Schauspieler startet mit neuer ARD-Krimireihe durch - Warum Francis Fulton-Smith sein eigener TV-Produzent wurde

 

"Dr. Kleist" wird Fernsehunternehmer: Francis Fulton-Smith produziert mit seiner TV-Firma Little Door Films seine TV-Movies jetzt selbst - mit sich in der Hauptrolle. Ein Modell, das man vor allem von TV-Moderatoren wie Günther Jauch (I&U) oder Jörg Pilawa (Herr P.) kennt. "Mich hat immer interessiert, mehr Verantwortung zu übernehmen", begründet Fulton-Smith seinen Schritt.

Während zumindest unter Produzenten das Jammern um ihr wirtschaftliches Auskommen im Angesicht von teilweise drastisch reduzierten Ausschreibungen und eingedampfter Budgets zum Grundrauschen in der deutschen Fernsehlandschaft zählt, geht Francis Fulton-Smith bewusst ins unternehmerische Risiko. Als Co-Produzent und oftmals Hauptdarsteller in einer Person verschafft er sich gegenüber den Sendern eine bessere Position - mit Aussicht auf gute Rollen, aber auch einer Gewinnbeteiligung. Die liegt im deutschen Markt üblicherweise bei rund sechs Prozent der Filmgesamtkosten. Zusätzlich erhalten Produzenten in der Regel eine Pauschale für Overhead-Kosten der Produktion, die meist mit 7,5 Prozent vertraglich fixiert wird.

Auch Ferres, Schweiger und Schweighöfer nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand

Mit seinem ersten Film, dem ersten "Athen-Krimi" mit dem (sicher nicht absichtlich doppelsinnigen) Nebentitel "Trojanische Pferde", der ab 28. Januar eine neue TV-Reihe am Donnerstag einleiten wird, legt er nun ein Vorzeigestück vor. Damit befindet sich Francis Fulton-Smith, der mit Bewunderung auf die US-Produzentenlandschaft blickt, wo große Stars wie Kevin Spacey als Schauspieler-Produzenten ganz selbstverständlich den Erfolg etwa von "House of Cards" mittragen, nun in prominenter deutscher Gesellschaft. Vorreiter des US-Modells hierzulande sind Veronica Ferres (Construction Film), "Tatort"-Unternehmer Til Schweiger (Barefoot Films) oder Matthias Schweighöfer (Pantaleon Films).

Doppel-Spiel mit Buchstoff-Experten Marc Schneider

"Ich bin seit 1991 durchgehend als Schauspieler tätig", erklärt sich Fulton-Smith im kress.de-Gespräch. "Mich hat schon immer interessiert, wie die einzelnen Gewerke beim Film, wie unterschiedliche Zahnräder ineinander greifen. Daher die Frage 'Wie funktioniert Filmemachen überhaupt?'", sagt der "Kommissar LaBréa"-Krimidarsteller über seine Motivation, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. "Mit meinem Geschäftspartner Marc Schneider von der Rechteagentur Rights, der den Produzenten Filmstoffe zur Verfügung stellt, haben wir sehr schnell für eine gemeinsame Filmproduktion Synergien festgestellt."

"Interesse auf Sender- und Verleiherseite ist groß"

Erste Erfolge stellten sich rasch ein - was den Auftrag für den ersten ARD-"Athen Krimi" belegt, den das Team in einem Pitch gewann. Produktionspartner dabei ist die Kölner "Alarm für Cobra 11"-Firma Action Concept. Die Zusammenarbeit mit Marc Schneider, Co-Produzent und Stoffentwickler beim Griechenkrimi, trägt Früchte - und weckt Hoffnung auf weitere Aufträge. "Nach amerikanischem Vorbild glauben wir, dass diese Konstellation eine hohe Schlagkraft haben kann und merken an der Resonanz, dass Interesse auf Sender-und Verleiherseite groß ist", sagt Francis Fulton-Smith.

"Wir bringen beide unsere Netzwerke ein"

Der vielbeschäftige Schauspieler, der für seine vielbeachtete Franz-Josef-Strauß-Darstellung im Film "Die Spiegel-Affäre" mehrere Preise, darunter den Burda-"Bambi" erhalten hatte, kennt eben nicht nur die entscheidenden Redakteurs-Durchwahlen. "Wir bringen beide unsere Netzwerke ein. Marc Schneider hat die Zugänge zu den vielversprechenden Buchstoffen, ich kenne viele Schauspieler und Regisseure, die wir auf kurzem Weg für ein Projekt-Paket begeistern können."

Anders als viele Schauspieler-Kollegen, die mit möglichen eigenen Regie-Projekten kokettieren und sich ab und an diesen Traum verwirklichen, fühlt sich Fulton-Smith bewusst in der Produzenten-Strippenzieher-Rolle wohl. "Die Entwicklung von Stoffen ist in Deutschland das Schwierigste und das Teuerste. Unsere Konstellation ist darin stark: Marc Schneider weiß ein Jahr bevor ein Stoff auf den deutschen Buchmarkt kommt, um was es sich dabei handelt", erklärt er das gemeinsame Arbeitsprinzip. "Wir arbeiten schon mit den Text-Fahnen der Romane und überlegen uns, ob und wie man daraus einen Film machen kann und synchronisieren dies dann mit dem Buchauftritt."

