Chefredakteur Stefan Schröder: "Hier in Wiesbaden" soll bei Integration helfen

 

"Hier in Wiesbaden" heißt eine Gratiszeitung, die "Wiesbadener Kurier" und "Wiesbadener Tagblatt" gemeinsam veröffentlichen. Warum und für wen das neue Blatt bestimmt ist, und wie es bei der Integration helfen soll, erklärt Chefredakteur Stefan Schröder im Interview.

kress.de: Herr Schröder, die Flucht der Menschen aus Syrien und anderen Ländern nach Europa dominiert die politische Diskussion in Deutschland. Wie ist die Situation in Wiesbaden?

Stefan Schröder: Hier leben mittlerweile rund 3300 Flüchtlinge in Dauerunterkünften sowie in festen Dependancen der hessischen Erstaufnahme. Es gibt sehr viele Sympathie- und Solidaritätsaktionen und bisher keine nennenswerten polizeilich festgestellten Übergriffe – weder gegen Flüchtlinge noch von Flüchtlingen.

Bekommen Sie viele Leserzuschriften zum Thema Flüchtlinge?

Stefan Schröder: Wir bekommen ca. 30 Briefe in der Woche, die sich mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigen. Das sind etwa 20 Prozent der Gesamtzahl.

Sind das alles die klassischen Leser der Wiesbadener Tageszeitungen, die Ihnen schreiben?

Stefan Schröder: Überwiegend ja; es sind aber auch rund 30 Prozent Leser dabei, die sich nach eigenem Bekunden noch nie vorher gemeldet haben.

Mit Ihrer neuen Zeitung "Hier in Wiesbaden" richten Sie sich explizit an Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten. Was steckt dahinter?

Stefan Schröder: Wir wissen, dass es bei der Integration vor allem an der Kommunikation hapert. Daher haben wir vor mehr als zwei Jahren mit "Mensch!Westend" eine erste Zeitung für ein Viertel mit hohem Migrantenanteil herausgegeben. Die neue Zeitung ist zugleich Geste des Willkommens als auch der Versuch, nützliches Unterrichtsmaterial für Deutschkurse zur Verfügung zu stellen und damit unseren Beitrag zur Früh-Integration zu leisten.

Sie erklären, dass alle Artikel auf dem Sprachniveau A2 auf Deutsch verfasst sind. Wird "Hier in Wiesbaden" die Zielgruppe auch tatsächlich erreichen?

Stefan Schröder: Wenn wir das nicht glaubten, würden wir das Experiment nicht wagen. A2 heißt aber auch, dass unsere Zeitung neu Angekommene in der Regel noch nicht anspricht. Man muss ja mindestens einen Grundkursus Deutsch (A1) absolviert haben.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Ihr Verlag sich mit einem Sonderdruck aktiv einbringt und eine Zielgruppe anspricht, die als Nutzer bei Tageszeitungen bislang nicht vorkommen?

Stefan Schröder: Etwa 36 Prozent aller Menschen in Wiesbaden haben einen Migrationshintergrund; dieser Anteil steigt. Wir leisten als Verlag für die Gesellschaft, aber vor allem auch für unsere eigene Zukunft Grundlagenarbeit. Ähnlich wie mit den zahlreichen Leseförder-Initiativen in Schulen und Betrieben. Wir möchten die Neu-Wiesbadener von unsren Produkten so früh wie möglich überzeugen.

Was sagen die Wiesbadener zu Ihrem Engagement?

Stefan Schröder: Sie kennen das Produkt noch nicht, weil es erst heute verteilt wird. Aber es gibt nach der Veröffentlichung in der Zeitung schon Anfragen von Deutschlehrern und interessierten Bürgern.

Sie bringen seit 2013 die monatliche, multikulturelle Stadtteilzeitung "Mensch Westend!" heraus. Lohnt sich der Einsatz?

