ZDF-Filmchef Reinhold Elschot zum "Wilsberg"-Jubiläum: "Leonard Lansink ist der Westfalen-Columbo"

 

Heute Abend (2. Januar) strahlt das ZDF die 50. "Wilsberg"-Folge aus. Im kress.de-Interview erzählt ZDF-Filmchef Reinhold Elschot, welche Rolle Wilsberg-Erfinder Jürgen Kehrer spielt, wie Leonard Lansink engagiert wurde - und Elschot sagt: "Wer morgen gut sein will, muss heute etwas dafür tun."

Zur Person: Reinhold Elschot (64) Filmchef des ZDF und zugleich stellvertretender Programmdirektor. Seit 1991 ist der gebürtige Münsterländer in verschiedenen Funktionen beim Zweiten tätig. Zuvor war der studierte Germanist Preisreferent beim Grimme-Institut in Marl, freier Publizist für "Süddeutsche Zeitung" und epd sowie WDR-Sprecher.

kress.de: Die deutsche Krimi-Hauptstadt ist keine Metropole: Das Verbrechen wird am liebsten in Münster bekämpft. Warum?

Reinhold Elschot: Münster liegt ja, man glaubt es kaum, in der deutschen Kriminalstatistik ganz weit oben - bei Fahrrad-Diebstählen. Nein, im Ernst, Münster ist eine der schönsten Städte Deutschlands - ich weiß das auch darum, weil ich dort studiert habe. Sie ist sehr heimatlich, umgrenzt, warm - da ist der Kontrast zum Verbrechen um so größer.

kress.de: Wer hat das Film-Potenzial von Jürgen Kehrers Romanvorlagen entdeckt?

Reinhold Elschot: Der Entdecker von "Wilsberg" ist mein geschätzter Kollege Martin Neumann: Er war Anfang der 90er Jahre auf Jürgen Kehrers Romane gestossen, hatte den richtigen Riecher und hat meinen Vorgänger Hans Janke überzeugt - ein Glücksfall für den Sender. Martin betreut die Reihe von Anfang an bis heute - auch diese Kontinuität ist ein großes Glück für "Wilsberg".

kress.de: Jürgen Kehrer hat das erste Drehbuch selbst geschrieben. Wollte er die volle Kontrolle über die Serie?

Reinhold Elschot: Grundlage des ersten "Wilsberg" war ein Roman von Jürgen Kehrer, Drehbücher schrieb er erst sehr viel später. Wir wollten Jürgen, den Vater der Wilsberg-Figur, in die Entwicklung der Reihe einbinden und inzwischen hat er selber oder auch gemeinsam mit Sandra Lüpkes zahlreiche Folgen geschrieben, zum Beispiel auch die 51., die wir im Frühjahr 2016 zeigen werden.

Ein Nobody wird ohne Casting engagiert

kress.de: Der erste "Wilsberg" war Joachim Król. Er war damals schon ein Star. Sein Nachfolger Leonard Lansink jedoch war ein Nobody. Warum hat das ZDF gesagt: der oder keiner?

Reinhold Elschot: Der Produzent Gerhard Schmidt und Martin Neumann kannten Leonard Lansink und haben ihn ohne Casting vom Fleck weg engagiert. Er war für sie die ideale Verkörperung dieser Rolle - und sie sollten recht behalten. Das war seinerzeit schon beherzt und ungewöhnlich, aber sie haben so überzeugend für Leonard geworben, dass Hans Janke gar nicht anders konnte, als Ja zu sagen.

kress.de: Hat der Sender damals schon gesehen, dass Lansink das Potenzial zum Westfalen-Columbo hat?

Reinhold Elschot: Gesehen weiß ich nicht, aber natürlich schon erhofft: Leonard ist wirklich unverwechselbar. Er sitzt auf der Rolle, ist zugleich ungeheuer facettenreich und immer wieder für eine Überraschung gut.

kress.de: Die Serie wird von einem Ensemble getragen - und spekuliert auf die Wiedersehensfreude beim Publikum. Welche Risiken hat das ZDF gesehen, als Heinrich Schafmeister als Sidekick von Leonard Lansink ausschied?

