Claudia Tronnier zur schrägen ZDF-Nazi-Serie "Familie Braun": "Kritik und Humor schließen sich nicht aus"

 

Das ZDF startet mit "Familie Braun" am 5. Februar eine Serie, die fürs Netz konzipiert ist. Am 12. Februar, 23 Uhr, folgt die TV-Ausstrahlung. Die Hintergründe der Produktion erläuterte Claudia Tronnier, Chefin des "Kleinen Fernsehspiels", im Gespräch mit kress.de. 

kress.de: Das Netz wimmelt vor Mini-Filmchen. Hand aufs Herz: Wie viel Zeit verdaddeln Sie bei YouTube und Facebook?

Claudia Tronnier: Gar keine, ich suche auf YouTube gezielt nach Videos und Personen, die mir empfohlen werden oder schaue mir die Facebook-Einträge und Fragen auf der Seite des Kleinen Fernsehspiels an. Leider fehlt mir die Zeit zum Daddeln und entdecken. Das macht bei uns professionell Lucia Haslauer, die an der Schnittstelle zwischen Fernsehen und Internet arbeitet und "Familie Braun" redaktionell betreut hat.

YouTube ist inzwischen zum Tummelplatz für kreative Filmer geworden. Welche Impulse gibt es für die Fiktion?

Claudia Tronnier: Tonalität, Produktionsweisen und die Spielfreude beeinflussen schon längst auch das Fernsehen. Ebenso ist YouTube eine einzigartige Talent-Pattform, wir beobachten hier talentierten Nachwuchs in Regie, Kreation, Schauspiel und Moderation. Gerade in der Fiktion hat YouTube aber noch Aufholbedarf. Das liegt auch an den hohen Kosten, die für szenische Inszenierung nötig sind. Ich bin mir sicher, dass sich auch das bald ändern wird.

YouTube-Filme sind oft kurz. Sind derartige Produktionen dazu verdammt, optisches Fastfood für die Mittagspause zu sein?

Claudia Tronnier: Nein ganz sicher nicht. Web-Videos können Zuschauer auch viel länger in Bann halten, je nach Zeit und Interesse. Aber es gehört schon Disziplin oder Zeitmangel dazu, um sich dem Bann der großen Vielfalt zu entziehen. Außerdem gibt es immer mehr Langformate auf Youtube.

Wie muss die Dramaturgie eines kurzen Online-Films sein, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und, wichtiger noch, zu halten?

"In den ersten paar Sekunden entscheidet der Zuschauer"

Claudia Tronnier: Der Einstieg ist besonders wichtig beim Online-Video. Anders als ein Kinofilm darf sich ein Web-Clip gerade am Anfang nicht viel Zeit nehmen. In den ersten paar Sekunden entscheidet der Zuschauer nämlich, ob er dranbleibt oder wegklickt. Auch die Dramaturgie ist sicher forcierter, und auch die Charaktere können bei einer kurzen 6-Minuten-Folge nicht so elaboriert vertieft werden wie bei einem 90-Minuten-Drama.

Warum hat sich das ZDF entschieden, das Thema Rechtsradikalismus in Form einer schrägen Miniserie im Netz zu platzieren?

Claudia Tronnier: Weil Kritik und Humor sich nicht ausschließen müssen und die Kombination von beiden manchmal wirkungsvoller sein kann als ein ernster Film. "Familie Braun" ergänzt die ernsten Dramen und dokumentarischen Auseinandersetzungen, die wir auch im Programm haben, um eine weitere Facette. Übrigens haben wir in unserer TV-Werkstatt Quantum mit Miniserien wie "Lerchenberg", "Götter wie wir" oder "Eichwald MdB" schon verschiedene Spielarten von Ernst und Komik ausprobiert.

Bedeuten kurze Episoden automatisch Low oder gar No Budget?

Claudia Tronnier: Nein, überhaupt nicht, die werden genauso kalkuliert und angemessen bezahlt wie lange Produktionen.

"Weitere Webserien können wir uns durchaus vorstellen"

Bisher wurde das Netz von Fernsehleuten als weiterer Ausspielweg für traditionell hergestellte Produktionen gesehen, Stichwort: Mediathek. "Familie Braun" ist aber nur fürs Netz produziert. Ist die Serie eine Blaupause für weitere, ähnliche Produktionen?

Claudia Tronnier: Weitere Webserien können wir uns durchaus vorstellen, auch im Hinblick auf das junge Angebot von ARD und ZDF, das Ende 2016 starten soll. Allerdings erlaubt das Telemediengesetz bisher noch nicht die Herstellung fiktionaler Inhalte rein für das Netz, so dass wir schon von Anfang an geplant hatten, die Serie auch im TV zu senden, auch wenn sie für das Netz konzipert war.

