Großmufti Shawky Allam: Warum ich das Gespräch mit Journalisten suche

 

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hingen Politiker und Journalisten an den Lippen von Großmufti Shawky Allam (links im Bild, mit UN-Chef Ban Ki-Moon) . "Wir sind in einem Boot: Christen, Hindus, Juden, Muslime", sagt das geistige Oberhaupt der Sunniten im Interview mit kress.de. Und erklärt, warum er jetzt offensiv das Gespräch mit Journalisten sucht. 

"Der Islam wurde gekidnappt"

kress.de: Seit Sie vergangene Woche in Davos gemeinsam mit der UN Ihre Initiative gegen Terrorismus verkündet haben, ist das weltweite Medieninteresse enorm gestiegen: Sie als Person haben mehr Aufmerksamkeit erhalten als Präsident Gauck oder der englische Premier David Cameron. Religionsführer bleiben ja eigentlich im Hintergrund. Was ist passiert?

Großmufti Schawki Allam: Mein Team in Kairo hat mir gleich zu Beginn vermittelt, dass ich die gute Arbeit meines Vorgängers Dr. Ali Gomaa fortsetzen sollte: wenn es den Repräsentanten des Islam nicht gelingt, auch außerhalb unserer Moscheen auf unsere Inhalte aufmerksam zu machen, dann dominieren die ISIS Terroristen die Medienagenda. Ich bin nach Davos gekommen, damit alle verstehen: Wir sind in einem Boot: Christen, Hindus, Juden, Muslime - einfach alle, insbesondere die Agnostiker. Wenn einer sich falsch verhält, geht das Boot unter. Ich kann keine Einzelboote jeweils für Muslime, Juden oder Christen erkennen. Daher gibt es auch keine zweite Chance. Erinnern Sie sich nur an die schrecklichen Anschläge in Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken. Im Kern ging es um etwas anderes, nämlich das Durchsetzen von politischen Interessen. Aber in der Folge hat nicht nur die Wahrnehmung der Christen insgesamt gelitten, sondern es setzte sich erstmals der Eindruck durch, Religion habe im öffentlichen Diskurs nichts zu suchen. Seit den Terroranschlägen in New York am 9. September haben ISIS und die anderen Straftäter den Islam quasi gekidnappt. Das können wir so nicht hinnehmen.

Wie würden Sie Ihr Verständnis zu den Medien beschreiben?

Großmufti Schawki Allam: Wir beide, mein Vorgänger im Amt, Dr. Gooma als auch ich haben gelernt, dass die Gründe für die falsche Wahrnehmung unserer Religion auch darin zu suchen sind, dass wir keine beständige Beziehung mit den Journalisten rund um den Erdball haben: wir sprechen vor allem zu unseren Gemeinden. Das reicht nicht. Ich lerne immer noch, aber mein Team hier um Dr. Ibrahim Negm sind gute Lehrer. Sie müssen verstehen: als ich zur Universität ging, wurde uns vieles vermittelt - der Koran, die Bibel, die Thora. Aber Seminare in Sachen Journalismus standen nicht auf dem Programm. Ich bin fasziniert von der Arbeit von Journalisten und hoffe, dass ich möglichst bald alle Zusammenhänge begreife.

Kritik von "Jyllands-Posten" aus Dänemark

Nicht alle Medien haben über Ihr Treffen mit Ban Ki Moon und die Initiative positiv berichtet. "Jyllands-Posten", die größte Tageszeitung in Dänemark, schreibt, Sie würden das gute Image der UN für Ihre Zwecke missbrauchen, da Sie unterm Strich doch nichts anderes seien als eine Marionette des Sisi-Regimes. Wie haben Sie darauf reagiert?