Stefan Schröder: Auf jeden Fall. Es ist eine regelrechte"„Mensch-Westend!"-Community entstanden, die jedes Jahr den Geburtstag des Heftes feiert; viele Leser finden sich im Heft wieder und identifizieren sich dadurch erstmals mit ihrem Stadtteil.

Trägt sich das Angebot auch finanziell?

Stefan Schröder: Finanziell schreiben wir eine schwarze Null.

Die Fragen an Stefan Schröder, Chefredakteur der in Wiesbaden erscheinenden Tageszeitungen "Kurier" und "Tagblatt", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund: "Hier in Wiesbaden"

Unter dem Titel "Hier in Wiesbaden" will die Redaktion auf 20 Seiten im halben rheinischen Format Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten helfen, in der hessischen Landeshauptstadt Fuß zu fassen und "hier" die deutsche Sprache zu erlernen. Die Redaktion leitet Erdal Aslan, der auch "Mensch Westend!" verantwortet. Unter Aslans Leitung hat eine junge Projektgruppe aus Redakteuren, Volontären, Mediengestaltern, Online-Entwicklern und einer Studentin des Fachs Deutsch als Fremdsprache die Zeitung erstellt. Leseförderung ist ein wichtiges Thema für die Verlagsgruppe Rhein Main. Mit ihrer Bildungsoffensive unterstützt die VRM zahlreiche Projekte, die Kinder und Jugendliche früh an das Lesen einer Tageszeitung heranführt, unter anderem die wöchentlich erscheinende Kinderzeitung "Kruschel" oder die Initiative "Schüler lesen Zeitung" sowie das Projekt "ZeiLe" für Auszubildende. Bereits im Oktober 2015 hatte sich die Verlagsgruppe zudem eigene Richtlinien für die Berichterstattung über Flüchtlinge gegeben (kress.de berichtete).

Hintergrund: Verlagsgruppe Rhein Main

"Dabei sein, ohne dazu zu gehören", so lautet nach Verlagsangaben das Motto der Redaktionen von "Wiesbadener Kurier", "Wiesbadener Tagblatt" und "Main-Spitze"; Chefredakteur ist seit März 2008 Stefan Schröder. Schröder kam von der "Allgemeinen Zeitung" Mainz nach Wiesbaden, die ebenfalls zur  Verlagsgruppe Rhein Main gehört. Die verkaufte Auflage der Rhein-Main-Presse Hessen beträgt 68.536 Exemplare (laut IVW 4/2015). Zur Verlagsgruppe Rhein-Main gehören neben den Tageszeitungen der Rhein-Main-Presse (unter anderem "Allgemeine Zeitung", "Wiesbadener Kurier“, Wormser Zeitung", "Wiesbadener Tagblatt", "Main-Spitze", "Lampertheimer Zeitung" und "Bürstädter Zeitung" sowie ihre Bezirksausgaben) auch die Tageszeitungen der Zeitungsgruppe Zentralhessen (unter anderem "Gießener Anzeiger", "Gelnhäuser Tageblatt", "Kreis-Anzeiger", "Lauterbacher Anzeiger", "Oberhessische Zeitung" und "Uringer Anzeiger"). Die "Allgemeine Zeitung" verantwortet Chefredakteur Friedrich Roeingh, den "Wiesbadener Kurier" Chefredakteur Stefan Schröder, den "Gießener Anzeiger" Frank Kaminski. Chefredakteur Online ist Lutz Eberhard. Sprecher der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Rhein-Main ist Hans Georg Schnücker, Geschäftsführer Jörn W. Röper, Mitglied der Geschäftsleitung ist außerdem Bernd Koslowski. Offiziell genehmigt hat das Bundeskartellamt den Kauf vom "Darmstädter Echo" durch die Verlagsgruppe Rhein-Main am 6. Juli 2015; Chefredakteur vom "Darmstädter Echo" ist Lars Oliver Hennemann.

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