neuausrichtung des Springer-Verlags ein wahrhaft revolutionärer unternehmerischer Akt war, der selbstverständlich auch mit Risiken verbunden ist. Bislang jedoch ist es dem Management scheinbar mühelos gelungen, diese Risiken zu beherrschen.

Paul Achleitner

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