Chefredakteure von "Express" und "Stadt-Anzeiger": Wir müssen Lehren aus den Vorgängen von Köln ziehen

 

Bei den Vorgängen rund um den Kölner Hauptbahnhof und die Domplatte in der Silvesternacht haben der "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Express" ihren Heimvorteil genutzt. Kress.de hat mit den Chefredakteuren Peter Pauls und Carsten Fiedler über ihre Vorreiterrolle und die möglichen medialen Folgen der Ereignisse gesprochen.

Ihren Heimvorteil haben der "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Express" genutzt. Während überregional noch betretenes Schweigen und Verunsicherung herrschte, wie mit den Vorgängen rund um den Kölner Hauptbahnhof und die Domplatte in der Silvesternacht umzugehen sei, legten die Lokalzeitungen der DuMont-Mediengruppe bereits den vierten Tag in Folge Enthüllungen hin. Während der "Stadt-Anzeiger" zunächst auf die Falschmeldung der Polizeiführung hereinfiel und dies am Sonntag wegen Nichterscheinens nicht korrigieren konnte, füllte die Boulevardschwester an diesem Tag die Lücke. Kress.de hat mit den Chefredakteuren der beiden Blätter, Peter Pauls ("Stadt-Anzeiger") und Carsten Fiedler ("Express"), über ihre Vorreiterrolle und die möglichen medialen Folgen der Ereignisse gesprochen.

"Falsch verstandene politische Korrektheit"

Der "Express"-Chefredakteur sagt: "Positiv sehe ich die durch diese Vorfälle ausgelöste Debatte über Wahrhaftigkeit und falsch verstandene Politische Korrektheit in der Berichterstattung." Der 46-Jährige ergänzt: "Wir Journalisten müssen klar benennen, was Sache ist und dürfen keine falschen Rücksichten nehmen." Dies heiße aber nicht, dass nun bei jedem Verbrechen die Herkunft der Täter genannt werden müsse: "Nur dann, wenn es für die Erklärung der Tatzusammenhänge eine wichtige Rolle spielt. Beziehungstaten würde ich zum Beispiel in der Regel davon ausnehmen."

Auch sein Kollege Peter Pauls sieht eine gewisse Wende: "Die Lehren, die wir aus den Vorfällen in der Silvesternacht ziehen, sind sehr vielschichtig." Die Gesellschaft müsse lernen, "dass sie maßvoll, ohne Schnappatmung und ohne Gewalt über Probleme diskutieren kann, die der Zuzug von ein bis zwei Millionen Menschen nun einmal mit sich bringt. Wenn wir darüber nicht vernünftig reden dürfen, weil der Staat dies zu unterbinden versucht, tut dies nicht gut."

"Gearbeitet, bis wir schwarz wurden"

Der 63-Jährige hat sich "sehr darüber geärgert, dass ich der Polizeimeldung vom Neujahrstag geglaubt habe". Trotz Ferienbesetzung ging es dann ab Sonntag in der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers erst Recht daran, zu recherchieren, was tatsächlich vorgefallen war. "Wir haben gearbeitet, bis wir schwarz wurden. Das sind die Tage, für die ich Journalist geworden bin", erzählt Pauls. Ein Reporter fuhr am Mittwoch ins Flüchtlingsheim und fragte die Asylbewerber, ob sie Silvester auf der Domplatte gewesen seien. Die erstaunlich offene Antwort lautete schlicht: Ja.

Ein anderer Mitarbeiter stellte fest, dass in den Polizeiberichten "aus Syrern, Afghanen und Irakern plötzlich auf wundersame Weise Nordafrikaner wurden", wie Pauls erzählt. Seine Redaktion deckte auf, dass der Polizeibericht von der Führung verfälscht wurde. "Die Motivation dieser Manipulation war klar", sagt Pauls, "damit sollte verschleiert werden, dass es sich um Flüchtlinge handelte."

Pressekodex ad acta gelegt

Bereits am Abend des 1. Januar hatten beide Blätter erstmals online über die sexuellen Belästigungen großer Männergruppen berichtet - zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ohne Nennung der Herkunft. "Das war noch nicht belastbar genug", sagt Fiedler. Am Folgetag erschien eine ähnliche Geschichte in der Print-Ausgabe des "Express". Und dieser Sonnabend, der 2. Januar war dann das Datum, an dem "die volle Dimension der Übergriffe und auch die Herkunft der Tatverdächtigen klar wurde", wie dessen Chef erzählt. "Die Schilderungen der Opfer deckten sich und waren so glaubwürdig, dass wir uns entschieden zu schreiben, dass es sich bei den rund tausend Männern auf dem Bahnhofsvorplatz überwiegend um Männer nordafrikanischen Aussehens handelte." Die heikle Entscheidung, den Migrationshintergrund zu benennen, entschieden die Chefredaktion und der recherchierende Polizeireporter gemeinsam.

