"Ordentlich Bums": Quinoa-Werbung in der ZDF-Weihnachtsgala

 

Die große ZDF-Benefizgala, die der Sender Anfang Dezember ausstrahlte, wollte vor allem Gutes tun. Doch mehrere Umstände sorgen für Fragezeichen: So boten Moderatorin Carmen Nebel und der ZDF-Fernsehkoch Nelson Müller dem Pseudogetreide Quinoa eine Werbefläche. Mit einer Firma, die das Produkt vertreibt, ging Müller schon vor Jahren eine Marketingpartnerschaft ein.

Zunächst geriet Nebel wegen Luxusreisen zu den Armen auf Kosten des Gebührenzahlers in die Kritik: In der TV-Spendengala "Die schönsten Weihnachts-Hits", die am 2. Dezember ausgestrahlt wurde, sollte Geld für die kirchlichen Hilfswerke "Misereor" und "Brot für die Welt" gesammelt werden. Promis wie Helene Fischer halfen mit. "Bunte" und das "Hamburger Abendblatt" berichteten vor einer Woche, dass die Moderatorin der Sendung, Carmen Nebel, erster Klasse in Elendsviertel reiste und vor Ort in Luxushotels abstieg. Nebel sei für ihre Show in den letzten zehn Jahren mindestens vier Mal First class zu Drehorten unter anderem in Brasilien gejettet. Unter anderem seien dem Beitragszahler 18.000 Euro Kosten für einen Vier-Minuten-Beitrag entstanden. Die Schose sorgte für Unverständnis bei einer Hilfsorganisation und beim Verband Privater Rundfunk und Telemedien.

In der ZDF-Gala sprachen Nebel und Fernsehkoch Nelson Müller mehr als zwei Minuten über Quinoa, ein getreideähnliches Gemüse, das meist als Beilage gegessen wird. Davor wurde ein dreiminütiger Beitrag gezeigt, in dem es unter anderem um ein Quinoa-Projekt von "Brot für die Welt" ging. Anschließend begrüßte Carmen Nebel Nelson Müller und sagte "Quinoa" sei ein "großes Thema, Quinoa. Es kommt wie gesagt aus den peruanischen Anden, was wir gerade gesehen haben und es hat bei uns mittlerweile schon Einzug gehalten". "Meine Damen und Herren - Quinoa. Es schreibt sich mit 'Q', steht für Qualität. Also ruhig mal probieren. Es ist ganz, ganz toll. Es schmeckt super gut." Quinoa habe "ordentlich Bums", so die ZDF-Moderatorin. Davor listete Nelson Müller über eine Minute lang Vorteile von Quinoa auf. Quinoa sei ein "wertvolles Lebensmittel", ein "tolles Lebensmittel", mit "vielen gesunden Vorteilen", "glutenfrei", "sehr basisch" und "für Allergiker schön".

Was die 4,9 Millionen Zuschauer der öffentlich-rechtlichen ZDF-Sendung nicht erfuhren: Müller ging mit der Firma Müller's Mühle eine Marketingpartnerschaft ein. Die Firma mit Sitz auf Schalke vertreibt Quinoa. Auf seiner Internetseite vermeldete das Unternehmen bis zu entsprechenden Anfragen bei seiner PR-Agentur, Nelson Müller und dem ZDF: "Müller's Mühle kooperiert mit TV Koch Nelson Müller". "Müller's Mühle, einer der größten Veredler von Reis- und Hülsenfrüchten in Europa, hat den Gourmetkoch Nelson Müller als neuen Botschafter für Qualität und guten Geschmack gewonnen."

In der Pressemeldung von Müller's Mühle heißt es, der "aus Fernsehsendungen wie 'Kerner's Köche', 'Lanz kocht' und 'Küchenschlacht' bekannte Kochprofi" werde "unter anderem in werbliche Maßnahmen eingebunden und bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt". Außerdem liefere Nelson Müller für Müller's Mühle "Tipps rund um das Thema Kochen für die Internetseite und den neuen Kundennewsletter". Darüber hinaus kreiere er im Rahmen der Kooperation "neue Rezepte mit Reis und Hülsenfrüchten".

Müller's Mühle hat eine Rezeptbroschüre herausgebracht, die ein Vorwort Müllers beinhaltet. "Liebe Freunde von Müller's Mühle", wendet sich Müller darin an den Leser. Er liebe es, Neues auszuprobieren, "ob im Tonstudio oder in der Fernsehküche". Nelson Müller weiter: "Meine Freunde bei Müller's Mühle und ich möchten Sie mit dieser kleinen Rezeptbroschüre anregen, Ihrer eigenen kulinarischen Neugierde freien Lauf zu lassen - und dabei auch mal vermeintlich Vertrautes mit anderen Augen zu sehen."