Großmufti Schawki Allam: Können Sie sich noch an den Auftritt von Karl Popper bei Ihnen in Salzburg erinnern? 1979 hielt er die Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen und verglich seine Arbeit als Wissenschaftler mit der von exzellenten Musikern. Als gemeinsamen Nenner beschrieb er die Freude an der "Schöpferischen Selbst-Kritik". Kritik ist die Grundlage für Weiterentwicklung. Wenn meine Eltern und Großeltern immer nur zu allem, was ich gemacht habe, "Ja und Amen" gesagt hätten, wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Popper verweist aber auch auf den Umstand, dass Kritik dann am besten Wirkung entfaltet, wenn sie nicht nur substanziell, sondern auch im konstruktiven Sinn geäußert wird. Beides seien die Grundlage dafür, dass wir Menschen unser Selbst entfalten. Ich hätte mich gefreut, wenn die Redakteure vom "Jyllands-Posten" mich vor der Veröffentlichung des Artikels angerufen hätten. Das hätte zur Qualität des Textes beitragen können. Denn wir alle kaufen unsere Zeitungen ja, weil wir auf Basis von korrekten Fakten unser Urteil bilden wollen.

In wenigen Wochen werden Sie nach der Münchner Sicherheitskonferenz nach Dänemark reisen. Treffen Sie sich mit den Redakteuren vom "Jyllands-Posten"?

Großmufti Schawki Allam: Das wäre eine ausgezeichnete Idee. Uns allen ist bewusst, dass vor allem die Beziehung zwischen Muslimen und dieser Zeitung belastet ist: Mit dem Druck der Karikaturen fühlten wir uns sehr verletzt, weil wir nicht nachvollziehen konnten, warum diese Form der Kritik gewählt wurde. Auf der anderen Seite kann ich nachempfinden, dass die Fatwa von wenigen Imamen die bestehenden Sorgen in der Redaktion zum Islam noch vertieft haben. Dabei war immer klar, dass diese Fatwas nicht im Einklang mit dem Koran stehen. Das hat damals sicher mehr als nur das Redaktionsteam vom Jyllands-Posten beeinflusst, das ganze Land war traumatisiert. Von daher sehe ich die Berichterstattung jetzt im größeren Kontext. Das bedeutet nicht, dass ich das Wiederholen von falschen Behauptungen akzeptiere, aber ich kann es zumindest nachvollziehen. Deshalb hoffe ich sehr, dass wir in wenigen Wochen uns alle an einen Tisch setzen können, um die gegenseitigen Verwundungen zu überwinden. Eine Zeitung, die gleichzeitig das Davos-Tagebuch vom Generaldirektor der UN in Genf, Michael Möller, veröffentlicht, zeigt ja, dass sie ihrem Publikum alle Blickrichtungen von relevanten Inhalten vermitteln will.

Zu Gast beim European Publishers Forum

Am 3. Mai, dem World Press Freedom Day, kehren Sie wieder nach Europa zurück, um sich mit Michael Moller sowie Ulrik Haagerup, dem Chef vom Dänischen Fernsehen und Autor des Buches "Constructive News", beim European Publishers Forum in Wien 300 Chefredakteuren Europäischer Zeitungen zu stellen. Was erwarten Sie sich von der Diskussion?

Großmufti Schawki Allam: Ich bin sehr beeindruckt vom Buch und der Arbeit von Haagerup. Was er und sein Team in wenigen Jahren erreicht haben, ist für uns alle ein gutes Beispiel. Ich komme, um noch mehr von den aktuellen Entwicklungen zu hören. Ihre Initiative haben Sie im Annual Dialogue Report 2016 publiziert. Dort schlägt Co-Herausgeber Roland Schatz vor, dass Journalisten stärker als bislang die Konsequenzen ihrer Nachrichtenauswahl bedenken sollten, wenn sie über Religion, Ausländer und die Darstellung politischer Werte berichten.

Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Zusammenhang gemacht?

Großmufti Schawki Allam: Lieber Herr Ürük, können Sie sich noch an die Anschläge bei uns in Luxor vor 20 Jahren erinnern? Das Schweizer Fernsehen berichtete über das Verbrechen wie viele andere auch, aber die Schweizer färbten das Reinigungswasser rot, um große Blutlachen zu suggerieren. Als Folge blieben Touristen aus der Schweiz und anderen Ländern aus. Viele bei uns verloren ihre Arbeit und konnten die Familien nicht ernähren. Auf der anderen Seite hat die Berichterstattung der Weltpresse nach dem Erdbeben in Haiti dafür gesorgt, dass die Hilfsbereitschaft der Weltgemeinschaft mobilisiert werden konnte und viele Spendengelder dazu beitrugen, die Not der Opfer zu lindern. Ohne die Entscheidung auf Seiten der Redaktionsleitung, am Thema dran zu bleiben und nicht sofort zum nächsten Katastrophenherd zu wechseln, wäre dies nicht möglich gewesen. Diese und viele anderen Beispiele zeigen mir beide Seiten des Journalismus. Darüber möchte ich in Wien mit Ihnen und Ihren Kollegen gerne sprechen.

