DJU-Chef Janßen zum AfD-Skandal bei der "Welt": "Erleben Debatte mit hysterischen Verallgemeinerungen"

 

Die Entlassung eines "Welt"-Journalisten, der sich der AfD als geheimer Medienberater angeboten hatte, sorgt für weitere Diskussionen. Jetzt warnt Ulrich Janßen, Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union. Der Fehltritt eines Redakteurs dürfen nicht allen Journalisten angekreidet werden, sagte Janßen zu kress.de.

Facebook-Post brachte Skandal ins Rollen

Anfang Februar hatte kress.de über die schweren Vorwürfe von Marcus Pretzell, dem Vorsitzenden der AfD in Nordrhein-Westfalen, berichtet. Der "Welt"-Redakteur soll AfD-Chefin Frauke Petry angeboten haben, sie insgeheim in Medienfragen zu beraten. Dafür habe der Journalist monatlich 4000 Euro kassieren wollen. Das Geld sollte Pretzell zufolge nicht direkt an den Journalisten fließen, weil der seinen Job bei der "Welt" nicht aufgeben und weiter für die Berichterstattung über die AfD verantwortlich sein wollte. Die 4000 Euro sollten entweder über das Online-Portal von Lachmanns Frau, dem rechts-nationalen "Geolitico", oder über einen Mittelsmann gezahlt werden, der offiziell den Auftrag als AfD-Berater erhalten sollte.

Axel Springer hatte den Vorwürfen widersprochen, auf kress.de-Anfrage erklärt, dass das Haus sogar rechtliche Schritte prüfe. Nach Informationen von kress.de hatten der Journalist und seine Frau dem Verlag sogar Eidesstattliche Versicherungen vorgelegt und die schweren Vorwürfe bestritten.

Pretzell: "Schnelle und richtige Entscheidung"

Am vergangenen Wochenende dann bestätigte Axel Springer auf Anfrage von kress.de, dass das Haus sich von dem Journalisten trennt. Herausgeber und Chefredakteur Stefan Aust gab die Entscheidung auf Twitter bekannt, Christian Stöcker und Severin Weiland von "Spiegel Online" zitieren Aust mit den Worten: "Solange wir Mitarbeitern kein unredliches Verhalten nachweisen können, stehen wir hinter ihnen, wenn es andere Informationen gibt, trennen wir uns von ihnen." AfD-Politiker Pretzell kommentierte den Rauswurf auf Twitter so: "Schnelle und richtige Entscheidung."

AfD-Gauland: "Welt"-Redakteur wurde beruflich vernichtet"

Auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur äußerte sich am Wochenende auch Alexander Gauland, heute stellvertretender Vorsitzender der AfD, früher einmal sogar Herausgeber der in Potsdam erscheinenden "Märkischen Allgemeine". Dabei kritisierte er das Vorgehen von Marcus Pretzell. Gauland erklärte, dass der Lebensgefährte von Parteichefin Frauke Petry über "vertrauliche Gespräche" in der Öffentlichkeit gesprochen und einen Journalisten damit "beruflich vernichtet" habe. Der bei der "Welt" für die AfD zuständige Redakteur war also bei der Partei durchaus gelitten, seine Berichterstattung über die AfD fiel oft äußerst wohlwollend und positiv aus.

Gaulands Einlassung zeigt dann vor allem, wie zerstritten die AfD intern ist - oder sich zumindest in der Öffentlichkeit so präsentiert.

DJU-Chef Janßen warnt vor Verallgemeinerung

Der Fall des "Welt"-Journalisten sorgt für unzählige Diskussionen auch in den Sozialen Netzwerken - häufig verbunden mit dem Vorwurf, dass alle Journalisten käuflich und nur auf den eigenen Vorteil bedacht seien. Gegen solche Verallgemeinerungen wehrt sich Ulrich Janßen, Bundesvorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi. "Wir erleben in diesen Wochen eine Debatte, die gespickt ist mit geradezu hysterischen Verallgemeinerungen. Sachgerecht ist das nicht, und menschengerecht schon gar nicht", so Janßen zu kress.de.

Seiner Meinung nach verbiete es sich, "den Fehltritt eines Journalisten der "Welt" quasi "dem Journalismus" oder "den Journalisten" anzukreiden - wie es ein Fehler wäre, "die Polizei", "die Politiker" oder "die Araber" in Bausch und Bogen mit Vorurteilen zu belasten." Alleine gute journalistische Arbeit sein ach wie vor der beste Garant für Glaubwürdigkeit: "Dazu trägt auch bei, wenn wir Journalisten offen mit den Lesern, Hörern und Zuschauern umgehen, Fehler korrigieren und unsere Arbeit erklären. Wir sollten das selbstbewusst tun, was Selbstkritik einschließt."