Bei der PR-Agentur Pronomen aus Köln, die unter der Pressemitteilung von Müller's Mühle angegeben wird, heißt es auf Anfrage: "Die Zusammenarbeit zwischen Nelson Müller und Müller's Mühle wurde vor etwa sechs Jahren beendet". Nelson Müller ließ über sein Management mitteilen: "2009/2010 lief die Zusammenarbeit mit Müllers Mühle. In 2010 wurde die Zusammenarbeit beendet. Das bedeutet: Danach sind jegliche werbliche Maßnahmen untersagt". Daraufhin verschwindet die Pressemeldung von der Homepage von Müller's Mühle. Ebenso ein Rezeptbuch, in dem Nelson Müller, besser als Uncle Ben's es je könnte, "Naturreis und Parboiled Reis" anpreist. Beide Reissorten gibt es natürlich bei Müller's Mühle im Angebot.

Vom ZDF selbst war keine Stellungnahme zu erhalten. Man gehe davon aus, dass mit der Antwort von Nelson Müllers Management auch die "Fragen an das ZDF erledigt und hinfällig sind".

Nelson Müller hat unter anderem in einem Restaurant auf Sylt und in einem Zwei-Sterne-Restaurant in Essen gekocht. In der Ruhrgebietsstadt betreibt er sein eigenes Restaurant. Für "ZDFzeit" testete der Sterne-Koch die deutsche Brotkultur, Lebensmittel-Discounter und Kaffee. Viel beachtet war ein Vergleichstest der Fast-Food-Ketten McDonald's und Burger King, durch den Müller für das ZDF führte. 2014 gab es beim ZDF sechs Folgen der Sendereihe "Der Party-Profi Nelson Müller".

2010 war durch einen Bericht des "Spiegel" bekannt geworden, dass auch der ZDF-Fernsehkoch Johann Lafer im ZDF ein Produkt erwähnte, zu dessen Hersteller er geschäftliche Verbindungen hatte. Lafer war in der ZDF-Sendung "Küchenschlacht" schon zusammen mit Nelson Müller zu sehen und auch Gast in der ZDF-Weihnachtsgala. Lafer hatte damals in zwei Folgen seiner ZDF-Kochshow "Lafer! Lichter! Lecker!" eine Küchenmaschine von Kenwood gelobt, die auch groß im Bild zu sehen war. Für genau den Typ Küchenmaschine hatte Lafer, der Markenbotschafter von Kenwood war, auch geworben. Zudem brachte Lafer einen Stufenwok zum Einsatz. Hersteller war die Firma WMF, als deren Reklamepartner Lafer agierte. Das ZDF leitete damals interne Überprüfungen ein. Lafer erklärte, er nehme manche Produkte aus Überzeugung mit in die Sendung. Es handle sich dabei um sein gewohntes Küchenumfeld. Das Lob der Küchenmaschine sei nicht beabsichtigt gewesen.

Ihre Kommentare
Kopf

Friedrich Newel

20.01.2016
!

Lasst Lafer, Müller, Nebel & Co im Öffentlich-Rechtlichen doch ihre Werbepartner vermarkten und streicht ihnen dafür sämtliche Honorare und Spesen. Ausserdem sollte dann jeder von denen nur noch zwei Stunden im Monat Bildschirmpräsenz bekommen. Dann hat der TV-Schleichwerbungs-Spuk schnell ein Ende - oder die Raffkes sind endlich weg vom Bildschirm.


Birgitt Jendrosch

Birgitt Jendrosch

Holistische Beratung Birgitt Jendrosch
Personal und Business Coach

20.01.2016
!

Was nicht alles für Schlagzeilen gut ist, um von den wichtigen Themen abzulenken. Carmen Nebel reist 1. Klasse, Nelson Müller macht Werbung für Quinoia und kommt unter Schleichwerbung Verdacht.
Wisst ihr nicht: UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte das Jahr 2013 zum Jahr der Quinoa. Die Pflanze soll aufgrund ihrer spezifischen Vorteile helfen, den Hunger auf der Welt, gerade in Zeiten des Klimawandels wie in dem Beitrag gebracht, zu bekämpfen. Lasst die Kirche im Dorf!


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