Verkauf von Corbis: Bill Gates, China, ein riesiges Fotoarchiv und die deutschen Medien

 

Was passiert, wenn eines der wichtigsten westlichen Bild-Archive unter die Kontrolle Chinas gerät? Droht Zensur? Oder ist das alles nur ein Geschäft? Deutschlands führende Feuilleton-Journalisten (u.a. Claudius Seidl, Foto) machen sich ihre Gedanken. Kress.de hat mit ihnen gesprochen.

Eines der bedeutendsten Foto-Archive der Welt steht ab sofort unter der Kontrolle eines chinesischen Unternehmens. Microsoft-Gründer Bill Gates hat die bisher in seinem Privatbesitz befindliche Bild-Agentur Corbis an die asiatische Visual China Group (VCG) verkauft. Der Preis liegt genauso im Ungefähren wie die Frage, ob die Veröffentlichung dieser Millionen Bilder künftig politischer Willkür eines diktatorischen Regimes unterliegen werde. Könnten die Chinesen einige dieser historischen Erinnerungen auf den Index setzen und damit in das kollektive Gedächtnis des Westens eingreifen? Schließlich gehören so berühmte Bilder wie die Mittagspause auf der Baustelle des Rockefeller-Centers in New York zum Corbis-Fundus. Kress.de hat sich bei den Feuilletonisten der der deutschen Leitmedien umgehört und dabei Unentschiedenheit sowie Verunsicherung festgestellt.

Überraschung bei deutschen Leitmedien

Viele leitende Redakteure sind von der Nachricht nicht nur überrascht, sondern derzeit auch noch völlig unschlüssig, was sie für die Zukunft der wichtigen Sammlung und damit für den Journalismus bedeuten könnte. Christoph Schwennicke, Chefredakteur von "Cicero", zum Beispiel, zeigte sich gegenüber Kress.de, sehr aufgeschlossen für die Neuigkeit. Momentan könne er diesen Deal allerdings noch nicht wirklich einschätzen. Seine Fotoredakteurin Tanja Raeck sei da besser informiert. Die 37-Jährige hat sich inzwischen in die Übernahme der Agentur durch das chinesische Unternehmen eingelesen. "Es beruhigt mich, dass die Vermarktung der Fotos außerhalb Chinas, also in der restlichen Welt, von Getty Images übernommen wird", sagt sie. Nur in China selbst habe die VCG den Daumen auf den Fotografien. Der bisherige Wettbewerber von Corbis übernehme die rund 100 Millionen Fotos und gut 800.000 Videos nun in sein Archiv. Getty sei, so die "Cicero"-Redakteurin, ein Partner, der "sehr viel Erfahrung in die Vermarktung und den Vertrieb von Bildern einbringt".

Der "Cicero" hofft auf keinen politischen Missbrauch der Fotos

Tanja Raeck hält ob des Zustandes der Meinungsfreiheit in China allerdings dennoch die Sorge für berechtigt, dass das kommunistische Regime nicht ganz ohne Einfluss auf die VCG und damit die Bilder bleiben könnte. Sie ist sich aber sicher, dass es dem chinesischen Konzern bei der Übernahme vor allem um das Geschäft an sich gehe: "Das ist ein kapitalistisch ausgerichtetes Unternehmen, das Gewinn machen und von der Globalisierung profitieren möchte." Welche Folgen der Deal langfristig habe, "werden wir jedoch erst wissen, wenn tatsächlich das erste Foto zensiert werden sollte". Die bisher vorliegenden Informationen stimmten sie jedoch zuversichtlich, dass sich an der bisherigen Praxis nichts ändere und es so weit nicht kommen werde.

FAS: "Gebieten die Chinesen über unsere Träume?"

Die ambivalente Betrachtung der "Cicero"-Kollegin teilt der Feuilleton-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ausdrücklich. Claudius Seidl bringt das Dilemma auf den Punkt: "Ich möchte dazu etwas wissen, kann aber gerade deswegen nichts dazu sagen." Er werde wahrscheinlich einen China-Experten auf diese Geschichte ansetzen, um das Thema und die Konsequenzen umfassend zu recherchieren. Eine Stellungnahme vorher abzugeben, "wäre daher falsch". Natürlich sei das Ganze erst einmal ein Geschäft; ob und welche Folgen dieser Deal aber mittel- und langfristig habe, sei nicht auszumachen. Wohl sei ihm dabei aber nicht. "Dieselbe Sorge hat uns umgetrieben, als kürzlich die Hollywood-Produktionsfirma "Legendary" an den chinesischen Oligarchen Wang Jianlin verkauft wurde." Seidl hält dieses Geschäft für noch folgenreicher: "Wo kommen wir hin, wenn die Chinesen über unsere Träume gebieten?"

Ratlosigkeit beim "Spiegel" und bei der "Welt"

Auch "Spiegel"-Kulturchef Lothar Gorris ist von dem China-Corbis-Deal überrascht und ebenso sprachlos: "Ich kenne mich da zu wenig aus, um Ihre Fragen auch nur annähernd zu beantworten", räumt er ganz offen ein. Er verweist an seinen Kollegen Markus Brauck, den Leiter der Medien-Seiten des Nachrichtenmagazins. Doch auch Brauck steht nicht zur Verfügung, um über dieses Thema zu sprechen.

Ähnlicher gelagert ist der Fall in der Redaktion der "Welt", die das Thema zunächst als sehr wichtig einordnet - "gerade für uns Journalisten". Aber dann auch hier die Absage: Niemand könne dazu im Moment inhaltlich etwas sagen, heißt es aus dem Feuilleton, auch die dazugehörige Medien-Redaktion nicht.

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