Ähnlich verhielt es sich bei den Kollegen des "Stadt-Anzeigers": "Das ging gar nicht anders", sagt der Chefredakteur: "Wenn im Herzen unserer Stadt so etwas geschieht und die vielen Opfer beteuern, dass alle Sprachen gesprochen wurden, nur kein Deutsch, dann müssen wir das berichten." Er wisse, dass er damit gegen den Pressekodex verstoßen habe: "Aber der Pressekodex ist kein Instrument, das mir bei einer Geschichte solchen Ausmaßes die Entscheidung abnehmen könnte. Wir können nicht einfach von tausend Männern schreiben, ohne zu erwähnen, um wen es sich dabei handelt."

Kritik am "Zwangsgebühren"-TV und "Tagesspiegel"

Für ihre Leser müsse die Zeitung die Lebenswirklichkeit abbilden. Fernsehsender, die nicht vom Kauf, sondern "von einer Zwangsgebühr leben, können sich dagegen auf dem Pressekodex ausruhen".

Die Reaktion der Leser sei dabei sehr ermutigend gewesen, berichtet Pauls. 1400 Mails habe die Redaktion erhalten, fast alle zustimmend. Der Tenor sei gewesen, dass man mit der Botschaft sehr wohl umgehen könne, ohne zu pauschalisieren. "Viele äußerten auch ihre Dankbarkeit, dass endlich Ross und Reiter genannt wurden."

Auch beim "Express" sei weder redaktionsintern noch bei den Lesern die Entscheidung umstritten gewesen. "Unsere Leser haben zunächst mit Entsetzen und Empörung auf die Vorfälle reagiert. Im Anschluss haben wir viel Zustimmung für unsere Haltung und Berichterstattung erhalten." Fiedler möchte andere Medien, auch den unweit vom Tatort sitzenden und mit einer sehr großen Redaktion ausgestatteten WDR, nicht kritisieren. Er sagt aber auch deutlich, dass spätestens durch die ausführliche Berichterstattung am 3. Januar im "Sonntag-Express" jedem Kollegen hätte klar sein können, "dass es sich um keine kleine lokale Geschichte handelte". Dennoch fanden die Recherchen von "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Express" weiterhin keine überregionale Resonanz. Die Redakteure anderer Lokalzeitungen hätten dagegen reihenweise angerufen, berichtet Pauls. Besonders gewundert habe er sich, "dass eine so respektable Zeitung wie der "Tagesspiegel" sich weder gemeldet noch berichtet habe. Denn Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff habe immerhin beim "Express" volontiert und auch beim "Stadt-Anzeiger" gearbeitet.

Weiter großer Aufklärungsbedarf

Auch bei einem anderen Aspekt waren die beiden Kölner Tageszeitungen ihrer überregionalen Konkurrenz voraus. Während Politiker auf allen Kanälen betonten, dass die Vorfälle in der Domstadt nicht mit der Flüchtlingspolitik in Verbindung gebracht werden dürften, ohne dafür von Journalisten kritisch befragt worden zu sein, enthüllten die DuMont-Blätter die Polizeiprotokolle, sprachen mit den eingesetzten Beamten und Asylbewerbern. Ergebnis: Die Aussagen von Polizeiführung und Politik waren nicht haltbar. Fiedler: "Ein krasser Widerspruch! Wir müssen davon ausgehen, dass bewusst versucht wurde zu vertuschen. Hier besteht immer noch großer Aufklärungsbedarf."

Ihre Kommentare
Kopf

Demokratin

16.01.2016
!

„Wenn wir darüber nicht vernünftig reden dürfen, weil der Staat dies zu unterbinden versucht, …." Wen meint Herr Pauls mit „der Staat“? „Er wisse, dass er damit gegen den Pressekodex verstoßen habe.“ Wo verbietet der Pressekodex, die Herkunft zu nennen, wenn sie zwingend wichtig ist für die Geschichte? Herr Pauls meint, „der Staat“ versuche zu vertuschen und Journalisten dürften nur dann die Wahrheit sagen, wenn sie gegen Regeln verstoßen. Was für eine skandalöse und verantwortungslose Haltung.


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