Buschheuer: "Menschen machen Fehler"

"Auch im Journalismus arbeiten nur Menschen, und Menschen machen Fehler - in diesem Fall schlimme Fehler", sagt Hans-Peter Buschheuer, Vorsitzender des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg (JVBB). "Von diesem Fall abzuleiten, die ganze Branche sei verdorben, wäre fehl am Platz. Aber natürlich ist der Fall Wasser auf die Mühlen der "Lügenpresse"-Fans und Verschwörungstheoretiker."

"Welt"-Chefredaktion hat zu langsam reagiert

Aus Buschheuers Sicht hat die "Welt"-Chefredaktion zu langsam reagiert: "Aber sie hat auch schon im Falle der Entgleisungen von Matthias Mattusek gezeigt, dass sie drastische Konsequenzen ziehen kann", so Buschheuer. Weitere Mechanismen, um Skandale zu vermeiden, hält Buschheuer für nicht notwendig: "Sowohl der Pressekodex als auch das journalistische Selbstverständnis verbieten solches Handeln. Die "Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit" bei Springer sind hier eindeutig. Schwarze Schafe müssen raus!", so der JVBB-Vorsitzende zu kress.de.

An dem AfD-Skandal bei der "Welt" ist vor allem interessant, dass er von den überregionalen Medien am Anfang fast komplett ignoriert wurde. Dabei haben von "Spiegel" über "FAZ" bis hin zur "Süddeutschen", ganz zu schweigen von den öffentlich-rechtlichen Anstalten, alle großen Redaktionen Berichterstatter abgestellt, die vornehmlich über die AfD berichten. Es war dann aber die rechts-nationale "Junge Freiheit", die zuerst über den Fall berichtet hat und mit ihrem Bericht über kompromittierende E-Mails dafür gesorgt hat, dass sich die "Welt" von ihrem Redakteur trennt.

"Welt": Bislang keine Zeile zum AfD-Skandal

Zum guten Ton gehört es schon längst, über eigene Fehler offen im eigenen Blatt zu berichten. Doch weder in der "Welt" von Montag noch in der "Welt am Sonntag" finden sich Zeilen über den AfD-Skandal. Auch "Bild", noch "Handelsblatt" oder "Berliner Morgenpost" haben bislang nicht berichtet. Dagegen hat es das Thema noch am Sonntag in den "Tagesspiegel" geschafft, am Montag legt Medien-Redakteur Kurt Sagatz nach. Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben am Montag "AfD-Redakteur muss gehen", die "Stuttgarter Zeitung" titelt "Die Welt" trennt sich von Redakteur". Auf die Politik 2 schafft es der AfD-Skandal bei der "Eßlinger Zeitung", deren Eigentümerfamilie eine lange Freundschaft zum Hause Springer bindet. Bei der "Hannoverschen Allgemeinen" schreibt Froben Homburger die Meldung - das dpa-Kürzel findet sich hier wie bei allen Nachrichten, die von den Agenturen stammen, aber nicht.

Justus Bender: "AfD ging es um persönliche Rache"

Jens Schneider berichtet in der "Süddeutschen Zeitung", ausführlich und erhellend erklärt den Fall Justus Bender in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Über den geschassten "Welt"-Redakteur schreibt Bender: "Der frühere und seit Samstag entlassene Journalist der Zeitung "Die Welt" gehörte zu den Bestinformierten, was die politischen Innereien der AfD anbelangt." Laut Bender beschädige die AfD mit dem "Welt"-Journalisten niemanden, "der die Partei rundheraus ablehnt, im Gegenteil". Im Machtkampf zwischen Lucke und Petry habe er sogar zu den Petry-Vertrauten gezählt. In seinem Kommentar legt Bender in Richtung AfD dann nach: "Wäre die AfD an sauberem Journalismus interessiert, hätte die Partei den Vorgang gleich bekanntmachen müssen. So aber ging es weniger um Ethik als um persönliche Rache."

UPDATE: Aust über die Trennung

Am Nachmittag hat sich Stefan Aust auf Welt.de noch zu der Trennung zu Wort gemeldet: "Ein Journalist, der sich als Berater einer Partei andient, hat seine Unabhängigkeit verloren, seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt - und damit seinen Job."

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