Georg Mascolo: "Für den Ton der Debatten tragen wir Journalisten besondere Verantwortung"

05.02.2016
 
 

Wir sind in einer Welt, in der Richtig und Falsch nicht immer und schon gar nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Wie gehen wir damit um, mit unserer eigenen Unsicherheit? Von Georg Mascolo.

Hier tut uns die Heftigkeit in unserer Debatte bisweilen nicht gut, wenn mit der Ratlosigkeit der Geräuschpegel steigt. Die Beschleunigung unserer Welt hat viele gute Seiten. Die Beschleunigung des Urteils gehört nicht dazu.

Ich meine dabei vor allem uns Journalisten.

Für Fehler bin ich tatsächlich Experte. Denn alle Fehler, die man machen kann, habe ich mindestens einmal auch schon selbst gemacht. Für den Ton der Debatten tragen wir Journalisten besondere Verantwortung, auch für die Hastigkeit, in der sie inzwischen so häufig ausgetragen werden. Zuspitzung, wie es so schön in meinem Gewerbe heißt, braucht es in diesen Zeiten viel weniger, als Zurückhaltung. Liveticker und Sondersendungen nur dann, wenn es auch wirklich etwas zu berichten gibt.

Es gibt eine Versuchung für uns Journalisten. Volker Zastrow hat es in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" so beschrieben: Ist ein Ereignis schockierend ist es schwer, sich Versuchung zu vorschnellen Urteilen zu entziehen.

Einen leisen Klugen zu zitieren, ist sinnvoller als einen, der nur Laut ist. Ich jedenfalls empfinde es heute oft schon als eine Herausforderung, die richtige Frage zu stellen. Die Antwort kenne ich oftmals nicht. Ich glaube auch, dass der Satz "Ich weiß es nicht" heute eine Tugend ist. Wir können Dinge erst dann beschreiben, wenn wir sie gründlich recherchiert und verstanden haben. Es ist nichts falsch daran, eine Geschichte als Erster zu haben, es ist sogar die zweitwichtigste Regel meines schönen Berufes. Die wichtigste aber lautet: Die Geschichte muss stimmen.

Unterschlagen werden darf Nichts, der Verdacht besteht in diesen Tagen rund um die Kölner Ereignisse. Manche haben sehr früh und gut berichtet - die Kölner Blätter etwa, noch vor der Polizei. Andere erst später oder zunächst gar nicht, wofür sie sich entschuldigt haben. Wäre dies geschehen, weil man sich der Faktenlage noch nicht sicher schien - wäre es in Ordnung. Wäre es aus politischer Rücksichtnahme geschehen, wäre es ein gravierender handwerklicher Fehler.

Die Presse gibt es sowieso nicht. An jedem Tag höre, lese, sehe ich Miserables und Herausragendes. An der Wand der "Washington Post" hängt bis heute ein Credo des legendären Chefredakteurs Ben Bradlee: Die Wahrheit, egal, wie schrecklich sie sein mag, ist nie so gefährlich wie eine Lüge.

Der maßvolle Ton ist der Zwilling des kühlen Kopfs und den werden wir brauchen.

Georg Mascolo

kress.de-Service: Der Beitrag ist ein Auszug aus einer Rede, die Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten hat. Die komplette Rede gibt es bei Newsroom.de.

 

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