Chefredakteur Lars Reckermann: "Ihr Brandstifter tut mir leid"

 

In Schwäbisch Gmünd brennt in der Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtsfeiertag ein Flüchtlingsneubau. Die Region ist geschockt. Lars Reckermann, Chefredakteur der "Gmünder Tagespost", versucht Worte für diese schreckliche Tat zu finden. Warum ihm die Brandstifter leid tun.

"Ja, wir waren naiv, wir alle. Warum sollten die Flüchtlingsheim-Anzünder einen Bogen um den Ostalbkreis machen?", schreibt Reckermann, bevor er darüber berichtet, was die Region eigentlich ausmacht - die sprichwörtliche "heile Welt", die nicht nur "ein Spruch auf einem Kalenderblatt" sei: "Wir haben die schönsten Sonnenauf- und -untergänge. Diese Region hat Herz, ein ganz großes sogar. Eine Region, die so eng mit der Natur verbunden ist, die so schöne Dorffeste feiern kann, eine Region, in der Vereine noch Aufnahmestopps verhängen müssen, weil sich so viele an der Gemeinschaft beteiligen wollen, diese Region ist zu so viel Gutem fähig. Ja, hier kann man auch streiten, kräftig sogar. Aber spätestens bei der Halben oder beim Viertele reicht man sich die Hand", so Reckermann.

"Ihr Brandstifter, Ihr tut mir leid, Ihr tut mir so unsagbar leid"

Aber warum wird dann ausgerechnet in dieser Stadt ein Neubau einer Flüchtlingsunterkunft in Brand gesetzt? Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln bereits. "Was nun, frage ich mich, haben die Menschen verpasst, die in der Nacht zum ersten Weihnachtstag ein Haus anzünden, in dem Menschen Zuflucht suchen wollten? Warum gibt es für diese Menschen nur Sonnenuntergänge biblischen Ausmaßes? Warum haben diese Menschen nie gelernt, sich verbal zu streiten - und sich dann auch wieder zu vertragen?", sind nur einige der Fragen, mit denen Lars Reckermann den oder die Täter charakterisiert: "Woher ich so genau weiß, wer das geplante Flüchtlingsheim in Schwäbisch Gmünd angezündet hat? Weil kein anderer Mensch so unsäglich menschenverachtend sein kann. Ihr Brandstifter, Ihr tut mir leid, Ihr tut mir so unsagbar leid. Ihr habt so viel verpasst, so viel Schönes noch nicht erlebt."

Für Reckermann steht fest: "Wenn Euch die Angst vor dem Anderen getrieben hat, dann seid Euch gewiss, Ihr seid nicht alleine." Er gesteht: "Auch ich habe oft Angst. Dann spreche ich mit meiner Familie und meinen Freunden. Ich zünde aber nicht das an, was mir Angst macht. Und ich bringe keine anderen Menschen in Lebensgefahr. Sie könnten mir ja einmal auf einem Dorffest ein Lächeln schenken."

Die schreckliche Tat hat die Menschen vor Ort mitgenommen, hunderte kamen noch am Freitag spontan zu einer Mahnwache vor der Flüchtlingsunterkunft in Schwäbisch Gmünd, um ein Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen. 

Hintergrund: "Schwäbische Post" und "Gmünder Tagespost"

Die "Schwäbische Post" (Erstausgabe: 1948) ist die führende Lokalzeitung im Ostalbkreis, sie erscheint in der Kreisstadt Aalen, der Gemeinde Abtsgmünd, in Ellwangen, Bopfingen, Neuenheim, Laichheim, Oberkochen sowie den Gemeinden Essingen, Neuler, Westhausen, Obergröningen, Adelmannsfelden, Rosenberg, Jagstzell, Ellenberg, Wört, Stödtlen, Tannhausen, Unterschneidheim, Kirchheim am Ries und Riesbürg. Zudem erscheint in dem Verlag auch die "Gmünder Tagespost" (Erstausgabe: 1959) in Schwäbisch Gmünd. Gemeinsam haben beide Titel eine verkaufte Auflage von 32.736 Exemplaren (laut IVW, 3/2015). Chefredakteur ist Lars Reckermann, Herausgeber sind Bernhard Theiss und Ulrich Theiss, die gemeinsam mit Christian Kaufeisen auch die Geschäfte führen. Bei der überregionalen Berichterstattung kooperiert die Zeitung mit der in Ulm erscheinenden "Südwest Presse" (Chefredakteur: Ulrich Becker, stellv. Chefredakteur: Ulf Schlüter; Geschäftsführer: Thomas Brackvogel; Verleger: Ruth Aberle, Eberhard Ebner).

Bei der "Südwest Presse" war es Chefredakteur Ulrich Becker, der im Oktober in einem vielbeachteten Kommentar den Fremdenhass in der Region thematisierte. Der Titel seines Kommentars lautete: "Der Hass widert uns nur noch an". 

Ihre Kommentare
Kopf
Bernd Nohse
27.12.2015
!

Kollege Reckermann vergleicht Äpfel mit Birnen. Beim Streit, den man beim Viertele löst, geht es um das Ob, dann um das Wie. Bei der Migration wird über das Ob schon in Berlin entschieden. Zur (Un)Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens haben sich renommierte Verfassungsrechtler geäußert. Selbst wer den Rechtsweg nimmt, siehe Sophienterrasse in HH, wird mit der Moralkeule niedergemacht. Wer so argumentiert, will die Gegenseite gar nicht hören. Auch nicht nach einem Halben. Wohin das führt, sieht man...


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.