Auf Fotos von Selbstmördern verzichten?

Im "Annual Dialoge Report 2016" wird vorgeschlagen, auf den Abdruck von Fotos von Selbstmord-Attentäter zu verzichten. Wie stehen Sie dazu?

Großmufti Schawki Allam: Auch das sollten wir in Wien besprechen. Mir sind die vielfältigen Studien in Europa bekannt, die den Zusammenhang von Nachahmungstaten im Anschluss von Selbstmordversuchen im Nachverkehr untersuchen: Früher stand im Lokalteil der Zeitung "Gestern hat sich X das Leben genommen, in dem er sich vor die S-Bahn geworfen hat" - heute wird über den Unfall informiert ohne den Begriff "Selbstmord" zu verwenden - um gefährdete Menschen mit ähnlichen Motiven nicht auch noch zu motivieren. Mein Eindruck im Zusammenhang mit den ISIS-Attentätern oder auch den Amok-Läufern in den Schulen in Amerika ist, dass hier eventuell Vergleichbares stattfindet. Aber das sollte wissenschaftlich erhoben werden, damit wir es dann in Wien diskutieren können.

Heute haben Sie die Keynote zum fünften Jahrestag der Revolution in Ihrem Land gehalten. Was war der Fokus Ihrer Rede?

Großmufti Schawki Allam: Wir haben in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht in Sachen Stabilität und Sicherheit. Gestern wurde das Parlament wieder eröffnet. Insgesamt sind wir ein gutes Stück vorangekommen, die Institutionen in Ägypten weiter zu entwickeln. Darauf habe ich hingewiesen. In meinem unmittelbaren Einflussgebiet konnten wir mit dem "Azhari paradigm" dazu beitragen, dass unsere Programme zu Ausbildung und Schulung konkrete Beiträge leisten, Stereotype abzubauen und das Vertrauen zwischen allen Gemeinschaften in meinem Land zu verbessern. Unsere Gesellschaft ist von der über Jahrtausende anhaltenden Kultur der Toleranz geprägt: wir besuchen uns gegenseitig zu den großen Festen unserer Religionen. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht auch Extremisten im Land gibt. Aber diesen gelingt es nicht, unsere Tradition des Miteinander zu zerstören.

Foto mitten in der Kirche

Was wollen Sie in den nächsten Jahren erreichen?

Großmufti Schawki Allam: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, damit unser Land wieder als blühendes Zentrum der Arabischen und Islamischen Welt wahrgenommen wird. Aber der Koran motiviert uns alle, optimistisch zu sein und jeden Tag neu mit voller Energie für die Projekte anzugehen. Das sehe ich als Auftrag an uns alle, die wir in Ägypten leben. Damit können wir hoffentlich dann auch eine Inspiration für andere sein.

Für das Interview, das "Blick am Sonntag" gestern veröffentlicht hat, haben Sie sich mitten in der Reformierten Kirche in Davos fotografieren lassen. Was hat Sie motiviert, das Kongresszentrum zu verlassen und ausgerechnet dort hinzugehen?

Großmufti Schawki Allam: Ihre Frage überrascht mich. Zuhause besuchen wir uns regelmäßig in unseren Gemeinden. Ich weiß, dass Roland Schatz zur Reformierten Gemeinde gehört. Er berichtete mir vom Neujahrsgottesdienst, wo der Pfarrer über die Rolle der Musik am Beispiel des Halleluja im Messias gepredigt hatte. Er schlug mir vor, in seine Kirche zu kommen, um die Orgel zu sehen. Das habe ich gerne getan, denn ich weiß, wie wichtig ihm die Musik ist.

Mit Großmufti Shawky Allam, geistiges Oberhaupt der Sunniten, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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