Reinhold Elschot: Jede Umbesetzung ist ein Risiko: Man muss die Qualität der Figur, die Qualität des Ensembles und die erzählerische Qualität halten, und das Publikum muss den Weg mitgehen. Zugleich gehören Umbesetzungen zu unserem Berufsalltag - man muss es nur richtig machen, und hier haben wir's, denke ich, ganz gut gemacht.

kress.de: Schafmeister wurde von Oliver Korittke beerbt. Hat das Publikum anfangs gefremdelt?

Reinhold Elschot: Eigentlich nicht. Abschiedsschmerz für Heinrich und Willkommensfreude für Oliver hielten sich die Waage. Dass manche Zuschauer Heinrich anfangs mehr vermisst haben, liegt in der Natur der Sache. Jetzt gibt es ja bereits 36 "Wilsbergs" mit Oliver Korittke, einem ganz hervorragenden Schauspieler, der sich in die Herzen der Menschen gespielt hat - ich kenne ihn noch aus seiner Zeit als einer der beiden fulminanten "Musterknaben", einem ziemlich abgefahrenen Krimi-Format im ZDF.

Warum Overbeck heutzutage eine stärkere Rolle spielt

kress.de: Die Krimi-Reihe ist ein Markenprodukt. Andererseits hat das ZDF ausgerechnet "Wilsberg" - Stichworte: Zuschauerbeteiligung per eScript, Online-Folge plus Facebook-Kommentare - als Vehikel für zeitgeistige Experimente genutzt. Was war - erstens - der Grund? Und: Waren - zweitens - die Experimente erfolgreich?

Reinhold Elschot: Unser Redakteur Martin Neumann war sehr frühzeitig netz-affin - lange bevor so mancher wusste, was das überhaupt ist oder meint. Und wer morgen noch gut und interessant sein will, muss heute etwas dafür tun. Martin hat das Potential der "Neuen Medien", wie man sie damals nannte, sehr früh erkannt. Das "escript" - Zuschauer schreiben für Wilsberg - wurde schon 2001 mit dem Grimme-Online-Award prämiert, die Facebook-Episoden kamen gut an und haben uns zum Beispiel darin bestärkt, eine Figur aus dem Team, den sehr besonderen Kommissar Overbeck, noch mehr ins Spiel zu bringen.

kress.de: Die Zuschauer-Zahlen sind bei "Wilsberg" im Lauf der Jahre immer besser geworden. Was macht die Reihe zum Bordeaux unter den Krimis?

Reinhold Elschot: Da ist zunächst einmal unser herausragendes Ensemble: Leonard Lansink, Oliver Korittke, Rita Russek, Ina Paule Klink, Roland Jankowsky, lauter exzellente Schauspieler, die sich immer wieder einbringen und gemeinsam diesen Kosmos schaffen. Ich bin unseren Schauspielern sehr dankbar, dass sie das zusammen immer wieder so gut hinkriegen. Dann ist "Wilsberg" das Resultat konsequenter Arbeit am Format: Martin Neumann hält unseren Wilsberg gemeinsam mit den Kollegen von Warner Brothers, Anton Moho und Sabine de Mardt, jung und frisch, gibt immer wieder neue Impulse, feilt an den Büchern, findet neue Themen, immer nach dem Motto: Der nächste Film muss der noch bessere sein. Ich denke, der Zuschauer spürt, dass hier mit Liebe, Herzblut und Leidenschaft gearbeitet wird, und wie bei einem guten Wein macht dann das große Ganze die Qualität aus: bei uns das perfekte Miteinander von Figuren, Geschichte, Spannung, Emotion und Humor.

"Ich darf der Konkurrenz nicht zu viele Tipps geben"

kress.de: Beim Blick auf die Quoten erstaunt ein ProSieben-verdächtig hoher Wert beim jungen Fernsehvolk. Was wird bei "Wilsberg" als junge Qualität wahrgenommen?

Reinhold Elschot: Ja, Wir erreichen immer mal wieder sieben Millionen Menschen, sehr zu unserer Freude, und zuletzt hatten wir bei den vielumworbenen 14-49-Jährigen Marktanteile von mehr als 15 Prozent. Ich könnte das, glaube ich, ganz gut erklären, muss es mir an dieser Stelle aber verkneifen: Ich darf der Konkurrenz ja nicht zu viele Tipps geben (lacht).

kress.de: Leonard Lansink spielt "Wilsberg" nicht; er ist Wilsberg. Sind Schauspieler, die derart mit ihrer Rolle verschmelzen, ein unwiderbringliches Relikt der Vergangenheit?

