Wenn alles ernst genommen wird: Der Leser möchte glauben, was er glauben möchte

 

Ironie hat nichts in Tweets und Posts von Journalisten zu suchen. Sie wird falsch verstanden. Aber ist sie erlaubt, wenn explizit darauf aufmerksam gemacht wird? Und was macht man, wenn die Nachricht dennoch falsch interpretiert wird? Ein Beispiel aus Koblenz. Mittendrin: Christian Lindner, Chefredakteur der "Rhein-Zeitung" - und die AfD.

Christian Lindner, seit 2012 alleiniger Chefredakteur der in Koblenz erscheinenden Tageszeitung, schildert den Fall im Gespräch mit kress.de so: "Ich hatte einen Interviewtermin mit Malu Dreyer in der Staatskanzlei. Das Thema war klar, Flüchtlinge und die Lage nach Köln", so Lindner. Natürlich seien ihm die Lügenpresse-Fantasien von Pegida und Co. mehr als klar: "Darum habe ich bewusst einen satirischen Tweet formuliert, der diese Denke persiflierend aufnimmt."

Lindners Tweet geht so:

Bin gleich in der Mainzer Staatskanzlei. Mir sagen lassen, wie wir in puncto Flüchtlinge zu berichten haben. #Ironie oder schon #Sarkasmus?

Womit Lindner nicht gerechnet hat - die AfD Rheinland-Pfalz nimmt seine wenige Worte lange Satire gleichwohl als Beleg für "unfreie Presse".

Auf Facebook schreiben die AfD-Verantwortlichen ernsthaft: "Die politische Einflussnahme auf die Berichterstattung in diesem Land tritt immer mehr zutage. Freie Medien? Fehlanzeige. Stattdessen Instruktionen aus der Staatskanzlei in Mainz, z.B. an die Rhein-Zeitung oder auch an den SWR."

171 Personen gefällt die Nachricht bislang, 119 Mal wird sie geteilt.

Die Reaktionen auf Facebook sind entsetzlich und zeigen, wie viele Menschen inzwischen in ihrer eigenen Realität leben.

Auszüge aus Kommentaren auf Facebook

Klaus Voges: "Ein Journalist, der sich zensieren läßt, hat in der medialen Berichterstattung absolut nichts mehr zu suchen und muß sich die Titel Lügner und Betrüger selbst auf die Fahne schreiben.Der Straftatbestand üble Nachrede hat einfach schon zu viele Existenzen unwiederbringlich zerstört."

Sergio Velone: "Weder Ironie noch Sarkasmus, bittere Wahrheit trifft es wohl eher! Ironie bei der Objektiven Berichterstattung wenn Frauen leiden, schämen Sie sich! Ich würde wohl informativer Abschaum vorziehen!"Rene Kramer: "Journalisten habt den Mut zur Wahrheit, sonst enden wir alle im "Reschke-Fernsehen" und das wollen wir nicht."

Petra Ott: "Schweigen, lügen, leugnen... und dann etwas von "Nazi's" und "Rassisten" schwafeln. Wird endlich Zeit, das Lügenpack zu entsorgen!"

So sehr Kenner der rheinland-pfälzischen Zeitungslandschaft auch belustigt sind, dass ausgerechnet Lindners "Rhein-Zeitung" eine besondere Nähe zur Landespolitik unterstellt wird (die großen RLP-Aufreger wie Nürburgring und Flughafen Hahn liegen im "RZ"-Verbreitungsgebiet), so erschütternd sind die Kommentare auf Facebook.

Sie zeigen:

1. Der Leser möchte das glauben, was er glauben möchte.

2. Wenn seine Meinung gefestigt ist, ist sie gefestigt. Dann lässt er sich nicht (nur schwer) davon abbringen.

3. Nur wer ein starkes Gemüt hat, sollte sich auf eine Diskussion - mit Beleidigungen - einlassen.

4. Ironie und Satire wird für bare Münze genommen, wenn sie in das eigene Weltbild nur passt. Möglichst meiden.

Ironie des Schicksals - am vergangenen Freitag hatte Lindner und seine Redaktion "AfD"-Frontfrau Petry zu Gast. Wieder Christian Lindner zu kress.de, der es nicht lassen mag (was auch wiederum gut ist): "Ich habe mich auch sehr gewundert, dass Ministerpräsidentin Dreyer uns das genehmigt hat...".

Ihre Kommentare
Kopf

Peter Lünstroth

24.01.2016
!

Da scheint es ein Zielgruppen-Dilemma zu geben. Wer sich zugunsten der Begreifbarkeit auch auf Seiten der Festgefahrenen Ironie und Sarkasmus versagt, verliert machtvolle Ausdrucksmittel. Wäre es nicht sinnvoller, diese Zielgruppe einfach in ihrer Meinung allein zu lassen?


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

24.01.2016
!

Sie wollen Leute allein lassen, die "Lügenpack entsorgen" wollen und nicht merken, dass sie Nazis sind? Nur, wenn sie in einer Einzelzelle allein gelassen werden.


25.01.2016
!

Es ist kaum zu glauben, dass dieser Tweet für bare Münze genommen wurde,


Pia Grund-Ludwig

25.01.2016
!

Das Problem scheint mir zu sein, dass sich die Facebook-Kommentare verselbständigen. Mir stellt sich die Frage wie viele der Kommentatoren den ironischen Orginal-Tweet überhaupt gelesen haben


Monika Mostert

25.01.2016
!

Tja, wer lesen kann ist klar im Vorteil.
Es steht doch groß und breit dass der Tweed ironisch gemeint ist.
Aber da wird gleich bei den ersten paar Worten auf den Empörungsmodus geschaltet und losgelegt. Peinlich.


Ralf E. Hansen

Ralf E. Hansen

Medienconsulter
Consulter Medien & Entertainment

26.01.2016
!

auch und gerade Journalisten möchten glauben, was sie am liebsten glauben.... der Wahrheit verpflichtet zu sein ist ein aussterbendes Gut.....


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