Wie lassen sich Produktionen wie "Familie Braun" ins klassische TV-Programm integrieren?

Claudia Tronnier: Wir haben festgestellt, dass sich die acht Folgen der Serie gut dafür eignen, als 45-minütige Fassung nacheinander geschaut zu werden und haben für diese Art von planerischem Experiment ja immer den offenen Sendeplatz des "Kleinen Fernsehspiels" am Montag um null Uhr. Zwei Folgen laufen zunächst nach der "heute-show", auch das ein programmplanerisches Experiment. Wir gehen Schritt für Schritt vor und schauen zusammen mit der entsprechenden ZDF-Abteilung immer wieder aufs Neue, wo sich Lücken und Möglichkeiten im Programm für neue Erzählweisen bieten.

"Bei Serien haben wir gute Erfahrungen mit Binge-Watching gemacht"

Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon haben Serien gestartet, deren Episoden klassische TV-Länge haben. Ist es denkbar, dass das ZDF fiktionale Eigenproduktionen vor der TV-Premiere im Netz startet?

Claudia Tronnier: Wenn wir alle Rechte dafür besitzen, bieten wir verstärkt Online-First an. Besonders bei Serien haben wir gute Erfahrungen mit dem sogenannten Binge-Watching gemacht. Unsere Mini-Serie "Eichwald MdB", oder "Lerchenberg" sind nur zwei der aktuellsten Beispiele. Aber auch "Familie Braun" wird zunächst im Netz zu sehen sein. Die Serie startet ab 5. Februar auf YouTube sowie in der ZDF-Mediathek und ab 12. Februar um 23 Uhr im Fernsehen. 

Im Web spielen Landesgrenzen fast keine Rolle mehr. Gehört der internationalen Koproduktion die Zukunft?

Claudia Tronnier: Internationale Koproduktionen bedeuten einen wesentlich höheren Arbeitsaufwand und zeitlichen Vorlauf, so dass sie bei Einzelstücken hauptsächlich bei sehr aufwändigen Produktionen gemacht werden. Serielle Produktionen entstehen auch eher auf dem nationalen Markt und werden nach der Fertigstellung entweder an andere Länder verkauft oder für andere Länder adaptiert und neu gedreht.

Die Produktion

Regie: Maurice Hübner   

Buch: Manuel Meimberg   

Online-Konzept und Realisation: Marie Meimberg   

Kamera: Julia Hönemann   

Musik: Maik Oehme   

Produzenten: Uwe Urbas, Beatrice Kramm, Christoph Bicker   

Produktion: Polyphon im Auftrag des ZDF/Das kleine Fernsehspiel   

Redaktion: Lucia Haslauer, Lucas Schmidt   

Länge 8 Folgen à 6 Minuten  

Die Besetzung

Thomas Braun (Edin Hasanovic), Kai Stahl (Vincent Krüger) und Lara (Nomie Laine Tucker)

Die Programmmacherin

Claudia Tronnier (57) ist Chefin des "Kleinen Fernsehspiels" beim ZDF. Die gebürtige Braunschweigerin kam 1990 nach einem Aufbaustudium der Medienwissenschaft in Marburg zum ZDF.

In der renommierten Nachwuchsredaktion betreute sie eine große Bandbreite an Spielfilmen, Dokumentarfilmen und Mischformen und entwickelte neue Fernsehformate für das TV-Labor Quantum, darunter die Musikmagazinreihe "Lost in Music" und die Dokusoap Stellmichein. Sie arbeitete mit vielen Regisseuren zusammen, die einen Migrationshintergrund haben und davon auch in ihren Filmen erzählen, wie Yüksel Yavuz, Ayse Polat, Daphne Charizani, Mo Asumang oder Kanwal Sethi. Zu den Kino- und Festivalerfolgen zählen "Schultze gets the blues" von Michael Schorr, "Madonnen" von Maria Speth oder "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" von Cristian Mungiu.

Zusammen mit der M F G Filmförderung in Baden Württemberg initiierte Claudia Tronnier das Förderprogramm "fifty-fifty". Sie war verantwortlich für die Konzeption und Realisation der Ausstellung "Wo Filmkarrieren beginnen - 40 Jahre Das kleine Fernsehspiel im ZDF" im Filmmuseum Berlin. Sie ist Mitglied im Kuratorium der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Berlin und Jurymitglied der Nachwuchsmedienförderung Rheinland Pfalz.

Interview und Text: Jürgen Overkott

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