Christian Jakubetz über #Twitter10k: Warum Medienmenschen die Twitter-Pläne beachten müssen

 

Twitter-Mitgründer und -Chef Jack Dorsey hat den Abschied der 140-Zeichen-Regel in Aussicht gestellt. Er sprach sich dafür aus, deutlich längere Tweets zuzulassen. Der Journalist Christian Jakubetz findet es gefährlich, wenn man an seinem Markenkern rühren will. Warum Medienmenschen angesichts der Twitter-Pläne aufmerken sollten.

Twitter ist in Deutschland ein Nischen-Netz. Es ist eines, in dem sich bevorzugt Menschen tummeln, die irgendwas mit Medien zu tun haben. Twitter ist ein Kanal, der angesichts seiner vergleichsweise geringen Nutzerzahlen grotesk überbewertet wird, eingedenk der Tatsache, dass es beispielsweise im TV Standard geworden ist, dass Twitter-Tussis vorlesen, was bei Twitter so geschrieben wird. Und dass die Autoren des "Spiegel" neuerdings ihre Twitter-Accounts öffentlich machen, ist schon auch ein bisschen bizarr. Kurz gesagt, Twitter ist – einmalig.

Diese Außergewöhnlichkeit hat natürlich Gründe. Der Wichtigste: Twitter ist anders als alle anderen. Twitter hält stur an seinen 140-Zeichen-Reglementierungen fest, Twitter hat eine einmalige Form der eigenen Sprache entwickelt, jenen wüsten Mix aus Wörtern, Abkürzungen, Hashtags. Kein Kanal eignet sich so gut für Echtzeit-Interaktion, keiner ist für Medienmenschen für einen schnellen Überblick besser geeignet. Wenn Facebook die Chronik des Netzes ist, dann ist Twitter sein Nachrichtenticker.

Twitter will Facebookiger werden

Jetzt auf einmal will der Nachrichtenticker selbst Chronik werden. Die 140-Zeichen-Regel soll fallen, künftig will Twitter so ein bisschen das sein, was Facebook mit seinen "Instant Articles" vormacht. Instant Tweets sozusagen. Überhaupt will Twitter mehr werden wie Facebook, was man ja auch fast wieder verstehen kann, weil umgekehrt Facebook in den letzten Jahren keine Hemmungen hatte, die besten Dinge von Twitter auch auf dem eigenen Kanal mitzunehmen (Hashtags, Livestreaming). So ist das nun mal im Leben. Der FC Bayern kauft sich auch gerne hemmungslos die besten Spieler der anderen. Allerdings würde deswegen Darmstadt 98 noch nicht auf die Idee kommen, man müsse künftig so agieren wie der FC Bayern, um erfolgreich zu sein (auch wenn das auf den ersten Blick natürlich ein sehr verlockender Gedanke wäre).

Doch genau das will Twitter mit seiner neuen Strategie: Facebookiger werden. Weil man eine vermeintliche Schwäche ausgemacht hat, die in Wahrheit nichts Anderes ist als der Markenkern von Twitter: Reduzierung auf das Wesentliche. Wenn man allerdings an seinem Markenkern rühren will, wird es immer gefährlich. Zumal dann, wenn man sich mit einer neuen Strategie verdächtig an ein "Me-too-Produkt" annähert.

Twitter wird zumindest in Deutschland kein Massen-Kanal mehr werden. Twitter lebt ganz gut in den Nische und hat eigentlich auch keinen richtigen Grund, sich aus dieser Nische herausbewegen zu wollen.

Soziale Netzwerke werden zu Kanälen, auf denen sich originärer Journalismus abspielt

Unbeschadet dessen sollten Medienmenschen trotzdem angesichts der Twitter-Pläne aufmerken. Weil sie ein weiteres Indiz dafür sind, wie sehr soziale Netzwerke künftig zu Kanälen werden, auf denen sich originärer Journalismus abspielt. Einen anderen Grund gibt es nicht dafür, dass nunmehr auch richtig lange, große, gute Stücke dort erscheinen sollen. Ich habe keine Ahnung, welches die richtige Entscheidung für Redaktionen und Medienhäuser ist. Sicher ist nur: Journalismus und Medien entfernen sich potentiell immer weiter von ihren "Heimatadressen". Die neue Twitter-Strategie ist lediglich ein weiterer Schritt dazu.

Ihre Kommentare
Kopf

Timo Stoppacher

06.01.2016
!

Natürlich hat Twitter einen Grund aus der Nische rauszukommen: Anzeigenerlöse. und die kann ich nur erhöhen, wenn ich mein Produkt für eine größere Zielgruppe anbiete.


Anke Wiebersiek

07.01.2016
!

"Twitter-Tussis"... - ist das Ihr Ernst?


Cord Tepelmann

07.01.2016
!

Diese Einschätzung teile ich auch, lieber Christian Jakubetz.

Ich hoffe, Sie sind gut ins neue Jahr gestartet, für das ich Ihnen Gesundheit, Frieden, Glück und Erfolg wünsche.

Viele Grüße aus der Eulenspiegelstadt Mölln

Cord Tepelmann
http://goo.gl/gDPHqL


Andreas Moring

Andreas Moring

BiTS Business & IT School
Studiengangsleiter Communication & Media Management

07.01.2016
!

Es tut jedem Unternehmen gut, wenn es keine "heiligen Kühe" gibt. Das gilt auch für 140 Zeichen. Ausserdem ist nicht die Zeichenbegrenzung der Markenkern, sondern die Livekommunikation. Die wird sogar noch weiter gestärkt mit Moments und Periscope. Und: Twitter ist KEIN Social Network; der Facebook-Vergleich ist daher sinnlos.
Richtig ist: #10k zeigt, dass die "Homepage" rasant und rapide an Bedeutung. Haben die meisten Redaktionen nur noch nicht bemerkt ...


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