"Focus" und "Süddeutsche" in der Kritik: Angriff, Boykottaufruf und eine Entschuldigung

 

Zwei Illustrationen haben am Wochenende für viele Diskussionen gesorgt. Während sich "Süddeutsche"-Chefredakteur Wolfgang Krach entschuldigt, weist "Focus"-Chefredakteur Ulrich Reitz seine Kritiker in die Schranken, sagt: "Das sind Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man Themen illustriert."

"Am Wochenende haben wir sowohl in der gedruckten Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" als auch auf SZ.de ausführlich über die Ereignisse der Silvesternacht von Köln und die sexuelle Gewalt berichtet, die dort vielen Frauen angetan worden ist. Wir haben dabei unter anderem zwei Illustrationen verwendet", so Wolfgang Krach in einer Stellungnahme, die das Blatt auf Facebook verbreitete.

Die eine zeigt eine Faust im Kopf, die andere symbolisiert einen sexuellen Übergriff auf eine weiße Frau durch eine schwarze Hand. "Diese zweite Illustration hat bei etlichen unserer Leserinnen und Leser Unverständnis und Wut hervorgerufen; sie kritisieren sie als sexistisch und rassistisch", schreibt Krach.

"Sexuelle Gewalt beginnt im Kopf"

"Unsere Absicht war, mit den beiden Illustrationen deutlich zu machen, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht nur aus physischen Übergriffen besteht, sondern meist im Kopf und im Denken beginnt. In den begleitenden Texten haben wir so differenziert wie möglich über die Ereignisse von Köln, die Angriffe auf die Frauen, die Motive und die Hintergründe der Taten, das Versagen der Polizei und auch über die Instrumentalisierung der Taten durch rechte Demagogen berichtet", stellt Krach fest.

Und fügt hinzu: "Die zweite Illustration läuft dieser differenzierenden Absicht jedoch entgegen. Sie bedient stereotype Bilder vom "schwarzen Mann", der einen "weißen Frauenkörper" bedrängt und kann so verstanden werden, als würden Frauen zum Körper verdinglicht und als habe sexuelle Gewalt mit Hautfarbe zu tun. Beides wollten wir nicht. Wir bedauern, wenn wir durch die Illustration die Gefühle von Leserinnen und Lesern verletzt haben und entschuldigen uns dafür", erklärt Wolfgang Krach.

Timm Klotzek: "Nicht mehr alle Tassen im Schrank"

Dass ausgerechnet das Cover vom "Focus" als sexistisch und rassistisch betrachtet wird, kann "Focus"-Chefredakteur Ulrich Reitz dagegen nicht verstehen. Vor allem auf Twitter gibt es heftige Kritik an der Gestaltung der Titelseite, für "SZ-Magazin"-Chefredakteur Timm Klotzek hat zum Beispiel die Titelgrafik vom "Focus" nicht "mehr alle Tassen im Schrank".

Das Titelbild zeigt eine schlanke, weiße Frau mit blonden Haaren, auf deren Körper große, schwarze Handabdrücke zu sehen sind. "Frauen klagen an" lautet die Schlagzeile, die Unterzeile lautet "Nach den Sex-Attacken von Migranten: Sind wir noch tolerant oder schon blind?". Zu Sonja Álvarez vom "Tagesspiegel" sagte Reitz, dass es "albern" sei, sich über die Titelseite aufzuregen: "Das sind Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man Themen illustriert." 

Wie sehr das "Focus"-Cover auch Profis aufwühlt, zeigt ein Statement von Beate Wedekind. Die war Anfang der 1990er Jahre Chefredakteurin von Burdas "Bunte" und gehörte damals zu den bestbezahlten Journalistinnen der Republik. "Ich rufe Euch hiermit dringend und herzlich zum Boykott von Focus auf: Niemand sollte diese Ausgabe von Focus kaufen. Der Titel ist eine einzige Verhöhnung!", so Wedekind. Laut Wedekind färbe die Haltung von "Focus"-Gründer Markwort "offensichtlich immer noch ab", dem Wedekind vorwirft, ein "Macho" zu sein. "Ich wünsche mir und Ihnen, dass die Redakteurinnen und die Redakteure des ganzen Burda-Verlages, die Hirn, Herz, Verstand und Mitgefühl haben, einen Aufstand machen", so Wedekind.

Hatice Akyün: Mächtig sauer auf den "Focus"

Mächtig sauer auf den "Focus" ist auch die Autorin Hatice Akyün. Das Blatt hatte sie und andere Frauen auf mehreren Seiten zitiert - unter anderem auch Necla Kelek, Kristina Schröder oder Birgit Kelle. Akyün distanzierte sich auf Twitter, erklärte, mit dem "Focus" nicht gesprochen zu haben. Das konnte zwar der Leser der gedruckten Ausgabe denken, explizit stand das allerdings nicht im Heft. Vielmehr hatte die Redaktion ein öffentliches Zitat der Autorin von Twitter für ihren Bericht verwendet. Die erfolgreiche Autorin regte sich über das Zitiert-Werden aber so sehr auf, dass sie nach einem kleinen Twitter-Austausch mit "Focus"-Chef Ulrich Reitz sich aus den Sozialen Netzwerken zurückzog. Auf TwitLonger schrieb sie: "Ich bin jetzt mal für eine Zeit raus hier, das wird mir alles zu unschön. Ich habe die Kontrolle über meine eigenen Worte verloren, die in einer ekelhaften Weise von @focusonline für den übelsten Rassismus missbraucht wurden, dass ich seit Stunden im Kreis kotze. Ich ziehe mich zurück und denke mal darüber nach, wie tief wir eigentlich gesunken sind."

WAS SAGEN SIE? War es falsch vom "Focus" und der "Süddeutschen Zeitung", diese Grafiken zu veröffentlichen? Schreiben Sie mir Ihre Meinung - gerne hier in den Kommentaren, gerne als Email an post(at)kress.de.

Ihre Kommentare
Kopf
Franz Leo Mai
11.01.2016
!

Focus: nackte Frau
verkauft sich besser
als Fakten, Fakten, Fakten
http://wutmensch.de/16-01-09-focus.htm


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