Kritik an "Kameraspitzelei": Wie seriös arbeitet "Team Wallraff" wirklich?

13.01.2016
 
 

Am Mittwochabend wurde Günter Wallraff beim Deutschen Fernsehpreis in Düsseldorf mit einem Ehrenpreis für sein Lebenswerk geehrt. Uwe Herzog ist ehemaliger Mitarbeiter von Wallraff. Er wirft dem "Team Wallraff" unter anderem "Kameraspitzelei" vor.

Investigative Recherchen sind grundsätzlich eine gute Sache. Ohne sie ist es oft nicht möglich, Informationen zu erhalten, die für ein Thema relevant sein können. Verdeckte Recherchen, etwa unter Vorspiegelung einer falschen Rolle oder Identität des Reporters, können also im Einzelfall durchaus erforderlich sein. Doch dabei gilt es stets, Grenzen zu beachten - sowohl berufsethische als auch juristische.

Die Richtlinien des Deutschen Presserats sehen vor, dass sich Journalisten grundsätzlich zu erkennen geben müssen, wenn sie recherchieren. Nur dann, wenn kein anderes Recherchemittel zur Verfügung steht und die Bedeutung der zu recherchierenden Informationen dies rechtfertigt, sind verdeckte Recherchen zulässig. An diesen Grundsatz, der analog auch in einschlägigen Urteilen des Bundesgerichtshofs Niederschlag findet, halten sich fast alle Journalisten.

Wie steht es damit aber bei "Team Wallraff"?

Der verantwortliche Chefredakteur von RTL, Michael Wulf, hat vor einiger Zeit in einem Interview mit "Spiegel"-Online erklärt: "Wirkliche Undercover-Recherchen sind eine probate Vorgehensweise dann und nur dann, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind, um Missstände aufzudecken und zu dokumentieren". An diesem "eigenen" Anspruch (der längst in allen Medienhäusern Usus sein sollte), muss sich "Team Wallraff" messen lassen.

Da darf die Frage erlaubt sein, ob es - wie geschehen - wirklich nötig ist, undercover zu recherchieren, um festzustellen, dass Paketboten schwer zu tragen haben, Affen in einem Privatzoo mit Popcorn gefüttert werden oder, wie zuletzt, Patienten in manchen Krankenhäusern sich nicht immer optimal behandelt oder das Klinikpersonal sich gelegentlich gestresst fühlt. Schließlich ging es in Wallraffs letztem "Scoop" ja nicht etwa um Organhandel, Abrechnungsbetrug oder vertuschte Kunstfehler - also Ereignisse, die sich meist hinter dicht verschlossenen Türen abspielen und nicht einer Vielzahl von Personen zur Kenntnis gelangen, wie dies in der Krankenpflege ganz allgemein der Fall ist.

Doch selbst für den Fall, dass hier Symptome einer "kranken" Gesundheitspolitik geschildert werden sollten: Braucht es dafür wirklich eine falsche Identität als "Pflegepraktikantin" - oder hätte man die in der jüngsten "Team Wallraff"-Sendung enthaltenen Informationen nicht auch auf andere Weise erlangen können?

Natürlich hätte man das.

Vieles von dem, was man im weitesten Sinn als "Nachrichtenwert" der Sendung bezeichnen kann, war lange vor den verdeckten Recherchen der RTL-Reporterin Pia Osterhaus bekannt. Es waren Berichte von Mitarbeitern aus verschiedenen Krankenhäusern und von Betriebsräten der Gewerkschaft Verdi, die "Team Wallraff" so oder so ähnlich mit versteckter Kamera "in Szene setzen" wollte.

Dabei recherchierten Wallraff und "seine" Reporterin nach eigenen Angaben ganze 14 (!) Monate lang in den Krankenzimmern dreier Kliniken - ohne die Patienten zuvor darüber aufzuklären, dass sie gar keine Pflegekraft ist.

Man muss sich das einmal vorstellen: Wer möchte denn als Patient in einem so intimen Bereich wie seinem Krankenzimmer heimlich gefilmt werden - ganz gleich, aus welchem ehernen Grund?

Und selbst, wenn die Bilder später verpixelt werden und dadurch niemand erkennbar sein soll (was leider auch nicht immer zuverlässig klappt): Höchst unangenehm bleibt diese Kameraspitzelei jedenfalls nicht nur für die dabei in ihrem Job als "überfordert" vorgeführten Mitarbeiter, sondern vor allem für die, in deren Interesse all dies angeblich notwendig sein soll - die Patienten.