Reinhold Elschot: Ob er wirklich "Wilsberg" ist, müssen Sie bitte ihn selbst fragen - er ist ja ein Schauspieler, der manches spielt, spielen kann: Gerade hat er für uns die Hauptrolle in der Komödie "Nur nicht aufregen" gespielt, da ist er ein aufmüpfiger Versicherungsangestellter, der eher auf der Seite der Kunden steht - also genau das, was man sich wünscht, wenn man mit einer Versicherung zu tun hat. Zugleich weiß jeder, dass es so einfach nicht ist - und daraus entspinnt sich eine sehr gute Geschichte. Wir zeigen den Film im kommenden Jahr.

kress.de: 50 Folgen "Wilsberg" - hat die Reihe ihre Zukunft hinter sich?

Reinhold Elschot: Ganz im Gegenteil, was sind schon 50 Filme ? Denken Sie doch mal an unsere 280 "Derricks". (lacht) Nein, wir machen weiter: Redaktion und Firma planen derzeit zum Beispiel einen Wilsbergschen Writers Room, um die mittel- und langfristige Entwicklung unseres Formats mit den Autorinnen und Autoren abzustimmen. "Wilsberg" hat eine lange und segensreiche Zukunft vor sich. Ich freu mich drauf, der Sender freut sich drauf, und die Zuschauer können das auch tun.

Jürgen Overkott führte das Interview mit Reinhold Elschot.

Hintergrund: "Wilsberg" - Die Reihe"

"Wilsberg" ist der Name einer ZDF-Krimiserie, die im westfälischen Münster spielt. Gedreht wird die Serie in Münster und Köln, wobei ein gutes Drittel der Produktionszeit bei den Dreharbeiten in Münster verbracht wird. Figur und Fälle lehnen sich an Buchvorlagen des Krimi-Autors Jürgen Kehrer an. Die erste Folge wurde vor 20 Jahren ausgestrahlt, exakt am 20. Februar 1995. Jubiläumsfolge 50 wird am Samstag, 2. Januar, 20.15 Uhr, im ZDF ausgestrahlt.

Hintergrund: "Wilsberg - Tod im Supermarkt"

Inhalt der Jubiläumsfolge: Anwältin Alex vertritt ihren Freund Ekki Talkötter in einem Schadensersatzprozess. Ekki ist im Supermarkt auf einem ausgelaufenen Joghurt ausgerutscht hat sich einen Bänderriss zugezogen. Eigentlich ein eindeutiger Fall. Doch im Prozess steht Ekki plötzlich als unzurechnungsfähiger Alkoholiker da, der für den Schaden selbst verantwortlich ist. Die Abrechnung seiner Bonuskarte beweist, dass er große Mengen Alkohol eingekauft hat. Unmittelbar nach der überraschenden Wendung im Prozess wird der Filialleiter des Supermarktes erschlagen und Ekki gerät in den Fokus der Kriminalpolizei. Doch bevor Kommissarin Anna Springer ihn verhören und bevor Overbeck ihn vorsorglich festnehmen kann, gehen bei Ekki die Sicherungen durch. Er flieht. Wilsberg muss nun nicht nur in einem Mordfall ermitteln, sondern auch Ekkis Kopf retten. Er beginnt, als Aushilfe im Supermarkt zu jobben, um mehr über das Verhältnis unter den Mitarbeitern und Unstimmigkeiten in der Betriebsführung herauszufinden.

Besetzung: Leonard Lansink (Georg Wilsberg), Oliver Korittke (Ekkehardt Talkötter), Ina Paule Klink (Alexandra Holtkamp), Rita Russek (Kommissarin Springer), Roland Jankowsky (Overbeck), Sandra Borgmann (Dr. Zacher), Michael A. Grimm (Dede), Theresa Scholze (Jutta Weinhold), Peter Schneider (Franz Jablonski), Sonsee Neu (Anette von Bülow), Vittorio Alfieri (Grabowski), Rainer Laupichler (Kriminalrat Schaaf), Rainer Furch (Dr. Jung), Alena Vatutina (Karin Schnellinger). Regie: Martin Enlen; Drehbuch: Eckehard Ziedrich; Musik: Michael Duss; Kamera: Philipp Timme; Produzent: Sabine de Mardt, Anton Moho.

Erstausstrahlung: Samstag, 2. Januar 2016, 20.15, ZDF.

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