"Die Zukunft liegt darin, dass sich kleinere Einheiten beim Film zusammenfinden"

Auf dem hart umkämpften deutschen Produzentenmarkt sieht das Gespann Fulton-Smith-Schneider eine vielversprechende Lücke - weitere Stoffe, mit oder ohne dem Darsteller als Gesamt-Paket, befinden sich offenbar bereits in Vorbereitung. "Es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell – das in Deutschland Zukunft haben könnte", so Fulton-Smith. "Einmal abgesehen von den Großkonzernen wie der UFA oder Constantin liegt meiner Einschätzung nach die Zukunft darin, dass sich kleinere Einheiten beim Film zusammenfinden. So kann man das wirtschaftliche Risiko verteilen und auch für die Sender zu einer kalkulierbaren Größe werden."

"Keine Bedrohung für die etablierte Produzentenlandschaft"

Jens Steinbrenner, Sprecher der deutschen Produzentenallianz, blickt auf das Fulton-Smith-Modell - trotz möglicher Befindlichkeiten der vielen Mitbewerber - mit Gelassenheit. "Eine Bedrohung für die etablierte Produzentenlandschaft sehe ich nicht, schließlich setzt sich die Produzentenschaft neben Hochschulabsolventen traditionell in hohem Maß auch aus Quer- und Seiteneinsteigern zusammen", sagte Steinbrenner zu kress.de. Auch Interessenskonflikte, wenn bekannte und dadurch vermutlich recht einflussreiche Darsteller selbst produzieren, sieht er nicht.

"Wenn Schauspieler in einer solchen Doppelfunktion Einblick in die Schwierigkeiten und Zwänge des Produzierens gewinnen, so kann das vielmehr zu einem erhöhten Realismus führen", so Steinbrenner. "Sobald ein Schauspieler auch Produzent ist, muss er mögliche Interessengegensätze mit sich als Produzent und seinen Partnern ausmachen. Am Ende werden jene erfolgreich sein und in diesem harten Markt bestehen, die sich auch als Produzenten bewähren."

"Der US-amerikanische Markt ist anders aufgestellt"

Reinhold Elschot, Fernsehfilm-Chef beim ZDF und stellvertretender Programmdirektor in Mainz, meint: "Natürlich müssen wir immer alle offen sein für neue Modelle der Zusammenarbeit, wenn sie mehr Qualität und Erfolg versprechen. Ich bin ein großer Freund von kreativen Prozessen - die Zusammenarbeit von Redakteur, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller hat bei uns immer wieder zu allerschönsten Resultaten geführt", so Elschot. "Der US-amerikanische Markt, auf den man sich gern beruft, kennt da durchaus andere Konstellationen, ist aber auch insgesamt ganz anders aufgestellt. Ich würde mir immer den Einzelfall anschauen und überlegen, ob die Einssein von Produzent und Protagonist zu einem besseren Film führen kann."

Proaktiv mitmischen und nicht jammern 

Tatsächlich sieht Fulton-Smith seine Stärken genau in diesem aus langjähriger Dreh-Praxis geschultem "Realismus". "Ich denke schon, dass ich viel Erfahrung mitbringe, wie es auf einem Set bestenfalls ablaufen sollte", sagt er. "Der Reiz, proaktiv bei Filmentwicklung mitzumischen, ist für mich viel spannender, als sich in eine Ecke zu setzen und über Verwerfungen in der Branche zu jammern. Ich hatte viel Spaß an dem Dreh."

Einen Rollen-Konflikt zwischen Hauptdarsteller und Co-Produzent sieht er nicht - selbst, wenn mal am Set Drehverzögerungen entstehen würden und er sich somit selbst auf die Füße steigen müsste. "Da müsste ich mit mir selbst schimpfen", lacht er. "Im Ernst, ich renne nicht am Set als alleiniger Häuptling herum. Wir haben eine ganz klare Aufgabenverteilung. Ich muss nicht alles können, ich brauche nur die Besten im Team. Gute Vorbereitung ist bei einem Film alles."

"Schauspielerei bleibt mein Kerngeschäft"

Und schließlich die nicht ganz unberechtigte Sorge, sich es als Schauspieler, mit anderen Produzenten zu verscherzen - wenn man ihnen etwa bei einem weiteren Pitch ein attraktives Projekt mit Little Door Film weggeschnappt hat? "Na ja, ich denke mal, soweit bin ich noch gar nicht. Man kann mich weiterhin als Schauspieler buchen, das ist schließlich mein Kerngeschäft", sagt Fulton-Smith. "Und ich entscheide inhaltlich – und manchmal auch aus freundschaftlichen Gründen heraus."

ARD überträgt das "Tatort"-Prinzip auf den Donnerstag

"Der Athen Krimi: Trojanische Pferde" mit dem neuen Ermittlergespann Francis Fulton Smith und Waldemar Kobus sowie Andrea Sawatzki in einer Episoden-Hauptrolle, läuft am 28. Januar um 20:15 Uhr im ARD-Hauptprogramm. Dadurch soll ein neue Reihe etabliert werden, die das "Tatort"-Prinzip auf europäische Stadt überträgt. Es folgen unter anderem "Der Tel Aviv-Krimi" mit Katharina Lorenz und Samuel Finzi (3. und 10. März), "Der Urbino-Krimi" mit Katharina Wackernagel und Hannes Jaenicke (17. März und 24. März), der "Der Zürich Krimi" mit Christian Kohlund (zwei Filme im zweiten Quartal 2017), "Der Kroatien-Krimi" mit Neda Rahmanian sowie ein "Island-Krimi" mit Franka Potente.

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