Wenn man bedenkt, wie viele Informationen sich mit herkömmlichen journalistischen Mitteln in einem - für ein solches Thema relativ langen Zeitraum - in Erfahrung bringen lassen, ist das Ergebnis der "Team Wallraff"-Sendung zudem erschreckend dünn ausgefallen. Wie viele Interviews mit (ehemaligen) Patienten, Klinikmitarbeitern und Fachleuten hätte man in dieser Zeit führen können? Wie viele Einzelfälle hätte man da schildern, wie viele Statistiken auswerten und wie viel journalistische Analyse hätte man liefern können! Und, ja, wenn man denn unbedingt den "unterhaltenden" Touch für seine Sendung braucht, weshalb greift man nicht auf das bewährte Mittel der Spielszene zurück, mit deren Hilfe sich einzelne Vorfälle leicht symptomatisch darstellenlassen, ohne die Intimsphäre und die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu verletzen.

Aber darum geht es Wallraff und RTL offenbar gar nicht.

Bei "Team Wallraff" werden unter dem Deckmantel der "Aufklärung" Menschen selbst in hilfloser Lage als unfreiwillige Komparsen angeblicher "Enthüllungen" missbraucht. Die Informationsfreiheit der Presse verkommt zum billigen Voyeurismus und die Methode der verdeckten Recherche wird in berufsethisch und juristisch unzulässiger Weise zum Selbstzweck, der nur einem dient: der Zuschauerquote.

Hinzu kommt: Vieles von dem, was in den TV-Sendungen von "Team Wallraff" in der Vergangenheit behauptet wurde, erwies sich später als falsch oder zumindest als grob übertrieben. Zahlreiche betroffene Unternehmen verloren unversehens Kunden und Mitarbeiter und sehen sich seither in ihrer Existenz bedroht - oft ohne, dass sich die Wallraff-Vorwürfe in jedem Fall substanziell durch Behörden oder Sachverständige hätten bestätigen lassen (in einem Fall erhielt ein Betroffener nach Ausstrahlung derart aufgebauschter "Team-Wallraff"-Recherchen sogar Morddrohungen).

Fakt ist: Allzu oft werden Einzelfälle von "Team Wallraff" verallgemeinert, Marginalien zu "Skandalen" hochgepuscht und durch raffinierte Filmschnitte Ereignisse und Aussagen verzerrt wiedergegeben. Als langjähriger Journalist und Medienschaffender, der selbst über viele Jahre mit Günter Wallraff zusammengearbeitet und diese Zusammenarbeit schließlich aufgrund zahlreichernegativer Erfahrungen beendet hat, bin ich überzeugt: Mit seriösem Journalismus hat das alles nichts mehr zu tun.

Wallraff und sein RTL-Team verkörpern heute das, was ehedem der Bundesgerichtshof in einem Urteil über die "Bild"-Zeitung befand, nämlich eine "Fehlentwicklung im deutschen Journalismus". Berufsverbände und Politik sind gefordert, dieser Fehlentwicklung Grenzen zu setzen.

Autor: Uwe Herzog

 

Ihre Kommentare
Kopf

Matzner

15.01.2016
!

In meinem Körper wohnen drei Seelen.
Die erste Seele ist Patient. Wäre ich Patient würde ich klagen, würde mich Jemand ohne Profession "pflegerisch versorgen" oder filmen, ohne mich um ausdrückliche Erlaubnis zu fragen. Die zweite Seele ist Fachkrankenschwester. Niemals würden sich die Tragödien (und es gibt sie!!) dermaßen deutlich zeigen, wäre nicht undercover dokumentiert worden. Die dritte Seele war Leitung (Intensivmedizin) bei gewinnorientiert ausgerichteten Klinikbetreibern.


Murgaski Markus

28.08.2017
!

Investigativer Journalismus finde ich im Grund gut...was mich aber stört....zum Thema "Fake News" Leistet das Team Walraff wieder mal Hervorragende Recherchen.....aber leider auch hier Einseitig....Fakt ist,Meiner Meinung nach,auch Team Walraff hütet sich davor Direkte Position gegenüber der Politik zu ergreifen....Recherchen in Richtung Politik,,,z.b Kurruption,Schmiergeld und Betrug.....das alles vermisse ich beim Team Walraff.


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